chluchternerMu
Erscheint Mittwochs und Sonnabends. — Preis viertcljäyrlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
35 63
Mittwoch, beu 6. August
1890.
■■■■
. ,, Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser und Prinz Heinrich sind Sonnabend Nachmittag in OsteWc eingetroffen. Ais die Schiffe in Sicht kamen, wurde ihr Heraunahen durck 101 Kanonenschüsse signalisirt. Brausende Hurrahrufc erschollen alsbald die Dämme entlang, die Militärmusik stimmte die deutsche Nationalhymne an. Die Begrüßung an Bord des Schiffes zwischen dem König von Belgien und dem, kaiserlichen Gaste war eine überaus herzliche. Im Momente der Abfahrt vom Bahnhöfe erhoben sich enthusiastische Huxrahrufc, die sich durch die dichtgedrängte Menge so,rtpflanzten. Diese begeisterte Begrüßung endete nicht eher, als bis der Kaiser den Blicken der Bcvöcke- rung entschwunden war. — Nach einer Bestätigung noch bedürfenden Meldung des spanischen Blattes „Epoca" wird der Kaiser im ko-mmenden November an Bord der Nacht „HohcnzoÜern^ mit einem Geschwader von Panzerschiffen Spanien und Portugal besuchen.
Berlin, 28. Jul. (Uniformen für weibliche Beamte.) Das Allerneueste ist die demr.ächstige Uniformirung der in der Verwaltuug der Post und Telegraphie, namentlich im Telephonwesen beschäftigten weiblichen Arbeitskräfte. Sie erhalten postblaufarbene Schoßtaillen aus Tricotstoff mit den bei den männlichen Beamten giftigen orangefarbenen Kragen und Aufschlägen nebst blanken Knöpfen, die sie im Dienst zu tragen haben. Hinsichtlich der Kleidenöcke sollen sie es auch fernerhin nach ihrem Belieben halten können. In der vorigen Woche ist den in Berlin, besonders an der Börse beschäftigten Damen zu der „Amtskleidung" Maß genommen worden. Die neue Tracht dürfte nicht unkleidsam sein: dennoch soll sie den Beifall der betheiligten Damenwelt keineswegs gefunden haben,
- München, 28. Juli. Dem Prinzregent, n von Barern ist gestern,tübenb' ein Unfall zugestoßen, welcher glücklicherweise ohne ernstere Folgen abgelaufen ist. Die Equipage des Prinzregenten kollidiite nämlich in der Münchener Vorstadt „Neuhäusen" mit der zwischen München und Nymphenburg verk hrenden Dampstram- bahn. Der Prinzregent wurde bei dem Zusammenstoß aus dem Wagen geschleudert, blieb jedoch vollständig unverl tzt; der mit aus dem Wagen gestürzte Adjutant wurde leicht verletzt. Prinz Lailpold sprach sich unmittelbar nach der Katastrophe herbeigeeilten Personen gegenüber dahin aus, daß den Führer der Dampfbahn keine Schuld treffe; derselbe habe Votschliftsmäßig gebremst, als die Hoflqmpage in Sicht kam. Der Leid- kutscher hingegen habe die Geschwindigkeit der Dampf- bahn augenscheinlich uuterschätzt. Der Magistrat hat sofort Schritte zur Verlegung der Linie in eine Nachbarstraße eingeleitet, in welcher der Betrieb der Dampf- bahn dem Wagenverk.hr weniger gefährlich werden kann.
München, 30. Juli. Die Nonne scheint eine Landplage im vollsten Sinne des Wortes werden zu wollen; aus einer ganzen Anzahl von Orten kommt die Nachricht, daß der unwillkommene Gast seinen Einzug gehalten hat. So ist er z. B. in Augsburg massenhaft aufgetreten, zumal an den Alleebäumen und in den städtischen Anlagen. In Freising sind seit gestern alle Bäume dicht besetzt von den Schm.tterlingen, und manche Straßen sollen wie übersäet damit sein. Eine dichte Wolke der Insekten ist im Parke von Weidenstephan niedergefallen. Das Auftreten der Raupe ist ferner noch konstatirt worden in Landsberg, Weilheim, Neustadt und Memmingen.
Karlsruhe, 31. Juli. Vor der Strafkammer des Landgerichts zu Waldshut gelangte zum zweiten Male eine Angelegenheit zur Verhandlung, welche für alle Konfessionen von Bedeutung ist. Hatte man bisher allgemein angenommen, daß eine Unterbrechung des Gottesdienstes unter allen Umständen eine strafbare Handlung sei, so bekundet das Erkenntniß der Walds- huter Strafkammer eine wesentlich andere Anschauung. Es handelt sich um folgendes Vorkommniß. Der Bürgermeister von Neuenweg hatte während einer prebigt, in welcher der Geistliche von der Kanzel her- unter scharf loszog, mehrmals „Ruhe!" gerufen, war dann aufgestanden und hatte die Kirche verlassen, gefolgt von noch anderen Kirchenbesuchern. In Folge vieles Vorganges wurde gegen den Urheber Klage wegen Störung des Gottesdienstes erhoben und der Bürger- miister von der Strafkammer zu Freiburg stegen groben ni'fug« zu sechs Tagen Gefängnist verurtheilt- Der
Beurtheilte legte Berufung gegen dieses Urtheil ein, und die Angelegenheit kam vor das Reichsgericht. Letzteres hob das Freiburger Erkenntniß auf und verwies den Fall zur nochmaligen Verhandlung vor das Landgericht zu Waldshut, welches den angeklagten Bürgermeister freisprach, indem es von der Annahme ausging, daß der betreffende Geistliche in seiner Predigt zu weil gegangen und sogar persönlich geworden sei.
Meiningen, 30. Juli. Ueber eine in Schwarzenbrunn bei Eisfeld entdeckte bestialische Mordthat werden folgende Einzelheiten mitgetheilt. Der Bauer Stephan Löhlein und sein Sohn lebten schon längere Zeit in Unfrieden und wurden öfters handgemein. Vor ungefähr 3 Wochen gerathen beide untereinander wegen einer Kleinigkeit in Streit. Der Vater, welcher gerne trank, begehrte beim Essen sein Fleisch, welches er indeß schon gegessen hatte. In dem Verlaufe des Wortgefechtes packten Beide einander und fielen zu Bod n, wobei der Sohn unten zu liegen kam. Die anwesende Braut des Sohnes kam nun ihrem Bräutigam zu Hiffe, so daß es dem Letzteren gelang, die Oberhand zu gewinnen und seinen Vater so lange zu würgen, bis er nur noch geringe Lebenszeichen von sich gab. Dann holte der Sohn ein Spaltbeil herbei und schlug damit seinem Vater den Schädel entzwei. Der Unmensch schleppte hierauf unter dem Beistand seiner Braut den Leichnam in den Holzschuppen und verbarg denselben dort unter Hackstreue. Nach drei Tagen schleppte das entmenschte Paar den Leichnam zur Mistgrube und grub ihn ziemlich tief im Dünger ein, wo er etwa vierzehn Tage liegen blieb. Inzwischen war der älteste Sohn von Amerika nach Hause gekommen, der sich wunderte, den Alten nicht anzutreffen. Dem neuen Ankömmling, dem vielleicht ein Verdacht aufgestiegen sein mochte, fiel die Unruhe des »^ttenhundes auf, der fortwährend nach der Düngergrube zustrebte; er löste am Sonnabend den Hund von der Kette, worauf dieser sofort nach der Grube stürzte und zu scharren und zn wühlen begann, bis endlich eine Jacke zum Vorschein fam. Man grub weiter und fand nun den schon in Verwesung übergegangenen Leichnam des Ermordeten. Der Schädel des letzteren soll gänzlich zersplittert sein.
Altenburg. 29. Juli. Ein ziemlich seltenes Vor- kommniß ist gegenwärtig im Garten des Amtsvorstandes und Gutsbesitzers Pinkert zu Wintersdorf in Sachsen-Altenburg zu beobachten. Daselbst befindet sich ein Obstbaum, der ein Bouquct, aus 90 Stück Birnen bestehend, trägt. Die Birnen sind ganz eng aneinander geschlossen und das Bouquct hat eine Länge von ungefähr 35, bei einer Breite von 20 Centimetern.
Gelsenkirchen, 31. Juli. Gestern Abend fand auf der Zeche „Unser Fritz" eine Explosion schätzender Wetter statt. Acht Bergleute sind todt, drei schwer verletzt, wovon einer bereits gestorben ist. Die Ursache der Explosion ist unaufgeklärt.
Mainz, 30. Juli Hier sind in der letzten Zeit min- derwerthige Zwauzigmark Stücke in Umlauf gesetzt worden. Die Stücke sind zwar echt, doch sind dieselben theils mittelst Säuren, theils auf mechanischem Wege entwerthet, bezw. leichter gemacht worden, so daß sie den vollen Goldwerth nicht mehr besitzen. Sowohl auf der Reichsbank zu Mainz, als auch bei andern Instituten ist bereits eine Anzahl dieser minderwerthigen Zwanzigmark-Stücke angehalten worden. Da solche Stücke höchst wahrscheinlich auch in anderen Städten Verbreitung gesunden haben, so ist desha b Vorsicht geboten. — In dem nahen, durch seine Spargelzucht bekannten Gaisenheim tritt die „Nonne" ungemein stark auf und werden zu ihrer Vertilgung die umfassendsten Maßregeln ergriffen, an denen sich auf behördliche Anordnung sogar die Schuljugend betheiligt.
Lokales und Provinzielles.
* Schlichtern, 5. August.
* — Ein leuchtendes Meteor zog am Freitag Abend gegen halb zehn Uhr am nordöstlichen Himmel auf, einen glänzenden Schweif hinter sich herziehend. Die prachtvolle Erscheinung währte einige Secunden, bis sie verschwand.
* — Das Unwetter am Samstag Nachmittag hat nach vorliegenden Berichten im mittleren Theile der Provinz Hessen, besonders in den Kreisen Kirchhain, Weisungen und Rotenburg große Verwüstungen an- richtite. Mit welcher Wucht der Hagel fiel, kann man aus der Thatsache schließen, daß nicht nur
Gänse und Schafe, sondern auch Pstrde von d n wie Hühnereier großen Eisklumpen erschlagen wurden. Der Schaden durch Hagelschlag und Ueberschwemmung ist ganz enorm.
* — Um dem Hitzschlag vorzubeugen, der um die jetzige heiße Jahreszeit wieder seine Opfer fordert, ist es wichtig, ben Kopf mit einem leichten, luftigen Hut, am besten von Stroh, zu bekleiden; die Krempe muß nicht zu schmal und der Kopf nicht zu niedrig sein. Dunkle Filzhüte siud zu verwerfen, noch mehr aber Mützen, deren Deckel direkt auf der Kopffläche aufliegt. Der Sonnenstich ist eine durch anhaltende Einwirkung großer Sonnenhitze hervorgerufene Betäubung des Gehirns, es folgt dann Blutüberfüllung und Entzündung des Gehirns, und schließlich der Tod. Besonders tritt der Sonnenstich auf bei Märschen und anhaltender Arbeit im Freien; und zumal Personen, die eine skrophulöse Anlage haben oder eine Gehirnerschütterung erlitten haben, müssen vorsichtig sein. Die am Sonnenstich Erkrankten zeigen eine große Unruhe, klagen über Hitze des Kopfes, dann folgt Erbrechen, Stuhlverstopfung und Besinnungslosigkeit. Eisumschläge auf den Kopf, stuhlbefördernde Mittel, Klystiere von kaltem Wasser, auch spanische Fliegen, Senfteig- und Umschläge aus die Füße sind bewähüte Gegenmittel. Wer viel im Freien bei großer Sonnenhitze sich aufhält, thut gut, von Zeit zu Zeit den Kopf mit kaltem Wasser zu kühlen. Auch empfiehlt es sich, ein kühlendes Getränk mit sich zu führen, z. B. kalten, schwarzen Kaffee oder etwas Zitronensaft, wAcher dem Trinkwasser einen äußerst angenehmen und erfrischenden Geschmack verleiht.
* — Angesichts der Ernte dürfte ein Hinweis auf folgende Verordnung am Platze sein: DaS Aehrenlesen auf fremden Grundstücken ist nur auf Grund der Erlaubniß vts ArundergruthümerS bezw. des FeldbesitzerS erlaubt. Das Nachlesen ohne Erlaubniß wird auf Grund des § 369 des Reichs - Strafgesetzbuches als strafbarer Eigennutz mit Geldstrafe bis zu 60 M. oder mit Haft bis zu 14 Tagen geahndet.
* — Die Kosten des in Deutschland im Jahre 1886 verbrauchten Trinkschnapses sind auf 496 Millionen Mark berechnet. Mit dieser Summe könnte man jährlich 200000 Arbeiterwohnungen zu 2500 Mk. bauen und baar bezahlen; mit dieser Summe ließen sich die Leistungen sämmtlicher Krankenhäuser in Deutschland verachtfachen. Es ist fast das Zwanzigfache dessen, was im Jahre 1888 die sämmtlichen Kosten der Unfall» Versicherung betragen haben. Die Rentenzahlungen auf Grund des neuen und Jnvaliditätsversicherungsgesetzes werden nach 80 Jahren auf 160 Millionen Mark geschätzt, betragen also nicht einmal ‘/s der Summe, welche jetzt jährlich für Schnaps ausgegeben wird.
* — Das Einstreuen geschnittenen Strohes in die Viehställe bietet große und zahlreiche Vortheile, die leider aber noch von vielen Landwirthen nicht genügend anerkannt werden. Zu diesem Zwecke wird das Stroh auf einer Häckselmaschine in ungefähr 13 cm. lange Stücke geschnitten — wie das z. B. in England in fast allen Wirthschaften geschieht, — man erspart dadurch bis 35 Proz. gegenüber Langstroh, so daß, wenn man für ein Rind ungefähr 4 kg. Langstroh rechnet, vom kurzen Stroh schon ungefähr 2,3 kg. genügen können. Aber nicht bloß die Ersparniß, sondern auch noch andere Vortheile sprechen für das kurze Stroh. Kurzes Stroh saugt die Flüssigkeit im Stalle besser auf, es gibt daher einen besseren Mist und verhindert Verluste an Dungstoffen. Kurzstrohdünger ist auf der Düngerstätte einfacher und billiger zu behandeln, da er mehr von Dungstoffen durchtränkt ist, sich daher mehr „setzt", nicht so stark verrottet und nicht so viel Kosten verursacht durch Feuchthallen und dergleichen. Kurzstrohdünger ist ferner einfacher und daher rascher und billiger aufzuladen, aus- zubreiten und leichter unterzuackcin; das Einstreifen deS Mistes hinter dem Pfluge kann sogar ganz wegfallen; das Feld wird zu nachfolgenden Kulturarbeiten geeigneter und namentlich ist dasselbe besser zu eggen, da die Zähne der Egge den im Boden verborgenen kurzen Dünger durchstreifen, während sie von dem langen Strohdünger ganze Büschel herausreißen.
* — Beim Herannahen der militärischen Herbst- Übungen wird darauf aufmerksam gemacht, daß es sich empfiehlt, Postsendungen für die an den Uebungen theil- nehmenden Offiziere und Mannschaften nicht nach den