Einzelbild herunterladen
 

SchlüchternerMung

Erscheint Mittwoch u. SamstagPreis mitKreisblatt" u.Gemeinnützige Blätter" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.

Samstag, den 10. Januar

1891

^»ftellitttiirQUf dieSchlüchterner Zeitung" Preußen und Posen auf 25000. Neuerdings ist es sogar 531 II werden noch fottwahrcnd von allen ! vorgekommen, daß Arbeitskräfte (Gesinde) von hier nach

...... -e-.......- - Postanftaltcn undLandbrieftiagern der Schweiz angeworben und exportirt worden sind.

sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin, 7. Jan. Die Gedächtnißfeier anläßlich des Todestages der Kaiserin Angusta fand heute Mittag im Mausoleum zu Charlottenburg statt. St. Majestät der Kaiser und alle Mitglieder der KönigSfamilie mit Aus­nahme Ihrer Majestät der Kaiserin, welche noch unpäßlich ist, waren anwesend. Der Kaiser legte einen großen Veil­chenkranz mit Palmeuwedeln und Schleifen, welche unter Kronen die kaiserlichen Initialen trugen, am Sarge der hohen Entschlafenen nieder.

Der Kaiser hat Herrn v. Stephan zu dessen Ge­burtstage sein Bild übersandt mit folgender eigenhändigen Unterschrift:Die Welt am Ende des 19. Jahrhunderts steht unter dem Zeichen des Verkehrs; er durchbricht die Schranken, welche die Völker trennen, und knüpft zwischen den Nationen neue Beziehungen." 9Hmmt man zu dieser Meinungsäußerung des Kaisers hinzu, daß seiner Initia­tive auf den verschiedensten Gebieten ein erfreulicher Um­schwung zu verdanken ist wir erinnern an die Handels- vertragsverhaudlnugen, die teilweise Aufhebung der Grenz­sperre, die Aenderung in der Answeisungspolitik, die Be­seitigung des Paßzwanges, so erscheint e n Umschwung in der Zoll- und Handelspolitik nicht ausgeschlossen.

Aus den Reihen der Aerzte ertönen die Ruf nach einer gerechteren Vertheilmig der Koch'schen Lymphe immer zahlreicher und immer lauter.Daß die Anwen­dung des Mittels," so schreibt ein Arzt in der Provinz, nur in Krankenhäusern stattfinden kann, ist angesichts desPrivatkliniken-Schwindels" ein Nonsens. Es sind dem Arzte viel gefährlichere Mittel anvertraut als es die Koch'sche Lymphe ist. Zugleich sind die damit gemachten Erfahrungen und die Veröffentlichungen der Kliniker da­rüber so ausreichend, daß, wer jetzt nicht mit dem Mittel als Arzt umgehen kann, eS wohl niemals lernen wird. Ucberdies wird jeder seine eigenen, praktischen Erfahrungen darüber machen müssen. Was soll man aber dazu sagen, wenn Einem bei Bestellung der Lymphe Folgendes passirt. Mitte November v. I. schrieb ich an Dr. Libbcrtz mit der Bitte um Uebersendung einer Flasche Lymphe; am 21. November kam die Antwort auf einer gedruckten Karte: Der Vorrath des Mittels ist augenblicklich erschöpft. Die Ausführung der Bestellung wird daher erst später erfolgen können. Dr. A. Libbertz." Am 3. Dezember sandte ich 25 Mark an Dr. A. Libbertz, worauf am 8. Dezember die Antwort erfolgte:Vorrath erschöpft. Die Bestellung kann daher erst in einigen Tagen ausgeführt werden. Dr. A, Libbertz." Am 27. Dezember erhalte ch zu meiner größten Ueberraschung meine 25 Mk. per Post-Anweisung zurück mit der Bemerkung:Anbei re- tournire ich Ihnen die mir s. Z. überfanbten25 Mk-, da das Mittel vorerst nur an Krankenanstalten abgegeben wird. Dr. A. Libbertz." Was das für Krankenanstalten sind, beweisen die Artikel der Presse aller Richtungen über den Unfug der Privatklinken. Sie beweisen klipp und klar, daß besagte Lymphe vorerst wohl nur für ge­nannte Privatkliniken reservirt werden und den Schwind­süchtigen nur in Berlin und eben in den dortigen Privat­kliniken der Dr. Levy und Cornet gespendet werden soll. Sapiensi satis!" (Die alte Beobachtung: Berliner Geschäftcher!)

Königsberg i. Pr., 5. Januar. Am Sonnabend sind hier zwei Frauen und ein Mann durch Kohlen« oxydvergiflung getödtet; außer diesen drei Todesfällen sind mehrete gefährliche Erkrankungen aus demselben Grunde vorgekommen, ein Arbeiter und ein Dienstmäd­chen wurden nur mit Mühe am L.bm erhalten.

Zur Sachsengängerei wird demReichs-Anzeiger" aus MarienWerder geschrieben: Während in den letzten Jahren dem Bezirk durch Auswanderung etwa 21 bis 22000 Seelen entzogen worden sind, gehen alljährlich 12000 ländliche Arbeiter im Frühjahr von hier in die ruben- bauenden Distrikte Mittel-Deutschlands, um erst zum Winter in die Heimath zurückznkehren. Außerdem findet aber auch nach den große» Städten nnd den Industrie- bezirken des Westens ein dauernder Abzug von Arbeits­kräften statt. Ein kompetenter Beurtheiler der Verhältnisse, der mit der Seelsorge der polnischen Industriearbeiter in Westfalen beauftragte katholische Geistliche Liß, schätzt Mein die Zahl dtp dortigen polnischen Arbeiter aus West-

Hamburg, 5 Januar. Einenblinden Kisten-Reisen- den für Amerika entdeckte man hier beim Verladen einer

großen Kiste. Der Bewohner der Kiste hatte es sich ganz gemüthlich eingerichtet, mit Luftlöchern, Lebeus- mitfeln, einer Spritlampe (!) u. s. w. Die Kiste war erst im letzten Augenblick für den DampferJndis" aufgcgcbcn. Der sonderbare Reisende ist seinem Ge- stäi dniß zufolge ein aus Hadersleben gebürtiger Seil­tänzer, der trctz seiner Jugend (20 Jahre alt) verhei- raltzct ist und seine Frau bereits vor einigen Tagen auf einem anderen Schiffe in derselben Weise expedirt hat. In New-Aork wollten beide gemeinschaftlich Vor­stellungen geben. Die mehrwöchentliche Reise im Lade­raum düster für die Frau verhängnißvoll werden.

In den Stallungen dcsächs. Fohs lcnaufzucht-Vercins in Dresden befindet sich seit kurzem ein wohl in seiner Größe einzig dastehendes Pferd. Es ist eine noch nicht vierjährige MuSkatschimmelstute, vom königl. sächs. Hengst Nathan" abstammend, die bei vollständig normalem, kräftigem Knochenbau und außergewöhnlicher Breite 192 cm. hoch ist.

Aus der Provinz Sachsen wird geschrieben: Der Begiccungspräsidcnt zu Erfurt hat die Landräthe seines Rezirks veranlaßt, dem schönen Gebrauche des Flaggens an patriotischen G>drnk- und anderen geeigneten Tagen auch auf den Dörfern immer mehr Eingarg zu ver­schaffen. Er ist überzeugt, daß es nur dieser Anregung bedarf, mit Nachdruck dahin zu wirken, daß zunächst wenigstens alle leistungsfähigen Gemeinden für ihre Schulgebäude Flaggen beschaffen, wobei eS denselben überlassen bleibt, die deutschen oder die preußischen Farben zu wählen.

Im Benthtner Schlachthofe sind in letzter Zeit größere Transporte russischer Schweine, zuweilen 1500 Stück abgeschlachtet worden. Zum Schlachten sind sämmtliche dortigen Fleischer, zwei Berliner Firmen und ein Posener Fleischer zugelassen.

Wie die TriererLandeszeitung" erfährt, werden im Kreise Dann von jetzt ab die Schul-Lernmitt^l für alle Schüler, arme wie reiche, auf Gemeindekosten be­schafft. Von den Gemeinden sind auf Betreiben des katholischen Pfarrers von Schalkenmehren, d.s Herrn Dr. Konter, der Kreisschulinspektor von Dann ist, Be­schlüsse in jenem Sinne gefaßt worden.

Greiz, 5. Januar. Nicht wenig erschrocken war ein hiesiges Mädchen dieser Tage Morgens, als sie aufstand und ihren Geliebten, den Stellmacher W, mit welchem sie in Streit gerathen war, an der Thüre ihrer Kammer erhängt vorfand.

AuS Sandersleben (Anhalt) wird unterm 4. Januar gemeldet: Ein in seinen Folgen unabsehbares Unglück hätte neulich unsere Stadt treffen können. Als näm­lich ein Dynumittransport unter Beobachtung aller ge­setzlich gebotenen Vorsichtsmaßregeln die Stadt Pasfirte, geriet ein mit Rüben beladenes Ochsenfuhrwerk in der Schloßstraße infolge der Glätte beim Ausbiegen ins Rutschen und stieß mit solcher Wucht gegen den mit ca. 30 Ctr. Dynamit beladenen Wagen, daß ein Hinter- rad, sowie die Hinterachse desselben brachen. Als ein Wunder ist es zu betrachten, daß der gefährliche Spreng­stoff in dem mit so großer Gewalt auf die Seite ge­stürzten Wagen nicht explodiert ist.

Suhl, 6. Januar. Daß gegenwärtig hierorts ein guter Verdienst unter unseren Gewehrarbeitern herrscht, ist aus dem Umstand ersichtlich, daß, wie erzählt wird, in den letzten vier Dezembertagen über 50 000 Mk. Spargelder auf unserer städtischen Sparkasse eingezahlt worden sind. Lobenswerth anzuerkennen ist diese Spar­samkeit bei den Leuten, die das jetzigegoldene Zeit­alter" ausnutzen, denn es werden später noch Stunden und Zeiten kommen, in denen sich die Arbeit wieder rar macht, und der aufgespeich^rte Sparschatz wieder an­gegriffen werden muß. Leider giebt es aber auch thö- rigte Arbeiter, die ihren Mammon schleunigst »über leichtfertig absetzen, besonders für Spiritussen und luxuriöse Speisen.

Haxzbukg, 7. Januar. Der ungewöhnlich scharfe anhaltende Frost richtet im Wildbestande der Harz und Elmwälder beträchtliche Verheerungen an. DaS Wild kann wegen der großen Schneemassen vielfach nicht die Autterstellku erreichen und geht massenhaft zu Grunde.

Minden, 6. Januar. Ein Tabakfabrikant hatte vor einiger Zeit einen Preis auf ein dlutsches Ersatzwor fürCigarre" ausgcsctzt unseres Erachtens sehr überflüssiger Weise, hat jetzt aber doch selbst von derRauchrolle" abgesehen und das eingebürgerte alte Wort beibehalten, nur daß er ein besserer deutscher Patriot zu sein glaubt, wenn er hinfüroZigarre" schreibt Dafür hat er nun, wie die Zeitschrift desAllg. Deutschen Sprachvereins" mittheilt, in nachahmeswerther Weise die fremvländijchen Bezeichnungen seiner Cigarren durch deutsche Namen ersetzt, und zwar gebraucht derselbe deutsche Volksnamen wie Cherusker, Holsaten, Marko­mannen, Vandalen für seine Cigarren, deutsche Fluß­namen wie Main, Werra, Elbe für dieZigarillos" (die der Patriot doch eigentlich Zigärrchen nennen müßte). Wer also früher Seltne oder Auroca geraucht hat, greift jetzt zu Neckar oder Mosel, wer Espana und Euterpe bevorzugt hat, läßt sich jetzt Alemannen und Hermaduren schm cken. Nicht weniger als dreißig ger­manische Völkerschaften kann man auf diese Weise rauchend kennen lernen.

Karlsruhe, 4. Januar. Ein Fund aus der Stein­zeit wurde auf einem Ausläufer des Randen, unweit der schweizer Grenze, gemacht. In einer Tiefe von etwa 40Ccntimcter fand man, vorsorglich mit Steinen umgeben, die olcu mit einer Steinplatte überdeckt waren, einen Kiesel zu einer Schlagwaffe hergerichtet. Dieselbe ist aus einem Stück gearbeitet, die eine Hälft» bildet einen Kolben, die andere einen Stiel, in den Ver­tiefungen zur Aufnahme der Finger angebracht sind. Man vermuth, t in dem Funde einen Gegenstand eines vorkeltischen Volke-, das vor über 10,000 Jahren am W»Hochthal a gesiedelt gewesen, Gegenwärtig ist Professor Wagner in Karlsruhe mit der Feststellung der Zeitepoche, welcher die Steinwaffe angehört, beschäftigt. Dieselbe ist 24 Zentimeter lang und wiegt 1300 Gramm.

Aus Karlsruhe wird geschrieben: Durch die Ent scheidung des Reichsgerichts ist eine für das gestimmte Kirchenwesen bedeutsame Streitfrage entschieden worden. Während des Gottesdienstes in der Gemeinde Neuen« weg hatte der Geistliche sich in seiner Predigt zu weit­gehenden Angriffen gegen den Bürgermeister deS Ort.s hinreißen lassen, so daß dieser sich veranlaßt sah, aufzustehen,Ruhe!" zu rufen und die Kirche zu ver­lassen. Gegen den Vürgermc.ster wurde wegen Störung des Gottesdienstes Strafantrag gestellt, in erster In­stanz erfolgte auch die Verurtheilung, in zweiter In­stanz wurde der.Bürgermeister freigesprochen. DaS Reichsgericht bestätigte das freisprechende Erk-nntniß und verwarf die dagegen eingelegte Berufung Der Gerichtshof hatte sich der Ansicht deS Angeklagten, daß er sich gegenüber den Angriffen des Geistlichen in Nothwehr befunden, angeschlossen. Der Angriff deS Geistlichen galt der Ehre des Bürgermeisters, und als dieserRuhe!" gebot, geschah es, um weiteren Beleidig-. ungen, die zu erwarten waren, vorzubeugen. Eine strafbare Handlung des Angeklagten war also nicht vor­handen. In den Gründen deS freisprechenden Tenors wird auSgeführt, daß das Re cht der S elbst Ver­theidigung überall gilt, wo die Voraussetz­ungen des §. 53 des Strafgesetzbuches vorliegen; das Recht braucht dem Unrecht nirgends zu weichen; Noth­wehr ist gegen Jedermann und ü b e r a l l zulässig, soweit die gesetzlichen Voraussetzungen zutreffen. Der S. 53 hat nicht blos einen gegen die Person eines An­deren geführten Angriff, sondern jeden Angriff auf Leib, Leben, Ehre oder VermögenSzustände, jeden Ein­griff in die Rechtssphäre einer anderen Person im Auge; Nothwehr ist also auch zur Abwehr von Beleidigungen statthaft. Der Umstand, daß der Angriff von einem Geistlichen ausgmg, schließt das Berthe digurgsrecht. nicht aus, auch der Ort steht der Zuläss gkeit der Ver­theidigung?) nicht entgegen; die Hiligk.it des OrtcS mußte den Angreifer abhalten; der Angegriffene tritt dem Unrecht da entgegen, wo es geübt wird, er fam diN Ort der Vertheidigung nicht wählen, er ist dem Angegriffenen aufgedrängt. Durch den Thatbestand ist demnach erwiesen, daß der Bürgermeister sich in Noth­wehr zur Wahrnung seiner Ehre befand. Durch diese gerichtliche Entscheidung ist somit endgiltig entschieden, daß die Ge.stlichen durchaus nicht zu den oft auf poli. tisches Gebiet übergreifenden Angriffen innerhalb des Rahmens ihrer Predigt befugt sind, welche Ansicht sich