Erscheint Mittwochs und Sonnabends. — Preis vierteljährlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
Bestellungen auf das 4. Quartal 1890 (Oktober, November, December) der
WW^° „Zcükücküerner Zeitung" ^^^
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Deutsches Reich.
Hamburg. 11. September. Einen eigenthümlichen Einblick in die heutigen Restauratw-sverhältiiisse gewährte ein Prozeß, der in diesen Tagen vor dem hiesigen Schöffengericht zur Aburtheilung gekommen ist. Angeklagt war der Gastwirth S., welcher in d n letzten Woch-n zahlreiche Mittagsgäste durch den billigen Preis seines Mittags- tisches angelockt hatte. Es stellte sich heraus, daß derselbe in dieser letzten Zeit 6643 Pfund Pferdefleisch an« gekauft und davon täglich 400 bis 500 Pfund zu Beefsteaks, Filets, Rinderbraten u. s. w. verarbeitet hatte, ohne daß seine Gäste eine Ahnung von dein Ursprung der Leckerbissen hatten, die ihnen vorgesetzt wurden. Der betrieb* samt Vorarbeiter des Pferdefleisches, das stets um Mitternacht in seine Wirthschastsräume geschafft wurde, kam mit einer Gefängnißstrafe von drei Wochen davon.
Breslau, 9. S-Pt. Ein R dakteur war in erster Instanz zu 10 Mark verurtheilt worden, weil er einer Berichtigung, die ein Rrchisanwalt i amens eil er Fiima eingereicht hatte, die Aufnahme verweigerte. Der erste Richter hielt die Ausführungen der Vertheidigung, daß eine derartige Vertretung durch eine drille Person nicht zulässig sei, nicht für zutreffend, sondern entichied, d^ß der Rechtsanwalt als Bevollmächtigter der Bctheiligtcn zu identifiziren sei. Die zweite Instanz stellte sich indessen auf den Standpunkt der Vertheidigung und erkannte, daß nur eine betheitigte Behörde oder Privatperson eine aufzunehmende Berichtigung unterzeichnen dürf-. Der Angeklagte wurde nunmehr freig sprachen.
Lübbeu, 1. September. Ein seltenes Jagdglück hatte der hiesige Stadtförster Rudolph Münchow. Er traf kürzlich um den Sonnenuntergang auf einer durch starken Graswuchs ausgezeichneten Kicfernschoiumg drei alte Baummarder, die durch Fauchen und Beißen verriethen, daß sie sich in heißem Kampfe befänden. Nur dieser KriegSstimmung hatte es der Beamte zu danken, daß er sich anschleichen und durch sichere Schüsse allen drei Räubern, theils noch auf der Schonung, theils im nahen Slangeu- bestande, das Lebenslicht ausblasen konnte. Ein auf der Wahlstatt gefundenes, frisch g-schlagencs und nun verendetes Junghäschen hatte den Streit entfacht und glücklich zur Aburtheilung der W gelagcrer geführt.
Soest, 10. September. Ein recht unheimlicher Fund wurde in dem benachbarten Dorfe Einecke gemacht. Unter dem Fußboden eines Zimmers fand man nämlich ein noch gut erhaltenes Skelett, anscheinend von einer männlichen Person im Alter von 18 bis 20 Jahren. Man vermuthet, das Skelett habe bereits circa achtzig Jahre an der Stelle gelegen und sei die letzte Spur eines damals geschehenen Verbrechens. In damaliger Zeit soll das betreffende Haus eine Herberge gewesen sein, in der allerlei „fahrendes Volk", Gaukler, Zigeuner u. f. w. verkehrte.
Erfurt, 4. Sept. Eine fatale Ueberraschung wurde kürzlich einem vom Felde heimkehrenden Landwirth zu Theil. Als seine Frau ihm miktheilte, während seiner Abwesenheit habe der Schornsteinfeger die Esse ausge- brannt, wurde der Mann leichenblaß und brächte endlich stotternd heraus, er habe heimlich 600 Mk. in Papier in einer Nische der Esse versteckt. Bon dem G-lde war keine Spur mehr vorhanden.
In Weißenfels werden nach dem dortigen „Kreisblatt" Nr. 184 „zwciSchuhmachergeseUenaufSliefcletten- boden genagelt bei dauernder Arbeit" gesucht. Ob die das wohl aushalten werden?
Radach, 8. S pt. Einen eigenthümlichen Erwerbszweig betreibt ein Schneider in dem nahen Lemperts- Hausen. Er sammelt in den Fluren die sogenannten Weinbergs-Schnirk lschnecken und züchtet dieselben, zu w-lchem Zweck er eine 40—50 qm große Fläche im Wald mit dürrem Reisig eingefriedigt hat. Auf diesem Aaum werden die Schnecken gefüttert und gepflegt und
an Regentagen, an denen sie wandern, wieder zusammengelesen. Das Geschäft des Sammlers erstreckt sich auf die Zeit vom Mai bis in den Oktober hinein. Dann verkauft sie der Schneider an bayrische Händler, das Schock zu 35 Pfg. Die Schnecken werden von den Händlern dann an bayrische und böhmische Klöster verkauft, woselbst sie als große Delicattsse gelten. Sie werden als Fastenspeise, auch als Arzneimittel bei Lungenleiden in Supven oder Saucen verwendet, nachdem sie zuvor sorgfältig vom Schleim gereinigt worden sind. Der Lempertshäuser Sammler hat gegenwärtig 500- gdioef dieser Schnecken auf Lager.
Nürnberg, 11. Sept. Die Einfuhr lebender Schweine aus O sterreich-Ungarn ist jetzt auch nach Fürth gestattet.
Aus Franken, 10. September. Eine interessante Wahrnehmung wird seit einer Reihe von Jahren gemacht: Der Wasserspiegel des Main senkt sich in einzelnen Partien seines Laufs immer Mehr, seit 30 Jahren um über einen halben Meter. Dadurch werden schwer be* ladene Schiffe bei der Fahrt behindert und bei SLweinfurt hat in letzter Zeit das Flußbauamt sogar Dynamit- sprengungen im Flußbett unterhalb der Kammerschleuse vornehmen lassen müssen, um Abhilfe zu schaffen.
Lokales und Provinzielles.
Schlächtern, 16. September.
* — Die Beaufsichtigung der Schulkinder beim Gottesdienst wird den preußischen Lehrern und Lehrerinnen durch einen soeben veröffentlichten Erlaß des Ministers von Goßler zur Pflicht gemacht. Wo die Sitte besteht, daß die Schulkinder an Sonn- und Feiertagen einem besonderen Schul-Goltesdienste an ihren eigenen angewiesenen Plätzen in der Kirche beiwohnen, wird den Lehrern die Verpflichtung auferlegt, die Kinder hierbei zu beaufsichtigen.
* — Der „R.-Anz, - enthält die Bekanntmachung, betreffend die für die Jnvaliditä's und Altersversicherung zu verwendenden Beitrags- und Zusatzmarken vom 9 Septbr. 1890. § 1 (Beitragsmarken) bestimmt, die von den Versicherungsanstalten auszugebenden Beitragsmarken sind in Form eines Rechtecks auf weißem Papier, und zwar die Marken im Werthbetrage von 14 Pfennig (Lohnklasse 1., das ist bei einem Jahresarbeitsverdienst bis zu 350 Mark einschließlich) in rothem Druck, im Werthbetrage von 20 Pfennig (Lohnst. II., das ist bei einem Jahresarbeitsverdienst von mehr als 350 bis 550 Mark) in blauem Druck, im Werthbctrage von 24 Pfennig (Lohnklasse III., das ist bei einem Jahresarbeitsverdienst von mehr als 550 bis 850 Mark) in grünem Druck, im Wertbetrage von 30 Pfennig (Lohnklasse IV., das ist bei einem Jahresarbeitsverdienst von mehr als 850 Mark) in rothbraunem Druck herzustellen.
■ * — Die „Kriegerzeitung" bemerkt, daß Orden und Ehrenzeichen links, Vereinsabzeichen dagegen rechts an der Brust zu tragen sind.
— Die Scifenfabrikanten Mittel-Deutschlands be schlössen in einer dieser Tage zu Leipzig abgehaltenen Versammlung eine weitere Preiserhöhung ihrer Fabrikate um 4—6 Mark pro 100 Kg.
* — Der Gesammtauflage unserer heutigen Nummer liegt eine in kleinem Format gedruckte Probenummer der „Deutschen Frauen-Zeitung" — der reichhaltigsten und beliebtesten Frauen-Zeitung der Gegenwart — bei, welche wir der besonderen Beachtung unserer werthen Leserinnen empfehlen.
— Die „Berliner Abendpost", täglich 2—3 Bogen stark, kann Jedermann zum Abonnement empfohlen werden; dieselbe vermeidet jedes politische Raisonnement, ist eigentlich eine Z itung der Th tsachen und Ereignisse. Das Feuilleton enthält stets Romane von ersten Schriftstellern. DaS Abonnement ist sehr billig, l1/* Mark für das
ganze Quartal. Im Nebligen verweisen wir auf ein liegend n Prospekt.
□ Rebsdorf bei Ulmbach, 12. Sept. Gestern wurde die Ehefrau des Bauers Christian Hergenröther von hier von drei kräftigen Mädchen glücklich entbunden.
Gelnhanscu, 13. Sept. S. M. der Kaiser haben dem Fabrikdirektor Max Rößler zu Schlierbach, welchem nach erfolgreicher Thätigkeit als Leiter der Schlierbacher Porzellan-Fabrik die Direkrorstelle an einem ähnlichen bedeutenden Etablissement in Böhmen übertragen worden ist, den Kronenorden vierter Klasse verliehen.
Frankfurt a. M. EinKommis erhielt von seinem Chef den Auftrag, bei einem nicht gern zahlenden Kunden eine Rechnung einzukassiren. Der Kunde hatte schlecht geschlafen, nahm den Kommis faktisch am Kragen und befördern ihn da hinaus, wo der Zimmer- mann das Loch gelassen hat. Durch diese Manipulation erhielt die Hose des Hinausgeworfenen am Knie ein Loch und das Westenftttter wurde ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Die Folge war eine Klage nicht wegen Mißhandlung, die der Jünger Merkurs großmüthig übersah, sondern auf 120 Mark Entschädigung für' oen fast neuen Anzug. Der Beklagte meinte zwar, ein einigermaßen guter Schneider könnte den Schaden so repariren, daß kein Mensch ihn bemerken würde, das Gericht war aber auf Grund eines sachverständigen Gutachtens anderer Ansicht und verurtheilte ihn zur Zahlung der geforderten 120 Mark, wobei er noch die Mahnung mit auf den Weg bekam, künftighin beim Hinauswerfen vorsichtiger zu sein, denn zerbrochene Rippen seien theuerer als zerrissene Kleider.
Frankfurt. Metzgelmeister Christian Müller, Ecken- HeimerLandstraße 105, schlachtete gestern einen normalen Ochsen, dessen eine Niere, vollständig verfettet, ein ’ Gewicht von 177 Pfund aufwies. Im Jahre 1642 wurde, wie die im Schlachthause aufliegenden Metzgerbücher Nachweisen, ein ähnlicher Fall konstatirt, doch wog damals die als Unikum bezeichnete Niere etliche 40 Pfund weniger. Der von HerrnMüller geschlachtete Ochse stammt aus Lauterbach in Würtcmbcrg.
Casscl, 11. Sept. Gestern kam eine große Zahl aus Amerika zurückkehrender Auswanderer aus dem Badischen hier durch, welche, von allen Mitteln entblößt, wieder in ihre Heimath zurückkehrten. Nach ihren Erzählungen haben sie drüben die bittersten Erfahrungen gemacht und sind um ihr Hab und Gut gekommen. Bei der sauersten Arbeit wäre der ganze Verdienst kaum 40 Mark monatlich gewesen.
Cassel, 17. Sept. Der in Konkurs gerathene Prinz Albrecht von Waldeck und Pyrmont bietet seinen Gläubigern eine Abfindung von 30 Prozent. Gehen sie hierauf nicht ein, so erhalten sie so viel wie nichts. Die Schuldenlast beträgt 180,500 Mark; die Einkünfte des Prinzen aber sind fast völlig der Pfändung entzogen. Die Prinzessin Albrecht Hot Schulden int Betrag von 200 000 Mark; auch ihren Gläubigern werden 30 Prozent geboten. Die Abfindungssumme soll vom regierenden Fürsten beschafft werden.
Neukirchen b. Z., 6. September. Ein Andenken an 1870. Der Invalide Lang aus Ottrau erhielt im letzten Feldzug einen Schuß, welcher den rechten Unter« tiefer und einen Theil des Gaumens zertrümmerte, sowie sämmtliche rechlscitige Backzähne entwurzelte, welche kurz nach der Verwundung durch den Mund entleert wurden. Jetzt nach 20 Jahren ließ sich unter der Haut der rechten seitlichen Halsseite ein Fremdkörper fühlen, der von einem Arzt und von dem Lang selbst für einen Zahn gehalten wurde, an dem man deutlich Klone und Wurzel unterscheiden zu können glaubte. Während der Operation zeigte sich jedoch, daß der von einer Bindegewebekapsel umgeschlossene Körper ein Stück Blei von