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Die Ansiedluuge» in Posen und Weftprei ßen.! E st re tragen die Jahreszahl 1875,, letztere 1877.
Die Falschstücke sind gut (sogar mit Stempeln) gearbeitet uno nur beim Vergleich mit echten Münzen und am leichten Gewicht als unecht zu erkennen.
Hamburg. Die hiesige Spritfabrik, welche an der besonnten großen Zolldefraude in Beuchen beteiligt ist, wurde zu zweihunderttausend Start Strafe ver- urtheilt.
Elberfeld. Ein schweres Vergehen beging gestern beim Militär-Appell der Reservist Fabrikarbeiter August H. von hier. Anscheinend angetrunken, trieb derselbe allerhand Allotria, sprach mit sti ren N.benleuten und schrie mehrmals bei Aufruf der Namen „hier." Als er wiederum im Gliede sprach, hörte dies der den Appell abhaltende Hauptmann der Reserve Schmidt und verbot ihm das Sprechen. Trotzdem setzte H. seine Unterhaltung fort. Als er darauf vor die Front gerufen wurde, trat er in disciplinwidriger Weise auf, indem er die Hände in die Hosentaschen steckte und so vor seinen Vorgesetzten sich hinstellte. Ueber ein derartiges Benehmen war der Hauptmann berechtigter Weise entrüstet und er befahl dem renitenten Burschen in strengem Tone, still zu stehen, indem er ihn dabei am Arme ergriff. Hauptmann Schmidt war sehr nachsichtig in Anbetracht des Zustandes des H., und der ganze Zwischenfall wäre vielleicht damit abgethan gewesen, wenn H. die Zurechtsetzung hingenommen hätte. Statt dessen aber griff er den Hauptmann thätlich an, der nun seinerseits sich den rebellischen Menschen mit einigen Schlägen in dessen Gesicht vom Halse schaffte und ihm dann mit seiner Klinge mehrere Hiebe versetzte. Die zunächststehend-n Leute hinderten dann den ausgebrachten H. an weiteren Ausschreitungen und Übergaben ihn dem nächsten Polizeibeamten. Dem H. dürfte diese Insubordination mit Rücksicht auf seine Vorstrafen theuer zu stehen kommen.
Darmstadt, 25. April. Die zweite Kammer beschloß die Erbauung nachstehender Sekundärbahnen in OÄrlMen : Londorf - Grünberg, Gebern Wchuterbach, IalUchlirf-Schlitz.
Stuttgart. Unsere Stadt macht in jüngster Zeit großartige Erbschaften. Nachdem ihr erst vor Kurzem aus den Vermächtnissen von Karl Hallberger und Frau Conradi je einige hunderttausend Mark zugefallen sind, erhält sie nun auch den Gesammtnachlaß des verstorbenen P-of. Dr. Seysser im Werthe von etwa 400,000 Mk. und den Gesammtnachlaß von Privatier Kayser, eben- >alls ca, 400,000 Mk. Binnen Kurzem wurden somit hier für Armenzw ck- über 1,300,000 Mk. gestiftet.
D-r sozialdemokratische Agitator Slomke, der dieser Tage in Gotha in einer öffentlichen Tischlerversammlung gesprochen hat, soll, wie das dortige „Tageblatt" (zwar mit Vorbehalt) meldet, u. a. auch g äußert haben, daß, wenn die Arbeiter erst einmal den achtstündigen Normalarbeitstag für sich erreicht hätten, dann der sechsstündige und schließlich auch der vierstündige Arbeitstag so quasi ganz von selbst kommen werde. Und so fort mit Grazie immer weiter, bis überhaupt nicht mehr gearbeitet wird.
In Gera beginuts sogar unter den Waschfrauen unruhig zu werden! In der „GeraerZeitung" istbiefer Tage folgende Anzeige zu lesen gewesen: „Aufgepaßt!! Die Geraer Waschfrauen, untereinander einig, waschen nicht mehr für 1 Mk., sondern für 1 Mk. 50 Pfg. pro Tag."
Natmihurg. Gestern früh fand man einen großen Hund vor der Thür der hiesigen Jägerkaserne liegen, er trug ein Ledertäschchen am Halse und war ganz ab- gemattet und ausgehungert. Wie sich herausgestellt hat, ist das Thier am 31. Mär; beim Auszuge des 4. Jäger-Bataillons mit noch anderen Hunden nach Colmar i. E. transportirt worden. Das Thier hat also den weiten Weg von'Colmar bis Naumburg a. S. vermöge seines ausgezeichneten Ortssinns zu finden gewußt.
Leipzig, 23. April. Ein Kaufmann Namens Fero. Hager aus Lindau, Geschä tsführer einer hiesigen Buchhandlung, ist wegen fortgesetzter brutaler Mißhandlung seines jetzt 16jährigen Sohnes in Rücksicht auf die unerhörte Schwere der a? gewendeten Züchtigungen zu zwei Jahren Gefängnis verurtheilt worden. Der Verurtheilte war schon in seiner Heimath von der Behörde wegen Mißhandlung seiner Frau und Kinder verwarnt worden.
Das Ansicdiungsgeschäst in Posen und Westpreußen ergibt im Jahre 1889 eine Steigerung der nmflid) ernst gemeinten Anträge auf Ansiedlung und des brauchbaren Ansi'dlermaterials, während die alten Grundsätze, die sich bisher wohl bewährt haben, beibchaltcn wurden. Unter den 604 zugelassenen Bewerbern befanden sich 597 evangelischer Sons sstou mit 3,413,165 Mk. Ge- samwtvermögcn und mit einem DurchschnittsvernOgen von 6020 Mk.; 37 Bewerber katholischer KmUsnon mit 159,100 Mk. G sammtoermögen und 4300 Mk. Durchschnitts vermag m. Es ist dem räch gegen die Borjahre eine wesentliche Erhöhung der Leistungsfähipknt der Ansiedlungsanwärler zu verzeichnen (etwa um 4pCt) Es bewarben sich um Nestgüter und größere Bauern- stetlen 85, um Stellen klcinwiitbschaftlichen Betriebes 407, um Handwerkerstellen, Mühlen u. s. w. 112. Da das Jahr 1886, in dessen letzter Hälfte die Wirksamkeit der Ansiedelungskommission erst begann, für das eigentliche Ansiedclnngsgeschä't nicht in Frage kommt, so handelt es sich für eine Zusammenstellung des Geleisteten blos um die drei Jahre 1887, 88, 89. In diesen Jahren sind überhaupt zum Verkauf gestellt worden 754 Stellen (14,616,23 ha) mit einem Gc- sammlwerth von 8,828,000 Mk. Davon wurden be- geben 1887 : 132 Stellen (2819,54 ha) mit einem Gesammiwerth Don 1,65 2.946 S?t ; 1888: 203 Stellen (3734,32 ha) im Gemmmtwerth von 2,550,000 Mk.; endlich 1889: 191 Siellen (3428,88 ha) im Gesammt- werth von 2,079,000 Mk. Uib,geben blieben am Schluß 1889: 228 Stellen (4643,58 ha) im Gesammt- Werth von 2,547,000 Mk. — Nach der Humatbs- angehörigkeit befinden sich unter den Ansiedlern 261 Eingesessene der Ansiedtungsprovinzen und 251 aus anderen Landestheilen Deutschlands. Unter den ersteren ist jedoch ein erheblicher Prozentsatz von Leuten enthalten, die den Ansiedlungsprovinzen nicht durch Geburt entstammen, sondern aus den verschiedensten Enverbs- rücksichten aus benachbarten Provinzen eingewandert waren und nunmehr die Gelegenheit benutzen, sich daselbst seßhaft zu machen. — Es leben auf 356 fertigen Ansiedlerstellen 310 Familien ausschließlich von der Landwirthschaft, 46 betreiben N bengewerbe oder sind auf Tagearbeiterverdienst angewiesen. Der Personenstand dieser 356 Familien zählt mit Einschluß von 128 gitgeiogensit H imathSgenossen 2047 Köpfe. An Hilfs arbeitSkrästen haben diese Haushaltungen 393 Personen deutschen und 415 polnischen Sprachstammes herangezogen. Die Gesammtzahl der Personen in den 356 Ansiedlersteüen beträgt 2855, wovon 2443 Deutsche und 415 Polen sind. Verallgemeinert man diese Ergebnisse auf alle bisher augesetzt-n Ansiedlerstellen, so würde sich in den 524 vergebenen Stellen auf eine Gesammtbevölkerung von 4202 Seelen schließen lassen, von denen etwa 3595 deutschen und 607 polnischen Sprachstammes sind. Da eine verstärkte Heranziehung von Ansiedlern aus dem dicht bevölkerten Westen und Süden Deutschlands wünschensweith ist, zo hat man sich bei der Höhe der Transportkosten dahin schlüssig gemacht, in der Form von Beihilfen hierzu den Ansiedlern die Ueberwindung der bestehenden Hindernisse der Ucbersiedlung zu erleichtern.
Deutsches Reich.
Berlin, 26. April. In polizeilichen Kreisen erwartet man zum 1. Mai in Berlin, da hier die Sache für die Demonstranten zu gefährlich werden würde, keine Unruhen. Dagegen dürfte in allen Provinzstädten mit starker Arbeiterbevölkerung und mit geringer Entfaltung der Staatsgewalt die Gefahr von Ausschreitungen ober wenigstens von Aufregungen am 1. Mai vorhanden sein.
— Nach einem Erlaß des Ministers der öffentlichen Arbeiten, von Maybach, sollen alle am 1. Mai feiernden Arbeiter der Staatsbahnen und staatlichen Werkstätten sofort für immer entlassen werden.
* — Das Schweinc-E nfuhrveibot wird immer Weiter eingeschränkt. Jetzt ist die Einfuhr lebender Schweine auch nach Chemnitz Hub Z-ttau unter Zustimmung des Reichskanzlers von Caprivi gestattet worden. Weitere Ausnahmen stehen noch in den nächst, n Tagen bevor.
Vraunschwcig. Hier sind Falsifikate von goldenen Zehn- und Fünfmarkstücken zum Vorschein gekommen.
Aus Obcrschlcsicn, 24. April. Der nachfolgende unglaublich klingende Handel wird aus Ober-Heiduk dem „Oberschl. Anz." berichtet. Ein Arbeiter hatte seine Frau, mit der er standesamtlich verbunden war, auf 2 Jahre einem Bekannten verkatcht. Unter Berücksichtigung aller Vorzüge des Kaufobjekts war der Preis auf 1 Maik, in Worten: eine Mark festgesetzt worden. Einträchtlich lebte der Käufer mit der verhandelten Frau zusammen, die ihm auch Vaterfreuden bereitete. Da stellte sich eines Tages der rechtmäßige Gatte ein und forderte eine Nachzahlung von 15 Mark. Das sei das Mindeste, was. er noch verlangen müsse, da bei bis Abwickelung des Geschäfts ein Vorzug der Frau — ihr gutes, gesundes Gebiß — nicht in Rechnung gestellt worden sei. Wolle der Käufer nicht die geforderten 15 Mark nachzahlen, so solle er die Frau wieder h-rausgeben. Der Käufer erklärte dem gegenüber, daß er nicht die geringste Lust verspüre, 15 Mark für die Zähne zu zahlen, nachdem er nur eine Mark für die ganze Frau 'bezahlt habe. Das Geschäft sei glatt abgeschlossen, und er denke nicht daran, die Frau heraus- zugeben. Der rechtmäßige Gatte hat polizeiliche Hilfe angerufen, und der Käufer wird sich nun doch dazu verstehen müssen, vor Ablauf der vereinbarten Zeit von zwei Jahren die Frau ihrem zärtlichen Gemahl wieder zu über weisen.
Lokales und Provinzielles.
*Schlüchtern, 28. April. (Fortsetzung des Straf- lamm erberichts in voriger Nummer.) Das heute von der Strafkammer in Hanau in Sachen des Weißbinders Iahn von hier Vormittags 9 Uhr verkündete Urtheil lehnt in erster Linie sämmtliche noch von der Vertheidigung gestellte Anträge auf Vervollständigung der Beweisaufnahme ab. Der Angeklagte wurde , eines schweren Diebstahls und eines Diebstahlsversuchs schuldig erkannt und auf Grund des § 243 des Str.« Ges.-B. in eine Gesammtstrafe von 9 Monaten Gefängniß verurtheilt. Als Gründe führt das Urtheil an, daß der hohe Gerichtshof den Anführungen der Eheleute Denhardt und des Dienstmädchens Stülkr vollen Glauben schenkte und nimmt an, daß sich die Vorgänge so zugetragen haben, wie sie bereits in unserem ersten Bericht mitgetheilt worden sind. Zur ersten Anklage (des Diebstahls der 20 Mk.) hätte trotz des erheblichen Verdachts die Beweiserhebung nicht zu einer Berurtheilung des Angeklagten führen können, wenn nicht der Angeklagte am andern Tage (23. November) den Diebstahlsverjuch ausgeführt habe. Gerade durch diesen Umstand hält der hohe Gerichtshof den Angeklagten auch des ihm zur Last gelegten schweren Dieb- stahls für schuldig. Ebenso wird als erwiesen angenommen, daß die Angave Jahn's, er habe einen Zoll- stock zum Ausmessen des Zimmers in der Hand gehabt, unwahr sei. Mit Rücksicht auf die seitherige Unbe- scholtenheit und die Höhe des Betrags, welcher noch die Competenz des Schöffengerichts streift, sowie darauf, daß das betr. Schloß sehr leicht zu öffnen war, wurden dem Angeklagten mildernde Umstände zugebilligt und für den ersten Fall 8 Monate, für den zweiten Fall 3 Monate angesetzt, welche auf Grund des § 74 des Str.-Ges.-B. zu einer Gesammtstrafe von 9 Monaten umgewandelt wurden. Die Kosten fallen dem Angeklagten zur Last.
* — Daß die Schweinezucht zur Zeit ein lukratives Geschäft ist, beweist folgende Thatsache: ein Landwirth in Friemar bei Gotha erhielt von einem Mullerschwel» vor etwa 6 Wochen 16 Junge, die er am letzten Mittwoch zum Markt gebracht hat. Da die Saugschweincheu gegenwärtig sehr hoch im Preise stehen, so erzielte er für zwei Paare je 29 Mark, also 58 Mark, für ein Paar 29 Mark 50 Pfg., für drei Paare je 31 Mark, also 93 Mark und für zwei Paare je 33 Mark, also 66 Mark, mithin für alle acht Paare zusammen 246 Mk. 50 Pfg. Da das 2^2 jährige Mutterschwein schon zweimal gewoZ n hat und aus dem ersten Wurf (5 Stück) 50 Ma. k und aus dem zweiten (9 Stück) 101 Mark gelöst wmden, das Mutterschwein selbst aber zur Zeit einen Werth von 120—125 Mark hat, so hat sich sein Anschaffungspreis und seine Erhaltung mit ca. 515—520 Mark bezahlt gemacht.
* — Nach Fald's Angaben steht dieses Jahr für Mittel- und Norddeutschland wieder ein sehr trockener