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Mittwoch, den 14. Mai
1890.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser empfing am Freitag das Präsidium des neuen Reichstages. Der Monarch unterhielt sich mit den drei Präsidenten, und bekundete dabei sein lebhaftes Interesse für die Militärvorlage im Reichstag. Dieselbe sei jahrelang vorbereitet morden uud habe der Begutachtung aller deutschen Militärbevollmächtigten unterlegen. Er selbst habe einzelne Referate dazu gemacht. Um so mißfälliger habe er die Kritik dieser Vorlage in der Presse ausgenommen. Bis jetzt habe er die Offiziere an G:genartikeln gehindert. -Ach werde dies länger kaum angchen, wenn die Reichstags- präsidenten nicht ihren Einfluß geltend machten, um die weitere Kritik der Militärvorlage in der Presse zu verhindern.
— B i der Reichstagseröffnung ist allen Anwesenden der ganz besondere Nachdruck ausgefallen, mit welchem bei Verlesung der Thronrede der Kaiser von „Meiner" Politik sprach. Allgemein hatte man die Hebe? zeugung, daß der eigentliche Leiter der R ichs- politik fortan der Kaiser selbst sein wird. U -d damit hoben wir auch den wahren Grund für Fürst Bismarck's Rücktritt.
— Die Vorlage betr. die Friedenspräsenzstärke des Heeres ist dem Reichstage soeben zug gangen. Die Friedensstärke wird darin bis 1. Oktober 1894 auf 480,900 Mann festgesetzt. In der Zwischenzeit soll das Heer verstärkt werden in der Infanterie auf 578 Bataillone, in der Cavallerie auf 465 Escadrons, in der Feldartillerie auf 31 Batterien, bet den Pionieren auf 20 Bataillone, im Train auf 21 Bataillone.
* — Der „Reichstagskönig" Windtyorst hit bereits im preußischen Landtag starke Proben seines Sovve- ränitätsbewußtseins gegeben. Folgende vorläufige Forderungen des Centrumsführers geben uns einen Vorschmack davon, w.lche Umgestaltungen uns in einem deutschen Reich von Windthorsts Gnaden bevorstehen würden: 1. Wiederherstellung der von König Friedrich Wilhelm IV. eingerichteten, zu Beginn des Culturkampfes auf Antrag des Fürsten Bismarck aufgehobenen katholischen Abtheilung im Kultusministerium, welches letztere überdies in seinem Personaistande nach dem Verhältniß der katholischen Einwohnerzahl zur evangelischen im Staate mit Katholiken zu besetzen sei. 2. Vollkommene Freiheit für die Ausbildung der katholischen Geistlichen, so daß dieselben auch im Auslande, namentlich im jesuitischen Collegium Romanum zu Rom erzogen werden dürften. 3. Gänzliche Beseitigung des staatlichen Einspruchsrechts bei Anstellung von Geistlichen durch die Oberen. 4. Aufhebung des Schulaufsichls- gesctzes, wonach die Geistlichen die Schulaussicht nur im Aufträge des Staats und unter dessen Aufsicht ausüben hülfen. 5. Rückgabe des durch Einhaltung der Staalsdotalion während des Culturkampfes ange- sammclten Sperrfonds nebst Zinsen an die katholische Kirche zu beliebiger Verfügung der Bischöfe. 6. Aufhebung des Altkatholikengesetzes und Behandlung der Altkatholiken wie in Baiern. 7. Aenderung des Gesetzes über die kirchliche Vermögensverwaltung dahin, daß der frühere Zustand wiederhergestellt werde, wonach unter dem Titel der angeblich durch die Verfassungsurkunde hergestellten Freiheit der Kirche der Episkopat und der Klerus sich der alleinigen Verfügung über das Kirchen- vermögen bemächtigt hatten. Dieses soll überhaupt aufhören, Vermögen der Gemeinden zu sein und solches der römischen Kirche als solcher werden. 8. Wiederherstellung des aufgehobenen von der römischen Kirche so sehr mißbrauchten Verfassungsartikels über die Freiheit der Kirchen. 9. Wiederherstellung aller Orden und unbeschränkte Freiheit für dieselben, also vor allem Aufhebung des Jesuitengesetzes. Und 10. Klerikalisirung der Schule, Preisgebung der Lehrer unter die dis- cretionäre Gewalt des Klerus. Begegneten nun im Landtag diese unmäßigen Forderungen des Centrums einer anerkennenswerthcn Festigkeit des Kultusministers lind der Parteien, so darf man um so mehr gespannt sein auf die kirchenpolitische Haltung des neuen Reichstags.
Koblenz, 10. Mai. Bei der Prozession von Hilles- heim, welche vorgestern unsere Stadt durchzog, befand sich ein Wallfahrer, der 1 02 Jahre alt war. Der Mann ist aus Dockweiler und hat, laut der „Kobl. Ztg.", den ganzen Weg von dort nach Arenberg und zurück 2» Fuß gemacht,
Halle a. d. S, 7. Mai. „Können Sie kochen?" fragte kürzlich ein Landwirth aus der Umgegend ein Dienstmädchen, die ihm von einer hiesigen Gesindever- mielherin vorgestellt wurde. Verschämt schlägt diese die Augen nieder, zupft an der Schürze und läch.lt. „Nun, ich frage Sie, ob Sie kochen können?' wiederholte der Gutsbesitzer. „I nu," antwortete die Küchenfee, „warum soll ich denn Kochen nich kennen! Er is ja mei Schatz, ui wenn er bei de 36 er los kommt, dann will er mir heirathen."
Geh-riß (Anhalt), 8. Mai. Hier wurde kürzlich ein altes baufälliges Haus für 500 Mk. auf Abbruch verkauft. Der Käufer hat habet aber in so fern ein außergewöhnliches gutes Geschäft gemacht, als er einen Ofen aus dem Hause allein für 600 Mk. Derfauft hat. Die Kacheln des aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts stammenden Ofens sind mit kunstvoll ausge- lührten Reliefdarstellungen aus jener Z it, vornehmlich mit den Porträts des alten Dessauers und der Anne Liese versehen, und dies war die Veranlassung, daß der Ofen für den Dessauer Hof ang kauft worden ist.
Heidelberg, 10. Mai. Z visch n den Stadt- behörden von Heidelberg u id den dortigen Studenten ist ein amüsanter Streit ausgebrochen. Die künftigen Doctoren haben nämlich die Gewohnheit, auf den Straßen in Begleitung riesiger Hunde zu erscheinen. Um diesem U fuge zu steuern, haben die Behörden jeden Hund mit einer Steuer von 30 Mark belegt, wofern derselbe eine bestimmte Größe überschreitet. Was thaten nun die Studenten? Sie beschlossen, sich künftighin von Dutzenden kleiner Rattler begleiten zu lassen, und zwangen so die Behörden zur Rücknahme ihrer Verordnung.
Pforzheim, 9. Mai. Ein schauderhafter Vorfall wird dem „Pforzh. Beobachter" berichtet: Gestern Abend hat ein Metzger aus Calmbach, welcher vom Markt heimging, zwischen Berneck und Neuweiler zwei Bauern im Streit erstochen, die Gelödtcteu sind Brüder und Familienväter und hinterläßt der eine 10 der andere 6 Kinder.
Gebweiler, 6. Mai. Einem Aufsatz des hiesigen Krcisblaites entnehmen wir, daß am Lauchenweiher kürzlich zum Zweck der Gewinnung von Bausteinen eine Mmensprergung mit einer Ladung von nicht weniger als 220 Centnern Pulver vorgenommen wurde. Da die Anhäufung und gleichzeitige Entzündung so großer Pulvermengen selten ist, so wird der Bericht eines Augenzeugen interessant sein. Derselbe lautet: Ich schloß mich der Gesellschaft von etwa 20 Leuten, darunter ein paar Straßburger Pionieroffiziere und mehrere Damen, an, welche von Niederlauchen durch einen Förster auf den Aufsichtspunkt am Heidenfelsen geführt wurden. Der Rappfelsen lag uns in 80 m Entfernung jenseits der tiefen Thaleinsenkung gerade gegenüber. Die Stelle der Mine war durch eine Fahne bezeichnet, die an dem mit einzelnen Tannen bestandenen Abhänge aufgepflanzt war; etwa 40 m unterhalb desselben erblickte man die beiden dunklen Ocffnungen der Minengänge. Um 10 Uhr 15 Min. ertönte von drüben ein erster Signalschuß, den ein Förster auf unserer Seite beantwortete. Eine Viertelstunde später krachten an der Baustelle des Lauchenweihcks einige Dynamitschüsse zum Zeichen, daß alles schußbereit sei, und unmittelbar darauf sah man den ganzen Abhang von den Minengängen bis zur Fahne hinauf in wellenförmige Schwankung gerathen, die großen Tannen taumelten wie vom Sturm geschüttelt hin und her, und dann sank das Ganze wieder in seine ursprüngliche Lage zurück. Aus dem linken Minenthöre drang eine mächtige Rauchwolke hervor und abrutschende Felsmassen verschütteten die Oeffnung; der Minengang rechts, wo auch die Rauchentwickelung schwächer war, blieb stehen. Von einer starken Detonation war bei dem ganzen Vorgänge nicht die Rede: ein dumpfes Knirschen der aus ihrer Lage gehobenen Felsmassen, dann das Gepolter stürzender Blöcke, welche krachend gegen die Tannenstämme schlugen, das war alles, was zu hören war. Nach Verlauf einer Stunde wagten wir unter Leitung des Ingenieurs Bühler die Sprengstelle zu begehen. Der Geruch der Sprenggase war ein einzelnen Stellen noch stark bemerkbar. Die Besichtigung überzeugte uns, daß die Sprengung durchaus in beabsichtigter Weise gelungen war. Die Mine war mit der kelsssalen Menge von
220 Centnern Pulver geladen gewesen, welches in 8 Kammern verteilt war, die an den Endpunkten zweier verästeltet? Stollen sich befanden. Die begehbaren Siollen hatten eine Gesammtlänge von etwa 150 m und waren in den äußerst harten Felsen (Grauwackc) eingesprengt worden. An dieser Arveit waren fast ein halbes Jahr lang Tag und Nacht viele italienische Tunnelacbeitcr beschäftigt worden. Die kleinste Kammer halte 18 Centner, die größte 40 Centner bestes Spreng« Pulver zur Füllung erhalten. In jeder Pulverkiste stand ein mit Dynamitpatronen gefüllter Kasten, in welchen die mit Schlagröhren versehenen Leitungsdrähte der elektrischen Batterie einmündeten. Durch den Druck auf einen Knopf wurden sämmtliche acht unter einander durch Kupserdrähle verbundene Kammern gleichzeitig entzündet. Die sichtbare Wirkung der Explosion erstreckte sich, da die Minen gut zugemauert waren, hauptsächlich nach oben und den Seiten, indem sie eine Ge- steinmasse von 60 - 70,000 Kubikmetern hob und nach allen Richtungen mit klaffenden Rissen durchsetzte. Die Minenarbeiter feierten das Gelingen der Sprengung durch einen fröhlichen Trunk, ohne den auch tm Reichs« lande kein Abschluß sein kann.
Lokales und Provinzielles.
Schlichtern, 13. Mai. Gestern Abend zeigte sich am nördlichen Himmel ein starker Feuerschein und später kam die Nachricht, daß in Rückcrs, Kreis Fulda, ca. 20 G.bäude avgcbrannl sind. Der Brand entstand in der Kirche. Da die Einwohner auf einer Wallfahrt waren und dadurch die nöthige Hilfe fehlte, so griff das Feuer mit rasender Schnelligkeit um sich und wurden die der Kirche nahstehenden Gebäude ein Raub der Flammerr.
* — Die gefürchteten drei Heiligen Mamertus, Pancratius und Servatius haben diesmal ein Einsehen gehabt und uns mit ihren Nachtfrösten verschont, sodaß die ganze Blüthenpracht des Mai sich ungestört weiter entwickeln kann. Uebermorgen, Himmelfahrt, beginnt die officielle Wanderzeit, drum hinaus in die freie Gotteswelt, ein Sträußchen am Hute oder an der Brust, und in tiefen Zügen die frische Waldluft geathmet. Da wird die Brust weit, der Sinn froh, und man steht nicht mehr Alles grau in grau oder mit kritischen Mienen an. Mag das Himmelfahrtsfest alle Wünsche erfüllen, die auf seinen frohen und freudigen Verlauf gesetzt werden.
— Der deutsche Reichsanzeiger bringt folgende Kundgebung: Gegen die Hagelversicherungsgesellschaft „Germania" in Berlin wird wegen vorgekommener Unregelmäßigkeiten nächstens das Verfahren auf Konzessionsentziehung eingeleitet werden. Es ist wünschenswerth, daß dies öffentlich bekannt werde, da in der Presse fortwährend Ankündigungen erscheinen, in denen die Landwirlhe zum Beitritt zu bet Gesellschaft aufgefordert werden.
* — Die Kohlen sollen billiger werden I Die Eisenbahn-Direktion Elberfeld hat die letzte Kohlen« liJerung mit 12 Mark für die Tonne abgeschlossen, während der seitherige Preis 14 bis 15 Mark war, und da die Zechen sich mit dem geringeren Preise begnügten, so darf man darin wohl daS Anzeichen eines allgemeinen Sinkens der Kohlenpreise sehen.
* — Das laufende Jahr scheint für die „Söhne Nimrods" ein recht beuterciches zu werden, da eS z. B. Hasen in großer Menge gibt. Die Thiere des ersten Wurfes sind bereits von der Größe der wilden Kaninchen und werden also demnächst auch fortpflanzungS- fähig sein. Auch die Thiere des zweiten Wurfes sind bereits recht stramme Bürschchen. Auch Rebhühner« paare gibts in größerer Anzahl, die nunmehr mit ihren Gelegen beginnen.
— Nützliche Gastfreundschaft der Staare. Die „Landw. Korr." erzählt: Nicht ohne Grund nennt man den Staar den treuen Freund des Landmanns. Den großen Nutzen dieses Vogels dürfte am besten folgendes Erlebniß illustriren: Vor einigen Tagen begann ein Landmann in M. bei Sonneraufgang sein Feld zu pflügen. Als er die erste Furche gezogen, kamen 6 Staare und unterzogen mit großem Eifer bie umgestürzte Erde einer genauen Prüfung. DaS Ergebniß mußte ein günstiges sein, da die Staare bald wacker darauf los schnabulirten- Plötzlich hielt rinrk