IchlüchternerMung
Erscheint Mittwochs und Sonnabends. — Preis vierteljährlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
Samstag, den 5. Juli
1890.
ISofblhttlAMt auf die „Schlüchterner Z-itung« 5PI,pi.tUUIiyi werden noch fortwährend von allen -■'...... ' - PostanstaltenundLandbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser ist wohlbehalten in Christians eingetroffen. Der deutsche Gesandte, der Generalkonsul v. Oertzen und das Komitee der städtischen Behörden waren dem Kaiser entgegengefahren. In Christiania sind die Häuser reich beflaggt und geschmückt. Der Frcmdcnzufluß war sehr bedeutend.
— Die Vermählung der Prinzessin Viktoria mit dem Prinzen Adolf von Schaumburg-Lippc soll, wie in Hofkreisen verlautet, am Gcbuitstage der Kaiserin Friedrich, den 21. November in Berlin stattfinden.
* — Eine Zeitlang hieß es, die großen 20-Pfennig- Nickelstücke hätten sich als unpraktisch erwiesen und man wollte eS mit einer anderen Prägungsart versuchen, event, auch die kleinen alten Silbermünzen beibebaltcn. Und wirklich wurden die großen Stücke seltener im Verkehr, während die kleinen, so leicht dem Volleren auSgesetzten Münz-Sorlen, die nahezu von der Bildfläche zu verschwinden begannen, wieder häufiger auf- tauchten. Nun scheint man aber doch an der Form der großen Nickelstücke festzuhalten, denn die Prägung der Nickel-20-Pfennigstücke wird jetzt an den deutschen Münzstätten mit solch' regem Eifer betri den, daß von dieser Münz-Sorte nunmehr gegen 19'/s Millionen Stücke geprägt sind.
In Ulm hat am Sonntag die Einweihung des re« novirten herrlichen Münsters, das jetzt den höchstes Kirchthurm Europa's ausweist, stattgesunden. In Gegenwart des Königs Karl von Württemberg haben am Montag die Hauptfestlichkeiten bei der Münst-rfeir: m Ulm stattgesunden. Mittags wurde ein historisches Festspiel zur Darstellung gebracht, an welches sich am Nachmittage ein glänzender Festzug anschloß. Das Wetter ist den Ulmer Festlichkeiten nicht hold. Das Fischerstecken und daS Volksfest haben verschoben werden müssen.
Glogau, 29. Juni. Eine für Landwirthc wichtige Entscheidung fällte vorgestern die hiesige Strafkammer. Der Halbdauer Wulke und der Frustellenbesitzer Adam, beide aus Kunzendorf, waren der UVertretung des § 14 der Reichsgewerbeordnung, sowie der entsprechenden Bestimmungen des Strafgesetzbuches beschuldigt. Der A klage liegt folgender Thatbestand zu Grunde: In Kunzendorf pachtet eine Anzahl Besitzer, um das nöthige Vichfuiter für ihren Wirthschaftsdedarf zu erzielen, von der herzoglichen Forstverwaltung in Primkenau Bruch- wiesen. In günstigen Jahren sind die Wiesenpächter in der Lage, größere Quantitäten Heu verkaufen zu können, während bei ungünstiger Witterung in manchen Jahren kaum der nothwendige Bedarf geerntet wird. Einzelne Besitzer sollen zum erstgenannten Falle bis 500 Zentner Heu verkauft haben. Gegen diese Heu- verkäuse sind bisher Einwendungen nicht erhoben worden. In diesem Jahre aber wurden mehrere Besitzer auf Grund einer Denunziation angeklagt, mit dem Heu- verkauf ein steuerpflichtiges Gewerbe zu betreiben, ohne der zuständigen Behörde Anzeige gemacht zu haben. In Folge dessen erhielten die Betreffenden Strafmandate zugestellt, gegen weiche sie beim Schöffengericht Widerspruch erhoben, jedoch ohne Erfolg. Die obengenannten beiden Besitzer beruhigten sich mit der Entscheidung des Schöffengerichts aber nicht und legten Berufung bei dem Landgericht ein. Die Strafkammer hat die Ueberzeugung nicht gewonnen, daß die Besitzer die Wiesen nur zu dem Zweck gepachtet hätten, um den Verkauf von Heu betreiben zu können, und sprach ferner j die Ansicht aus, daß gegen einen Besitzer, welcher daS von gepachteten Wiesen gewonnene Heu verkaufe, die Bestimmungen der Gewerbeordnung keine Anwendung sinken könne, da der landwirthschaftliche Betrieb kein Gewerbe sei. Die Angeklagten wurden deshalb frei- gesprochen und die Kosten der beiden Instanzen der Staatskasse auferlegt.
AuS Ratibor wird berichtet: Auf der Grenze zweier benachbarten Besitzungen in Rudiuck befand sich ein Stachelbeerstrauch, über dessen Nutznießung zwischen den Nachbarn, welche die Früchte jahrelang gemein» schästtich gepflückt hatten, plötzlich Streit rntsmnd. Der
durch mehrere Jistrnzen mit großer Hartnäckigkeit von beiden Seiten geführte Prozeß ist nun endlich dahin entschieden worden, daß jedem der beiden Nachbarn das Recht der Nutznießung des streitigen Strauches zu- gesprochen und Beide zur Prägung der Kosten vcr- urtheilt wurden. Die Kosten betragen für Jeden 225 M., zusammen also 450 M., während der Gc- sammtertrag des betreffenden Stachelbeerstrauches kaum 50 Pf. betrügt.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, den 3. Juli.
* — Versetzt wurde Lehrer Dippcl zu Reinhards nach Wallroth, Bachmann zu Breunings nachGünstc- rod:, Kreis Melsungen, Blum zu Wehnshausen, Kreis Hersfeld, nach Reinhards, Kreis Schlüchtern. Zum Lehrergehilfen wurde bcstclltSchulamtscandidatDeisen- roth aus Solz an die Schule zu Uttrichöhausen.
* — Aus dem Leserkreise unseres Blattes erhielten wir nachstehende Zuschrift, welche eine Erklärung des Namens „Acisbrunnen" zu geben sucht, mit der Bitte um Veröffentlichung:
Ad vocern, Acisbrunnen. Die Mythologie erzählt: Polyphenes, ein ungeheurer Cyklop, der alle übrigen an Größe übertraf, wohnte in einer Höhle auf der Insel Sicilien. Er war ein Sohn des Neptun. In seiner Jugend liebte er die Meernymphe Galatca, und als ihm diese den jungen Schäfer Acis, einen Sohn des Faunus und der Nymphe Symäthis, vorzog, zerschmetterte er denselben fast in ihren Armen mit einem vom Aetna abgerissenen Felsstück. Galatea tauchte noch zur rechten Zsit ins Meer unter, und als sie das Blut ihres Geliebten unter dem Felsen hervorfließen sah, verwandelte sie solches in eine lebendige Quelle; AcrS aber wurde als ein Flußgctt verehrt. — Nach dieser Mythe kann die liebliche, viel besuchte Quelle in den Waldanlagen bei Bahnhof Schlüchtern ihren Namen erhalten haben.
*— Welche Wetterpropheten werden Recht behalten? die moderne Hamburger Wetterwarte oder der uralte Siebenschläfer, oder die Esche und E'che des Waldes? Die Wetterwarte behauptete vor einigen Tagen, daß anhaltend trockenes, ruhiges und warmes Wetter zu erwarten sei. Der Siebenschläfer dagegen ist mit Regen ins Land glommen und seitdem regnet es jeden Tag, hoffentlich nicht 7 Wochen. Schon im Frühjahr traten Propheten aus, die einen nassen Sommer verkündigten, weil die Eiche vor der Esche getrieben hat, und eine alte Wetterregel besagt: „Treibt die Esche vor der Elche, hält der Sommer große Bleiche; treibt die Eiche vor der Esche, hält der Sommer große Wäsche."
* — Ein RechtSfall ist kürzlich entschieden worden, der durch die Begründung des Urtheils das höchste Interesse der Gemeindevorstände verdient. Der Ehemann der Klägerin war seiner Zeit in dunkler Nacht in einen durch die Dorfstraße laufenden Graben gefallen, welcher nicht eingefriedigt und in jener Nacht nicht beleuchtet war. Er hatte durch den Sturz das Genick gebrochen und blieb auf der Stelle todt. Weil die Gemeinde den „Abhang" nicht genügend verwahrt hatte, ist sie ver- urtheilt worden, für den, der Wittwe und den Kindern durch den Verlust ihres Ernährers erwachsenen Schaden Ersatz zu leisten.
* -- Den Mannschaften des Beurlaubtenstandes und der Landwehr stehen im Laufe des Sommers und Herbstes sehr zahlreiche Einberufungen bevor. Da aber das neue Gewehr M 88 viel einfacher zu handhaben ist, als alle früheren, so ist, wie der Kriegsminister erklärt hat, nur eine zehntägige U-bungsdauer in Aussicht genommen. In Folge dieser Abkürzung können erheblich mehr Leute üben als in früheren Jahren.
* — Aus der Straskammersitzung vom 30. Juni. Ein Dienstknecht von Weichersbach ist beschuldigt: 1., in der Nacht zum 1. September 1889 zu Breunings aus dem benachbarten Hause eines Zieglers mittelst Einschleichens eine Federdecke, zwei Kissen, ein Pfühl, ein Stück Speck, einen Schwartenmagen, ein Stück geräuchertes Schweinefleisch und einen Futterkorb; 2., einem Wirth in Weichersbach 6 Maaß Frucht; 3., in der Nacht zum 14. Februar 1890 einem Oekonomen zu Willingshof mittelst Einbruchs 70 Pfund Wurst gestohlen zu haben. Die Ehefrau des Angeklagten ist der
Hehlerei und des Beistandes beschuldigt, wurde aber von dieser Anschuldigung, weil nicht vollkommen erwiesen, freigesprochen. Der Angeklagte dagegen wurde der drei Diebstähle schuldig erkannt und in eine Gesammlstrafe von 1 ’/a Jahr Zuchthaus und 3 Jahre Ehrverlust verurtheilt.
* — In Folge immer wieder vorkommender Fälle, in denen Reisende auf den Stationen falsche Züge besteigen und so sich auf eine unrichtige Strecke begeben, dann aber die ganze Schuld den Schaffnern beimessen, haben mehrere königliche Eisenbahn-Direktionen auf's Neue zur Kenntniß des reisenden Publikums gebracht, daß jeder Reisende selbst für daS Aussteigen auf seiner Ziel-Station zu sorgen habe. Ebenso sei er selbst da- für verantwortlich, daß er auf den Wagenwechsel« Stationen, wo Züge nach verschiedenen Richtungen ab- fahren, in den richtigen Zug einsteigt. Ein über seine Ziel-Station hinausfahrender Reisender könne Ansprüche an die Eisenbahnverwaltung nicht erheben und ebenso wenig könne der Schaffner dafür in Anspruch genommen werden.
Neuhof, 1. Juli. Heute Nachmittag gegen 3 '/» Uhr wurden der Bauer Joseph Hill-nbrand und sein Sohn von Ellers während des G.wilters auf der Wiese vom Blitze getroffen. Der Blitz fuhr beim Vater zur rechten Rückenscite hinein und an dem Magen herum; der eine Theil des Blitzes soll den Sohn getroffen haben, welcher bloß oben am linken Bein verletzt wurde. Die Verletzungen des Vaters sollen dem Vernehmen nach gefährlich sein. (F. Ztg.)
Kassel, 29. Juni. Auf dem Grundstuck der alt- renommirten, in den weitesten Kreisen bekannten Möbeltransport- und Speditionsfirma Bröckelmann sen. und Grund entstand gestern Abend zwischen 6 und 7 Uhr ein jener in dem Lagerhaus! am Akazienweg. Es befanden sich Möbel, Waaren, Kaufmannsgüter aller Art für fremde Rechnung darin. Gerade wo die beiden Flügel des Gebäudes uneinanderstoßen, war daS Feuer ausgebrochen und verbreitete sich nun mit rapider Schnelligkeit, so daß in kurzer Zeit das ganze umfangreiche Lager in Flammen stand. Mit Hilfe des Ge- schüftspersonals und der Nachbarn wurden eine Menge Möbel und Waaren gerettet. Das Werthvollste aber waren 27 große K-sten mit dem Archiv des letzten Kur- surften von Hessen, welches der Firma von dem Sohne des Kurfürsten, Prinzen Carl von Hanau, in Verwahrung gegeben worden war, weil es in den nächsten Tagen nach Schloß Hortzowitz in Böhmen spcdirt werden sollte. Als der Prinz von dem Brande Kenntniß erhielt, eilte er sofort auf die Brandstätte und war selbst mit dabei thätig, daß-die Kisten, welche das kurfürstliche Archiv bergen, in Sicherheit kamen. Die Feuerwehr hatte den Brand sehr rasch lvkalisirt und ein Weiterumsichgreifen verhütet; auch ist der größere Theil des Lagers fremder Kaufmannsgüter gerettet, dagegen sind viele Möbel, Betten und ganze Haushaltseinrichtungen im Werthe von 150—200,000 Mark, die hier für fremde Rechnung lagerten, verbrannt. Der Schaden ist glücklicherweise durch Versicherung gedeckt.
Frankfurt a. M., 30. Juni. Der heute Abend zu Ehren des scheidenden Oberbürgermeisters Miquel gebrachte Fackckzug bot ein glänzendes Bild. Eine Abtheilung der freiwilligen Feuerwehr mit einem Trommlerkorps an der Spitze eröffnete den Zug, dann folgten verschiedene Musikkorps, die Mitglieder bei Komitees, die Frankfurter Rudervercine, die oberen Klasse der höheren Schulen, die gesammte Frankfurter Turnerschaft, abermals Musikkorps, die Schützen, Radfahrer u. s. w.; den Schluß bildet wieder eine Abtheilung Feuerwehr. Der Zug bewegte sich von der Taunusanlage nach der Wohnung MiquelS in der Leerbachstraße, von dort zurück nach dem Opernplatz durch die neue Mainzerstraße, die Junghofstraße nach dem Roßmarkt, wo die Auflösung des Zuges erfolgte. Miquel dankte für die ihm gebrachte Ovation vom Balkon seiner Wohnung aus und brächte ein Hoch auS auf die Frankfurter Bürgerschaft.
Limburg. Ein 89 jähriger Einwohner in dem benachbarten Lindenholzhausen, welcher an Asthma litt, suchte ärztliche Hilfe nach und bekam zur Linderung Tropfen verschrieben, von welchen er täglich dreimal je 15 Tropfen nehmen sollte. 15 Stück hielt der Patient für seine Person zu wenig und trank deßhalb b«#