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Schlucktein er Zeitung"

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Schlächtern, im Juni 1890. Der Herausgeber.

Deutsches Reich.

Berlin. Die Reisen unseres Kaisers dürften sich in allgemeine» Umrissen Authentisches ist noch nicht bekannt wie folgt gestalten: Gegen den 25. Juni Fahrt über Kiel nach Kopenhagen zum B suche des dortigen Hofes, dann Fahrt nach Christiania und Be­gegnung mit dem schwedischen Hofe, dann Aufenthalt an der norwegischen Küste bis in die vierte Juliwoche; Rückkehr nach Wilhelmshaven und Besuch in England (Insel Wight und Osborne). Daran schließt sich die Fahrt von Kiel nach Kronstadt und St. Peters mrg. Die großen Land- und Seemanöver bei Flensburg sollen am 2. September beginnen. Von hier begibt sich der Kaiser, dem sich die Kaiserin anschließt, nach Schlesien zu den dortigen Manövern und zur Be­gegnung mit dem Kaiser Franz Joseph.

- Ein recht anschauliches, aber nicht erbauliches Bild von der militärischen Lage Europas hat am Frei­tag der österreichische Kriegsminister Bauer vor dem Budgetausschuß der österreichischen Delegation entmotf.!. Der Kriegsminister erklärte, das Kriegsbudget müsse naturgemäß anwachfen, so lange der krankhafte Zustand des allseitigen Strebens nach einer Erhöhung der Kriegs­macht andauere; die Armeen seien Korckurrenzunter- nehmungm. Er habe viel größere Anforderungen stellen wollen, sich aber aus Rücksicht auf die Finanzer zu Einschränkungen bequemen müssen. Eine Erhöhung des Präsenzstandes sei unbedingt nothwendig, inwieweit dies jedoch geschehen werde, könne er selbst noch nicht sagen, da dir Frage vorläufig ftubirt werde; bis die Zeit g.kommen sei, werde die Sache auf dem einzig zulässigen gesetzlichen Weg behandelt werden. Die RUhrkosten für die Erhöhung des Präsenzstandes dürften ungefähr 100 Millionen betragen, vielleicht nur 80 Millionen, vielleicht aber auch 120 Millionen. Der gegenwärtige Zustand müsse zu Ende kommen durch eine Katastrophe oder durch eine entschiedene Gesundung des Friedens. Wir befinden uns in einem finanziellen Krieg, ge­schossen wird nicht, aber wir ruiniren uns."

Spaudau, 13. Juni. Heute Nachmittag 123/t Uhr fand in einem Trockengebäude in der neuen Pulver­fabrik, in welchem 26 Faß Pulver lagerten, eine Ex­plosion statt. Das Trockengebäude wurde vollständig verwüstet, eine größere Anzahl anderer Gebäude wurde stark beschädigt. In vielen Häusern wurden die Fenster zertrümmert. Von den Sirbeitern haben mehrere durch herumfliegende Trümmer und Splitter leichte Verletzungen | erlitten. Nach weiterer Meldung wurde der Unfall durch Schießbaumwolle herbeigeführt, welche daselbst zum Trocknen aufgehängt war und explodirte. Außer diesem Trockengebäude wurde noch ein zweites Gebäude mit fortgerissen. Der Betrieb der neuen Pulverfabrik ist thcilweise eingestellt. Von Personen sind etwa 10 leicht verletzt.

Dresden. In Lunzenüit starb dieser Tage eine arme Dulderin, die 78 Jahre alte Christiane Rost, gegen deren Leidenszeit selbst die des biblischen Kranken am Teiche Vethrsda nichts war. Die arme Frau konnte seit ihrem 16. Lebensjahre, also volle 62 Jahre lang, weder gehen, noch stehen, noch liegen. In einem eigene dazu hergestellten Lattenstuhl, in halb sitzender Stellung, hat sie ihre ganze lange 62 jährige Leidenszeit vollbracht, auf die Güte und Pflege ihrer Mitmenschen angewiesen.

Dirschau, I l.Juni. Ueber die bisher unauig klärte Ursache der furchtbaren Eisenbahn-Katastrophe auf hiesigem Bahnhöfe erhält man jetzt einiges Licht. Einer der Bahnwärter, der infolge eines Blitzschlages längere Zeit krank darnieder lag, will vor dem ihn treffenden Schlag deutlich wahrgenommen haben, wie der Lokomotivführer Hennig, vom Blitze getroffen, in die Arme seines Huzers gesunken ist. Hiermit stimmt auch der Leichenbefund üb r in, indem an dem Körper des gesitteten Lokomotiv­führers Hennig die Spuren von Brandwunden gefunden sind, welche man damals nur wiederstrebend auf das H"«usschrr»hxr» von glühenden Kshlenstücken zurück«

1 führte. Nimmt man nun noch hinzu, daß bei dies.m Vorgang auch der Heizer in Mitleidenschaft gezogen worden ist, dann kann die tolle Fahrt der führerlos ge- wordenen Lokomotive nicht mehr Wunder nehmen.

Aus Westfalen. . Die Lage der Kohlenwerk'. Es wird immer klarer, daß sich die Loge der Kohlenwwke in Rheinland Westfalen bedeutend verschlimmert hat, indem der Kohlenbedarf wesentlich hinter der Anspannung der Produktion zurückgeblieben ist, die sich sonach als eine üb rtricbene erweist. Schon die Preisermäßigungen, welchen sich die Werke bei den verschiedenen Schieds­gerichten willig unterworfen haben, zeigen, daß ein Um­schwung in der Konjunktur eingetreten ist und daß all die Vorhersaguugen, welche von spekulativer Seite aus­gegangen waren und einen wilden Taumel an der Berliner Börse hervorgerufen hatten, nichts als Ueber­treibungen waren. Nunmehr wird aus Dortmund gemeldet, daß im Kreis der Kohlen-Jndustriellen die Frage erörtert werde, ob man dem gegenwärtigen Miß­verhältnis zwischen Nachfrage und Angebot durch größere Arbeiter-Entlassungen oder dadurch entgegensteuern könne, daß auf allen Zechen des Bezirks allmonatlich einige Feierschichten eingelegt werden. Für beide Maßnahmen, schreibt. ein den dortigen Kohlen-Jndustriellen nahe­stehendes Blatt, finden sich Vertreter, indes dürfte die E idegung von Feierschichten wohl die Oberhand ge­winnen. Die künstliche Anhäufung von Coks und Kohlen auf den Hütten, bei den Eisenbahnen und in den Hafenplätzen, welche die Käufer gegenwärtig von neuen Abschlüssen abhalte, würde, wie man meint, durch dieses Mittel wesentlich vermindert werden. Die Frage solle in kürzester Frist ihre Entscheidung finden. Die Ruhe, die sich einiger Zit unter den Arbeitern des rheinisch-westfälischen Kohlenreviers herrscht, bedarf an­gesichts dieser Lage keiner weiteren Erkärung.

Greiz, 12. Juni. Ein Muster des Ergebeuheits- Stils liefert dieGreizer Landeszeitung" in folgender Auslassung:Burgk. 1. Juni. Heute Abend g-gen lO Uhr traf Se. Hochfürstliche Durchlaucht unser gnädigst regierender-st und Landesherr hier ein, HLchstwclcher, nach glücklicher Reise von Franzensbad mit dem Abend- ruge von Schleiz arkommend, im Tags vorher aus der Residenz hier angelaugten Hofwagen weiterfuhr. Da der volle Mond am Himmel stand, war die geliebte Person des durchlauchtigsten Landesherrn für die Burgk- bentobner, deren chrfuchtsvollen Gruß der einfahrende I bobe Burakherr trotz der vorgerückten Abendstunde in huldvoller Weise erwiederte, wie bei Tagcshelle sichtbar, so daß sich die beglückten Burgker hocherfreuten Auges von dem allerhöchsten Wohlbefinden des treuen Landes- vaterS überzeugen konnten."

Kattowitz. Auf den Bruchfeldern der benachbarten Hohenlohehütte hütete ein Knabe, trotzdem das Betreten der Bruchfcldcr von Kohlengruben (die durch Warnungs­tafeln mit Todtenköpfen kenntlich gemacht sind) streng verboten ist, seine Ziegen. Plötzlich ging das brüchige Terrain unter furchtbarem Getöse nieder und aus der trichterförmigen Oeffnung stiegen mächtige Staubwolken empor. Sie hatte den Knaben mit sammt seinen Z egen verschlungen. Die Leiche wird wegen der Gefährlichkeit des Terrains nicht geborgen werden können.

Wurzburg, 13. Juni. Vorgestern starb nach schweren Leiden in Folge Blutvergiftung durch Leichengift der Student der Medicin Felix Schwarz ans Naumburg a. S. Er kam während der Sektion einer Leiche mit dein Finger an eine wunde Stelle seiner Oberlippe. Bald war das ganze Gesicht derart angeschwollen, daß er nicht mehr im Stande war etwas zu genießen. Die Speisen mußten ihm durch ein Röhrchen beigebrach! werden.

KalteunorSherm, 11. Juni. Ein Schurkenstreich erster Sorte ist auf dem BraunkohlenbergwerkKarl August" verübt worden, indem das Seil das Förder- schachtts so zerschnitten worden ist, daß es beim Empor- winden von Kohle oder Erde auf alle Fälle hätte zer-

raßen müssen, was natürlich zur Folge gehabt haben wurde, daß Die am S ile befindliche Last in die Tiefe und auf die unten im Stollen befindlichen Arbeiter gr- ttürzt wäre, wodurch viel Unglück hätte entstehen können. Die Frevler hatten die Schnitte an dem Seile mit Erde überzchmiert, sodaß man von Glück sagen kann, daß die Beschädigung des Seiles noch zeitig genug be­merkt worden ist. Seitens der Grubenverwaltung ist eine Belohnung auf die Entdeckung des Thäters ausge­setzt. Es wäre wahrlich zu wünschen, wenn der ruchlose Mensch, der vorsätzlich das Leben Vieler der höchsten Gefahr aussetzt, ermittelt würde.

Lokales und Provinzielles.

* . _ * Schlüchtern, 17. Juni.

* - dem Fahrrad -Wettfahren am vorigen Sonntag von Salmünster über Schlüchtern nach Fulda wurde die 42 Kilometer lange Strecke von Herrn Robert Bäumler aus Fulda in 1 Stunde 49 Min 34 Sec. zurückgelegt. Zweiter war Herr Höß aus Wiesbaden, wckcher 1 Stunde 54 Min. 1 Sec. gebrauchte. Einige andere der Radfahrer gaben das Rennen in Folge Ermattung schon bei Bronzell auf.

* Aas den Kreisen der Landwirthschaft erklingt i-6t der Ruf zum Ausstechen der überaus zahlreich wGorudru Disteln. Werden diese jetzt nicht gestochen und "ö-kuMter, so treten dieselbe« in Kürze in »Blüthe, und der entwickelte Samen wird dann nach allen Wind­richtungen ausgestreut, um zum nächsten Frühjahr zu keimen und ganze Flächen neu zu überziehen.

* Aus den verschiedensten Gegenden wird ge­meldet, daß die Aussicht auf eine gute Obsternte zu der uns die reiche Blüthenpracht der Obstbäume'und die sehr günstige Blitthezeit dieses Jahres berechtigten wieder nicht in Erfüllung gehen wird. Die Haupt­schuld daran tragen die Insekten, die in diesem Früh­jahr einen sehr großen Theil der Blüthen vernichtet haben. Gegenwärtig finden sich auf den Obst- und vor­zugsweise auf den Apfclbäumcn sehr zahlreiche Raupen- nester, und werden die Raupen das ZerstörungSwerk an den Obstbänmen weiter fortsetzen. Die treueften Bundesgenossen int Kampfe gegen das Ungeziefer sind bekanntlich die Vögel. Es ist barum eine 'ernste Pflicht aller Obstbaumbesitzer, aller Forst- und Landwirthe, bitte Kamp genossen zu hegen und zu pflegen, sie zu schützen gegen ihre vielen Feinde, zu denen namentlich die wildernden Katzen gehören. Das Vertilgen der jetzt häufig üoOommenben Raupen sollte man jedoch nicht den Vögeln allein überlassen, sondern selbst nach Kräften die RaupennZter zerstören. Dies geschieht wohl am leichtesten, wenn man Watte rc. mit Petroleum oder mit Spiritus tränkt, dieselbe, nachdem man sie auf die Tp'4- einer Stange befestigt hat, anzündet und die Flamme einige Augenblicke durch die Raupengewebe schlage« läßt. Auf diese Weise werden dieselben zerstört und dem Baume hiermit durchaus nicht geschadet. Mit einer Spirituslampe - getränkte Watte in einer Blech- Hülse kann man in kurzer Zeit viele Raupen ver« nichten.

* Brutgeschäft und Hypnotismus. Ein Corre- spondkl'.t des LondonerSpeklator", ein gewisser Chaplin erzählt folgendes interessante mit einer Henne angestellte Experiment. Er hatte einige feine, aber nicht ganz frische Eier zum Ausbrüten erhalten. Leider besaß er feine Brutmaschiiie und keine Bruthenne. Um sich aus der Schwierigkeit zu helfen, nahm er ein beliebiges Huhn, setzte es auf die Eier und hypnotisirte eS, um es zum Sitzen zu benagen. Das Experiment gelang glänzend. Am ersten Tag nahm es eine halbe Stunde in Anspruch, bis die Henne in einen hypnotischen Zu­stand versetzt war. An den darauffolgeuden Tagen weckte er sie kurze Z lt, um ihr Futter und Wasser zu geben, und schläferte sie in viel kürzerer Zeit wieder ein. Das Ergebniß war, daß von den sieben nicht ganz fristen Eiern vier ausgebrütet wurden. Die Küchlein