SchliichterwMmg
Erscheint Mittwoch u. Samstag—Preis mit „Kreisblatt" u. ^Gemeinnützige Blätter" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg
Samstag, den 7. Februar
1891
Deutsches Reich.
Berlin, 3. Februar. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" vcicfflntlicht eine Ordre des Kaisers an den Grafen Waldersee, in der dieser von der Stellung eines Chefs des Generalstabs entbunden und zum Kommandeur des IX. Armeekorps ernannt wird.
— Dem „Berliner Tageblatt" wird unterm 10. Januar aus Sansibar geschrieben, Wißmaun habe Sr. Majestät dem Kaiser sein Abschiedsgesuch eingereicht.
— Folgende Familien des deutschen Hochadels genießen in Preußen Steuerfreiheit: Die Fürsten von Solm-Solm, Sagan-Wittgenstein, Hohensttin, Solms- Braunfels, Solms-Lich-Hohensolms, Wied, Bentheim- Stcinfurth, Jjenburg-Birstein, Jserburg-Wächtersbach, Stolberg-Wernigerode, ferner die Grafen Jsenburg- Mcerholz, Solms-Roedelheim, Nculainingen-West.rburg, Stolberg-Roßla, Stolberg-Stolberg. Das neue Einkommensteuergesetz hebt bekanntlich diese Steuerfreiheit auf. Und zwar sollte mit dem 1. April 1894 dieses Privilegium der genannten sehr reichen Geschlechter aufhören.
— Die deutschen Universitäten ordnen sich nach der Zahl der Studirenden in diesem Wintersemester folgendermaßen: An 1. Stelle steht Berlin mit 5527, an 2. Leipzig mit 3458, an 3. München mit 3382, 4. Würzburg 1544, 5. Tübingen 1250, 6. Breslau 1246, 7. Sonn 1219, 8. Erlangen 1054, 9. Heidelberg 970, 10. Straßburg 947, 11. Freiburg 931, 12. Göttin gen 890, 13. Marburg 855, 14. Greifswald 773, 15. Königsberg 682, 16. Jena 640, 17. Gießen 549, 18. Kiel 489, 19. Münster 385 und endlich 20. Rostock 371. Im Ganzen studieren d. h. befinden sich „Studierens halber" auf den deutschen Universiiäten zur Zeit 28,711 Studenten.
Rathenow. Ein Hauptgewinn von 30,000 Mk. ist bei der Ziehung der preußischen Classen-Lotterie auf 89 311 in die Collecte des Herrn Doebbelin hier gefallen. Das ganze Loos wird vom Trompetercorps des Husaren-Regiments von Zietyen gespielt, welches bereits vor einigen Jahren auf Dieselbe Nummer einen großen Treffer machte. Die Glücksgöttin scheint das genannte Corps ganz besonders in ihr Herz geschlossen zu haben.
DkeSdt». W.lch' wunderliche Blüthen doch die Vereinsmeierei und Gründungs-Manie der Deutschen treibt! Existirt da bei uns ein „Verein rother Nasen," der GcscUigkeits- und Wohlthätigkeitszwecken dienen soll und mit allerlei Korporations-Altributen, als Vereinsfahne rc. ausgerüstet ist. K ürzlich hat sich nun auch in Halle ein ebenso benamster Verein gebildet, dem von dem „Mutlerverein" Dresden huldvolle Förderung und Stiftung einer Fahne zugesagt worden ist. Der Jahresbeitrag betrügt pro Kopf oder wohl richtiger pro Nase nur 1 Mark! Eine wichtige Streitfrage scheint übrigens in dem Statut zu regeln vergessen worden zn sein, nämlich: Muß ein Mitglied austreten, wenn seine rothe Nase in Folge „fortgesetzten Lebenswandels" blau geworden ist?
Altenbnrg, 1. Febr, Daß Kinder vomSchlagfluß getroffen werden, hört man selten. Vor einigen Tagen ist in MörSöorf bei Roda ein 3 Hz jähriger verhältniß- mäßig kräftiger Knabe, während er ein Stück Brod verzehrte, von einem Schlagflusse betroffen worden, der dem Leben des Kindes ein jähes Ende bereitete.
Gotha, 1. Febr. Im hiesigen Stadtbezirk haben Jahr 1889 nicht weniger als 400 Bälle und Tanzvergnügen, 344 Konzerte und Unterhaltungsmusiken und 94 Schaustellungen verschiedener Art stattgefunden. Da sage Einer noch, daß nichts los ist und daß die Zeiten schlecht seien!
Gera, 1. Februar. Die Mörder der Wittwe Böttcher von Zschippach sind entdeckt und verhaftet. Der 17 Jahre alte Brezeljunge Künzel von Langenberg und der ungefähr im gleichen Alter stehende Laufbursche Groß von hier haben die blutige That ausgeführt.
Gelsenkirchen, 31. Januar. Zwei wunderbare Errettungen bei dem großen Unglück aus Zeche „Hiberaia" sind einem Berichterstatter der „Köln. Volks-Ztg." von Bctheiligten erzählt worden. Die erstere betrifft zwei Bergleute, welche zusammen vor Ort arbeiteten, Der eine fühlte plötzlich einen starken Schlag gegen die Stirn, in Folge dessen er, halb be* t öübl, zu Böden sank. S.in Kumpan (Kumpel im Boltsmund) bemerkte, dgß beider Lampen plötzlich
'verlöschten, und dann rief er ihm zu: „Lauf, was du kannst, und rette Dich, es ist nicht geheuer im Schacht." Beide begab.ii sich im Dunkeln auf die Flucht und erreichten auch glücklich den Ausgang. (Der Bruder des Kumpel hat dag gen am Bremsschacht grstanden und ist mit verbrannt.) Die zweite Errettung wurde einer Gesellschaft von 12 Bergleuten zu Theil, welche gemeinsam in einem Abbau arbeiteten. Sie hatten durch adeilei Anzeichen gemerkt, daß böse Wetter im Schacht im Anzug sei n. Schleunigst hatten sie die Klappe des Abbaus verschlossen und sodann mit ihren Kleidern, kleinen Steinen und Erde möglichst dicht gemacht, so daß der giftige Nachschwaden nicht hinein dringen konnte. Sie waren so lange darin verblieben, bis die Rettungsmannschaften zu ihnen vordraagen, und hatten dann den Schacht fröhlich über die gelungene Rettung verlassen.
Rodach, 3. Febr. Immer nobel! Bor kurzem hatte ein wohlhabender Bauer aus hiesiger Gegend sein Sparkassenbuch, das über eine Summe von einigen zwanzigtausend Mark lautet, verloren. Ein armes ehrliches Dienstmädchen war die Finderin. Diese hat das werthvolle Buch dem rechtmäßigen Eigenthümer zugestellt und dafür als Belohnung von demselben baare bOPfg. erhalten!
Am Postschalter in Freising verlangte dieser Tage ein Bäuerlein „Jnfaulenza-Marken für ein Weibsbild zum Aufpappen!"
Pyysikns unter Vorzeigung d.r Vwfügung untersuchen zu lassen, und ihm dabei zu bemerken, daß der Phystkus das Attest unmittelbar zu den Akten einsenden werde. Demgemäß werden die Medizinalbeamten fortan, wenn sich derartige Personen unter Vorlegung einer solchen Verfügung ein-r Justizbehörde wegen ihrer Untersuchung und der Ausstellung eines Attestes an sie wenden, letzteres nicht an diese Personen auszuhändigen, sondern der betreffenden Justizbehörde zu den Akten einzusenden haben. Die bu e Einsendung des Attestes, insofern sich dieselbe ohn. Schwierigkeiten ermöglichen läßt, ist auch in denjenigen Fällen zu bewirk n, in welchen Privatpersonen die Ausstellung eines Attestes verlangen, ohne bereits im Besitze einer darauf bezüglichen behördlichen Weisung zu sein.
* — Gefälsche Ruadreisebillets. Wie das intet nationale Polizeiorgan „La Police" meldet, ist in Tours auf dem Bahnhöfe ein Engländer abgefaßt worden, welcher mit einem gefälschten Rundreisebillet sich die Welt ansah. Sämmtliche Bons waren gefälscht, und zwar so geschickt, daß die Fälschung nur durch einen Zufall entdeckt wurde. Auf dem einen Bon fehlte nämlich die laufende Nummer. Anscheinend sind solche Falsifikate in größerer Anzahl hergestellt worden, und wird vermuthet, daß noch andere Schwindler darauf reisen. Der Name des Arrestanten, welcher das Billet von einem Russen gekauft haben will, konnte noch nicht ermittelt werden. Dem Aussehen nach ist er ein polnischer Jude, der als Engländer auftritt.
* — Namentlich im Winter entwickeln sich oft bei Hof- und Jagdhunden Geschwüre an den Ohren, aus denen eine stinkende Flüssigkeit abgesondert wird. Die BkhanUuvg besteht in magerer Kost und Verabreichung von Abführmitteln, ca. alle Wochen einmal- Der Hund ist stets warm zu halten. Oertlich wird mit Vortheil Bilsenkrautöl angewandt. Man träufelt täglich zweimal einige Tropfen in die Ohren.
* — Bei der gegenwärtigen besseren Witterung sei daran erinnert, daß das Schneiden lebendiger Heck.» bis zum 28. Februar beendigt sein muß, da dasselbe in der Zeit vom 1. März bis zum 30. Juni verboten ist. Das Schneiden der Hecken darf nur mittels der dazu bestimmten Werkzeuge (Heckenscheeren usw.) erfolgen ; auch sind die Eigenthümer von Hecken an öffentlichen Wegen verpflichtet, letztere von den Abfällen rein zu halten.
* — Unterstützungsverein hessischer Lehrerswittwen Der Unterstützungsverein hessischer Lehrerswitwen, ein Zweigverein des hessischen Volksschullehrervereins, hat, da er über ein ansehnliches Kapital verfügt, in diesem Jahre in Anbetracht des strengen Winter« eS für angemessen erachtet, die Unterstützungen der Wittwen zu erhöhen. Es gelangten 12,300 Mk. zur Auszahlung; trotzdem konnten noch 4000 Mark zum Kapitalfonds geschlagen werden.- Gewiß eine segensreiche Einrichtung! Auf der letzten Generalversammlung war den Antrag eingebracht, die Jahresbeiträge der Mitglieder von 5 Mk. auf 10 Mk. zu erhöhen, um eine höhere Untersten tgSfnmme gewähren zu können. Dieser Antrag fand zwar keine Annahme, aber der Vorstand wurde beauftragt, Erhebungen bei sämmtlichen Bezirksvereinen zu veranlassen, um ein klares Bild über die Wunsch: jedes M tgliedes zu erlangen. BiS jetzt habe: ca. 75°/o von ca. 1620 Mitgliedern ihre Erklärung für die Erhöhung auf 10 Mark abzugeben.
Hilders. Am 28. v. Mts. Vormittags 11 Uhr wurde in Herdathurm (Gem. Hundsbach) der 72 Jahre alte Landwirth Jung in seiner Scheune mit zerschmettertem Schädel aufgefunden. Sein Stiefsohn Dänner, 24 Jahre alt, der öfters uno auch kurz vorher mit dem alten Jung in Streit gerathen, ist dringend verdächtig, denfelven erschlagen zu hrben. Dünner, der die That hartnäckig leugnet, wurde einstweilen in das Gerichts- g-fängniß zu Hilders inhaftirt.
Der „Täglichen Rundschau" wird aus Weißettbüttt im Eichsfeld geschrieben: Geradezu verblüffend hat folgender fast beispielslose Uebergriff katholischer G ist- lichkeit auf die hiesigen Einwohner gewirkt. Die bekannte schöne Sitte, das Andenken derjenigen, die einst für daS Vaterland g-kämpft, durch Gedenktafeln in der Kirche an geeignetem Platz zu ehren, hatte auch in unserem Gotteshause ihre Stätte g fundn. Ehrenzeichen und Orden hier verstorbener Krieger waren den Tafeln bei# gefügt. Plötzlich st rd dies; Tafeln verschwunden. Seiner
Lokales und Provinzielles.
* Schliichtern, 5. Fcbr. Die projektirte Kapelle auf dem hiesigen Friedhof geht ihrer Verwirklichung entgegen. Wie die Leser aus dem Jiseratentheil der heutigen Nummer ersehen, sind die betr. Arbeiten und Materiallieferungen seitens der Bauleitung ausgeschrieben, Die Inangriffnahme des Baues gesch eht in diesem Frühjahre. — Die Mittel hierzu werden außer durch Beiträge verschiedener hiesiger Vereine und der Stadt durch eine Kirchensteuer aufgebracht.
* — In Sachen der Kohlengrube „Kohlenhof" bei Elm, deren Verkauf von gewisser Seite als bereits abgeschlossen angegeben wird, können wir auf Grund eingezogener Erkundigung mittheilen, daß das Geschäft noch nicht perfekt ist, da dem Reflektanten erst noch der Nachweis der zu Kauf und Betrieb der Grube erforderlichen Mittel obliegt und derselbe die ihm gestellte Auflage bis jetzt noch nicht bewirkt hat.
* — Eine überaus bedauerliche Erscheinung tritt bei den Aburtheilungen der Schwurgerichte zu Tage: die ausfällige Zunahme der Meineide. Inwieweit das heutige Gerichtsverfahren hieran die Schuld mit trägt, mag hier unerörtert bleiben, sicher ist, daß etwas geschehen muß zur Bekämpfung der Meineide. Von diesem Gedanken geleitet, hat neuerdings das königliche Konsistorium zu Kassel eine längere Verfügung an sämmtliche Geistliche des Bezirks erlassen, in welcher diese angewiesen werden, durch Wort und Schrift, durch Ermahnung und Belehrung das Gewissen Einzelner in Bezug auf die Eidesfrage zu wecken und zu schärfen. Ferner sind die Kirchenältesten seitens der Geistlichen aufzufordern, von ihnen bekannt werdenden bevorstehenden gerichtlichen Eidesleistungen einzelner Gemeindemitglieder den Geistlichen zeitig Mittheilung zu machen. Das Konsistorium verweist noch.wegen der schreckenerregenden Leichtfertigkeit, mit welcher in einzelnen Fällen oft der Eid geleistet wird, auf die Verhandlungen des letzten Schwurgerichts zu Kassel, wo allein zehn Personen wegen Meineids angeklagt waren und von denen sieben verurtheilt wurden.
* — ©a es wünschensmrth erschienen ist, den Medizinalbeamten einen größeren Schutz gegen Täuschung seitens der Atteste verlangenden Privatpersonen und eine größere Freiheit in der Darstellung und Beurtheilung der festgefteaten Zustände zu gewähren, so hat der Justizminister im Einvernehmen mit dem Minister der geistlichen rc. Angelegenheiten die Bestimmung getroffen, daß, wenn man nach den bisherigen Vorschriften oder nach den Umständen des Falles in der Strafrechts- pflege die Unterstützung eines Antrags durch einen Attest eines Medizinalbeamten erforderlich erscheint, in der Regel seitens der zuständigen Justizbehörde dem Antragsteller die Beibringung eines fol hen Attest s auf idne Kosten aufzugeben ist. Denselben ist zugleich anheim zu stellen, sich von dem ihn zu bezeicht-nden