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M 69. Mittwoch den 27. August 1890.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser hat Peterhof bereits verlassen und ist auf dem Heimweg. Als gute Borbedeutung für das glückliche Ergebniß der Entrevue ist anzuschen, daß der Zar in seinem diesmaligen Trinkspruch, den er bei der Tafel nach Schluß des Manövers gehalten, auch der deutschen Armee gedachte. Ferner ist bemerkens- werth, biß der deutsche Reichskanzler in einer Audienz, die eine volle Stunde währte, vom Zaren in Peterhof empfangen worden ist. Dem Kaiser Wilhelm hat der Zar eine Troika mit drei prächtigen Füchsen zum Geschenk gemacht.
— An der Influenza sind, nach einem jetzt veröffentlichten Ausweise, in der Reichsarmee im Ganzen 55293 Mann erkrankt gewesen. Die höchste Krankheitszahl hatten die süddeutschen Truppen, die geringste das 3. 1. 4. und preußische Gardekorps. Die wenigsten Erkrankungen fanden statt in Altona, Vreslau, Frankfurt a. O-, FlenSburg. Lötzen, Lyck, Thorn, Tilsit, Wittenbcrg, und die meisten in Plön, Quedlinburg, Freising, Ettlingen, Lindau, Straubing und Pleß. Gestorben sind an der Influenza nur 60 Militä Personen, 174 wurden deshalb aus dem Dienst entlassen.
— Auf kriegsministerielle Anordnung dürfen in diesem Jahre keine Soldaten zur Hilfe bei den Ernte-Arbeiten an die Landwirthe abgegeben werden.
— Der Spuk in der Berliner Gemeindeschule. Ueber die Panik, welche in der 137. Gemcindcschulc unter den Kindern in Folge eines „Spukes" ausgebrochen war, wird auf Grund amtlicher Ermittelungen Folgendes mitgetheilt: Dem Vorfall liegt ein Unfug gröbster Art zu Grunde. Seit einigen Tagen sind nämlich im Schulgebäude Z tt l niedergelegt, auf welchen in rother Farbe ein Todtenkopf gezeichnet war und die Unterschriften folgender Art trugen: „Ihr seid dumm und ich bin dumm und morgen dreh' ich Euch die Könfe um." Diese Zettel haben die Kinder in die größte Erregung gebracht, durch müßige Klatschereien wurden Menschenansammlungen vor dem Schulgebäude veranlaßt, so daß die Polizei die Passage frei hatte machen müssen. Am Mittwoch hatte der Lehrer der zweiten Mädchenklasse für einen Moment das Zimmer verlassen, als ein Kind, dem das Fensterrouleaux vom Windstoß gegen den Kopf geschlagen wurde, das Zeichen zur Panik durch wildes Hilferufen gab. Bei der Flucht der Kinder, die Treppe hinab, wurden besonders die kleinen zu Boden gerissen und mit Füßen getreten. Einzelne Kinder sind bettlägerig. Die Anfregung war so groß, daß vielen Kindern die Sprache versagte. Eine wahre Völkerwanderung war die Folge der merkwürdigen Geschichte, Hunderte starrten das Schulgebäude an und mußten von der Polizei zum Weitergehen veranlaßt werden!" O Berlin, du Stadt der Intelligenz!
Brandenburg, 21. August. Fortgesetzte Brandstiftungen hat am 16. b. M. ein reisender Handwerksbursche im Kreise Niederbarnim verübt. Derselbe kam „Wenb" nach Klosterfelde und erhielt auch reichliche Gaben. Trotzdem legte er beim Verlassen b J Dorfes an eine auf dem Felde stehende Miethe Heu Feuer an, welches nicht gelöscht werden konnte. Dem Brandstifter wurde nachgesetzt, und er flüchtete in den Wald, wo man ihn nicht zu verfolgen vermochte. Dort legte er nochmals Feuer an eine Miethe Heu, welche für das Wild im Winter bestimmt war, und setzte binnen Kurzem 300 Qu.-Mtr. Waldung in Brand. Nachdem er noch im Dorfe Zerpenschleuse Feuer anzulegen versucht hatte, machten die Dorfbewohner unter Führung der Gendarmen regelrecht Jagd auf den Verbrecher, und es gelang auch endlich, desselben habhaft zu werden.
Magdeburg, 19. August. Das hiesige socialdemokratische Blatt „Volksstimme" bringt folgende Mittheilung, die sehr der Aufklärung bedürftig ist und nur unter allem Vorbehalt wiedergegeben werden kann: In der Braunschweigerstraße in Sudenberg ist eine junge Frau von noch nicht zwanzig Jahren gestorben (?); man hat sie in einen Sarg gelegt und den Seng geschlossen. Als man diesen Sarg heute früh öffnete, fand man, daß die Frau in der Nacht zuvor ein Kind geboren hatte. Die Kniee der Frau waren hochgezogen; Mutter und Kind waren todt. Die Beerdigung Beider ist heute Nachmittag erfolgt. Vermuthlich ist die Frau in Folge b on Geburtswehen in Starrkrampf verfallen und sind dann tv dem geschlossenen Sarge Mutter und Kind erstickt.
Aus Thüringen, 21. August. Ein Fall crassen Aberglaubens wird aus Urbid) bei Erfurt wie folgt berichtet. Der Sohn eines dortigen Landwirths will gesehen haben, wie in der Nacht der leibhaftige Gottseibeiuns an das Bett seines Vaters getreten ist und sich mit diesem unterhalten hat. Thatsache ist, daß das dem fraglichen Landwirth gehörige Haus von den Bewohnern (Mann, Frau und drei Söhne) verlassen ist und öde und leer dasteht. Auch hat ein Sohn den Vater durchgeprügelt, um ihm den Teufel auszutreiben.
Aus Westfalen. In demselben Augenblick, wo die Zechenverwaltungen Kohlenkartelle schließen, gärt es wieder ftäitr in den rheinisch-westfälischen Arbeitermassen und die Bergleute sind im Begriff, sich eine Organisation zu geben, die den Verwaltungen noch sehr unbequem, vielleicht gefährlich werden kann. Die neuesten Schritte im Lager der Arbeitgeber, wie in dem der Arbeitnehmer zeigen, daß wir von dem socialen Frieden, der in den Bergwerksbezirken angeftrebt worden ist, weiter als je entf-rnt sind. Ein Kohlenkartell könnte die Stimmung der Arbeiter am allerwenigsten verbessern. Kartelle sind an sich schon ein böses Ding, aber w.nn sonst solche Preisfestsetzungen stattfanden, so haben sie zumeist Gegenständen gegolten, welche die Bevölkerung in ihren breiten Schichten nur in geringem Grad betreffen, wie Walz- eifen, Kupfer :c. Die Börse segelt bereits mit Wonne auf der Hochfluth der Bergwerkshausse und es ist nicht ohne Nutzen, daß wir an der Börse einen Gradmesser für die Stärke dieser Bewegung haben. Der Ursprung und die eigentliche Verantwortlichkeit für dicBwcgung muß beiden westfälisch n Grubendirektionen gesuchtsiverden.
In Freiburg i. B. wollten sich einige Herren und Damen bei einem der letzten Gewitter das absonderliche Vergnügen machen, dasselbe vom Thurme des Münsters aus zu beobachten. Kaum waren sie oben, so fuhr am Blitzableiter ein Blitz herab, und die Herrschaften fielen zumeist auf ihre werthen Nasen. Der Blitz hatte sie aber nicht erschlagen, sondern nur derart betäubt, daß sie erst nach längerer Zeit zu sich selbst und zum Bewußtsein ihrer Dumwh.it gelangten. Es ist darauf zu wetten, daß sie nicht wieder bei einem Gewitter auf den Münsterthurm steigen.
Darmstadt, 18. August. Die hessische Forstbehörde hat in ihren sämmtlichen Beständen dahingehende Vorkehrungen getroffen, daß sämmtliche Tannen-, Fichten- und Kiefernstämme in dreiviertel Mannhöhe ringförmig von der rauhen Rinde befreit und mit einem starken Theeranstrich versehen werden, wodurch der gefährlichen Nonnenraupe das Aufsteigen unmöglich gemacht wird.
Aus Franken, 20. August. In Gaukönigshofe» bei Ochsenfurt wollte der Polizeidiener Höfner eine durchziehende Zigeunerbande controliren. Hierüber wurden die Zigeuner so aufgebracht, daß einer der Bande dem Polizeidiener sein Messer in den Unterleib stieß. Gegen einige Bür ger, die einschreiten wollten, nahm die Bande eine äußerst drohende Haltung an. Nun wurde die Feuerwehr allarmirt, worauf die Bande gegen Volks- hausen flüchtete. Die Feuerwehr eilte nach, um sie festzunehmen, was erst nach heftigem Kampfe geschehen konnte. Die Zigeuner wurden gefesselt, auf den Wagen gebunden und unter Bedeckung nach Aub in's dortige Amtsgerichtsgefängniß transportirt.
Brückenau, 20. August. Vor sechs Tagen waren es 14 Jahre, daß unsere Stadt von dem großen Brandunglücke betroffen wurde, welches den Wohlstand so vieler Bürger in wenig n Stunden vernichtete, ja sogar Menschenleben forderte. Ein ähnliches Brandunglück drohte heute früh in der vierten Stunde unserer Stadt. Durch den F-uerruf wurden die Einwohner aus dem Schlafe geweckt. Eine große Feuersäule zeigte, daß unseren Mitbürgern große Gefahr drohe. Es brannte die Holzhalle des Herrn Bäckermstr. Louis Gerhard, und fand das Feuer durch das in der Halle aufbewahrte Holz reichliche Nahrung. Durch das rasche und energische Eingreifen der freiwilligen Feuerwehr Brückenau, sowie der später zur Hilfeleistung herbeigeeilten freiwilligen Feuerwehren von Römershag, Ober- und Unterriedenberg, Wernarz, Eckarts-Rupboden, der Pflichtfeuerwehr Volkers, Speicherz und Kothen gelang es, das Feuer nach zweistündiger angestrengter Thätigkeit auf den Ausbruchsherd zu beschränken. Während des Brandes herrschte Windstille, auch waren die Dächer durch einen einige Stunden vorher niedergegangenen leichten Ge
witterregen etwas feucht, was die Löschungsarbeiten sehr begünstigte. Entstehungsursache unbekannt. Herr Gerhard soll nur gering versichert sein.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 26. August.
* — Der dem Kreise Schlüchtern aus den land- wirthschaftlichen Zöllen des Etatsjahr 1889/90 zu überweisende Ertrag (lex Huene) beträgt 44,126 Mark; im Vorjahr betrug der genannte Ertrag 27,562 Mark.
* — Die Lokal-Viehschau für die Kreise Hanau, Gelnhausen und Schlüchtern wird am Mittwoch den 10. September auf dem Acisbrunnen bei Schlüchtern abgehalten werden. An Staatspreisen werden 450 Mark nebst 4 Diplomen zur Vertheilung kommen.
* — Herr Dr. Koch dahier begeht am 6. September d. I. sein 50 jähriges Dienstjubiläum als praktischer Arzt. (s. Jnseratentheil.)
* — Das am vergangenen Sonntag auf dem Acisbrunnen stattgehabte sog. Volksturnfest, welches von ca. 200 auswärtigen Turnern besucht war, verlief ziemlich trifte. Von einer Ausschmückung des Festplatzes und dergleichen war keine Spur zu sehen. Ein starker, andauernder Regen vertrieb gegen 3 Uhr die Anwesenden vom Fcstplatz. Dafür entschädigten sich die Theilnehmer Abends an einem Tanzkränzchen in der Turnhalle. In den Tanzpausen machten die durch den Regen am Nachmittag in ihren Turnübungen gestörten Mitglieder ihrem Thatendrange dadurch Lust, daß sie von Zeit zu Zeit einen der Ortsfremden, welche nach dem Programm Zutritt hatten, beim Kragen nahmen und an die Luft setzten. Da die also Behandelten sich das nicht gefallen lassen wollten, so entstanden Prügeleien bis in die späte Nacht, welche zur Erhöhung der „Gemüthlichkeit" ungemein viel beigetragen haben sollen.
* — (8. Volksturnfest auf dem Acisbrunnen.) Von 261 angemeldeten Turnern machten 197 Turner das Preisturnen mit und es wurden folgende durch Preise ausgezeichnet: 1. Preis mit 40 Punkten Adam Christe-Schlier- bach, Gg. Oestreich-Fechenheim. . 2. Preis mit 39^ Pkt. Mich. Herty-Kleiu-Steinheim. 3. Preis mit 39'/s Punkten Ferd Plock-Schlüchtern, Wilh. Kiefer-Niederrad, Franz Bauer Kl.-Steinhcim. 4. Preis mit 39 Punkten Adam Haiuz-Dietcsheim, Frdch. Seibert-Niederrad. 5. Preis mit 38^/4 Punkten Simon Gadhof-Gr.-Steinheim. 6. Pr. mit 38 Va Punkten Friedr. Eurich-Schlierbach. 7. Preis mit 38 Punkten Theod. Dell-Schlierbach. 8. Preis mit 37 % Punkten Heinrich Elm-Schlüchtern. 9. Preis mit 37 ’/s Punkten Ph. Heizenröder-L. Diebach, Ferd. Kaiser« Fecheuheim. 10. Preis mit 37'/4 Punkten Joseph Gon- dolf-Heddcruheim, Aug. Neuß-Gr.-Auheim, Leopold Eich« Sachsenhausen. 11. Preis mit 37 Punkten Gg. Niedeu- thal-Schlüchtern, Jean Kohl-Hanan, Gg. Ullrich-Schlücht. 12. Preis mit 36 ^/g Punkten Otto Juug-Gr.-Auheim, Wilh Vogt-Gr.-Steinhcim. 13. Preis mit 36 V« Punkte» Joseph Haiuz-Diete-Heim, Audr. Lofink-Schlüchtern. 14, Preis mit 36 Punkten Kour. Kitziuger-Fechenheim, Ph. Dauth Niederrad, Karl Kircher-Schlüchtern, Ludw. Walzer« Fecheuheim. 15 Preis mit 35^/4 Punkten Prul Mitten« becher-Oberrad, Hch. Fechter-Hanau, Peter H-ck-DörnigheiM.
16. Preis mit 35 ’M Punkten Aug. Hausmann Rödelheim.
17. Preis mit 35 Punkten Hadermann-Marburg, Wilhelm Horstmann-Schlierbach, Ad. Weidenbach-L. Selbold. 18. Preis mit 348/4 Punkten Ad. Dell-Schlierbach, Friedrich Geisel-Bergen. 19. Preis mit 34'/«Punkten Ph. Kaiser- Fechenheim, Jean Schmidt-Ginuheim, Karl Reifschuetder- Hanau, Jos. Hof-Eckenheim. 20. Preis mit 34 '^ Punkten Karl Lotz-Gr.-Anheim. 21. Preis mit 34 Punkten Th. Lutz-Oberrad, Konr. List-Niederrad, Georg-Kircher-Sossen« heim. 22. Preis mit 33'/« Punkten Martin Kaiser Dietes- heim. 23. Preis mit 330/4 Punkten Wilhelm Schwarz- Haupt-Schlüchteru. 24. Preis mit 33 Punkten Peter Heck- mann-Bergen, K- Hafner-Gelnhausen, H. Höhl-Niederrad.
25. Preis mit 323/4 Punkten Heinr. Kaiser-Fechenheim, Gg. Kempf-Gelnhausen, Aug. Geis-Schlierbach, Peter Koch- Hochstadt, Theodor Hempel-Niederrad. 26. Preis mit 32’/2 Punkten Karl Hain Oberrodenbach, Wilhelm Lenz- Gr.-Auheim, Heinr. Kullmann-Hanau.
* — Die Jagd auf Rebhühner wird auf Grund des Gesetzes über die Schonzeiten deS Wildes zur gewöhnlichen Zeit am 1. September eröffnet. (In der vorigen Nr. wurde irrthümlich 25, August angegeben.) r, In Sterbfritz wird mit d.m 1. September eint