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J# 36. Samstag, den 3. Mai 1890.
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Die sociale Bedcutvng des Christcrithums.
Die „Franks. Ztg." das Organ Sonuemanns, läßt sich über die sociale Bedeutung des Christenthums folgendermaßen aus:
„Eine pring:pidle und wirksame Socialpolitik liegt nicht im Wesen des Christenthums uub nicht im Wesen der römischen Kirche. Während die jüdische Religion noch einen hervorragenden sozialpolitischen Zug an sich trägt — man denke nur an die zahlreichen gesundheitlichen, politischen und wirthschaftlichen Gebote des Pentatcuch — hat sich das Christenthum in scharfen Gegensatz zu allem gestellt, was das Wesen der Socialpolitik ausmacht. Die Hauptsache nicht bloß, sondern das allein Werthvolle und Erstrebeus- würdige ist ihm das Jenseits; das Diesseitige, das Irdische mit seinen Bestrebungen und Sorgen, Freuden und Leiden, ist das Vergängliche, das Nichtige. Ja noch mehr: je elender, ärmer, kümmerlicher und verachteter der Mensch in diesem Leben ist, desto glänzender wird für ihn das Jenseits ausfallen. Christus hat nach diesem Grundsätze nicht bloß g predigt, sondern auch gelebt. Er war heimathlos, wußte nicht, wohin er sein Haupt legen sollte, hatte Litten Erwerb und arbeitete nicht; seine schär!sten Angriffe richtete er gegen die Reichen, der nichtSthucnden, beschaulichen Maria gab er den Borzug vor der fleißigen Martha, und als die höchste Stufe der Vollkommenheit erklärte er, daß man all’ sein Eigenthum verkaufen, den Erlös den Armen geben und arm werden solle wie sie. Die allgemeine Armuth und der universelle Bettel ist das wirthschaftliche Ideal der ursprünglichen Jesuslehre."
Da weiß man wirklich nicht, wen man mehr bedau.rn soll, den Schreiber, der solches Zeug schreibt, oder die Leser, die es lesen müssen. So viel Sätze, so viel Unrichtigkeiten und Velkkhrheiten. Daß die „Frankfr. Ztg." den Herrn Christus und das Christenthum nicht zu verstehen vermag, ist einleuchtend, aber deshalb sollte sie sich darüber auch k in Urtheil erlauben. Christus ist freilich nicht g kommen, um der Wlt ein soc-a politisches Programm, sondern um ihr das Heil zu bringen, nicht um ein Weltreich aukzurichten mit socialpolitischen Ge- sitzen, sondern das Gotttsreich, dessen Programm ist: „Glaube, Liebe, Hoffnung." Das v.rstauden die Juden nicht, darum verwarfen sie ihn. Es hätte ihnen besser gefallen, wenn er sich als quasi „Rothschild" in Jerusalem etablirt, wenn er ihnen Macht und Reichthum gebracht hätte, wenn er zuerst der „Jude der Kö ägc," auch deS römischen Kaisers, geworden wäre; dann hätten sie ihn auch als „den König der Juden" anet sannt. Einen Christus, der arm werden mußte, um uns reich zu machen, verstanden sie nicht. — Es ist unwahr, daß Christus seine schärfsten Angriffe gegen die Reichen gerichtet hätte. Er hat den reichen Jüngling, der selig werden wollte, abweisen müssen, weil dieser sein Herz von seinen irdischen Schätzen nicht los machen konnte, und hat dann gesagt: „Ein Reicher wird schwerlich ins Himmelreich kommen." Damit hat er über den Geiz das Urtheil gesprochen. Seine schärfsten Angriffe hat Christus vielmehr gegen die Obersten des Volkes gerichtet. Nicht über die Reichen hat er das „W.he" ausgesprochen, sondern über die Pharisäer und Schrift- gelehrten, welche „der Wittwen Häuser fraßen." Aus der Geschichte von der Maria und Martha zi ht das jüdische Blatt den Schluß, daß Jesus die Faulheit begünstigt, die Arbeit getadelt habe. Eine solche ober- stächliche, ja dumme Ansfassurg dieser G-schichte ist doch nur bei der „Fiark'uiter Zig." n cgl ä , die von einem Unterschied zwischen Glaubens- und Wcrkgercchtig- keit keinen Begriff hat. Christus soll cs als die höchste Stufe der Vollkommenheit erk ärt haben, daß man all’ sein Eigenthum verkaufen, den Erlös den Armen geben und arm werden solle wie sie. Wo in aller Welt hat denn Christus eine allgemeine, dahingehende Aussage gemacht? Er mußte ja dann von eben so beschränkter Auffassung gewesen sein, wie der Aussteller dieser Behauptung und müßte nicht gewußt haben, daß damit der Reichthum und der Besitz nicht aus der Welt geschafft, sondern nur etwas verschoben worden wäre. Wenn Christus dem reichen Jüngling den Rath gab, Alles zu verkaufen rc., so wußte er warum? Er müßte auch heute vielen Reichen und besonders vielen.reichen Anden erst diesen Rath geben, wenn sie zu ihm kamen
mit der Frage des Jünglings: „Guter Meister, was muß ich thun, daß ich das ewige Leben ererbe?" — Der letzte Satz: „Die allgemeine Armuth und der unißerftöe Bettel ist das wirthschaftliche Ideal der ursprünglichen Jksusiehrc" enthält, abgesehen von der darin liegenden Mipsphewie, einen solchen Unsinn, daß man darauf am besten nicht eingeht. Hätte der Schreiber noch hinzugefügt: „und die Juden hat Jesus dazu aus- ersehen, dies sein Ideal der allgemeinen Armuth und des universellen Bettels" unter den christlichen Völkern zu vermutlichen," so hätte er doch wenigstens etwas Wahres gesagt. —
Chiiltus ist, wie gesagt, nicht gekommen, um Socialpolitik zu treiben, aber dennoch enthalten viele seiner Aussprüche, wie überhaupt die Schriften des N. Ts. mehr Socialpolitik, als das jüdische Blatt sich träumen läßt, und daß man sich jetzt in vielen Kreisen wieder auf die sociale Bedeutung der Bib-.l, des Christenthums, der Kirche besinnt, das ist der Aerger der „Frankfurterin." Denn sie weiß recht gut, wenn erst einmal wirkliche christliche Socialpolitik getrieben wird, dann geht der Einfluß des Judenthums zurück. Wenn es heißt: „Eine prinzipielle und wirksame Socialpolitik liegt nicht im Wesen des Christenthums und nicht im Wesen der römischen Kirche" — und dann weiter: „Die eigentliche socialpolitische Bedeutung des kirchlichen Mittelalters ist gleich Null" — so zeugt das von einem Mangel an Geschichtskenntniß, dessen jede andere Zeitung sich schämen würde. Weiß denn die F:kf. Ztg. nichts von der großen socialen Bedeutung, die das Möuchsthum m Mittelalter besonders in Deutschland hatte? Weiß ie denn nichts davon, daß das Weib seine sociale Stellung nur dem Christenthum verdankt? — nichts davon, daß es die christlichen Ideen des Evangeliums waren, welche das Volk des Mittelalters aus der Sklaverei und Hörigkeit zum freien Bürgerthum führten? — nichts von der Entwicklung der Kultur in geistiger wie in materieller Beziehung, nichts von dem Aufblühen des Kunsthandwerks unter dem Einfluß des Christenthums? — nichts von dem Einfluß der Reformation, sowohl auf das religiös-sittliche, wie auch auf das social- politische Leben? — nichts von dem Wiedererwachen dcs nationalen Lebens mit dem Wiedererwachen des christlichen Geistes am Anfang dieses Jahrhunderts?
- nichts von der Arbeit der „Inneren M.ssion" in unserer Z it und deren großen, allgemein anerkannten socialen Bedeutung? Oder speculirt das Blatt etwa auf die Unwissenheit seiner Leser, die Alles für baare Münze aufnehmen, was nur gedruckt ist? —
Daß in der „Franks. Ztg." das Judenthum im Gegensatz zum Christenthum glorifizirt werden würde, war zu erwarten. Darum heißt's auch, daß die jüdische Religion doch noch einen „hervorragenden socialpolitischen Zug an sich trage," wie der Pentatcuch beweise. Gewiß finden sich im Pentatcuch eine Menge wichtiger socialpolitischer Gedanken, — und Stöcker war's, der schon vor Jahren den Socialpolitikern eifrig s Studium des A. Ts. empfohlen hat. Von einer eminent socialen Bedeutung (abgesehen von der religiös-sittlichen) war z. B. die Bestimmung, daß im sogen. Halljahr, d. H. jedesmal im 50. Jahr, alles Gut, besonders der Grund und Boden an den ursprünglichen Besitzer wieder zurückfi l. Vielleicht macht die „Fckf. Z'g." bin A: fing, für ein derartiges socialpolitisches Gesetz zu agitiren, um so auch einmal den „hervorragenden socialpolitischen Zug der jüdischen Religion" in die Praxis umzusetzen. Bisher hat ja doch die sociale Bedeutung des Judenthums nur darin bestanden, daß es durch sein Ausbeutungssystem unter andern Völkern nur auflösend und zersetzend wirkte, wie die Geschichte beweist. Und das ist nochheute seine „sociale Bedeutung," die freilich das Gute hat, daß sich die Christen wieder mehr und Mehr ihres Christenthums besinnen und daß man an den maßgebenden Stellen wieder mehr und mehr die große sociale Bedeutung des Christenthums erkennt. H.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser ist Mittwoch früh von dem zweiten Jagdausflug nach Eisenach zurückgekehrt. Derselbe erlegte zwei stattliche Aucrhähne. An demselben Abend fand größere Hoftafel statt, worauf der Kaiser sich abermals auf die Auerhahnbalz begab. Die letzte
Nacht verblieb derselbe auf der Wartburg. Donnerstag Vormittag 9 Uhr reiste der Kaiser mit dem Großherzog zu einem halbtägigen Aufenthalt nach Weimar ab, von wo aus Abends 7 Uhr die Rückreise nach Berlin an- getreten wurde. — Der Kaiser hat nach einer im „Aimce-Verordnungsblatt" veröffentlichten Kabinetsordre ein „Allgemeines Ehrenznchen in Gold" gestiftet, das an Personen des Civil- und Militärstandes verliehen werden soll, die sich bereits im Besitz des „Allgemeinen Ehrenzeichens" befinden und sich einer weiterenAuszeichnung würdig machen. — Jetzt liegt die erste amtliche Nennung Fürst Bismarcks vor nach seinem Rücktritt und zwar in der offiziellen Rangliste der preußischen Armee. Der Fürst ist darin unter den General-Feldmarschällen als Otto, Fürst von Bismarck, Herzog von Laucnburg, Generaloberst der Kavallerie (mit dem Range eines General- Feldmarschalls) aufgeführt. — Der 1. Mai, der sog. Weltfeiertag der Socialdemokraten, ist nach den vorliegenden Nachrichten kläglich abgeblitzt. Denn fast überall wurde von den älteren, ordentlichen Arbeitern weiter gearbeitet.
Frankfurt a. O., 26. April. Ein Wirbelsturm hat gestern Abend das Dorf Booßen heimgesucht und große Verheerungen im südlichen Theile des Dorfes angc- richtet, indem er Scheunen umwarf, Dächer abdcckte, Bäume ausriß u. s. w. Ein ganzes Gespann mit Wagen wurde über einen Zaun geworfen. Ein Holzschuppen des Chaussee-Aufsehers wurde mehrere hundert Schritte fortgetragen. Ein Mann, welcher sich an einem Baum festhielt, wurde mit diesem fortgerissm und weit fortgeschleudert. Der gesammte Schaden läßt sich noch nicht feststellen.
Aus Thüringen. Der „Eisenacher Zeitung" wird von Tsefenort geschrieben: „Seit einigen Tagen macht hier ein Gaunerstück einer Ziegeunerbande viel von sich reden. Die Bande kommt nach dem benachbarten Kaiseroda und treibt sich bettelnd von Haus zu Haus herum. Vier Weiber mit Kindern bringen auch in ein Haus ein, in dem ein kranker Mann sich befindet. Das erfahren die Weiber und die Weiteste derselben, die Teufelsmutter der Bande, drängt sich heran, sucht die Frau des Hauses zu bewegen, ihr 5 Mark zu geben und verspricht, ihr den Mann durch ihre Kunst gesund zu machen. Die Frau will von dem Hokuspokus nichts wissen. Darauf preist die Ziegeunerin einen Thee an, auch darauf geht die Frau nicht ein. Sie befriedigt dagegen sonst die Wünsche des Gesindels. Während dessen muß sie, ohne die Bande vorher vertreiben zu können, aus der Küche gehen. Nach ihrer Rückkehr entfernt sich eben jene Alte, die übrigen waren schon vorher hinausgegangen. Dies geschah gegen Abend. Am anderen Morgen ist der zubereitete Kaffee ungenießbar. Ohne etwas schlimmes dabei zu denken, wird das Mittagessen bereitet; kaum sind einige Gabeln des fertigen Gemüses von den beiden alten Leuten genossen, als heftige Beschwerden der Verdauungsorgane die Folge waren, die sich besonders bei dem kranken Manne bis aufs Schlimmste steigerten. Der schnell herbeigerufene Arzt konstatiert eine Vergiftung. Ohne an etwas Derartiges zu bei k n, holte die Frau das übrige Essen dem Schweimfutter beigegeben. Die S hweine verendeten nach einigen Stunden. Die Untersuchung der Fleisch- reste des Mittagessens ergab eine stark: Besetzung mit Arsenik. Weitere Eiforschungen ergaben, daß dem Wasser in der Wasserbutte und dem Salz in dem Salz- gefäß das Gift betgegeben war. Der V rdacht, diese Schandthat begangen zu haben, fiel sofort auf die alte Zigeunerin. Dem Vernehmen nach ist ein Theil der Bande auch bereits in Wasungen verhaftet worden. Die gerichtlichen Verhandlungen werden bald das Weitere ergeben. Vielleicht giebt der Fall auch mit Veranlassung, dem Treiben der Zigeuner etwas mehr zu steuern. Jedenfalls kann man es dem Publikum nicht verdenken, wenn es energisch gegen die Zigeuner auftritt und von maßgebender Seite Schutz gegen derartiges Gesindel erwartet. — Wie der „Thüringer Zeitung" aus Siebten mitgetheilt wird, sollen dort sogar die ländlichen Arbeiterinnen von dem Streikfieber ergriffen worden sein, und zwar gleich gründlich. Sie beanspruchen neben einer Lohnerhöhung eine Arbeitszeit von 6 Stunden ! — Das Dorf Lösau bei Wcißenfcls ist in der bc- neidenswerthen Lage, jedem Hausbesitzenden Gemeindeglied aus den Gemeinde-Einnahmen jährlich, je nach