Einzelbild herunterladen
 

Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

M 60. Samstag, den 26. Juli 1890.

Deutsches Reich.

Berlin. Prinz Heinrich hat sich nach derMagd. Ztg." bereit erklärt, vas Protektorat über einen in der Bildung begriffenen deutschen Marinebund zu über­nehmen. Dieser Bund soll nach dem Muster des deutschen Kriegerbundes eingerichtet werden und seinen Sitz in Kiel haben.

Die Stimmung der Helgoländer aus Anlaß der Abtretung ihrer Insel an Deutschland ist vielfach als ungünstig dargestellt worden. Diese B.hauplung erweist sich als entschieden unrichtig. Vor einiger Zeit fand bereits eine Versammlung der ersten und angeschendsten Helgoländer statt, welche einen Ausschuß mit dem Auf­träge wählte, eine Dankes- und Ergebcnhcitsadrcsse an Kaiser Wilhelm vorzubereiten, und am 18. Juli wurde eine stark besuchte Volksversammlung abgehalten, in der die besten Elemente der Helgoländer Einwohnerschaft zahlreich vertreten waren, und welche beschloß, sich in einer Adresse von der Königin von England dankend zu verabschieden,in dem Augenblick, da die Helgoländer mit dem ihnen stammverwandten Volke wieder vereinigt werden sollen." Di-Adresse wurdesofortmit zahlreichen Unterschriften bedeckt.

Btrliu. Das düstere Bild großstädtischen Lebens, welches der Mordfall Wende bietet, wird durch weitere Meldungen noch verstärkt: Am letzten Sonnabend sind nicht weniger als vier Leichen neugeborener Kinder (darunter eine mit zertrümmertem Schädel) an ver­schiedenen Stellen der Stadt aufgefunden worden.

Dresden, 20. Juli. Längere Unterhandlungen mit der sächsischen Regierung veranlaßten die Gewährung von Kouzessionsbedingungen an den Civilingenieur Rödbela in Dresden zur Führung eines elektrischen Kabelnetzes zwecks Kraftübertragung und Beleuchtung direkt von den Kohlengruben des Plauen'.icheu Ginndes nach Dresden und durch insgesammt 168 mehr oder minder industrielle Ortschaften der Dresdner Umgebung. Es wird beabsichtigt, das Königreich Sachsen durch fünf ebensolche Netze mit Elektrizität zu versorgen.

Wie aus Dresden geschrieben wird, verurtheilte das dortige Schöffengericht in seiner letzten Sitzung eine Frau, die einem Hochzeitspaare von der vierten Etage hinab bis auf die Straße Häcksel gestreut hatte, wegen Beleidigung zu 14 Tagen Gefängniß. Der Volksglaube erblickt bekanntlich in dem Häcksclstrcnen einen boshaften Ausdruck aller schlechten Wünsche. Die Verurtheilte wurde bereits früher wegen eines gleichen Vergehens mit einer achttägigen Haftstrafe bei gt.

Bremen, 21. Juli. Die hiesige Firma Plump u. Heye wurde bekanntlich durch ihren Prokuristen I. Vetters um Hunderltausendc beschwindelt, welche derselbe zum großen Theil der mit ihm verhafteten Inhaberin eines Damenkonfcktionsgcschüfls Cohn zuwandte, um dieselbe vor Zahlungseinstellung zu bewahren. Vetters hing an der viel älteren Frau mit blinder Ergebenheit. Nach den beendeten Vorcrmittclungcn beläuft sich die unter­schlagene Summe auf etwa 1,700,000 Mark. Aus der Konkursmasse der Frau Cohn sind zur Vertheilung unter die Gläubiger nur 100,000 Mark verblieben.

Wernigerode, 20. Juli. Ein ähnlicher Unfall wie in Lüdenscheid ereignete sich in dem benachbarten Becken - stedt. Beim dortigen Schützenfeste zersprang die Kanone der Schützengilde und die Eisrntheile tödteten einen auf Urlaub befindlichen Artilleristen.

Wegen Theilnahme an einerGebehochzeit" hatten sich aus Lethmalhe 28 Personen vor der Strafkammer zu verantworten. Ein Arbeiter daselbst, ein Mann, der keineswegs in der Lage ist, große Ausgaben für seine Hochzeit zu machen, hatte zu derselben über 100 Leute geladen, die in der bei solchen Gebchochzeiten üblichen Art ihre Geldgeschenke machten. Dafür haben die Gäste das Recht, an dem Hochzeitsschmaus Theil zu nehmen. Solche Gebchochzeiten sind verboten, weil die Veranstalter damit ein Geschäft zu machen suchen. _ Der Wirth, bei dem die Feier stattfand, wurde zu 75 Mk., der Ver­anstalter der Hochzeit zu 30 Mk. und jeder der Theil- nehmer zu 9 Mk. Geldstrafe verurtherlt.

Saarbrücken, 20. Juli. Eine italienische Räuber­bande hatte sich in letzter Woche im Köllerthaler Walde, einem verrufenen Stück des Hunsrückens, int Kreise Saarbrücken gelegen, niedergelassen. Die Räuber waren mit Dolchen, Revolvern und anderen Mordwaffen aus- -erüstet und stammten wirklich aus dem Lande Rinaldo

Rinaldinis: es innren echte, unverfälschte Italiener. Sie hatten gehofft, in einer Glas- oder Eisenhütte Beschäftigung zu finden, und als ihnen dies mißlang, schlugen sie sich seitwärts in den Köllerthaler Wald und verlegten sich nach derMagd. 3 " auf den Straßen­raub, auf Einbruchsdiebstähle und dergleichen in das Banditenfach einschlagende Arbeiten mehr. Im Allge­meinen bewahrten sie dabei die sprüchwörtliche Höflich­keit der italienischen Räuber. Sie nahmen den Leuten einfach ihr Geld und ihre Werthsachen ab und ließen sie dann unbehelligt weiter ziehen. Nur einem einzigen Manne ist es schlimmer ergangen. Dieser war den Wünschen der Herren Räuber in keiner Weise entgegen- gekommen, weshalb sie ihn außer seinem Geld auch seiner gesammten Kleidungsstücke beraubten. Splitter­nackt, wie Adam das Paradies, mußte der Aermste den Köllerthaler Wald verlassen. Endlich eröffneten die Bewohner des Köllerthalcs unter polizeilicher Leitung ein großes Treibjagen auf die ungebetenen Gäste aus dem Süden, und es gelang, die Mehrzahl der Räuber festzunehmen. Nunmehr liegt die Bande in Banden und im Köllerthaler Walde herrscht wieder die alte Sicherheit.

Karlsruhe, 22. Juli. Ein gräßliches Unglück er­eignete sich gestern früh am Neubau der Kadettenanstalt. Dortselbst brach ein Gerüst, wodurch zahlreiche Arbeiter herabgestürzt und theilweise schwer verletzt wurden. Ca. 20 Mann wurden alsbald mittelst Droschken nach dem städtischen Krankenhause überführt, einige sindbereits gestorben.

Aus dem Schwarzwald, 19. Juli. Ein Schild- bürgerstück haben sich in einem Dörfchen des Schwarz- waldes die Overhäupter geleistet, als die Frage erledigt werden sollte, wie eine neue Orgel beschafft werden könne. Der Jetztzeit entsprechend, muß die Lieferung auf demSubmissionswege" geschehen, Schreiner und Schmied sind am Orte, nur derWindmacher" fehlte, und der mußte gesucht werden, also wurden in der Submission die einzelnen Positionen mit Voranschlag aufgeführt, darunter:Schreinerarbeiten für Holz- pfeifen" (das sollte der Ortsschreiner besorgen):Blechner- arbeit für Blechpfeifen" (das mußte derSchmied" liefern können);Windmachcrarbeit" dafür fehlte eS jedoch an dem betreffenden Lieferanten. Da kam ein Neuling in den Ort, der den Räthen klar machte, daß es Orgelbauer gäbe, die auch denWindmacher" gleich mitliefern. Die klugen Rathsherrn sollen dazu recht lauge Gesichter gemacht haben.

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchtern, 25. Juli.

* Eine Entscheidung des Reichsgerichts, welche in diesen Tagen ergangen ist, verdient die weiteste Ver­breitung. Ueber die Frage, unter welcher Voraussetzung Jemand als Verschwender erklärt und unter Kuratel gestellt werden könne, sagt das Reichsgericht u. a. Folgendes: Es muß nach den geltenden Grundsätzen des Rechtes angenommen werden, daß die Entmündigung wegen Verschwendung dann gerechtfertigt erscheint, wenn durch eine sorgsame Untersuchung festgestellt wird, daß Jemand bei seinen Ausgaben weder Maß noch Ziel zu halten weiß, daß er übermäßige, zu seinem Vermögen in keinem Verhältniß stehende Ausgaben macht und daß er eine solche Lebensweise führt, welche bei fernerer Fortsetzung zu seiner Verarmung führen muß. Es ge­nügt somit, daß Jemand in einem Maß, welches zu seinen wirklichen Lebensbedürfnissen in einem gänzlichen Mißverhältniß steht, von seinem Vermögen verausgabt habe, und daß, wenn dieser unvernünftigen Handlungs­weise nicht durch Entmündigung deS Verschwenders ein Damm entgegengesetzt wird, seine gänzliche Verarmung in kurzer Zeit zu befürchten sei. Es ist nicht erforder­lich, daneben festzustellen, daß die unvernünftige und verschwenderische Lebensweise auf eine krankhhfte Geistes- bcschassenheit oder eine abnorme Willensschwäche zurück- zuführen sei.

* Seitens des ReichsversicherungSamtes sind den beteiligten Orts- rc. Krankenkassen jetzt die Stimmzettel zu den Wahlen des Ausschusses für die Alters-, Jnva- liditäts-Versicherung zugegangen. Für die Provinz Hessen-Nassau wird eine besondere Versicherungsanstalt mit dem Sitz in Kassel gebildet und liegt es dem zu wählenden Ausschuß, welcher zur Hälfte aus Arbeit­

gebern und zur Hälfte aus Versichernngspflichtigen be5 steht, ob, die Statuten genannter Anstalt festzustellen, auch die Wahlen zu den Schiedsgerichten, von denen für jeden Kreis eines bestimmt ist, vorzunehmen. Binnen zwei Wochen müssen die Wahlen vollzogen sei n.

* Das Reichsversicherungsamt hat an die B^rufs« genossenschaften ein Rundschreiben erlassen, um deren Ansichten über gewisse Punkte der Unfallversicherung, welche eine Verbesserung wünschenswerth erscheinen lassen, kennen zu lernen. Der dem Rundschreiben beigegebene Fragebogen enthält 18 Fragen, deren Beantwortung bis zum 15. August erbeten wird. Von diesen Fragen sind als von allgemeinem Interesse folgende Hervorzu- Heben: Soll die Unfallversicherung auf Strafgefangene erstreckt werden? Soll eine festgestellte Rente ruhen, so lange der Berechtigte eine die Dauer von einem Monat übersteigende Freiheitsstrafe verbüßt? Sollen die Berufsgenossenschaften unter Unterständen berechtigt sein, bei theilweiser Erwerbsunfähigkeit die Rente durch eine angemessene Kapitalzahlung abzufinden? Soll zu­gelassen werden, daß kleinere landwirthschaftliche Betriebe, welche den Charakter als Nebenbetrieb eines industriellen Betriebes aufweisen, in die Kataster der industriellen Bcrufsgenossenschaften Aufnahme finden und umgekehrt? Soll die Abfindung eines das Reichsgebiet dauernd ver­lassenden Ausländers ein für allemal auf den dreifachen Betrag der Jahresrente festgesetzt werden? Soll eine Strafe angedroht werden u. a. gegen Unternehmer, welche die Versicherten in der Uebernahme oder Ausübung eines Ehrenamtes beschränken, und gegen Unternehmer, welche die von ihnen zu leistenden Beiträge den von ihnen beschäftigten Personen auf den Lohn in Anrech­nung bringen?

* Der Pflanzenfreund sammele sich Roßkastanien, koche dieselben ab und hebe die erhaltene Flüssigkeit in fest verkorkten Flaschen auf. Begießt man mit dieser Flüssigkeit seine Topfgewächse, denen sie durchaus un­schädlich ist, so tobtet man entweder alle Würmer, welche den Pflanzenwurzeln schädlich sind, oder dieselben kommen doch an die Oberfläche der Erde und können hier be­quem abgelesen und vernichtet werden.

* Für Fuhrwerksbesitzer. Das Hanauer Schöffen­gericht verurtheilte am Montag einen Fahrburschen zu 10 Mark Geldstrafe, weil er auf der Landstraße nach Kessclstadt einem Radfahrer nicht vorschriftsmäßig nach rechts ausgewichen ist und damit den gesetzlichen Be­stimmungen über den Fuhrwerksverkehr entgegen ge­handelt hat.

* Schutz der Hände beim Einsieden. Um die Hände beim Einsieden von Früchten rc. gegen das Ge- färbtwerdcn zu schützen, empfiehlt eS sich, dieselben vor­her tüchtig mit starkem Essig zu waschen und sie dann gut abzutrocknen.

Soden-Stolzenberg, 21. Juli. Am 11. Mai wurde dahier das im vorigen Jahre neu errichtete Kurhaus eingeweiht. Seitdem ist der Andrang zu dem hiesigen Soolbade so stark, daß man ernstlich an eine Erweite­rung deS Neubaues denken kann. Angesichts der Fre­quenz und der sehr günstigen Lage des Bades hat sich Herr Dr. Otto Emmerich, der sich bereits hier nieder­gelassen hat, entschlossen, ein Sanatorium für Nerven« leidende und Morphimisten zu bauen. Ein Grundstück von 1 St. 60 Ar ist zu dem Zwecke bereits vor einigen Tagen angekauft worden. In Bälde wird mit dem Baue begonnen werden. Ein anderer Herr hat ein großes Grundstück erworben, um eine breite Chaussee in den hiesigen Stadtwald zu führen und Neubauten zu schaffen. Gegenwärtig steht man mit Unterhandlungen mit mehreren bedeutenden Geologen zwecks Bohrung eines Sprudels. Bei solcher Sachlage eröffnet sich für Soden eine sehr günstige Perspektive.

Kassel, 21. Juli. Eine für die Gewinner kost­spielige Mähmaschine gewannen auf der Fritzlaer Pferde­markt-Lotterie einige Herren von hier. Dieselben, tele­graphisch von einem Haupt-Treffer, den ihr Loos, dem Vernehmen nach, gemacht habe, in Kenntniß gesetzt, eilten sofort in großer Freude an den Ort, wo Fortuna ihr Füllhorn für sie geöffnet hatte, verschmähten natür­lich in der Erwartung, den berühmten Zweispänner den ihren heißen zu können, die prosaische Eisenbahn-Fahrt und nahmen einen eleganten Landauer. Dort ange« kommen, eröffneten dieselben alsbald zur Feier deS glücklichen Ereignisses ein lukullisches Mahl und leider