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M 10.
Mittwoch, den 4. Januar
1891.
Die Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher des Kreises fordere ich hierdurch auf den Termin zur Einreichung der Mili- tair- Stammrollen — 5. Februar — genau inne zu halten bei Vermeidurig einer Ordnungsstrafe von 3 Mark.
Schlächtern, den 2. Februar 1891.
Der Königliche Landrath: Roth.
Deutsches Reich.
Berlin. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht an der Spitze des amtlichen Theils folgenden Erlaß des Kaisers:
„Auch zu meinem diesjährigen Geburtstag, den ich Dank Gottes gnädiger Fügung mit besonderer Freude über das mir zu Theil gewordene Familien- glück verleben konnte, sind mir telegraphische und schriftliche Glückwünsche von Nah und Fern in reicher Anzahl zugegangen. Aufrichtig beglückt durch diese Beweise liebevoller Theilnahme, fühle ich mich Allen, welche in dieser Weise zu Erhöhung meiner Festes« freude beigetragen haben, zu innigem Dank verpflichtet. Bei der Unmöglichkeit, meinen Dank den freundlichen Spendern im Einzelnen auszudrücken, veranlasse ich Sie, diesen Erlaß zur allgemeinen Kenntniß zu bringen.
Berlin, den 28. Januar 1891.
Wilhelm I. R."
An den Reichskanzler.
— Graf Waldersee gibt, der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge, seinen Posten als Chef des Großen Generalstabes, wovon schon seit den letzten großen Manövern die Rede war, auf und wird der Nachfolger des kom« mandirenden Generals von Leszynski in Altona werden. Als künftiger Generalstabschef wird Graf Häseler, kommandirender General in Metz, genannt. Waldersee hat als Nachfolger Moltke's den Posten bekanntlich im August 1888 übernommen.
Königsberg i. Pr., 25. Jan. Ueber einen Selbstmordversuch mit einer Kanone bringt die „Kgsb. Allg. Ztg." folgende, etwas dunkel klingende Notiz: Vorgestern Morgen um T'/g Uhr versuchte ein Aoancirter des hiesigen Feld-Artillerie - Regiments seinem Leben durch Erschießen ein Ende zu machen. Derselbe hatte zu diesem Zwecke im Geschützschuppen des Haberberger Grundes versucht, in ein Geschütz eine gefüllte Granate! zu laden, um sich dann zu erschießen, wurde jedoch an diesem Vorhaben von hinzukommenden Kameraden gehindert und nach der Kaserne gebracht, wo er den Tag über besinnungslos zu Bett gelegen hat.
Königsberg. (Reicher Zuchthäusler.) Im Zuchthause zu Jnsterburg starb dieser Tage der hiesige Kaufmann Robert an Entkräftung. Robert hat ein Vermögen von 600,000 Mark hinterlassen, welches seinen beiden Schwestern, einer armen Erzieherin und der Gattin ein Kaufmanns in Angerburg, zufällt. Auf die Frage eines Anstaltsbeamten, wem er sein großes Vermögen vermachen würde, erklärte er wenige Tage vor seinem Tode: „Der Stadt Königsberg"; es ist indessen zu einem Testament nicht gekommen. Robert hat in der Justerburger Anstalt meistens als Schuster gearbeitet. Zum Mai d. I. sah er seiner Entlassung entgegen. — Dieser Zuchthäusler der in der Französischen Straße ein gut gehendes Geschäft besaß, soll den hiesigen Blättern zufolge auf dem Todten- bett das Geständniß abgelegt haben, daß der Konditor Schütz, dessen Leiche vor länger als 10 Jahren auf dem Schloßteiche gefunden wurde, von ihm durch Ertränken getödtet worden sei. Die öffentliche Meinung bezichtigte von Anfang an den Robert der Thäterschaft, denn nur er allein hatte Vortheil von dem Tode des Schütz, der ihm sein nicht unbedeutendes Vermögen vermacht hatte, indessen ließ sich der Nachweis seiner Schuld nicht erbringen. Später brachten andere ungesetzliche Handlungen R. in's Zuchthaus, welches er lebend nicht verlassen sollte.
Stargard (i. Pomm), 21. Januar. Eine russische Millwnen-Erbschaft, die einem armen Dienstmädchen in Stargard zugefallen ist, hat dort die Bewohnerschaft in nicht geringe Aufregung versetzt. Das Hausmädchen des dortigen Apothekers Zippel erhielt im Laufe der vorigen Wechr von dem Amtsgericht in Dramblirg
eine Vorladung zu einem Termin in einer Nachlaßsache eines in Rußland verstorbenen Onkels mütterlicherseits. Sie nahm den Termin wahr, wurde aber nicht wenig überrascht, als ihr durch den Richter mitgetheilt wurde, daß ihr und ihren Geschwistern der Nachlaß ihres mit Glücksgütern gesegneten Onkels, den sie kaum dem Namen nach gekannt, zugefallen sei, und d br auf ihren Antheil vorläufig auf mehrere Jahre * liche Rente im Betrage von 100,000 R werde. Erst wenn die bedeutenden &ute: sämmtlich verkauft, werde den gtüdti^,...
gesammte Kapital ausgezahlt, bis dahin aber erhatic jeder Erbe etwa den obigen Betrag als Rente. Das junge Mädchen kehrte nach dem Termine ruhig wieder zu ihrer Herrschaft zurück, erzählte dieser in großer Seelenruhe von dem widerfahrenen Glück und erklärte, bis zu ihrer Verheiratung in deren Diensten bleiben zu wollen. Sie hat seit längerer Zeit ein Liebesver- Hältniß mit einem kleinen aber fleißigen Landwirth, dem sie Liebe geschworen, und dem sie dieselbe auch jetzt noch bewahren will.
Landsberg a. d. Warthe, 30 Jan. Die hiesige Strafkammer verurtheilte fünf Mitglieder des Wahl- vorstandes in Rohrbeck (Kreis Arnswalde), die bei der Reichstagswahl das Ergebniß zu Ungunsten Forcken- becks gefälscht hatten, zu Gefängnißstrafen von zwei Wochen bis zu drei Monaten.
Rackwitz i. Schl., 31 Januar. Ein Hungerkünstler aus Eigensinn. Am vergangenen Weihnachtsabend saß die hiesige Familie des Färbermeisters R. beim festlichen Mahle. Der Sohn des Hauses war der Meinung, daß ihm von dem Kuchen zu wenig vorgesetzt worden sei; er gerieth darüber in Streit mit seinem Vater und wurde schließlich so wüthend, daß er den Küchenteller und die Lampe auf den Fußboden schmetterte. Von dieser Stunde an weigerte er sich, irgend welche Nahrung zu sich zu nehmen. Er schlief viel und trank täglich nur einige Glas Wasser. Am 28. d. M. ließen endlich die besorgten Eltern, die wohl bis dahin geglaubt haben mochten, daß der Sohn heimlich Nahrung zu sich nehme (und die Möglichkeit, daß dies vereinzelt geschehen, muß wohl bis auf Weiteres auch angenommen werden), den Arzt kommen. Dieser redete dem Eigensinnigen energisch zu, zeigte ihm auch, daß er Chloroform und Instrumente mitgebracht habe, um ihm gewaltsam Nahrung beizuflößen; darauf gab der Hungerleider nach. Er nahm zwei Tassen Milch mit Ei zu sich und erscheint nun wieder am elterlichen Tische. Der eigensinnige Mensch hat also 34 Tage entweder nur von Wasser gelebt oder doch nur ganz vereinzelt während dieser Zeit heimlich etwas Nahrung zn sich genommen.
I Gleiwitz, 27. Januar. Einen nicht üblen Scherz hat neulich hier das Telephon verübt. Der „Oberschles. Anz." erzählt darüber: Ein Geschäftsreisender macht einem Kaufmann Offerten in den verschiedensten Dingen. Bei einem Artikel fehlt ihm aber der genaueste Preis; um sich deshalb auf den kürzesten Wege darüber mit seinem Handlungshause verständigen zu können, wählt er die Fernsprechverbindung. Der Kaufmann ist damit einverstanden, erklärt aber, er werde mit gehen auf die Fernsprechstelle, damit er eventuell gleich direkt mit dem Hause verhandeln könne. Der Reisende ist wohl oder übel mit der Begleitung einverstanden, und so pilgern sie denn mit einander nach dem Postamte. Nun ist die Verbindung hergestellt. Das Haus vermeint aber nur seinen Reisenden am Apparat. Indeß haben alle beide das „Plauderbändel" am Ohre und lauschten der Post von jenseits. Und was ist es, was schließlich der ahnungslose Kaufmann zu hören be- kommt: „Machen Sie nur dem faulen Jungen nicht zu kleine Preise!" so flötet der Inseitige vertrauensvoll in den Draht. Der dramatische Effekt dieses Augenblicks soll unvergleichlich gewesen sein.
Aus Thüringen. Die Sozialdemokraten, welche jetzt bekanntlich auf „die Dörfer" gehen, verfahren bei ihrem Bekehrungswerk nicht immer sehr taktvoll und es ist ihnen daher nur zu gönnen, wenn ihnen zuweilen die gebührende Abfertigung zu Theil wird. Dies ist, wie die „D. Ztg." meldet, in Melchendorf geschehen. Dort hatten zwei ihrer Apostel den Gemeindegasthof mit ihrer Gegenwart beehrt und sich zunächst in den Saal begeben, in welchem eben der Melchendorfer Gesangverein sein Stiftungsfest feierte; sie suchten durch allerlei
Redensarten über die Unterbrü:* ^a der armen Bauern» Vertheucrung des Schnapses rc. zu hetzen, wurden aber derart mißverstanden, daß sie sich plötzlich vor der Thür wiederfanden. Hierauf begaben sich die Maulhelden in die Gaststube und schimpften wacker weiter, u. A. auf das Militär, bis sie von einigen jungen Leuten nochmals gepackt und sehr unsanft an die Luft gesetzt wurden. Die Bauernbeglücker standen nach diesen Erfahrungen wn weiteren Bekehrungsversuchen ab und zogen fluchend iber die „dummen Bauern" davon.
Gotha, 25. Jan. Mit Schrecken erkennen jetzt die . Jagdbesitzer, welch bedeutenden Schaden die seitherige Kälte in Verbindung mit der undurchdringlichen dicken Schneedecke unter dem Wildstand angerichtet hat. In dem Revier Heerda bei Ohrdruf, dem Kammerherrn v. Trützschler zu Großenhchringen gehörig, sind bis jetzt allein 53 verendete Hasen, die an Hunger und Kälte zu Grunde gegangen sind, gefunden und abgeliefert worden. Wie viele mögen nicht abgeliefert worden sein! Von allen Seiten laufen die Hiobsbotschaften über ein» gegangenes Wild, sowohl Hasen wie Hühner, ein. Wohl oder übel werden die Jagdpächter in den kommenden Jahren einen tiefen Griff in den Säckel thun müssen.
Eisfeld, 27. Januar. Ein schlechtes Geschäft machte in der Neujahrsnacht der Gastwirth Höhn in GoßmannSrod, welcher von Ockonomen Otto dortselbst eine Kuh kaufte und zwar unter der Bedingung, soviel Mark dafür zu zahlen, als es Meter vom Wirths« Hause seien. Der Gastwirth wird für die Kuh 500 Mark zahlen, wenn sich die Parteien nicht anders einigen.
Trier, 29. Januar. Die Hausirer des Moselge- Hiess stehen ganz auf der Höhe ihrer Zeit. Gegen« " ^. 'j bieten sie in zahlreichen Dörfern „Prof. Ksch'S Hustenmitttel" an. Da der Name des großen Gelehrten selbst bis in das entlegenste Dorf gedrungen ist und da bei der gegenwärtiigen Witterung alle Welk den Husten hat, so machen sie glänzende Geschäfte. Natürlich ist der Preis sehr hoch, 5 Mark das Fläjch« chen, indessen was thuts? Wenn man sich um 5 Mk. auf ewig vom Husten curireu kann, so zahlt man sie eben. Und daß die Mixtur hilft, dafür bürgt ja der Name des Eifinders. Daß der Hustenmittelerfinder ein anderer Koch sein könnte als der berühmte Schwind« suchtbekämpfer, kommt natürlich unsern biedern Land- leuten nicht in den Sinn.
Mainz, 2. Februar. Ein gewisser Tilgner, der in der Mitte der siebziger Jahre ein erbeutetes französisches Kanonenboot aus Koblenz nach Holland entführte, wurde heute hier verhaftetet.
Aus Bayern. Die eigenthümlich: Auslegung des § 9 Artikel 24 der Dienstespragmatik, welche Waisen einer gewissen Beamten-Kategorie UnterhaltungSbeiträge zusichert, macht neuerdings in München, wie von dort mitgetheilt wird, anläßlich eines besonders drastischen Falles wieder viel von sich reden. Der Inhaber der wohlrenommirten Buchersch-n Verlags« und. Sortiments- Buchhandlung Rudolf Abt in Passau, ein Sohn deS verstorbenen Oberlandesgerichtsraths gleichen Namens, und Gatte einer sehr vermöglichen Frau, bezog bisher einen Unterhaltungsbeitrag von 18 Mark 20 Pfennig per Monat, welchen der Fiskus angesichts der günstigen Lebensverhältnisse deS Abt weiter zu bezahlen sich weigerte. Eine beim Landgericht Passau seitens des Abt erhobene Klage wurde abgewiesen; das Oberlandes« gericht gab jedoch einer Berufung statt, indem es unter Verurteilung des Fiskus ausführte, daß als „unversorgt" die Söhne von Kolligialräthen gelten, die keine Anstellung im Staats-, Kirchen- oder Gemeindedienst haben. So kommt es, daß z. B. ein Freiherr von Püdewils, der ein Erbgut mit 8 — 10,000 Mark jähr« sicher Rente besitzt, ein Graf Spretti mit einem Fidei« kommiß von 24,000 Maik jährlichem Einkommen u. A. m. dennoch ihre Unterhaltungsbeittäze als Söhne höherer Beamten fortbeziehen.
In Nürnberg ist ein 17jähriger Lehrling, der seinem Geschäftsherrn in ganz geriebener Weise 5000 Mk. Postgelder unterschlagen hatte, um damit noch Wien abzuöampfen, zu einem Jahr Gefängnis vcr« urtheilt worden. Das Bürjchchen hatte ein Wertpaket mit 5000 Mk. Inhalt auf der Post abzugeben gehabt. Er hatte das auch gethan, jedoch den Beamten gebeten, wegen einer von seinem Geschäft erwarteten