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H ~ • Mittwoch, wn 20. August 1890.
Die deutsche Auswanderung nach Bcastjien.
Obschon die amtlichen veröffentlichten Zusammenstellungen der brasilianischen Regierung ergeben, daß in den drei ersten Monaten dieses Jahres in Rio und in Santos bereits 2088 deutsche Einwanderer eingetroffen sind, daS Heißt 185 mehr als im ganzen vorigen Jahre, so liegt doch Grund zu fürchten vor, daß diese Aus Wanderung noch zunehmen wird, da eben jetzt von der provisorischen Regierung Brasiliens in Hrn. Antonio Prado ein ungemein geschickter und erfahrener Agent nach Europa gesandt worden ist, mit dem Auftrage, die Auswanderung in großem Stil zu organisiren. Dieser Herr Antonio Prado, der unter der ehemaligen Kaiserlichen Regierung Ackerbaumüster war, hat seiner Zeit die -große italienische Einwanderung in die Provinz Sao Paulo ins Leben gerufen und ist laut der ihm mitgegebenen Instruktion beauftragt dafür Sorge zu tragen, daß jährlich 160000 (!) Einwanderer nach Brasilien geleitet werden. Alle brasilianischen Diplomaten und Consuln sind angewiesen, ihn zu unterstützen, und ihm ist „die Oberaufsicht über den gesammten Aus- wanderungsdieust nach Brasilien für Europa" übertragen. Für die Art und Weise seines Borgehens wird ihm völlig freie Hand gelassen, und es läßt sich mit Sicherheit erwarten, daß nun die süßesten Locktöne durch ganz Europa daS brasilianische Paradies anpreisen werden!
Wie aber steht eS denn thatsächlich in diesem gelobten Lande aus? So freigebig die brasilianische Kolonie- Direktion mit Versprechungen ist, wenn es darauf an« kommt, die Unglücklichen zu bewegen, mit der alten Heimath zu brechen, um den lockenden Fleischtöpfen Brasiliens zuzuziehen, so wenig trägt sie Sorge dafür, daß die Uebergesiedelten auch finden, was ihnen zuge^gt war: einen eigenen Heerd, ein Stück Land, das sie ernährt und ausreichenden Lohn für angespannte Arbeit. Gleich bei ihrer Ankunft werden die den Verhältnissen ganz fremd gegenüberstehenden Einwanderer keineswegs, wie unumgänglich nothwendig wäre, in die neuen Zustände so eingeführt, daß sie sich zurecht st-den:, statt der versprochenen wohlgelegenen Ländereien weist man ihnen irgendwo im Innern ein Stück unvermessrnen Urwaldes zu, den sie selbst ausroden und zu dem sie die Wege selber bauen müssen, und nun mögen sie zus hen, . wie sie sich und die Ihrigen durchdrungen.
Der gewöhnliche Ausgang ist der, daß sie das Land Land sein lassen und sich irgendwo in Tagelohn verdingen, als ländliche Arbeiter, oder, was schlimmer ist, als Plantagenknechte! Sie bilden dann den Ersatz für die arbeitsscheuen freigewordenen Schwarzen, die durch ihre Vertrautheit mit den Bedingungen brasilianischer Existenz ein beneidenswerthes Leben führen im Vergleich zu dem der Hülf- und rathlosen deutschen Bauern, die in Wahrheit zu Sklaven der habsüchtigen FazendeiroS geworden sind. Gegen einen Dnrchschnittslohn von 1,60 Mark täglich, ohne Kost, in wahrhaft ermattender und entnervender Arbeit sein Leben aufreiben müssen, daS ist daS gewöhnliche Loos der Armen.
Man glaube nicht, daß hier zu schwmz gemalt ist.
Die ungeheure Mehrzahl der deutschen bäuerlickt! AuSwanderer lebt von der Hoffnung, schließlich doch n die alte Heimath zurückkehren zu können; leider ist keinerlei AuSsicht vorhanden, daß ihr Wunsch je in Er- . füllung geht. Die Zustände sind so arg geworden, daß selbst brasilianische Blätter vor leichtsinniger Herdeiziehung von Einwanderern warnen. Die in Joinville erscheinende Kolonie-Zeitung, die ihrer ganzen Be- . stimmung nach geneigt ist, eher rosig als schwarz zu sehen, bringt einen vom Prediger Wilhelm Lange unter- zeichneten „Ruf zur Hülfe", der die Verhältnisse der deutschen Kolonisten im Jtapoeuthale schildert. „Ich bin," schreibt Herr Lange, „kürzlich in jenem Distrikt so ziemlich von Haus zu HauS gegangen und habe mich davon überzeugt, wie traurig eS in der Mehrzahl auSsteht.
Alles an HauSgerälh und Kleidern nur irgend Entbehrliche — oft auch daS Unentbehrliche — ist bei Vielen längst ver kauft, meist zu einem Schleuderpreise. Mais und Kartoffeln haben wohl jetzt die Meisten, einige sogar in Ueberfluß, aber keine Möglichkeit, auch nur ein Weniges an Fleisch und Fett dazu zu beschaffen, ja buchstäblich nicht einmal daS Salz, da der Bendist nicht borgen kann, wo jede Möglichkeit zur Abzahlung Mt. Sehr nahe lirgt dir Frage: Warum füttern die
Deutsches Reich.
Berlin. Die Aufhebung des Verbots deutscher Vieheinsuhr soll infolge persönlicher Vorstellungen des deutschen Kaisers in einem am Dienstag in London abgehaltenen Ministerrath von Lord Saiisbury dringend befürwortet und trotz heftiger Opposition des Land- Wirthschaftsministers auch im Prinzip angenommen worden sein, sodaß die baldige Aufhebung des Verbots zu erwarten wäre.
— Zur Reform der Landschulen schreibt die „E. L. C.' : Dem preußischen Minister für Land- wirthschaft ist Seitens des Abg. von Schenkendorf unter dem 20. Juli eine Denkschrift überreicht worden, in welcher derselbe die Nothwendigkeit darlegt, in dem heutigen schweren Kampfe, den die deutsche Landwirth- schast zu bestehen habe auch die Erziehung zu ihrem Theile kräftig eingreifen zu lassen. Gewiß bilde sie nur eines der Avhilfmittel und komme erst der Zukunft zu Gute, sei aber um deswillen nicht gering zu schätzen. Der Verfasser entwickelt und begründet etwa den nachfolgenden Jdeengang. Auch die Landschule berücksichtige heute noch zu einseitig die intellektuelle Ausbildung; sie müsse nächst der allgemeinen Bildung zugleich zweierlei anstrebcn: Die Neigung der Heranwachsenden ländlichen Jugend für den landwirthschaftlichen Beruf von früh an zu wecken, sowie dieselbe geschickt zu machen zur Ausübung desselben. Das erstere Ziel sei dadurch anzustreben, daß der landwirthschaftliche Wissensstoff den gesammten übrigen Unterricht, besonders den deutschen, Rechnen-, geographischen und naturkundlichen Unterricht auf dem Wege des Beispiels gleichsam durchzöge und befruchtete. Die Zuführung dieses Wissens- ftoff<S sei zu einem System zu erheben, das denselben auf die einzelnen Altersklassen und Unterrichtsfächer planmäßig und doch wie absichtslos »ertheilte. Dadurch würde der Blick des Kindes von früh ab mehr auf die landwirthschaftlichen Vorgänge hingelenkt werden, und sein Interesse hiermit naturgemäß für dieselbe wachsen. Zur G-schlcktmachung für die Ausübung des landwirthschaftlichen BerufS werde wesentlich beitragen die Gewöhnung an die schaffende, körperliche Arbeit, die durch einen den ländlichen Verhältnissen angepaßten erziehlichen Handarbeits-Anterricht anzustreben wäre. Es wäre daher hier die jetzt in den Trabten bei diesem Unterricht vielfach geübte feinere Arbeit auszuschließen und vorwiegend die gröbere zu pflegen; dahin sei besonders zu rechnen die einfache Holzarbeit an der Hobel- und Schnitzelbank, sowie die leichte Metallarbeit. Diese Reform der Landschulen bilde auch ein kräftiges Gegenmittel in socialer Hinsicht: es befähige und wecke die Liebe zum Beruf, gewöhne früh an Arbeit und Fleiß und stärke das häusliche Leben. So sei gewiß ein ernster Versuch, auch auf dem Wege der Erziehung der Landwirthschaft zu Hilfe zu kommen, durch die heutigen Verhältnisse gerechtfertigt und geboten.
— Auf dem Pionier Uebungsplatz in Berlin hat am Montag ein Wachtposten einen Arrestanten, der entfliehen' wollte und trotz sechsmaligen HalterufS nicht stehen blieb, niedergeschoffen.
Oldenburg, lo, August. Bei einer Fahrt i öftres
Leute m.t ihrem überflüssigen Mais nicht Schweine und Hühner? Antwort: Weil sie keine haben und kein Geld, solche zu kaufen. Nun versetze Dich in die Lage der Leute, die mir sagten: „Seit Monaten leben; wir nur von trockenen Bataten; bisher konnten wir wenigstens noch Mate (eine Art Thee) dazu trinken, jetzt ist es damit auch zu Ende, und nun ist Wasser das einzige Getränk." Siehst du dazu die bleichen Kindergesichtchen, die so deutlich von Entbehrung und Krankheit reden, so sprichst du dir aus: Hier muß geholfen werden." Die Redaktion der Zeitung bemerkt hierzu: „Herrn Prediger Lange'S Ausführungen beruhen, wie wir uns auf Grund verschiedener Mittheilungen überzeugen konnten, auf purer Wahrheit, ja sie schildern die unter den Kolonisten zum Theil augenblicklich herrschenden Verhältnisse beinah noch zu mild. Der Kolonie-Direktion ist es, wie die Sachen gegenwärtig liegen, nicht möglich, den Kolonisten Verdienst zu geben (!!), und so sind sie rein nur auf sich selbst angewiesen, entblößt von allen Hülfsmitteln, um auch nur das Allernothwendigste für den Hausbedarf beschaffen zu können."
(Schluß folgt.)
Großherzogs nach Friesoythe scheuten in Folge von Böllerschüssen beim Empfang die Pferde und gingen durch. Der Wagen gerieth in einen Graben und wurde vollständig zertrümmert. Der Großherzog blieb unverletzt. Hosmarschall Heimburg hat einen Arm gebrochen.
Alton« 11. August. Eine Anzahl von jütländischen Familien traf hier ein, um die Abfahrt des nächsten amerikanischen Dampfers, mit dem sie sich nach Iowa begeben wollten, abzuwarten. Die Gesellschaft war vom Mittelrücken Jütlands. Gestern Morgen kam der eine jammernd zum Wirth gelaufen und zeigte ihm eine Hand voll kleiner blauer Papierfetzen. Nach vielem Hin- und Herreden brächte der Wirth heraus, daß der Auswanderer einen schlauen Streich begangen und „Vorsicht halber" seine Baarschaft, mehrere 100 Kronen- Scheine, zwischen Sohle und Brandsohle gelegt hatte. Beim Gehen hatten die hervorstehenden Holznägel das Papier nach und nach kaput gescheuert. Da sich natürlich die Reisenden nicht aufhalten konnten, hat der Wirth es unternommen, Reklamationen bei der Regierung in Kopenhagen anzustrengen, um dort einen Ersatz zu versuchen.
Breslau. Ein Dauerschwimmen über eine Strecke von beinahe 30000 Meter (vier deutsche Meilen) ver- anstaltete am vorigen Sonntag der Breslauer Schwimm- vercin. Acht Schwimmer begannen um 9 Uhr 50 Min. vormittags in Ohlau unterhalb der Oderbrücke auf der Oder das Dauerschwimmen gefolgt, von sechs als Richter und Zuschauer theilnehmenden Herren in einem mit Rettungsgegenständen versehenen Begleitkahn. Bedingung war, daß die Schwimmer nicht ans Land gingen und in geschlossener Formation blieben. Ausgeschlossen war da^ -sonst beliebte Borjchwimmen, dagegen war gestattet, vom Kahn aus Erfrischungen zu nehmen. Nach Verlauf von 1 ’/< bezw. 33/« und 4 Stunden gaben drei Schwimmer das Schwimmen auf, die übrigen fünf aber legten die ganze Strecke von Ohlau bis Breslau, welche genau 29 280 Meter beträgt, in Sektionsform -innen 7 Stunden zurück und erreichten das Ziel in bestem Wohlbefinden.
Ausland.
Bern, 15. August. Ein gewisser L. v- Ganting aus Bern, welch r sich früher in Wien aufhielt und von dort Anfangs 1890 wegen Betrügereien flüchtig wurde, hat mit Hilfe eines gestohlenen Siegels der Universität Bern gewerbsmäßig Doktordiplome der hiesigen philosophischen Fakultät gefälscht. Die Fakultät warnt offiziell Jedermann mit dem Hinweis, daß ihr Dokiortitel lediglich in Bern durch ein vor Fakultät abgelegtes Examen erworben werden kann.
Eine fatale Entdeckung ist in Pest gemacht worden. Die ganze Stadt hat aus einem Reservoir Wasser getrunken, in welchem die Leiche einer Ermordeten gelegen hat. Ein Angestellter des Wasserwerkes hat seine Geliebte im Streit erschlagen und ihre Leiche in das Reservoir geworfen, in welchem der Körper nach mehreren Jahren erst entdeckt wurde.
Amerika. Eine entsetzliche Explosion natürlicher Erdgase berichtet soeben der Telegraph aus Shelbyville, Jndiana, 11. S. A. Der Meldung eines gewissen Looper zufolge hörte dieser zuerst ein rumpelndes Geräusch, auf welches eine furchtbare Explosion folgte. Zu beiden Seiten eines kleinen Flusses wurden zehn Acres Land aufgerissen, darunter ein anstoßender Friedhof. Zweihundert Fuß hoch schlugen die Flammen nach allen Richtungen und zahlreiche heiße Geiser sprudelten ihr Wasser sechs bis zehn Fuß empor, während zehn bis fünfzehn Fuß über dem Wasser derselben das Erdgas bräunte. Das Flußbett wurde aufgerissen und der Fluß quer über die Farm des Eingangs erwähnten Cooper abgelenkt, wobei das Wasser im Nu die tiefen Spalten ausfüllte, welche die Explosion in den Boden gerissen hatte. Zahlreiche Skelette wurden aus dem Friedhof in die Höhe geschleudert und kleine Felsen zwei *tngl. Meilen weit geworfen. Das Erdgas strömt noch immer aus der Oberfläche.
Asien. Nach einer Meldung deS „Aeuter'schen Bureaus" aus Kalkutta ist der Ganges aus seinen Ufern getreten und hat auf weite Strecken hin das Land vollständig überschwemmt. Eine große Anzahl von Menschen