Einzelbild herunterladen
 

Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

M 4L Mittwoch, den 21. Mai

Der Landwirth und der Viencuzüchter.

Vom landmirthsLofilichen Samenzüchter mooif Theis in Darmstadl, Mitarbeiter der landwirthschafclichen

Zeitschrift für das Großherzogthum Riffen und Vor­sitzender der Central Stelle der Hess. landwirthsch.

Bauern-Vercine.

Unsere durch fremde Konkurrenz und Getreideüber­produktion hart bedrängte Landwirthschaft bedarf ohne Zweifel anderer lukrativer Erwerbsquellen, um dem Boden eine höhere Rente abzugewirii en, als dies der­malen möglich ist, und so eine Vermehrung der Ein­nahmen zu erzielen. Zwei solcher wenn auch nicht neuer Quellen sind die rationell betriebene Viehzucht und Bienenzucht. Erstere muß sich auf einen dem zeit­lichen und örtlichen Verhältnissen angepaßten Futlerbau stützen, was um so nützlicher ist, als damit gleichzeitig den fleißigen Bienenvölkern gute Trachten zugeführt werden.

Wenn der Landwirth bei der Viehhaltung keinen günstigen materiellen Erfolg erringen kann, dann liegt die Schuld zumeist an dem unrationell betriebenen Futterbau.

Was die Bienenzucht anbelangt, so ist dieselbe ein heimlicher Reichthum-

Unter allen Futtergewächsen spielen die Kleearten die hervorragendste Rolle; es gibt indessen auch Futter­gewächse, welche den Klee an Nährwert!) übertreffen und, was die Hauptsache ist, schon in einer Z-it zu ernten ist- wenn an einen Kleeschnitt noch nicht gedacht werden kann. Eine solche Futterpflanze ist in erster Linie der Chinesische Ocl-Rettig, welchen ich schon früher beschrieben habe.

Heute soll auf zwei weitere Pflanzen aufmerksam gemacht werden. Es sind dies bie Lathyrus silvestils. Waldplatterbse, und Lathyrm odoratus, wohlriechende Erbse, fälschlichwohlriechende Wicke" genannt. Beide Arten sind gut honigende Pflanzen, die sich besonders für Spättracht eignen dürften und gleichztilig ein sehr nahrhaftes massiges Grünfutter abgeben. Die Pflanzen beider Lathyrus«'21rten sind kletternd, 23 Fuß hoch. Als Wintersaat eignen sie sich besonders für Süd- und Mittel-Deutschland, weil sie hier den Winter gut über- stehen, und sind sie umsomehr zu empfehlen, als sie sich mit geringem Boden begnügen, ein sehr nähr- und schmackhaftes Futter liefern und der Acker nach ihrer Aberntung vortrefflich zu einer Winterbalmfrucht vor- bereitet werden kann. Beide Latbyrus«'2lrteti werden im Gemenge mit Masurischem Fahnenhafer gesä t. Man wählt diese Hafersorte deshalb, weil dieselbe sehr stark im Halm wachst und der kletternden Lathyrus^ Pflanze genügende Stütze bieten kann. Die Aussaat geschieht im Herbste (Mitte Okwber) oder auch im Frühjah". Das Pfd. Lathyrus offeriere zu M. 7. -. Saatgemenge, bestehend in richtiger Mischung von Masurischen Fahnenhafer und Lathyrus, per Pfd. zu 50 P'g.

Es kann also jeder Landwirth und Bienenzüchter durch Ausgabe von M. 5. sich für eine gute Spät­tracht sorgen und erhält an Fullerertrag mehr als den doppelten Werth seiner Ausgabe.

Zur Aussaat von 400 Klafter 2,500 s^Meter sind 3 Pfs. Lathyrus und 50 Pfd. Masurischer Hafer nöthig. Pflicht eines jeden denkenden und strebsamen Landwirthes ist es, darüber nachzudenken, von welcher Pflanzenkultur er auch bei kleineren Stücken Landes den höchsten Ertrag erzielen kann,

Deutsches Reich.

Berlin. In der Begründung der Militär-Vorlage ist erwähnt, daß ein Theil der Mehiforderurg zu Dienst- prümien für Unteroffiziere bestimmt ist. Nach der Köln. Ztg." ist in dieser Hinsicht Folgendes beabsichtigt: Während die mit dem Cwilversorgungsschein aus- scheidenden Unteroffiziere bisher eine einmalige Beihilfe von 165 Mark erhielten, soll künftig vom $. Dienst- jähre ab eine für jedes Jahr steigende, bei der Ent­lassung zu bezahlende Prämie gewährt werden, und zwar nach Ablauf des 5. Dienstjahres 50 Mark, nach dem 6. Dienstjahr 100 Mark, nach dem 7. Dienstjahr 200 Mark, nach dem 8. Dienstjahr 350 Mark, nach d m 9. Dienstjahr 550 Mark, nach dem 10. Dienstjahr *00 Mail, nach dem 11. Dienstjahr 900 Mark und nach dem 12. Dienstjahr 1000 Mark. Hieimit werden

p,

n elche nach neun i einer Prüfung

I namentlich den allen Unt roffizicren, Dienstjahren zur Gensdarmerie, Schutzmannschast u. s. w. übeitreten oder nach 12 Dienstjahren eine Anstellung im Civildienst erhalten, Beihilfen gewährt, welche ent­weder zur ersten Einrichtung vollständig genügen oder für etwaige Krankheiten und Unglücksmlle einen nicht geringen Nothpfennig abgeben, und so können wir wohl mit einiger Sicherheit darauf rechnen, daß nunmehr eine größere Anzahl von Unteroffiziren zu längerm Verbleiben im Dienste veranlaßt werden. Aehnlichc Einrichtungen bestehen in dem französischen und in dem italienischen Heere."

Hamburg. Das neue Schiff, der Doppelschrauben- DampferOtormannia", den die Hamburg-Amerikanische Packelfahrt - Aktien - Gesellschaft für ihren Schnellbienst nach New Jork in Greenock hat erbauen lassen, ist auf der Elbe eingetroffen und erregt bei Allen, die das mächtige Fahrzeug sehen, Staunen und Bewunderung durch die Riesenhaftigkeit seiner Dimensionen und durch die Eleganz seines ganzen Baues. Bei einer Länge von 500, einer Breite von 57,5 und einer Tiefe von 38 Fuß hat dieNormannia" einen Brutto - Tonmn- gehalt von 8500 Tons und Raum für 428 Passagiere erster, 170 Passagiere zweiter Klasse und für 700 ZwischeNdeckspassagiere, für deren Bequemlichkeit und Wohlbefinden in allerausgiebigster Weise gesorgt ist. Ihre Maschinen sind auf 14,000 Pferdekraft kontrahiert, doch indicierten sie auf der in voriger Woche stattge- Habten Probefahrt eine solche von mehr als 16,000, wobei sich ferner der Kohlenverbrauch als verhältniß- mäßig gering herausstellte. Das Schiff erreichte auf dieser Probefahrt eine Geschwindigkeit von nahezu 21 Knoten, die Geschwindigkeit derCity of Paris," die bekanntlich als der schnellste Ozeandampfer gilt. Der zur Fortbewegung des Schiffes erforderliche Dampf wird in neun doppeleudigen Kesseln mit zusammen 72 Feuerungen erzeugt. Außerdem sind zur Bedienung des Schiffes fernere 17 Maschinen mit eigenem Dampf­betrieb aufgestellt. Von hohem Interesse für die Sicher­heit des Schiffes ist die Einrichtung der wasserdichten Schotten und Compartements. Während es nämlich bis vor vier Jahren noch »allgemein üblich war, große Schiffe nur durch Querschotten zu theilen, die noch dazu durch v -schiedene, häufig nur mit großer Mühe zu verschließende Thüren durchbrochen waren, hat man jetzt bei derNormannia" neben den 16 durchgehenden Querschotten, auch noch verschiedene Läogsschotien an­gebracht. DieNormannia" hat also zunächst 17 wasserdichte Abtheilungen, in deren Querwänden sich nur fünf, den Zugang zu den Kohlen sichernde und daher unentbehrliche Thüren befinden, deren Oeffucn und Schließen man mit Hilfe automatischer Hebel­vorrichtungen und hydraulischer Kraft vom Deck aus mit Leichtigkeit regulieren kann. Durch ganz besonders praktische Einrichtungen ist f.rner die Möglichkeit, daß die Kesselfeuer durch etwa in den Rumpf eindringendes Wasser verlöscht werden könnten, gänzlich ausgeschlossen, sodaß dieNormannia" auch nach dieser Richtung hin zu den bestkonstruirten Dampfern zu zählen sein dürfte. DieNormannia" ist der dritte Schnelldampfer der Packetfahrt-Gesellschaft, der vierte wird gegenwärtig auf der Vulkanwerfr in Stettin erbaut.

Aus Thüringen. Bei Abänderungsarbeiten in den sogen. Reußen, einem Gehölz nördlich von Frey bürg, wo der Sage nach Ludwig der Springer den Pfalz­grafen Friedrich lil. von der Weißenburg, um dessen Gemahlin Adelheid zu besitzen, auf einer Jagd hat er­morden lassen, haben Steinbrecher mehrere menschliche Skelette, sowie Urnen Und eine Streitaxt gefunden. Die Gegenstände sind von Herrn v. Biela-Z'chciglitz, dem Besitzer des Gehölzes, in Verwahrung genommen worden. Arnßadt, 11. Mai. Dieser Tage wurde ein 17 Jahre alter völlig gesunder Mensch von Genickstarre befallen und starb nach dreiTagen unter schrecklichen Schmerzen.

Würzen. In dem nahegelegenen Orte Nemt wurde am Mittwoch ein vor einigen Tagen gestorbenes Kind eines Gutsbesitzers auf Anordnung der Staatsanwalt­schaft wieder ausgegraben. Man stellte fest, daß dasselbe an Bleivergiftung gestorben war. Da die Eltern des Kindes, sowie ein anderes Kind ebenfalls, und zwar jedes Mal nach dem Genusse von selbstgebackenem Brode, eikraikt waren, wurde das zum Backen ver­wendete Mehl, welches auS der Geyschen Mühle stammte,

unterzogen. Dieselbe hatte zur Folge daß die Mühle von Seiten der Staatsanwaltschaft unter Zuziehung von Aerzten und Fachmännern eingehend besichtigt wurde. Dabei ermittelte man, daß an einer Lichtmaschine Maschinentheilc aus Blei hergestellt waren; das Metall, welches durch die Reibungen zerstäubt wurde, ist allmätig in das Mehl gerathen und hat dieses vergiftet. Die Mühle. wurde gerichtlich geschlossen. In Nemt sind bereits mehrere Personen an Bleiver­giftung gestorben, der Mühlenbesitzer ist erkrankt, ebenso eine aus vier Köpfen bestehende Familie in Würzen, welche ihr Getreide in der Remter Mühle hatte mahlen lassen.

Dieser Tage kam ein Mann in ein Gasthaus in Meißen, nahm an einem Tische Platz und sagte: Wollen Sie mir ein Glas Bier und Butterbrod mit Käse geben?"Sehr gern!" rief der freundliche Wirth und stillte des Besuchers Hunger und Durst.Wollen Sie mir gefälligst noch eine Cigarre geben?" rief dann herablassend der Gast, brannte sich den Glimmstengel au und wollte sich darauf mit den Worten:Besten Dank, Herr Wirth!" empf.hlen. Natürlich verwandelte sich die gute Laune des Wirthes in eine bitterböse und er verlangte das Geld für die Zeche. Der Gast hatte aber keinen Pfennig bei sich und erwiderte ganz ruhig, daß er ja nichts bestellt, sondern nur gefragt habe, ob ihm der Wirth etwas geben wolle. Daran, daß ihm oer Wirth etwas gegeben, sei er ja unschuldig. Die Sache wird selbstverständlich ein Nachspiel vor Gericht haben.

Zeitz. Ein Wehrpflichtiger hiesigen Kreises, welcher nach zweijähriger Dienstzeit auf seine Reklamation hin, als einziger Ernährer seiner Hülflosen Mutter frei­gelassen war, hatte diese in keiner Weise unterstützt, sondern ihr erst als über die Erfüllung seiner Unter« stützungspflichl Ermittelungen angcstellt wurden, einen Geldbetrag in Höhe von einer Mark zukommen lassen. Die Ersatzkommission beschloß daher seine Wiederein- stellung in das Heer.

Liegnitz, 12. Mai. Der frühere Stellenbesitzer Helbig aus Lichtenwaldau, Kreis Bunzlau, hat ein halbes Jahr unschuldig im Zuchlhause zugebracht. Helbig war seinerzeit wegen Fischdiebstahls auf das Zeugniß des Fischteichbesitzers Taube und dessen Wirthin hin zu einer Zuchthausstrafe von 1 Jahr vom hiesigen Landgericht verurtheilt worden. Später stellte sich feraus, daß die Zeugen einen wissentlichen Meineid ge­leistet hatten. Beide sind dafür vom hiesigen Schwur­gericht zu einer Zuchthausstrafe von 10 bezw. 5 Jahren verurtheilt worden. Das Verfahren gegen Helbig wurde wieder ausgenommen und das Landgericht sprach ihn jetzt unter Aufhebung des ersten Erkenntnisses frei.

Ratibor, 16. Mai. Ueber ein bei der Oderfähre an dem Dorfe Sluwikau vorgtkommenes erschütterndes Unglück werden folgende Einzelnheiten berichtet: Es war am Himmelfahrtstage, wie der O.-Schl.-Anz. mit« theilt, Nachmittags um die vierte Stunde. Ueber 50 Kirchgänger aus den Ortschaften Budzisk, Siedlisk, Ruda und Thurze, darunter etwa vierzig vom Kommunion- unterricht kommende Mädchen begaben sich auf der Heim­kehr von Slawikau zum Odcrufer, um sich auf der Fähre übersetzen zu lassen. Der Fährknecht benutzte zur Ueberfayrt nicht die große lastentragfähige Plätte, sondern einen Kahn, in den sich die Kinder sämmtlich hineindränglen, so daß der Bord, der nach Vorschrift 35 Zentimeter über Wasser sein soll, bis zum Wasser­spiegel herabgedrückt war. Gleichwohl ereignete sich das Unglück erst in der Nähe des jenseitigen Ufers. Der Kahn schlug um und drückte den größten Theil der Insassen unter sich. Ein einziger Schrei des Grausens entrang sich den Lippen der Zuschauer am Abfahrtsufer. Sie sahen die von Todesangst erfüllten Kindergesichter, sie hörten die herzerschütternden Jammer­rufe und sie konnten nicht helfen! Ein Kopf nach dem andern versank. An oem Ufer, dem der Kahn zugesteuert wurde, befand sich weit und breit kein Mensch. Nur sechs Insassen des Kahnes blieben am Leben. Die Kinder, zwei erwachsene Mädchen und eine Frau, die Mutter von fünf unmündigen Kindern, ertranken. Alle diese haben ihr Leben verloren, weil der Fährknecht, um nicht zweimal fahren zu müssen, in einen Kahn, der für nur 20 bis 25 Personen ausreichte, mehr als 50 Personen ausgenommen hat. Der Fährmann, sei»