WchternerMlung
Erscheint'Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. ^Gemeinnützige Blätter" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg
Mittwoch, den 1. April
1891
i^oftollltMrtOtt °uf die „Schlüchterner Zeitung" 5?t plvUUliyt-ll werden noch fortwährend von allen
■/—>-"■"i. Postanstalten und Landbriefträgern
owie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsche- Reich.
Berlin. Daß der Welsenfonds aufgehoben wird, ist jetzt sicher, sctaid lei RichStag alljährlich die lölhigen DiepvstliLnssoieds bewilligt. Die Affaire Boelticher liegt für diesen sehr günstig, da sich dessen völlige Unschuld in der Angelegenheit herausgestellt ist.
— Das ganze Deutsche Reich zählte bei der Volks- zählung am 31. Dezember 49,422,928 Einw. gegen 46,855,704 im Jahr 1 885. Preußen zählt 29,959,388, Bayern 5,589,382, Sachsen 3,500,513, Württemberg 2,035,443, Baden 1,656,817,Elsaß-Lolhrirg!n 1,603,987 Einw., die ubiigen Landschaften zählen alle weniger als eine Million, Helgoland nur 2086 „Köpfe."
— Gegen die Güterschlächter erläßt der Landrath deS Kreises Ober-Barnim, Herr von Belhmann- Hollweg im Kreisblatt eine amtliche Bekanntmachung, worin er die Bauerngemeinden aufgefordert, fest zu- sammenzuhatten und sich den Parzellirungen zu widersetzen. Meist erwürben die Käufer Trennstücke ohne genügende Mittel und arbeiteten ihr Leben lang mit Hypvthekenzinsen, wenn sie nicht im Zwangskaufc Verarmen.
Drestun, 25. Mäiz, Der Staats- und Kriegsminister Graf von Fabrice ist heute Vormittag um 10 Uhr gestorben.
Halle, 26. März. Zu einem unliebsamen Vorgänge kam eS hier unmittelbar nach der kirchlichen Trauung in einer Hochzeitsgesellschaft, als in der Saalschloß- brauerei das Festessen soeben begonnen hatte. Der Lieutenant und Adjutant im 67. Jasanterie-Regimeu: Metz, Herr Rauchfuß, der mit Fräulein Rauchfuß den Bund der Ehe geschlossen, versetzte dem 26jährigen Stud. ur. Rauchfuß, dem Bruder seiner jungen Frau, nach einem Wortwechsel mit der blanken Waffe Mehrere Hiebe über den Kopf, so daß sofort ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden mußte.
Aus Thüringen. Thüringer Blätter bringen die Nachricht von der Aufhebung der Verlobung des Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt mit der Prinzessin Elisabeth von Sachsen-Altenburg, Nichte des regierenden Herzogs und jüngsten Tochter des Prinzen Moritz von Sachsen- Altenburg. Die Nachricht wird der „Post" in einem Briefe aus Rudolstadt bestätigt. Der Fürst war vor kurzer Zeit noch in Braunschweig zum Besuche des Prinzregenten und dessen Gemahlin, die eine Kousine der bisherigen Braut ist. Dort wurde er noch als Verwandter fetirt. Von Braunschweig ging er nach Altenburg, hatte dort eine Unterredung mit dem Prinzen und der Prinzessin Moritz und der Braut und ging dann nach Rudolstadt, wo er seinem Minister von Stark Mittheilung von der Aufhebung der Verlobung machte. Eigenthümlich ist es, daß sich bei seinem Vorgänger, dem verstorbenen Fürsten Georg, ein Gleiches er.ignete. Auch dessen Verlöbniß mit der Prinzessin Marie von Mecklenburg-Schwerin, jetzigen Großfürstin Wladimir, war auseinander gegangen. Wenn der jetzige Fürst von Schwarzburg-Rudolstadt, der nahe am 40. Lebensjahre ist, sich nicht verheirathet, so kommt in seinem Fürstinthum wie in dem von Schwarzburg- Sondershausen, wo auch keine direkte Nachkommenschaft existüt, laut altem Erbvertrage das Haus Stolberg zur Nachfolge.
Drei junge Lateiner aus Würzburg, welche nach Afrika wollten, um dieses schöne Land für's deutsche Reich erobern zu helfen, wozu sie mit 2 Jagdgewehren, 2 Revolvern und einer Reiseapotheke ausgerüstet waren, sind nur bis ins Schwäbische, das noch ziemlich weit vom Meere liegt, gekommen, wo sie unglücklicher Weise in die Gefangenschaft des Feindes, beziehungsweise des Landjägers Zepf in Neukirch geriethen, der sie dem Menelik von Tettnang auslieferte, von wo sie von den glücklichen Herrn Vätern abgeholt wurden. Der eine von den jungen Helden ist der Sohn eines Weinhändlers, der andre eines Barons, der dritte einer Modistin, der vermuthlich nebenbei in Afrika Straußenfedern für Mamas Hüte erbeuten wollte.
Mainz, 25. März. Einen gräßlichen Tod fand gestern Abend verschon bejahrte Ausläufer einer hiesigen
Anstalt. In dem Glauben, Cognac vor sich zu haben, traik derseive ein Stengelglas voll Vitriol auf einen Zug aus. Unter schrecklichen Schmerzen verschied der Unglückliche alsbald. — Die schon zur Römerzeit bestandene Schwefelquelle „Sirne' bei Niederstein, die früher von Vielen zur Heilung aufgesucht worden war, hat sich nach 30 jährigen Versiechtsein vor drei Tagen wieder geöffnet, und in früherer Stärke und mit früherem Gehalt surudelt das Waffer wieder hervor. Das plötzliche Wiederhervordringen der Quelle, nach der man Jahrelang vergebens gebohrt hatte, wird mit dem Abtragen umliegender Steinbrüche in Verbindung gebracht.
Aachen, 25. März. „Schön angekommen" ist hier ein Jesuirenpater aus Siltard (Belgien), welcher bei dem Zahnarzte Dr. W. eine Operation vornehmen lassen wollte. Aus Versehen gerieth er in die neben dem Hause des Dr. W. befindliche Filiale eines Zahntechnikers, wo auf seine Frage der 25 jährige Gehil'e sich für Dr. W. ausgab und dem armen Geistlichen sämmtliche Zähne — einundzwanzig an der Zahl - , ohne Narkose anzuwenden, nach der Reihe auszog, und zwar nur zu dem Zweck, ein künstliches Gebiß, welches er für 400 Mark anpreis, an den Mann zu bringen. Der Pater lag infolge dieser wüsten Behandlung, welche von den Sachverständigen als „durchaus unzulässig und gefährlich" bezeichnet wurde, mehrere Tage in heftigem Fieber und hatte wochenlang an schmerzlichen Zahngeschwüren zu leiden. Dem rohen Heilgehilfen diktirte die Strafkammer des hiesigen Landgerichts wegen Körperverletzung drei Monate Gefängniß zu.
Hoerde (in Westfalen), 25. März. Ein Vorkomm- niß seltener Art hat sich in unserer Stadt e> eignet. Ein Gerichtsschreiber-Gehilfe, dem die Führung des Strafregisters oblag, hat in weit über 100 Fällen Strafen als verbüßt notirt, ohne daß sie es in Wirklichkeit waren, oder, wenn es sich um Geldstrafen handelte, bezahlt waren. Die Gefängnißstrafen konnten ja noch nachträglich voUstccckl werden, nicht aber die Haft- und Geldstrafen, soweit sie drei Monate vor der Entdeckung der Fälschungen rechtskräftig geworden waren. Der junge Beamte hat diese Fälschungen anscheinend aus purer Menschenfreundlichkeit begangen, denn es ist nicht erwiesen, daß er Vortheile davon gehabt hat, im Gegentheil, er hatte viel Arbeit, um die Fälschungen in allen Büchern und Registern durchzuführen, damit keine Entdeckung erfolge. Die Sache wird das Schwurgericht beschäftigen.
Ansland.
Aus Ztalien wird gemeldet, daß der Bankerott der Stadt Neapel eine vollendete Thatsache und nicht länger zu verschleiern ist. Der Gerichtsvollzieher geht auf dem Oberbürgermeister«^ tagtäglich aus und ein und notifiziert eine Beschlagnahme nach der andern. Die englische „Gas-Gesellschaft" fordert 800,000 Lire, die „Tram-Gesellschaft" 150 000 Lire, die „Wasser- leitungs-Gesellschast" 1 400 000 Lire. Außerdem hat tie „Societa Veneta" einen Arrest auf 7 000 000 Lire eingebracht. Dabei hatte die Stadt erst vor mehreren Jahren 40 000 000 Lire aufgenommen. Die Ver- wattung hat toll gewirthschastet.
Spanien. Ein moderner Erzvater Jacob, der diesen sogar in der Zahl seiner Famitlenmitgtleder weil überragt, ist am 10. März in Barkelona cingclrofsen. Es ist der 90 jährige Lucas Negreiras Paetz, den es nach 72 jähriger Abwesenheit wieder zum Besuch der alten H-imal trüb. 279 Köpfe führt der moderne Erzvater, der es in Boston beim Lederhandel zu einem sehr großen Vermögen gebracht hat, mit sich. Er war 3 Mal ver- heiralhet und aus jener 3fachen Ehe ist die Gefolgschaft entsprungen, die sich folgendermaßen zusammensetzt. In Barcelona befinden sich: 16 Töchter, von diesen sind 6 verheiralhit, 9 vcrwltlwet und 1 lebig; 23 Söhne, von denen 4 verheirathet, 13 Wittwer und 6 unverhei rathet sind; 34 Enkelkinder, von denen 3 verh.irathet, 22 verwittwet und 9 ledig sind. 47 Eak.l, von denen 4 verheirathet, 26 Wittwer und 17 ledig sind; 45 Urenkelinnen, von denen 2 Wittwen und 43 ledig sind; 39 ledige Urenkel; 3 Ururenkel und 22 Schwicgerjöqne und Schwiegertöchter. Auf einem eigenen Schiffe haben sie die Reise gemacht, dessen Kommandant ein Enkel des Erzvaters ist. Es befinden sich unter seinen Nachkommen Vertreter jeden Standes, wie Aerzte, R chrsanwälte, Ingenieure, Apotheker, Kaufleute u. s. w,
Algier. Meldungen aus Figuig zufolge berichteten vier Eingeborene, die nach Gourara kamen, daß sie auf einer Strecke von 120 Kilometern beständig in Heu- schrcck-nschwürmen, sogenannten Wanderheuschrecken, mar- schirt feien; dieselben kämen aus einem Landstrich der Sahara, welcher 30 Tagemärsche südwestlich von Tafilet liegt.
Amerika. Ein Kabeltelegramm aus Chicago, d. d. 28. März meldet: In Folge der Grippeepidemie hat die Sterblichkeit in der vergangenen Woche hierselbst einen sehr hohen Grad erreicht; es starben 900 Personen gegen 419 in der entsprechenden Woche des Jahres 1890; in den letztvergangenen vier Wochen betrug die Zahl der Sterb-fälle 2904 gegen 1819 in dem ent- Iprechendeu Zeitraume von 1890. In Wabash (Jndiana), wo die Epidemie noch im Zunchmen ist, sollen 1500 bis 2000 Personen krank, jedoch Niemand gestorben sein. In Pittsburg und Alleghany sollen an 15,000 Personen von der Epidemie ergriffen sein.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 29. März. Die diesjährige AbgangS- prüfung am hiesigen Seminare erfolgt an den Tagen vom 4. bis 11. September, — die Aufnahmeprüfung findet am 11. und 12. September statt. — Die 2. (praktische) Lehrerprüfung am hiesigen Seminare ist auf die Tage vom 30. Juni bis zum 5. Juli festgesetzt.
* — Herr Hilsspfarrer Schoener zu Schlüchtern wurde als Pfarrer nach Efch-rsheim bei Hanau versetzt.
* — Herr Seminarlehrer Beh l zu Schlüchtern wurde an das Lehrer-Seminar zu Wunstorf bei Hannover versetzt.
* — 1. April. Nach dem Muster der Post- fachschule soll in nächster Zeit hierselbst eine Bürger- meisterfachschule gegründet werden. Da es einem unverbürgtem Gerüchte nach auch in hiesiger Stadt Männer geben soll, deren bessere Hälfte nicht ungern Frau Bürgermeisterin werden möchte, so dürfte eS, zumal unter den jetzigen Umständen, an Zuspruch nicht fehlen.
* — Marken der Jnvaliditäts- und Altersversorg- ungs-Anstalten werden vielfach als Zahlungsmittel be» nutzt. Es ist dies eben eine solche Unsitte wie die jetzt glücklicher Weise beseitigte Benutzung von Coupons von Kreisanleihen und dergl., welche nur in dem betreffenden Kreise selbst zahlbar sind, als Zahlungsmittel. Die Jnvaliditätsmarken sind nur in dem Bereich derjenigen Lersicherungs-Anstalt, welche sie ausgegeben hat, Der» wendbar und so sind sie für die Empfänger in dem Bezirk einer anderen VersicheruugS -Anstalt absolut werthlos. Wir möchten deshalb allen, welche solche Marken als Zahlung erhalten, rathen, statt der Quittung über die erhaltene Zahlung einfach die Marken unfrankirt zurückzusenden. Dadurch würde dem Unfug bald ein Ende gemacht werden.
* — Bei der am Montag den 23. März stattge- fundenen Generalversammlung des landwirthschaftlichen Central-Vereins Cassel, wo Landwirthe aus allen Gegenden Hessens anwesend waren, war es auch möglich, die diesjährigen Ernteaussichten festzustellen. Dieselben sind nach den übereinstimmenden Berichte» die denkbar traurigsten. Besonders hart hat der Weizen unter der Kälte gelitten. Der englische Weizen, welcher zu etwa % in unserem Regierungsbezirk angebaut wird, ist total vernichtet und muß umgepflügt werden; Saat und Bestellungskosten sind verloren und es muß jetzt Sommerweizen gcsäet werden. In Folge der großen Nachfrage ist deshalb auch der Sommerweizen in der vergangenen Woche von 17j/b auf 26 Mark gestiegen. Etwas besser ist der deutsche Weizen durch den Winter gekommen, doch wird derselbe noch viel Chilisalpeter als Kopfdüngung erhalten müssen, wenn eine auch nur einigermaßen befriedigende Ernte erreicht werden soll. Sehr gelitten hat auch der Roggen; am besten ist noch der Walburger durch den Winter gekommen, während der Seeländer fast ganz vernichtet ist, ebenso ist der Klee auch mindestens zu 2/a verloren.
* — Die „Kurhes fischen Mittheilungen", welche für jede Amtsgerichtsbibliothek gehalten werden, enthalten Band 2 Seite 66 und 70 sf. zwei wichtige Jagdpolizei-Entscheidungen, welche allgemeines Interesse haben. In dem Reichsgerichtsurtheil vom 17. März 1890 (Entscheidungen Bd. 20 Seite 344) ist im Anschluß an frühere Entscheidungen ausgeführt, daß dir