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M 48. Samstag, den 14. Juni 1890.
Die innere politische Lage.
Zwei Ereignisse auf parlamentarischem Gebiete sind cS, welche gegenwärtig die Aufmelksamk-it der politischen Welt etwas mehr als gewöhnlich in Anlpruch nehmen. Diese sind einmal die langwierigen Debatten in der Militärkommission des Reichstags, in denen auf einer Seite das Bestreben erkennbar hervorgetreten ist, die Annahme per Vorlage von der Erfüllung gewisser politischer Forderungen, wie es die alljährliche Feststellung der Präsenzstärke und die Einführung der zweijährigen Dienstzeit ist, abhängig zu machen; und zweitens ist es die am Sonnabend im Abgeordnetenhaus- erfolgte Ablehnung der sog. Sperrgelder-Borlage, welche von sich reden macht.
Um von letzterer zuerst zu sprechen, so wird Niemand bestreiken, daß es einen ungünstigen Eindruck macht, wenn eine Borlage, welche offenbar friedliche Zwecke verfolgte und ein unleugbares Entgegenkommen gegen die katholische Kirche enthielt, zu Fall gebracht wird. An diesem Ergebniß war im Grunde doch nur ein Miß- verständniß, welches auf Seiten drs Centrums gegenüber dem Zweck und der Bedeutung der Borlage obwaltete, Schuld. Da diese Partei sich nicht von ihrer Ansicht abbringen ließ, daß die Form der Rentenzahlung ein Unrecht gegen die katholische Kirche sei, so konnte man kaum erwarten, daß die Parteien, welche sich auf den Boden der Regierungsvorlage gestellt hatten und welche für sich allein auch eine große Mehrheit gebildet haben würden, das Gesetz zum Beschluß erheben würden, es würde daraus eine fortwährende Quelle neuer Beunruhigung entstanden sein. Nur das Anerkenntniß der Brauchbarkeit des Gesetzes von Ssiten des Cmtrums, vielleicht sogar nur der Entschluß des Centrums, sich deS Votums über die Borlage enthalten zu wollen, hätt- den friedlichen Zweck, welcher mit der Vorlage verbunden war, sicher stellen können.
Wenn das Centrum nicht zu bewegen war, dieser offenbar von den friedlichsten Absichten getragenen Vorlage gegenüber eine freundlichere Stellung einzuehme», so wird man sich im Lande fragen, welche besonderen politischen Stimmungen oder Verstimmungen vorliegen, aus welchen diese Wendung zu erklären ist. Sieht man aber der Sache genauer in das Gesicht, so kann unseres Erachtens von neuen erschwerenden Umständen, welche die Haltung des Centrums beeinflußt haben könnten, ebensowenig die Rede sein, als von einer etwaigen ungünstigen Wirkung auf das Verhältniß zwischen der Regierung und dem Centrum oder den anderen Parteien. Es ist mindestens erklärlich, daß nach den langjährigen kirchenpolitischen Kämpfen die Erinnerung an die Vergangenheit bei dem Friedenswerk zuweilen störend w rkt. Nur hieraus kann, wie wir glauben, das Stückchen „Culturkampf", wclchs dieser Tage wieder im Abge- ordnctcnhause aufgeführt worden ist, hergeleitet werden. Aber eben weil es keine neuen und besonderen Verhältnisse sind, welche den Zwischenfall Herbetgeführt haben, wird der Vorgang schwerlich von hinderlichem Einfluß aus diesich mehr und mehr vollziehende Aussöhnung sein. Auf keiner Seite, auch auf der des Centrums nicht, ist das Bedürfniß vorhanden, Differenzen, welche ja nie ganz aus der Welt geschafft werden, zu verschärfen. Die gemeinsame prakiische Arbeit wird über die Differenzen hinweg- helfen und allmählich auch die Vergangcnh.it mit ihren Wunden, die sie geschlagen, vergessen lassen.
Was nun ferner die in der Militärkommission des Reichstags hcrvortrctenden Bestrebungen anbetrifft, so sind diese sehr alten Datums; sie sind von freisinniger Seite vor einigen Jahren wieder ausgenommen worden. Wenn jetzt, wie es scheint, Mit vermehrter Energie bet Versuch gemacht worden ist, sie zum Ziele zu führen, so wird man dies wohl auf die versta kte Macht der freisinnigen Partei zurückführen können. Aber die durch den Rücktritt des Fürsten Bismarck geschaffene Neuheit der politischen Lage sollte doch von einer augenblicklichen Geltendmachung der Ansprüche, durch welche nur zu leicht eine schwere Krisis herbeigeführt wcrdsn könnte, abhalten. Der Herr Reichskanzler hat am Montag in diesem Sinne eine Erklärung abgegeben, von der zu hoffen ist, daß sie aus den weiteren Gang der Verhandlungen von gutem Einfluß sein werde.
Sind die beiden Ereignisse auch geeignet, den Eindruck einer ungünstigen Wendung in der inneren politischen Lage hervorzurufen, so können wir doch darin Nr vochtzrrgrhtnor Momente erblick;», die den Kurs
Deutsches Reich.
Berlin, 10. Juni. Vor den Kaiserlichen Majestäten und dem Kronprinzen von Italien fand am Dienstag Vormittag beim Neuen Palais eine Parade der Potsdamer Garnison statt. Der Kaiser führte seinem Gaste das erste Garde - Regiment und die Garde du Corps persönlich vor. Am Nachmittag unternahmen die fürstlichen Herrschaften eine Umfahrt durch Potsdam, woran sich eine Dampferpartie auf der Havel schloß. Am Abend war große Galalafel, bei welcher der Kaiser ein Hoch auf den Kronprinzen, den Sohn seines hohen Verbündeten, ausbrachte. Aus die Tafel folgte ein Zapfenstreich, ausgeführt von sämmtlichen Musikkorps der Potsdamer, Berliner und Spandauer Garnison.
Berlin. Ueber die ersten Wadenstrümpfler wird der „Saale-Zeitung" vom Mittwoch aus Berlin geschrieben: „Heute zeigten sich in d-r O ff-ntlichkcit zum erstenmal die Eskarpins und man kann lischt behaupten, daß dies examen rigorosum der allerneuesten Hofmode günstig ausgefallen wäre. Es war auf dem Potsdamer Bahnhöfe, wo um 1 Uhr 5 Min. heute der Hofzug abge- laffen wurde. Ein gut Theil der hohen Civilchargen, einige Minister mit Inbegriffen, erschienen in der nichts weniger wie kicidsam.n KrUehose und mußten es sich trotz der zahlreich vertretenen Polizei gefallen lassen, von dem Publikum als wandelnde Kuriosa belächelt und vielfach bewitzelt zu w.rden. Selbst der ernst und gedankenvoll erscheinende General von Caprivi konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, als ihm einer dieser wad-nftrümpfigen Kollegen am Koupee in den Weg lief. Populär wird sich die neue Tracht sicherlich niemals gestalten, zumal dic dazu erforderlichen kräftigen Waden immer seltener zu werden pflegen."
* — Die alten und neuen Gehälter der Reichs- beamten. Nach Annahme des Nachtragsetats durch den Reichstag werden die Unterbeamten im inneren Dienst bei den Berk-Hrsanstalten, sitzt mit dem Durchschnitts- gxhalt von 1050 Mark, durchschnittlich 1200 Mark erhalten ; die Telcgraphenlcituvgs-Aufsehcr, Packetträgcr, Stadtpostboten, jetzt durchschnittlich 800, künftig 900 Mark; die Landbriefträger, jetzt (150, künftig 800 Mark; die Bureau- und Rechnungsbcamten erster Klasse, Ober- postdirektions-Sekretäre, Oberpostkassenbuchhaller, ebenso Postkassirer, Tclcgraphenamtskassirer, Oberpost-, Ober- telcgraphen-O kretäre, Vorsteher der Postämter 2. Klasse, sitzt durchschnittlich 2850 Mark und weniger, künftig durchschnittlich 3200 Mark; Postsckretäre und Telegraphen- sckrctäre jetzt 1650 bis 3000 Mark, durchschnittlich 2325, künftig 1700 bis 3500 Mark, durchschnittlich 2600 Mark; Oberpost- und Telegraphen-Assistenten, jetzt durchschnittlich 1950, künftig 2200 Mark; Bureau- und Rechnungsbeamte bei Obcrpostdireklionen dasselbe; Post- verwaltei, jetzt durchschnittlich 1625, künftig 1850 Mk., Post- und Telegraphen-Assistenten, jetzt 1350 bis 1500, durchschnittlich 1425, künftig 1500 bis 1700, durchschnittlich 1600 Mark; Rendanten der Oberpostkassen, jetzt im Durchschnitt 4200, künftig 4600 Mark; Vorsteher der Post- und Telegraphenämter 1. Klasse, jetzt im Durchschnitt 3900, künftig 4300 Mark.
Glogau, 9. Juni. Eine Hcxengeschichte fand vorder hiesigen Strafkammer vorgestern ihren Anschluß.
Sis Schiff s nicht ändern und das bisherige, von guten Erfolgen begleitet g w.sene vertrauensvolle Zusammenarbeiten im Dienste des Vaterlandes nicht stören werden. Dazu gehört freilich, daß die Verhandlungen in der Militärkommission nicht zu dem von den Freisinnigen erstrebten Resultate führen. Aber es ist in der Gesammtlage so wenig Grund vorhanden, eine Krisis herbeizuführen, daß wir an eine schroffe Wendung, wie sie der Sieg der freisinnigerscits bisher geltend gemachten Ansprüche enthalten würde, nicht zu glauben vermögen, vielmehr der Ansicht sind, daß die anderen Parteien insgesammt der Regierung, durch Genehmigung der Militärvorlage, deren Nothwendigkeit nach den gegebenen Aufschlüssen keinem Zweifel mehr unterliegen kann, das Vertrauen beweisen werden, welches sie bisher ihrer Gesammtpolitik cntgcgcngebracht haben. Insbesondere darf man wohl von dem Centrum erhoffen, daß es, nachdem es im Landtage durch ein bedauerliches Mißverständniß soeben das Scheitern einer Notlage bewirkt hat, im Reichstage eine gleiche Schuld nicht auf sich laben werde.
Der frühere Gastwirth Julius Pfeifer aus Görlitz hati^ mit seiner von ihrem Ehemanne getrennt lebenden Schwester unter dem Vorwande, er könne zaubern, dem Bauerngutsbesitzer Mücke in Gießmanusdorf bei Sprottau den ansehnlichen Betrag von ungefähr 2200 Mk. „ab- gehext". Die Verhandlung bot einerseits ein fast unglaubliches B ld von frecher Betrügerei, andererseits bewies sie, wie tief leider noch in unseren Tagen der Aberglaube hier und da eingewurzelt ist. Dem erwähnten Bauer Mücke, dessen Frau leidend war, redete Pfeiffer vor, daß sein ganzes Haus verhext sei, und das sei nur schuld an der Krankheit der Frau. Um deu Zauber zu bannen, müsse Mücke sein baares Geld zu- sammenhoien. Letzterer brächte nun auch 1100 Mk. herbei; Pfeiffer braute eine stinkende Flüssigkeit und grub dieselbe in einem Topfe, angeblich mit den 1100 Mark unter der Traufe seines Wohnhauses in die Erde. So wurden ein zweites Mal 825 Mk., ein drittes Mal aber noch 170 Mk., der Erlös für eine auf Pfeiffers Veranlassung verkaufte Kuh, am Charfreitage „vergraben". Die Schwester Pfeiffers vergrub, um auch das Ihrige bei der Sache zu thun, um das Haus herum 24 Wurzeln, wovon das Stück 2 Mk. kostete, und für „Medikamente" setzte sie noch 61 Mk. Die Strafkammer verurtheilte die sauberen Geschwister zu vier bezw. drei Jahren Gefängniß.
Königshütte (Oberschlesien), 8. Juni. In dem benachbarten Zaleuze haben gestern zwei Männer auf grauenerregende Weise sich bad Leben genommen. Der Bergmann Schafflick legte sich eine Dynamitpatrone an den Hals und zündete biejelbe an. Die Wirkung war gründlich. Unter furchtbarem Krach wurde Kopf und Hals zersplittert, der Brustkorb bloßgelegt und der Leib aufgeschlitzk. Eine gleich entsetzliche Wirkung hatte die von einem Barbirrgchülfen bewirkte Entzündung einer in den Mund genommenen Dynamitpatrone. Kopf und Hals des.Selbstmörders sind in Atome zerschmettert worden. Einige in der Nähe beschäftigte Arbeiterinnen wurden zu ihrem größten Entsetzen mit den umher- fliegenden Fleisch- und Gehirntheilen überschüttet.
Bom Harz, 10. Juni. Aus Harzburg wird ge« meldet, daß der Besitzer des kleinen „Kurhauses", der dasselbe vor 8 Tagen von der Ortsbehörde um 10,000 Mark käuflich übernommen hatte, dieses für 25,000 Mk. an einen Braunschweiger Herrn verkauft und daß im benachbarten Dorf Siebers der Wirth des GasthofeS „Zum Paß" dieses kürzlich erst mit 25,000 Mk. erworbene Anwesen ebenfalls an einen Braunschweiger Herrn um den Preis von 42,000 Mk. Weiterverkäufe hat. Man ficht, die Sp-kulation auf den Geldbeutel der Sommerfrischler und sonstiger Erholungsbedürftiger hat in unserer Gegend noch lange nicht ihren Höhepunkt erreicht.
Augsburg, 7. Juni. In unserer Stadt befindet sich ein Familienoberhaupt, welches kürzlich das Glück hatte, das 31. Kindtanfen abhalten zu dürfen. Von den 31 Kindern sind 22 von seiner ersten Frau, während die zweite ihn bis jetzt mit 9 erfreute. Von sämmtlichen 31 leben jedoch nur 4.
Stuttgart, 10. Juni. Aus Calw in Württemberg wird der Tod eines Kämpfers von Champigny gemeldet, der in Folge einer im Jahre 1870 erhaltenen Ver. wundung jetzt gestorben ist. Der Tagelöhner Schaible aus Martlnsmoos war als Oberkanonier inS Feld ge« zogen und hatte sich bei der Schlacht von Champigny dadurch das Eiserne Kreuz erworben, daß er bei seiner Kanone ausharrte und allein das Geschütz bediente, nachdem sämmtliche Mannschaften rechts und links neben ihm gefallen waren. Erst ein ihm in das linke Auge dringender Granatsplitter machte ihn kampfunfähig. Das Auge war verloren und der Mann erhielt als Invalide monatlich anfangs 54 Mk., nachher nur noch die Hälfte. Während der letzten Jahre machten ihn heftige Schmerzen in der linken Augenhöhle oft arbeitsunfähig. Der Mann starb jetzt an Gehirnentzündung, die, wie sich bei der Leichenöffnung herausstellte, durch einen noch in buf Augenhöhle sitzenden Knochcnsp.ittcr verursacht worden ist. Der Wackere hinterläßt zehn unversorgte Kinder. Er ward mit allen militärischen Ehren zu Grabe getragen.
Heidelberg, 10. Juni. Ein großer Juwelendiebstahl wuroe in einer der vergangenen Nächte hierselbst in einem in der Hauptstraße belegenen Juwelierladen ausgeführt und zwar entwendete der Dieb Wxrthgegenstänpx