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M 100. Samstag, den 13. Dezember 1890.

DeS Kaisers Rede in der Schulfrage.

Die am Donnerstag im Kultusministerium eröffneten Verhandlungen über das höhere Schulwesen sind durch eine der bedeutensten Kundgebungen unseres Kaiserlichen Herrn eingeleitet worden. Zunächst wollen wir unseren Lesern in Erinnerung bringen, daß allein durch das Vor­gehen unseres Kaisers die Frage der Schulreform jetzt der Lösung näher geführt und einer Konferenz sachver­ständiger Männer unterbreitet worden ist. In seinem Erlaß vom 1. Mai 1889 stellte er als Grundsatz auf, daß die Schule zum Kampf gegen den Umsturz besser ausgerüstet werden müsse. Als Mittel bezeichnete er eine Vertiefung des Religionsunterrichts und eine bessere Pflege des nationalen Geschichtsunterrichts unter stärkerer Berück­sichtigung der wirthschaftlichen und sozialen Verhältnisse. Nachdem auf dieser Grundlage seitens des Kultusministeriums der Unterricht in den niederen Volksschulen neu geregelt worden, ist nunmehr eine Konferenz zusammenberufen, um die Wege zu finden, welche auf dem Gebiete der höheren Schulen zu diesem Ziele führen. Der Kultusminister hat der Konferenz vierzehn Fragen vorgelegt, welche sich auf die Organisation deS Schulivesens beziehen. Sein hohes Interesse an der Sache bethätigte der Kaiser nicht nur durch persönliche Anwesenheit bei der Eröffnung, sondern auch dadurch, daß er der Konferenz in einer längeren Rede seine Gedanken über die Zwecke der höheren Schulen auseinandersetzte Kein Preuße, kein Deutscher, kein Ge­bildeter wird diese Königlichen Gedanken vernehmen, ohne von ihnen lebendig erfaßt und zu thätigem Interesse an der Sache selbst angeregt zu werden.

An die Spitze seiner Rede stellte der Kaiser es als Aufgabe der Konferenz hin, diejenigen Maßnahmen zu ergreifen, welche geeignet sind, die Heranwachsende Jugend den jetzigen Anforderungen der Weltstellung unseres B-Lter- landeS und des Lebens entsprechend heranzubilden. Weiter führte er aus, daß die Schule, wenn sie sich ihrer Auf­gabe gewachsen gezeigt hätte, von selbst das Gefecht gegen die Sozialdcmokratie hätte aufnehmen müssen. In den Kämpfen um die deutsche Einheit im Jahre 1870 sei sie zum letzten Mal für unser ganzes vaterländisches Leben und für unsere Entwickelung maßgebend gewesen. Statt nun weiter darauf hinzuarbeiten, d«ß die Jugend zur Er­haltung des neugewonnenen Staatswesens angefeuert und die Bildung des Charakters gefördert werde, habe sie es bei ihrer Methode, das Lernen und Wissen zu vermehren, bewenden lassen. Die Anforderungen in den Prüfungen seien gesteigert, die Rücksichten auf das praktische Leben vernachlässigt worden; die damit bezweckte Gymnastik des Geistes aber erziele nicht das, was für das Leben noth­wendig sei. Das gehe so nicht weiter!

Nach dieser Kritik des Bestehenden stellte der Kaiser die Forderung auf, daß die Bildung der Jugend vor Allem auf eine nationale Grundlage gestellt werden müsse. Das Deutsche solle die Grundlage werden, die alte klöster­liche Erziehung des Mittelalters, welche Jahrhunderte be­standen und welche das Latein und das Griechische zur Grundlage machte, solle aufgegeben, der deutsche Aufsatz nicht aber der lateinische Aufsatz der Mittelpunkt werden, um den sich Alles drehe. Ebenso solle das Na­tionale in der Geschichte und Geographie mehr als bisher gefördert werden. Aus der eigenen Erfahrung heraus, die unser Kaiser auf dem Gymnasium gemacht hat, kriti- sirte er den Geschichtsunterricht in der vaterländischen Ge­schichte als äußerst mangelhaft und hiermit brächte er es in Verbindung, daß cS so viele unklare, konsufe Welt­verbesserer gebe, weil sie nicht wüßten, wie sich unsere Geschichte bis zur Jetztzeit entwickelt hat. Aus jenem Mangel erkläre es sich, daß die jungen Leute kein Ver­ständniß für die heutigen Fragen haben. Hieran sei das ganze bisherige System Schuld: die Jugend wurde mit Lernstoff überbürdet und wir erhalten ein Abiturienten- Proletariat, welches eine Gefahr für das Land bilde. Dieses Uebermaß müsse beseitigt werden. In Konsequenz dessen erklärte der Kaiser, daß 'er die Errichtung von Gymnaste», deren Nothwendigkeit nicht nachgewiesen werden könne, nicht mehr genehmigen werde, und daß die Real­gymnasien überhaupt aufhören müßten, weil man mit ihnen nur eine Halbheit der Bildung und somit überhaupt nur eine Halbheit für das Leben erreiche. Weiter legte der Kaiser der Konferenz zur Berathung neun von ihm selbst ausgestellte Fragen vor, welche die von ihm aus­gesprochenen Gedanken zur Unterlage haben.

Der Kaiser hat hiermit der Schulfrage und ihrer Be­handlung durch die Konferenz eine ganz bestimmte Rich­

tung gegeben. Aber auch der Nation! Diese Königlichen Gedanken werden in der Nation einen mächtigen Wieder- Hall finden, weil sie, mit einem warmen Herzen für das deutsche Volk, aus dem Herzen des deutschen Volkes heraus gesprochen und mit freiem Blick von der hohen Warte eines die Bedürfnisse unseres Vaterlandes genau beob­achtenden Standpunkts verkündet worden sind. Der Streit der Meinungen über diese Frage ist alt; aber aus dem Für und Wider ist man bei der Schwierigkeit der Frage und unter den Einflüssen der Erziehung, welche man ge­nossen, in weiteren Kreisen bisher noch nicht herabge­kommen. Des Kaisers persönliche Stellungnahme wird dieser Unsicherheit und Unklarheit alsbald ein Ende machen! Wir dürfen des Kaisers Rebe als eine befreiende That begrüßen und daran die Hoffnung knüpfen, daß der na­tionale Geist daraus neue Kraft schöpfen werde für das Gebiet der Schule, so für unser ganzes Leben und für unser Vaterland!_____________________

Deutsches Reich.

Berlin. Die stärkste Zunahme unter allen deutschen Städten hat Charlottenburg bei Berlin erfahren, welches vor fünf Jahren 42,000 Einwohner zählte, jetzt aber 76,400. Die Zunahme beträgt also 81 Prozent.

In der Lucius'schen Fideikommiß-Stempel Ange­legenheit soll der Kaiser sich vor einigen Tagen einen Spezialbericht eingefordert haben. Nach Eingang desselben wird man wohl auf eine vollständige Klarlegung des ganzen Falles rechnen können.

Die Herabsetzung der deutschen landwirthschaftlichen Zölle scheint beschlossene Sache bei der Reichsregiernng zu sein, löte sich aus folgender Notiz der Nordd. Allg. Ztg. ergibt:Aus den umlaufenden Gerüchten über die Ab­sichten der Regierung in Betreff der Wirthschaftspolitik wird uns eine nach Versicherung unseres Berichterstatters verbürgte Aeußerung eines höheren Staatsbeamten gegen­über einem hervorragenden Landwirth mitgetheilt, der zu­folge die Regierung die bestimmte Absicht hege, eine Rück- wärtSrevidirung des Zolltarifs dahin vorzunehmen, daß der 1887er Tarif im Allgemeinen wieder zur Geltung gelangt." Aus Wien kommen Meldungen, welche sich im gleichen Sinn aussprechen. Bei einer Tafel, welche Kaiser Franz Joseph den Mitgliedern der Zollkonferenz gab, äußerte man sich schon dahin, es werde auf dieser Grundlage ein neuer Handelsvertrag zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn zu Stande kommen.

* Ein Berliner Arzt, der auch eine Privatklinik unterhält, Namens Dr. Levy, (nomen et omen) be­rechnete für eine Einspritzung Koch'scher Mixtur 300 M-, in manchen Fällen auch 500 M-; für Aufnahme in seine Klinik pro Woche 1000 M. und dies nicht blos bei reichen Leuten, nein, bei jedem Patienten, so einem Barbier aus Gladbach, ein Kaufmann aus Sachsen unb ein Amts­richter aus Hadamar in Nassau. Darob allgemeine Ent­rüstung Der Ehrenrath der Berliner Doktoren untersuchte die Sache und gab diesem Finanzgenie von Arzt R e ch l. Drum, wer nach Berlin geht zur Kur, der beherzige das Wort Schelm Jago's:Thue Geld in Deinen Beutel!" unb zwar recht viel. Zur weiterer Illustration diene noch Folgendes: Die städtischen Krankenhäuser Berlins, sowie die anderen öffentlichen und privaten Heilanstalten Berlins sind gegenwärtig so von Tuberkulosen überfüllt, daß es selbst für zahlende Patienten sehr schwierig ist, Aufnahme zu finden. Die auswärts wohnhaften Kranken werden daher gut thun, die vergebliche Reise nach Berlin sich zu ersparen und so lange zu warten, bis ein ihnen zunächst belegenes Krankenhaus mit Lymphe versehen ist, oder da auch dort in erster Linie die unbemittelten Patienten berücksichtigt werden die Lymphe auch an die praktischen Aerzte abgegeben wird. Die Koch'sche Mixtur wird bereits von gewissen Schlaumeieern in Berlin nachgeahmt und verkauft. Belgische Aerzte sind meistens damit ange- schmiert worden. Selbstredend nutzt das Zeug nichts.

* Wegen der drohenden Verseuchung Berlins durch Schwindsüchtige haben sowohl im preußischen Medizinalkollegium, wie im Polizeipräsidium und der Sanitäts-Deputation des Berliner Magistrats eingehende Berathungen stattgefunden. Von diesen Gesichtspunkten aus hat die Polizei dem Magistrat den Entwurf einer bezüglichen Polizeiverordnung vorgelegt, welche bereits von den städtischen Behörden angenommen ist.

Lokales und Provinzielles. * Schlüchtcru, 11. Dez.

* Der laudwipthschaftlichk Sentralverrtn für den

R gieknngsoezirk Kassel beabsichtigt bei dem stets steigen­den Bedarf an Orginal Sunmeuthaler Zuchtvieh aus der Schweiz und aus Baden zur Erleichlung des Be­zugs von Mitgliedern einzelner Kreisvereine im nächsten Frühjahr eine größere Anzahl solcher Thiere von da zu beziehen und an einem noch näher zu bestimmenden Orte meistbietend versteigern zu lassen, wobei als Grund­taxe nur der Selbstkostenpreis, alle Unkosten mitgerechnet, eingesetzt werden würde.

* Laut B kanutmachung der Königl. Eisenbahn Direktion zu Frankfurt a. M. wird die Eisenbahn-Theil- strecke Biberstein-Hilders mt den Haltestellen Milseburg und Eckweisbach und dem Bahnhöfe Hilders am nächsten Freitag, den 12. d. M., dem öffentlichen Verkehre über« geben. Eie Eröffnung der Rest-Strecke Hilders-Tann findet später statt. Das Verkchrs-Bureau genannter Eisenbahn ertheilt über die Höhe der Frachtsätze rc. auf Befragen nähere Auskunft.

Der am 29. Oktober d. J. in Bebra versammelt gewesene Verband der Hessen-Kassel'schen Raisfeisen'sche- Organisation ländlicher Darlehnskassen hat einen Aus, schuß für die Propaganda gebildet, mit der Aufgaben die Ncuerrichiung und weitere Ausbreitung der ge­nannten Kassen mit allen Mitteln zu fördern. Der Ausschuß besteht zur Zeit aus folgenden Mitgliedern: Pfarrer Most aus Besse, Kreis Fritzlar, Pfarrer Reiß aus Bischhausen, Pfarrer Kempf aus Hundelshausen, Pfarrer Dr. Ahrenhold aus Hanau, Pfarrer Müller aus Flieden, Kreis Fulda. Es wäre zu wünschen, daß diese Herren auch auf den Kreis Schlächtern, der bisher noch gar keine Raiffeisen'sche Darlehnkasse besitzt, trotz­dem das Bedürfniß in manchen Orten dazu so dringend ist, ihre Thätigkeit ausdehnen, An Entgegenkommen würdet die hiesigen Geistlichen und Lehrer es gewiß nicht fehlen lassen.

* Eine für die Metzger und Viehhändler sehr wichtige Bestimmung tritt mit dem 1. Januar 1891 im Bereich der preußischen Staatseisenbahnen in Kraft: Die Viehbegleiter brauchen von diesem Tage ab keine Fahrkarten mehr zu lösen, vielmehr dient in allen Fällen der Beförderungsschein als Vorausweis und ist in diesem der tarifmäßig zu erhebende Fahrpreis von 2 Pfennig für das Kilometer zu berechnen. Die Be­förderung der Begleiter erfolgt in der 3. Klasse, sofern denselben nicht aus besonderen Gründen ein Platz im Pack- oder Güterwagen angewiesen werden muß, oder dieselben nicht in den betreffenden Viehwagen Platz nehmen.

* Steinau. Im Jahre 1885 betrug die Ein­wohnerzahl dahier 2188. Am 1. Dezember 1890 nur 2150, Abnahme 38 Personen. Eschwege hat nach neuester Zählung 9796, Frankfurt a. M 179,850, Melsungen 3645, Hofgeismar 4450, Hünfeld 1720, Lauterbach 3363, Bad Kissingen 4248 Personen.

Hersfeld, 8. Dez. Ein interessanter Erbschafts­streit ist jetzt im Gange. Ein geborener Hersfelder ist mit Hinterlassung von ca. 1 Million Dollars vor Kurzem in WieSbaden ohne Hinterlassung direkter Erben freiwillig aus dem Leben geschieden. Der Ver­storbene hielt sich immer nur etwa ein Jahr in Deutsch­land auf um die Steuern zu sparen, und nun handelt es sich darum, ob nach dem deutschen oder amerikanischen Erbrecht zu verfahren ist. Ist Ersteres der Fall, so kommt die stattliche Summe in wenige Hände, kommt aber amerikanisches Erbrecht zur Geltung, so nehmen eine ganze Anzahl Verwände an der Erb- chaft Theil, die den auf sie fallenden, immer noch er­heblichen Betrag sehr gut brauchen können. Man hofft, daß ein Vergleich der Erben auf der letzteren Grund­lage erfolgt, dann giebt es zu Weihnachten eine ganze Reihe glücklicher Familien in Hersfeld.

Karlshafen, 28. Nov. Jetzt, nachdem die Fluth durch den plötzlich eingetretenen Frost rasch gefallen und die Stadt wieder wasserfrei ist, überblickt man erst das angerichtete Unheil. Das sonst so schmucke, freund­liche Släötchen ist eine Stätte der Trauer und theil- weisen Verwüstung geworden. Die meisten Häuser an der Diemelstraße sind dem Einsturz nahe, die inneren« Wände, Treppen, Thüren, Fenster, Möbel sind mit fort-, das Straßenpflaster aufgerissen. Mehreren Kauf-, leuten ist ihr ganzes Waarenlager vernichtet, u. A- sind einer hiesigen Firma 90 Faß Petroleum fortge schwemmt. Durch die Zerstörung der Diemelbrücke ist Karlshafen auch theilweise vom Außenverkehr abgeschnitteu und dadurch schwer geschädigt. Der Gtsammtschadk»