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M 37.
Mittwoch, Den 7. Mai
1890
Deutsche Kriegsgefangene in Algier.
Aufsehen in der deutschen Presse hat das Treiben einiger in Algier lebender Personen gemacht, welche die Leichtgläubigkeit des deutschen Publikums in eigenthümlicher Weise brandschatzen. Diese Leute geben sich in Briefen, die sie an deutsche Familien richten, als nahe Angehörige derselben zu e>kennen, welche seit dem französischen Kriege in französischer Gefangenschaft schmachten und nun um Geld bitten, um sich ihrem Loose durch die Flucht entziehen zu können. Die überraschende Kenntniß der Verhältnisse ihrer angeblichen Heimath und Familie, über welche diese Individuen in der Regel verfügen, verda, ken sie meist den deutschen Einwandtrern, welche vor dem Kriege nach Algier gekommen sind und sich dort ortschaftsweise, wie sie ihr Vaterland verlassen haben, wieder angesiedelt haben. Aus Zeitungen und Briefen ist jenen Ansiedlern bekannt geworden, daß dieser oder jener junge Mann seit b<m Kriege vermißt wird und daß seine Angehörigen sich noch am Leben befinden. Auf Grund dieser Kenntnisse, welche sich mehr oder weniger herumsprechen, werden dann die Briefe an die angeblichen Angehörigen verfaßt. Die Antworten pflegt der Absender sich postlagernd zu erbitten oder unter der Personalnummer des angeblichen Fremden- lcgionärs. Denn unter dem angemaßten deutschen Namen würde der Adressat nicht zu finden sein. Die Erzählungen beruhen natürlich immer auf Schwindel, denn nach sorgfältigen Ermittlungen gibt es keine deutschen Kriegsgefangenen, die wider ihren Willen in Algier zurückgehalten werden. Den trügerisch erweckten Hoffnungen, einen seit dem Kriege vermißten Angehörigen wiederzufinden, folgt regelmäßig bittere Enttäuschung. Den Erfindern solcher Nachrichten kommt es nur darauf an, den getäuschten Angehörigen vermißter und in Wirklichkeit längst verstorbener deutscher Soldaten möglichst viel Geld abzulocken. Es ist dem Publikum dringend zu rathen, bei Anzapfungen dieser Art, von denen die meisten von Dran aus erfolgen, wenn ihnen überhaupt Beachtung geschenkt wird, immer erst Erkundigungen beim deutschen Konsul in Algier einzu- ziehen und den ang blichen Kriegsgefangenen die Gelder, welche man ihnen etwa schicken will, nur durch seine Vermittelung zuzusenden.
Denrsches Reich.
Berlin. In dem Gesetzentwurf bctr. die Feststellung der Fricdenspäscnzstäike, welcher tum Bundesrath vorgelegt sein soll, ist nach Angabe der „Boss. Ztg." eine Erhöhung der Friedenspräsenzstäik des Heeres um nicht weniger als 11 000 Mann vorgesehen. Die Feld- artillerie soll um 54 Batterien oder um 6000 Köpfe vermehrt werden, abgesehen von d.r Bespannung sämmtlicher sechs Geschütze des 1., 15., 16. und 17. Armeekorps. Die Infanterie soll um 5000 Mann verm hrt werden, um sämmtlichen BataRonen des elsässischea und des ostpreuß scheu Armeekorps den hohen Etat zu gebtti.
— Die neue Rangliste der preußischen Armee zählt 8 Generalfeldmarschälle, Generale (der Infanterie, der Kavallerie und der Artillerie) gibt es 61, General- lieutenants 92, Generalmajors 153. Es sind ferner vorhanden bei der Infanterie 18 l Obersten, 184 Oberstlieutenants, 761 Majors; bei der Kavallerie 52 Obersten, 64 Oberstlieutenants, 208 Majors; bei der Feld- Artillerie 32 Obersten, 26 Oberstlieutenants, 148 Majors; bei der Fuß-Artillerie 14 Obersten, 14 Oberstlieutenants, 62 Majors; beim Ingenieur- und Pionier-Korps 12 Obersten, 13 Oberstlieutenants, 61 Majors; beim Train 2 Obersten, 6 Oberstlieutenants, 16 Majors. Im preußischen Heere gibt es mithin im Ganzen 314 Generäle der verschiedensten Classen, 293 Obersten, 293 Obersten, 307 Oberstl^euterauts, 1256 Majors. Die Zahl der Sarnifonorte hat sich um 9 vermindert und sind deren jetzt 321 vorhanden.
Hannover. Das Reichskammergwicht in W tzlar war wegen der endlosen Dauer seines Gerichtsverfahrens sprichwörtlich geworden; welche Beränderurg hat sich nun hierin in Deutschland gezeigt? Das Amtsgericht in Hannover veröffentlicht in der Montagsnummer des „Reichsanzeigers" eine vom 10. April 1890 bathte Bekanntmachung, welche folgendermaßen beginnt: „In dem seit 1757 hier anhüngeudeu Verfahren, betreffeub Konkurs dcr'Gläubiger weiland BerghandlungSkomnussärs Kmad Heinrich Best in Hannover ist eine versuchs
weise Erledigung des Verfahrens, welches bei bisheriger Art der Abzahlung noch viele Jahrzehnte dauern würde, in Aussicht gestellt." — Darauf werden 23 Gläubiger, die im Jahre 1757, also vor 133 Jahren, ihre Forderungen angemeldet haben, „jetzt aber dem ersten Wohnorte, Fortleben, Aufenthalte, bezw. Rechtsnachfolge nach" unbekannt sind, aufgefordert, bet Vermeidung der gesetzlichen Nachtheile, bei dem auf den 2. Juni eingesetzten Termin sich zu melden und zulegitimiren. Mit welcher Freude werden die alten Herren sich Wiedersehen, begrüßen und die frohe Aussicht auf baldige Beendigung des Verfahrens und Ausschüttung der Masse willkommen heißen.
Hamburg, 4. Mai. Ein großer Theil der auf den Staatsbauten, Werften und Fabriken beschäftigten Arbeiter, welche am 1. Mai feierten, wurden abgelohnt und entlassen. Es fanden k.ine Ruhestörungen statt.
Zwickau, 2. Mai. Der sächsische Humor treibt bisw.nen sonderbare Blüthen. So gingen am 1. Mai zwei Herren mit mächtigen Strickstrümpfen in den Straßen auf und nieder. Der eine hatte am Rockknopfc ein altes verrostetes Reiterpistol hängen, das vielleicht schon im 30 jährigen Kriege Tod und Verderben gebracht hat, der andere eine ca. 5 Kilo schwere Eisenstange unter dem Arme. Zu den Vorbeigchenden sagten beide stets eintönig, indem sie eifrig weiter strickten: „Wir stricken." Sie feierten demnach auf ihre Weise den Allerwelts-Strike-Tag.
Magdeburg. In den letzten Tagen der vorigen Woche fand vor dem hiesigen Schwurgericht der große Proceß wegen des am 1. Februar in Staßfurt statt- gehabten Tumultes statt. Es fand damals in Siaß- furt eine socialdemokratische Versammlung statt; als die Polizei wegen UebcrfnÜung des Locals keinen Zutritt mehr gestatten konnte und schließlich die anliegende Straße sperren mußte, kam es zu einem ernsten Zusammenstöße. Der Volkshaufe griff schließlich die Polizei mit einem Steinhagel an, wodurch m hrere Beamten verwundet wurden. Schüsse mit Platzpatronen wurden von der M nge wieder mit neuen Steinwürfen beantwortet, so daß die Polizei dann scharf schießen mußte. Die angreifende Menge war aber so groß, daß erst mit Hülfe der Feuerwehr die Ruhe wieder hergestellt werden konnte. Drei Polizeibeamte waren schwer, verschiedene andere leicht verletzt worden. Wegen Landfriedensbruch u. s. w. standen nun 17 der Räoelsführer, meist schon vorbestrafte Arbeiter, vor dem Schwurgericht. Es wurden etwa 80 Zeugen vernommen. Verurtheilt wurden ein Angeklagter zu sechs Jahren, ein Angeklagter zu vier Jahren und vier Angeklagte zu je drei Jahren Zuchthaus und sämmtliche zu je zehn Jahren Ehrverlust. Acht Angeklagte erhielten Ge- fäognißstrafen von drei Monaten bis 21/s Jahren, drei Angeklagte wurden freigesprochen.
In Hagen fand am Freitag früh die Hinrichtung des Lustmörders Tagelöhner H. Walg aus Hennen bei Jserlohn statt. Derselbe war vom Schwurgericht für schuldig befunden worden, am 5. August v. I. die neunjährige Jda Pütter, nachdem er an derselben ein Sittlichkeitsverbrechen begangen, vorsätzlich und mit Ueberlegung g-tödtet zu haben. Die Thatumstände waren ganz grauenhafter Natur. Die Hinrichtung wurde durch den Scharfrichter Reindel aus Magdeburg vollzogen.
M.-Gladbach, 28. April. Ein schlimmes Ende nahm gestern Nachmittag hier eine vom Capitän Wolff aus Cöln unternommene Fahrt mit seinem Luftballon „Stollweik". Herr Wolff, der demnächst in der Kriegskunst-Ausstellung in Cöln laut contractlichem Abschluß mehrere Ballonfahrten ausführen sollte, stieg gestern Nachmittag hierselbst im Kaisergarten auf. Der Ballon, von Wolff selbst erbaut, hatte einen Inhalt von 900 Kubikmetern. An der Fahrt, die zu einem wissenschaftlichem Zweck stattfand, betheiligten sich außer Wolff ein Herr und eine Dame von hier. Nach der Füllung des Ballons, die mehrere Stunden in Anspruch genommen hatte und glatt von Stätten ging, begann um 5 Uhr Nachmittags der Aufstieg. Mit einem Ballast von drei Centnern stieg der Ballon bis zu einer Höhe von ungefähr 1350 Meter, von einem leichten Winde nach 8W. getrieben. Die Temperatur sank bis drei Grad unter Null und der Ballon wurde von zahllosen Schnelfiocken umweht. Plötzlich befand er sich inmitten
eines heftigen Gewitters und um einer Smrmfahrt zu begegnen, wurde der sofortige Abstieg vorbereitet. Alles gelang auf das Vorzüglichste, die Landung ging ohne jeden Aufschlag von Stätten. Schon glaubte man, auf ebener Erde wieder angelangt, jeder Gefahr entronnen zu sein, — da strömte, durch das seltene Schauspiel angelockt, eine Menschenmenge nach der Landungsstelle zu, qualmende Pfeifen und Cigarrenstummel im Munde. Vergebens rief Capitän Wolff den Leuten zu, zurück- zubleiben oder wenigstens den brennenden Tabak weg- zuthun, aber er vermochte nicht, den andringenden Menschenschwarm zurückzuhalten. So geschah denn das Unausbleibliche: ein junger, besonders übermüthiger Bursche zündete sich ganz in der Nähe des Ballons seine Pfeife an; der Wind wehte das dem Ballon entströmende Gas ihm zu und mit donnerartigem Knall explodirte das Gas, den Ballon in Brand setzend. Nun stob Alles auseinander und einer fiel über den andern. Viele Personen trugen Brandwunden davon und namentlich die, welche den Gelandeten helfen wollten.
Alteuburg. Auf furchtbare Weise ist der Feuermann Schäfer in der Fabrik von Fock und Krumsiek ums Leben gekommen. Derselbe hatte ein Streichholz an seiner Jacke entzünden wollen, diese aber ist von Maschinenöl und Petroleum derartig getränkt gewesen, daß sie sofort Feuer gefangen und die übrigen Kleidungsstücke in Brand gesetzt hat. Auf die Hilferufe des Unglücklichen, der auf die Straße gelaufen war, eilten zwar sofort Leute zur Rettung herbei, es war jedoch schon zu spät. Unter entsetzlichen Schmerzen ist Schäfer bald darauf gestorben.
Karlsruhe, 30. April. Denkmal für den ersten gefallenen deutschen Soldaten im Kriege 1870/71. Die stattliche Reihe der Kriegerdenkmäler wird im Sommer dieses Jahres um ein weiteres vermehrt werden, und zwar um einen Gedenkstein für den ersten gefallenen Soldaten in dem deutsch-französischen Kriege, Lieutenant Herbett Winsioe vom 3. badischen Dragoner-Regiment, welcher auf einem Rekognoszirungsritt fiel. Die Einweihung des Monuments findet am 25. Juli b. Js. unter Betheiligung der Kricgervereine in feierlicher Weise statt.
Bruchsal, 30. April. Kriegerichtliches Todesurtheil. Auf dem Marsche erstach vor ungefähr vier Wochen ein Dragoner aus Göldsausen mit seiner Lanze einen Tambour des dritten Infanterie-Regiments in Nicderbühl bei Rastatt in Folge eines vorhergegangenen Wortstreites. Der Dragoner wurde wegen dieser That vom Kriegsgericht zum Tode verurtheilt. Die Vollstreckung des Urtheils erfolgte am Montag nach militärischen Gesetzen durch Erschießen.
Ulm. Das Ulm er Münsterfest ist nun endgiltig auf den 30. Juni und die folgenden drei Tage festgesetzt. Au dem historischen Festzug werden sich etwa 1500 Personen beteiligen. Der MÜnsterthurm im Ulm, anläßlich dessen Ausbaues das große Fest stattfindet, überragt die Thürme des Kölner Doms noch um einige Meter.
Marggrabowa, 2. Mai. Bei dem letzten Gewitter fuhr, ostpreußischen Blättern zufolge, ein Blitzstrahl in den Schasstall des Gutes Kunetz und entzündete diesen. Der Schäferknecht konnte die Thiere aus der Gluth nicht herausbekommen. Es verbrannten 4000 Schafe.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 5. Mai. Die warmen Regen der letzten Tage und der warme Sonnenschein am gestrigen Sonntag haben Wunder gewirkt: überall ist der Frühling mit Macht ins Land gekommen und hat Flur und Wald in frisches Grün gekleidet. Ein Spaziergang in Feld und Wald ist f^t ein Genuß, den sich Niemand versagen sollte, so herrlich prangt die Mutter Erde im Frühlingskleid. Die Saaten stehen ausgezeichnet und versprechen ein gutes Jahr. Hoffentlich hält diese gute Aussicht auch Stand und die theuere Zeit nimmt ein Ende! —
* — Wir werden gebeten, darauf hinzuweisen, daß am 3. August 1890 zur Erinnerung au die glorreichen Tage des Jahres 1870 in Gotha ein Balaillonsappell für die Angehörigen deS 1870/71 mobilen 1. Bataillons 6. Thüringischen Jafanterie-R giments Nr. 95 abgc- halten werden soll. Dem Vernehmen nach befinden fi$