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Samstag, den 28. Februar

1891

Deutsches Reich.

Berlin, 26. Febr. Die Franzosen sind doch unbe­rechenbar. Auf Veranlassung Sr. Majestät des deutschen Kaisers wurden die französischen Maler neulich einge­laden, sich an der in diesem Sommer zu Berlin statt» findenden internationalen Kunstausstellung zu betheiligen. Viele sagten auch zu und Alles schien so gut zu gehen, daß Ihre Majestät die Kaiserinwittwe Friedrich es wagen zu können glaubte, bei ihrer Reise nach England über Paris zu reisen. Anfangs verhielten sich die Pariser ruhig. Angeblich weil die Kaiserin nun einen der den Ton angebenden französischen Maler nicht be­such. hat, entstand plötzlich auf allen Linien Lärm, die M nahmen ihre gegebenen Zusagen zurück und den Rest in Hetzereien besorgten die sog. Patrioten-Blätter. Infolge dessen reiste die Kaiserin, ihren Aufenthalt in Paris abkürzend, weiter nach England und der fran­zösische Minister des Aeußern, Ribot, wurde, nach dem Berliner Tageblatt, durch den deutschen Botschafter Graf Münster davon verständigt, daß dieser Versuch Deutschlands, freundnachbarlich mit Frankreich zu leben, der letzte sein dürfte. Man sieht, es behält das Dichterwort seine Geltung: Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt!

* Seitens der Reichsbank ist den Zeichnungs- stellen für die Reichsanleihe Nachricht über die den einzelnen Stellen zugetheilten Beträge und die bei der Zutheilung an die Zeichner zu befolgenden Grundsätze zugegangen. Jede Zeichenstelle hat denjenigen Betrag er­halten, welcher im Verhältniß zwischen den im Ganzen gezeichneten 9,288,162,700 Mark zu dem aufgelegten Betrage von 200,000,000 Mark auf die bei ihr ge­zeichnete Summe entsällt. Die Untervertheiluna soll in der Weise stattfinden, daß die Einzelbeträge nach Verhältniß des danach zugetheilten Betrages zu kürzen, jedem Zeichner jedoch mindestens 200 Mk. zu über- weisen sind. Eine Ausnahme von dieser vorzugsweisen Berücksichtigung kleiner Zeichner findet dann statt, wenn die Ueberzeugung besteht, daß eine Person, sei es unter demselben Namen, sei eS durch verschiedene vorge­schobene Personen ihre größere Zeichnung in verschiedene kleinere Zeichnungen zerlegt hat, um eine stärkere Zu- theilvng zu erlangen. Der Ueberrest soll, soweit dies nach Maßgabe der zur Verfügung stehenden bezw. der Zeichnungsstelle überwresenen Abschnitte ausführbar ist, nach gleichem Prozentsätze verthellt werden. Die preu­ßische Regierung konnte in der Bevorzugung der kleinen Zeichner weiter (bis zur Zutheilung von 500 Mk.) gehen, weil die von ihr aufgelegten 250 Millionen nur etwa Msach gezeichnet worden sind. Die aufgelegten 200 Millionen - ReichSanleihe dagegen sind mehr als 46fach gezeichnet.

Die Untersuchung wegen deSHoftitelgeschäfts" in Berlin, welches von einemDr. Philadelphia" Reiter und Hoflieferanten Thiele recht schwungvoll betrieben wurde, ist jetzt zum Abschluß gelangt und sind die Akten der Staatsanwaltschaft zur weiteren Veranlassung zugestellt worden. Die Eihebung der Anklage ist also in naher Zeit zu erwarten. Der Prozeß wird ein Skandalprozeß ersten Ranges werden und manche be­kannte Personen blosstellen.

Der Oberbürgermeister von Berln, Dr. v. Forkenbeck, hat am Montag Nachmittag gegen 5 Uhr einen bedauerlichen Unfall erlitten. Er ist bei dem Straßenübergang an der Ecke der Mauer- und Mohren­straße unmittelbar vor einem der jetzt in den Straßen Berlins so zahlreichen Traber-Wagen gestürzt und ein Rad desselben ist ihm über die Stirn gegangen; die dabei erlittene Verwundung schien aber nicht schwer zu sein, denn der Oberbürgermeister konnte sich, unterstützt von einem Herrn, zu Fuß nach der in der Nähe be­findlichen Sanitätswache der Feuerwehr begeben. Dort wurde die Stirnwunde verbunden, worauf er nach seiner Wohnung gefahren ist.

Wie nach Berliner Blättern verlautet, ist jetzt über die Führung des Koch'schen Heilmittels in den Apotheken Verfügung getroffen. Hersteller und Lieferant deS Mittels ist der Assistent Kochs, Dr. Libbertz. Es wird in Fläschchen von 1 bis 5 Kubikcentimeter Inhalt abgegeben und mit besonderen Zeichen und Plomben »ersehen, unter anderen auch einen Vermerk über den Tag enthalten, an welchem das Mittel fertig gestellt worden ist. Ferner sog jedem Fläschchen eine Ge­

brauchsanweisung beigegeben werden. Besondere Vor­schriften werden in Bezug auf die Aufbewahrung und die Abgabe des Mittels in den Apotheken getroffen. Sechs Monate nach Herstellung des Mittels darf es nicht mehr verkauft werden, vielmehr werden derartige Fläschchen an Dr. Liebbertz zurückgesandt und von diesem unentgeltlich umgetauscht. Der Taxpreis ist für einen Kubikcentimeter auf 6 Mark, für 5 Kubikcentimeter aus 25 Mark festgesetzt.

* Von Seiten der preußischen Eisenbahn-Ver­waltung und mehrerer großer industrieller Etablissements sind in letzter Zeit große Bestellungen auf englische Kohlen im Hinblick auf einen in Deutschland drohenden Bergarbeiterstreck erfolgt.

Daber, 23. Febr. Vor ungefähr 14 Jahren war der Schweinehändler Steinhorst verschwunden, alle Nach­forschungen blieben vergeblich. Im vorigen Jahre wurde endlich auf der '/s Meile von hier entfernten Feldmark des Rittergutsbesitzers v. Dewitz in Cramans- dorf ein Skelett gesunden, und es scheint Licht in die dunkle Sache kommen zu wollen, welche auch bereits zur Anzeige und Untersuchung gebracht ist. Die Wittwe Völker, die jetzt in Daber lebt, war mit ihrem Manne früher in Cramansdorf wohnhaft. Eines Abends er­zählte ihr der Mann, er sei mit Steinhorst (der aus der Gegend von Polzin stammen soll) in Streit gerathen und habe ihm mit der Schippe einen Schlag auf den Kopf gegeben, sodaß er sofort hingestürzt sei: seine Frau sollte doch einmal nach der Sandkuhle gehen und sehen, ob St. noch daliege. Die Frau weigerte sich lange, endlich zwischen 2 und 3 Uhr Morgens ging sie nach der Kuhle, sah St. liegen und stieß ihn mit dem Fuße, so daß er in die Kuhle fiel. Eine Haussuchung bei der Frau förderte eine Tofchenuhr und niedreres Andere zu Tage; auch soll es sich um 400 Thaler, die ihr verstorbener Mann mit einem jetzt noch Lebenden getheilt hat, handeln.

Bochum, 25. Februar. In Gelsenkirchen und in der induftriereichen Umgegend grassirt der Typhus. Beide Krankenhäuser sind überfüllt.

Düren, 25. Februar. Die Hospitalärzte, Sanitäts­rath Johnen und Schreff, erlassen in den hiesigen Blättern eine Erklärung, wonach sie die weitere An­wendung des Kochschen Heilmittels nach dem am 13. Dezember begonnenen Gebrauch bei Lungenkranken eingestellt haben. Bei sämmtlichen von ihnen behandel­ten 17 Tuberkulosen sei nicht die geringste Besserung, vielmehr stetige Verschlimmerung eingetreten.

Kreuznach, 20. Febr. Drei Pferde der hiesigen Glashütte wurden gestern Morgen von einem unver« nünftigen Fuhrmann den steilen Weinsheimer Berg mit einer Fuhre, die 4000 leere nach Kirn bestimmte Flaschen in sich barg, so zum Ziehen angetrieben, daß ihnen die Kräfte versagten und sie 60 Meter weit den Berg hinabgeschleift wurden. Zertrümmert lagen die Flaschen und Wagen am Wege, zwei Pferde fast zer­fleischt am Boden, das dritte so zugerichtet, daß es auch dem Ende nahe ist

Hof, 23. Febr. Die Forstbehörde ist eifrig damit beschäftigt, den Vernichtungskampf gegen das so schäd- liche Insekt die Nonne zu führen. Die abgelagerten Eier der Nonne haben nicht im Geringsten durch den strengen Winter gelitten. Eine große Anzahl Forst­beamte, aus allen Kreisen hierher kommandirt, hat alle Hände voll zu thun, um die Schutz-Arbeiten in den Forsten zu bewältigen. Die K. Forstbchörde bietet das Menschenmögliche auf, um tm Frühtahre diesem ge­fräßigen Insekt mit Erfolg entgegentreten zu können. Sämmtliche Bäume des noch stehenden, also nicht zur Fällung bestimmten Holzes (mehrere tausend Tagwerk), sind auf Brusthöhe ringartig an der Rinde etwas ab­geschabt und zwar auf sechs bis acht Centimeter, und dieser Ring wird Ende März mit einer klebrigen Masse bestrichen, um das Absteigen der Raupen zum Zwecke des Verpuppens zu verhüten; auch die auf weite Ent­fernung Privatwald habenden Besitzer ahmen diese Vor­sichtsmaßregel nach, und tritt ihnen der Staat den Leim hierzu unentgeldlich ab.

Enkenbach, (Pfalz), 25. Februar. Vorgestern Abend bemerkte im hlesigen Bahnhof der Bahnwärter Pfeffer beim Einfahren des von Kaiserslautern abge­lassenen Zuges, daß die Weiche nicht richtig gestellt war, infolge dessen der Zug in ein falsches Geleise rinfahren mußte. Die drohende Gefahr erkennend,

sprang Pfeffer über das Geleise hinweg, um die Weiche herumzureißen; hierbei wurde er von der Lokomotive erfaßt und mit solcher Wucht zu Boden geschleudert, daß der Tod sofort eintrat. Der pflicht­treue Beamte, welcher diese heldenmüthige That, durch welche unabsehbares Unglück verhütet wurde, mit seinem Leben büßen mußte, hinterläßt Frau und 5 Kinder.

Sonneberg, 21. Februar. Ein Einwohner von Pöß- neck, welcher den amerikanischen Bürgerkrieg vor 27 Jahren mitmachte und in demselben verwundet wurde, hätte nach dem Kriege eine jährliche Pension von 900 Mark beanspruchen können, wenn er in Amerika geblieben wäre. Das Gesetz ist jedoch vor einigen Jahren dahin abgeändert worden, daß diese Pension auch an solche Kriegstheilnehmer ausgezahlt werden soll, welche zur Zeit in anderen Ländern sich aufhalten. Der hiesige amerikanische Konsul hat nun auf ein ein­gereichtes Gesuch dem Betreffenden die erfreuliche Mittheilung gemacht, daß der alte Krieger nicht blos die Pension von jetzt an bekomme, sondern daß er die­selbe für die 27 Jahre auf Heller und Pfennig nach­gezahlt erhalten werde. Im Falle des Todes würde der Wutwe oder den Kindern das Geld ausgezahlt werden. In 27 Jahren hat sich diese Pension zu einer Summe von 24 300 Mk. angesammelt.

Ein eigenartiger Konflikt ist in Würzen zwischen Bürgerschaft und Bürgermeister ausgebrochen. Als im vergangenen Jahre der Zinsfuß zahlreicher Anleihen herabgesetzt wurde, war man darauf bedacht, auch den Zinsmß einer der städtischen Anleihen, welche zu 4'/a°a ausgenommen war, zu reduziren. Die darlcihende Bank war mit einer Konvertirung einverstanden, setzte jedoch einen Termin fest, bis zu welchem sie endgiltigen Be- sche-z haben müsse. Rath und Stadtverordnete be­schlossen einstimmig, die Konvertirung, welche der Stadt eine Ersparniß v-n etwa 42,000 Mark eingebracht hätte, vorzunehmen. Auf unerklärliche Weise aber wurde der vereinbarte Abschlußtermin außer Acht ge­lassen, und die Bank trat, als die festgesetzte Frist ver­strichen war, ohne daß sie Antwort erhalten hätte, vom Verträge zurück, da der Zinsfuß mittlerweile wieder im Steigen begriffen war. Die Bürgerschaft ist über diese Angelegenheit sehr erbittert, und es soll der Ver­such gemacht werden, den Bürgermeister event, mit seinem Privatvermögen für den der Stadt entgangenen Gewinn haftbar zu machen.

Wetzlar, 24. Febr. Ein sonderbarer Fund wurde vorige Woche in einer hiesigen Mühle gemacht. In einem an einem Mahltrichter befestigten Sacke wurde die aufrecht stehende Leiche des 15 jährigen Burschen Robert Schupp entdeckt. Der Junge war erstickt. Wie er in den Sack hineingekommen und wodurch die Er­stickung heroeigeführt ist, darüber fehlt einstweilen jede Anhalt.

Offenbach, 21. Febr. Die hier im Bau begriffene Druckluftalllage schreitet ihrer Vollendung entgegen. Trotz der anhaltend kalten Witterung wurde sowohl an den Hochbauten, wie an den Erdarbeiten eifrig gear­beitet und so steht zu erwarten, daß die gesammte An­lage am 1. Juni dem Betriebe übergeben werden kann. Auch die ma|d)inelle Einrichtung, welche eine bekannte Augsburger Firma übernommen hat, ist fast fertig ge­stellt und dürste die Montage derselben in Bälde beginnen. Daß der Betrieb schon von Anbeginn ein ziemlich bedeutender sein dürfte, bezeugen die zahlreichen Anmeldungen von Gewerbetreibenden aller Art, für welche gegenwärtig mehr als 100 Luftmotoren ver­schiedener Größen hergestellt werden.

Aus dem unteren Maingau, 23. Febr. Auch die Bienenzüchter der hiesigen Gegend klagen über be­deutenden Schaden, welchen der strenge und anhaltende Winter an den Bienenbestünden angerichtet habe. Eine ganze Anzahl Völker sind theils in Folge deS Frostes, tyeils aus Futtermangel eingegangen. Bei dem sonnen­hellen Wetter machten die Bienen in den letzten Tagen die ersten Relnigungsausflüge.

Ausland.

Nach aus Chile eingetroffsnen Nachrichten bombardirte die aufständische chilenische Flotte Jquipue und schiffte Truppen aus, die sich in den Besitz deS Zollamtes setzten. Sechs der größten Plätze der Stadt sollen durch das Bombardement zerstört, an 200 Frauen und Kinder sollen in den Häusern gelödtrt