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Die deutsche Auswanderung nach Brafllirn,

(Sckluß.)

Sehr traurig, gewiß! Aber, fragt mau, weshalb kann die Kolonie Direktion nicht helfen, weshalb stellt sie die begonnenen Arbeiten ein, welche den unglücklichen Kolonisten wenigstens einen mäßigen Erwerb boten, weshalb, wenn sie über Mittel verfügt, um gerade jetzt die Einwanderung in großem Stil zu organisiern? In Rio hat man eine Bank unter der Firma Banco Kolonial dos Estados do Brazie gegründet, mit einem Kapital von 10 Millionen Mark, und diese Bank hat die Verpflichtung übernommen. 2000 Familien in den verschiedenen Staaten Brasiliens äMußedeln! Dazu. d. h. zur Verführung neuer Eluwan berer, ist das Selb vorhanden, diejenigen aber, die in der großen brasilianischen Falle festsitzen, läßt man elend ver­kommen !

Vor wenigen Wochen, am 25. März d. Js., hat der deutsche Kolonist Kirch oder Kirchhof, der Name ist nicht sicher überliefert, seine Frau und seine drei Kinder und zuletzt sich selber erschossen, weil er den raschen Tod für erträglicher hielt, als das langsame Verhungern! So sieht es in Brasilien aus, und das ist das gepriesene Paradies, welches demgeknechteten Proletarier" Europa» vor^e- spiegelt wird. Sogar die in Sao Paulo in deutscher Sprache erscheinende socialdemokratische ZeitungGermania schreibt, daß die Einwanderer einer ununterbrochenen Kette von Enttäuschungen verfielen, und daß d e Auswanderuugs- agenten Lurch übertriebene, falsche Vorspiegelungen unsag­bares Unheil anrichteten.

Der gewiß miverdächtige Bericht des Redakteurs der brasilianischenFreien Presse" mag zu weiterer Illustration dieser Verhältnisse dienen.Der Zufall" so schreibt Herr von Hugo am 24. Aprilfügte es kürzlich, daß wir mit -einer G ilppe deutscher Auswanderer, die ohne Beschäftigung in den Straßen S. Paulo's umherirrte», in Berührung kamen.

Diese Leute waren erst kürzlich von Deutschland ge­kommen, hatten schon ein paar Wochen auf einer Fazenda gearbeitet und diese dann mißvergnügt verlassen. Nach ihren Versicherungen hatten sie dort ungenügende Zahlung und schlechtes Essen erhalten. Daneben waren ihnen alle möglichen Gegenstände, welche ihnen der Fazendeiro lieferte, zu einem außerordentlich hohen Preise berechnet. Das Gesammtresultat ihrer Arbeit war allerdings trübselig genug. Bei ihrem Fortgange wurde ihnen vom Inspektor, einem dentschredenden Dänen, eine Abrechnung aufgestellt, nach welcher sie zu ihrem Verdienst no H etwa 90 Dollar (180 M.) zuzahlen mußten!!" Um diese Zahlung zu er­möglichen, hatten sie ihre besten Sachen verkauft und waren nun wirklich wie sie sich ausdrückten arme Leute.

Diese Leute klagten bitter über den Agenten, einen Herrn aus Lissabon der sie durch seine Schwindeleien aus der Heimath gelockt hatte. Dieses Individuum hatte ihnen natürlich die.wundervollsten Schilderungen gemacht.

Wenn sie nur erst auf der Fazenda wären um ihre eigenen Worte zu brauchen -, dort fänden sie Eier, Butter, Milch und sonstige Herrlichkeiten in Hülle und Fülle.

Der Schluß jener Mittheilung war: Wären wir nur erst wieder in Deutschland, so wollten wir glücklich sein!

Wir fügen hinzu, daß es Leute aus Pommern waren, Menschen, die augenscheinlich an harte Landarbeit gewöhnt waren!"

Zu all' diesem Elend kommen aber noch als besonders ungünstiges Moment die schlechten gesundheitlichen Umstände hinzu. Das gelbe Fieber greift reißend um sich und bechnirt die Reiben der entkräfteten, ohne Arzt und Apo­theke hülflos verkommenden Auswanderer.

Samstag, den 23. August

drücke war die Ehrerkompagnie vom Wyborgschen Re­giment mit Musik und Fahne ausgestellt Die Fahne war mit den Bändern geziert, welche der Kaiser dem Regiment verliehen hatte. Als die Kompagnie vor dem Monarchen vorbei defilierte-, dankte derselbe in russischer Sprache, was von den Russen mit Hurrah beantwortet wurde. Die Offiziere überreichten dann dem Kaiser auf einem Tadlet Brot und Salz. In Narwa wartete schon den ganzen Nachmittag über eine große Menschen­menge längs des Weges, den der Kaiser passiven sollte. Ein Jägerregiment sowie die beiühmtea Jufanterie- Regimenter S menowski und Preodraschenski bildeten vom Bahnhof bis zum kaiserlichen Absteigequartier ein Spalier. Um 8 Uhr Abends traf Kaiser Alexander ein, um die Ankunft seines hohen Gastes zu erwarten. Um halb 9 Uhr traf auch Kaiser Wilhelm ein und begrüßten beide Kaiser einander aufs Herzlichste. Am anderen Morgen begannen dann die Manöver der russischen Truppen.

Sagan, 17. August. Eine sehr empfindliche, aber durchaus gereckte Strafe wurde in b.r gestrigen Straf- kammersitznug über den bisher unbestraften Gutsbesitzer Horn aus Peterswaldau verhängt. Dem Genannten war im März d. I ein Schwein krepirt. Statt nun das Thier zu vergraben, da die Todesursache Rothlauf war, ließ er es ausschlachten und setzte es seinen Arheitsleuien in der verschiedensten Form vor. Da der Genuß desselben Uebel« feit bei ihnen hervorrief, wurde die Sache ruchbar und der Staatsanwalt erhob Anklage wegen Uebertretung des § 12 des Nahrungsmittelgesetzes. Zu der heutigen Verhandlung wurde der Angeklagte zu drei Monaten Gefängniß ver- urtheilt, da der Sachverständige, der hiesige Kreisthierarzt bekundete, daß das Thier vollständig von Rothlauf durch­setzt und da? Fleisch zum Genuß vollständig untauglich gewesen sei.

Oschatz, den 19. August. Die Oschatzer Schafzucht hat einen großen Ruf. Neuerdings wurde aus der dortigen Schafzuchtstation des Rittergutsbesitzers Rob. Gadegast ein Zuchtbock für 11000 Mark an einen australischen Schafzüchter verkauft.

Mühlhausen, 12. August. Aus dem Krankenhause in Thaun war dieser Tage ein Irrsinniger entwichen und trieb sich nun bettelnd umher. Bei Bollweiler legte er sich Abends zwischen die Bahngeleise, wo ihn der die Streife abgehende Beamte in aller Frühe ruhig schlafend vorfand. Während der Nacht und noch vorher waren sowohl Güter- als Personenzüge über den ruhig Da- liegenben weggefahren. Derselbe wurde der Anstalt wieder zug führt.

In Milidelheim hat man durch einen Zufall entdeckt, daß ein Mädchen, w-lches seit 10 Jahren als stumm galt und in Folge dessen reichliche Unterstützung fand, das Slunimsein simuliert hat. Man muh die Energie der Frauensperson bewundern, die es verstand, 10Jahre laug Aerzte, Beichtväter und Bevölkerung zu täuschen.

Marktbreit (U.iterfranfen), 19. August. Von dem 9. Infanterie-Regiment sind gestern, wie dieFrkf. Ztg." berichtet, auf dem Marsch zum Manöver auf der Straße Eibelstadt-Marktbreit bei 28 Grad Hitze 170 Soldaten bewußtlos zusammengestürzt. Eine nicht minder große Zahl wurde unwohl und mußte austreten. Zwei Soldaten sind gestorben, sech? liegen im Marktbreiter Spital am Hitzschlag darnieder. Todt sind Bernhard Beuschlein von BöttighLim und Leonhard Hartmann von MömlingeN. Nach einer weiteren Meldung desWürzb. Gen.-Anz." sollen bereits drei Soldaten gestorben sein. 17 befinden sich noch in ärztlicher Behandlung. Als die Ursache bet Hitzschläge bezeichnet man den zu späten Abmarsch und das zu rasche Marschtempo.

Deutsches Reich»

Berlin. Der Kaiser ist am Sonntag Mittag nach zweitägiger, überaus günstiger Seereise wohlbehatten in Reval angifommen und hat alsbald die Reise nach Narwa smlgcs.tzl, wo Abcnds halb neun Uhr die erste Begegnung mit Kaiser Alexander staltgefu -den hat. Nach den vorliegenden Berichten hat unser Kaiser einen überaus glänzenden Empfang auf russischem Boden ge­funden. Bei der Einfahrt in den Haf.n von Reval gaben dieHohenzoll.rn" und dieIrene" den Salut, der von dem gesummten, aus 21 russischen Kriegsschiffen d stehenden Geschwader, das zu Ehren d.s Kaisers vor Reval lag, erwidert wurde. Auf der eigens für den Empfang Hergel ichtelen, reich geschmückten Landungs-

Lokales und Provinzielles.

* Schlichtern, 22. August Sitzung des Schöffengerichts vom 20. August 1890. Als Schöffen fungiren Rentier Jean Leipold von hier und Bauer Ullrich Stoppel von Elm Den Vorsitz führt Amtsgerichtsrath Briesen. Zur Verhandlung kommen 4 Sachen. 1. Der Krämer Carl Heil von Saunerz ist angeklagt, daß er seinen Hund auf remdem Jagdrevier habe umherlaufen lassen und ist dieser- halb durch Strafbefehl vom 6. Juni b. 3 in eine Strafe von 6 Mark genommen. Die Strafe schien ihm zu hoch und hatte er gegen den Strafbefehl Widerspruch erhoben. Kurz vor dem Termine hatte er sich jedoch anders be- fomitn und war im Termin nicht erschienen, wchhalb der

1890.

Einspruch verworfen wurde. 2. Ein Taglöhner von Guud° Helm war beschuldigt, ein seidenes Tuch einem Weißbinder entwendet zu haben. Da ein hinreichender Beweis hierfür nicht erbracht werden kann, so erfolgt Freisprechung.

3. Wegen Uebertretung des § 10 des Gesetzes vom 1. April 1880 steht der Ackermann Adam Schlingloff von hier unter Anklage, weil er unbefugt über eine fremde Wiese gefahren sein soll. Er gibt letzteres zu, behauptet aber ein Recht hierzu zu haben, weil er bereits seit vielen Jahren über die Wiese gefahren sei. Nachdem noch einige Zeugen vernommen, welche feine Angaben bestätigen, er­folgt Freisprechung. Da sehr häufig derartige Anzeige» gemacht werden, so wird darauf aufmerksam gemacht, daß nicht im Strafverfahren, sondern nur im Prozeßwege die Sache entschieden werden kann, da es nicht Sache des Strafrichters ist, darüber zu entscheiden, ob der Augezeigte ein Recht hat, über das Grundstück des Anzeigers zu fahren oder nicht. Derartige Anzeigen können dem An­zeiger mitunter anh treuer zu stehen kommen, da gemäß §. 501 der Strafprozeßordnung ihm die Kosten des Ver­fahrens, insofern festgestellt wird, daß die Anzeige durch Fahrlässigkeit veranlaßt wird, auferlegt werden können.

4. Endlich ist wegen Diebstahls noch ein Taglöhner von Elm angeklagt. Derselbe soll einem hiesigen Bäcker Holz entwendet haben. Da der Angeklagte nicht überführt werden kann, so wird derselbe freigesprochen.

* Herr Gerichts - Assessor Goeßmann von Frankfurt a. Main, welcher in den Bezirk des Ober- landesgerichls Cassel übernommen worden, ist vom 1. September er. an das hiesige Amtsgericht versetzt.

* Gestern bezog hier ein großer Transport Re- montepferbe auf dem Wege nach Metz unter Führung von Dragonern und Husaren Quartier. Die Pferde kommen-. !>s den ostpreußischen Depots und sind meist sehr schöne Thiere.

* Der Schluß der Schonzeit für Rebhühner, Wachteln, Fasanen und Haselwild ist auf den 24. August, für Hasen auf den 14. September festgesetzt.

* Aufmerksame Beobachter der Zugvögel prophe- zeihen für dieses Jahr einen frühen Winter. Bekannt­lich versammeln sich die Zugvögel einige Zeit vor ihrem Wegzug fast täglich und stellen Uebungen im geschlossenen Fluge an. Während dies nun bei den Störchen ge­wöhnlich erst von Mitte August an geschieht, ist es dies­mal schon vom Beginn des August an erfolgt. Auch bei anderen Zugvögeln hat man ein früheres Zusammen- schaarcn und Beranstalten von UcbungSflügen beobachtet.

* Sämmtliche deutsche Salinen sind jetzt ange­wiesen ihre Salze nur in neuen ungebrauchten Säcken mit Plombe abzugeben. Die Säcke werden vom Salz- werke nicht wieder zurückgenommen, und tritt diese Be­stimmung sofort in Kraft. Die B.stimmung wird wohl ihre sanitäre Gründe haben und darf wohl erwartet werden, daß dieses so wichtige Nahrungsmittel durch diese Maßregel nicht im Preise erhöht wird.

* Die R-gierungs-Präiidenten sind angewiesen worden, überall da, wo Die Maul- und Klauenseuche festgestellt ist, strengere Maßregeln zur Unterdrückung derselben zu verfügen, als dies bisher zu geschehen pflegte. Insbesondere sollen bis zum völligen Erlöschen der Seuche Line Diehmärkte in Den betreffenden Kreisen stattfinden, wogegen die Abhaltung von Pierdemärkten ausnahmsweise unter Beobachtung verschärfter Vorschriften gestattet wird.

* Sitzung Der Hanauer Strafkammer vom 18. August. Ein junger Bauer von Weichersbach und dessen Schwester sind beschuldigt, ant 21, Mai im Forstort Stoppelberg der Oberförsterei Oberzell beim Abfahren von Holz von einer fremden Alke 3 Buchenstammknüppel entwendet zu haben. Die Angeklagten bestreiten dies und geben an, daß, wenn sie wirklich Ä Stücke Holz von einem fremben Haufen mitaufgeladen hätten, dies nur daher gekommen sei, weil sie das Holz etwa 200 Meter von einem steilen Abhang hätten herunterstürzen müssen und dasselbe unten auf die fragliche Arke fiel, von der die 3 Prügel wcgg komnien sein sollen. DaS Schöffen­gericht in Schwarzenfels hatte die Angeklagten mangelnden Beweises halber kostenlos freigesprochen, wogegen die Amtsanwaltschaft Berufung einlegte. Durch die heutige nochmaligeV rha-idluug konnteauch das Berufungsgericht die Überzeugung von der Schuld der Angeklagten nicht gewinnen und wurde die Berufung der Amtsanwaltfchast v^wprfry. Die Kosten fallen der Staatskasse zu.