MüchternerMung
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Mittwoch, den 29. April
1891.
N-KoHl»21«1Sir auf die „Schlüchterner Zeitung" flyvllCUllllyvIl werden noch fortwährend von allen
' Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Generalfeldmarschall Graf Moltke f.
Ganz unerwartet und plötzlich ist der greise Feldmarschall am Freitag Abend 98/« Uhr aus dem Leben geschieden. Um den hochverdienten Heerführer, den Werkmeister an der deutschen Einheit, trauert das ge« sammte deutsche Volk. Reichstag und Landtag erwiesen seinem Andenken fürstliche Ehren, indem sie gleich wie bei dem Empfang der Todesnachricht von Kaiser Wilhelm und Kaiserin Augusta die Sitzung anfhoben.
Noch am Donnerstag und Tags vorher hatte Graf Moltke mit dem lebhaften Interesse, welches er stets bekundete, den parlamentarischen Verhandlungen bei- gewohnt. Ohne Siegthum und Krankenlager, in vollem Besitz seiner Geisteskräfte hat Graf Moltke sein arbeits- voües Leben beendigt, nachdem er noch vor wenigen Wochen bei der Feier seines 90. Geburtstages Zeuge gewesen der hohen Verehrung, der herzlichen Dankbarkeit, welche das deutsche Volk in allen seinen Schichten ihm zollte.
Was hätte in den Kriegen unseres Zeitalters die größte Tapferkeit und Opferwilligkeit des Volkes vcr- macht, wenn nicht Moltke klug zu erwägen verstanden hätte die rechtzeitige wirksamste Verwendung der verfügbaren militärischen Kräfte zu rascher Ueberwindung der Macht des Gegners. Die raschen und entscheidenden Siege der Armee haben wiederholt die auswärtige Politik aus einem Meer von Gefahren europäischer Einmischungen herausgehauen.
Moltke war jederzeit das Muster eines Offiziers, wie er dem Grundgedanken der allgemeinen Wehrpflicht, der Armee als des Volkes in Waffen entspricht. An ihm war keine Faser militärischer Ueberhebung vor dem Bürgerthum. In Moltke verkö perte sich der volle Ernst des Berufs mit einer tiefen Wissenschaftlichkeit, welche ihn über dte engere Rerufsgemeinschaft hinaus in den Kreis aller Denker der Nation erhob. Prunklos, bescheiden und schlicht, haben die Berliner bis zuletzt den tüchtigsten Offizier, den dieses Jahrhundert der deutschen Armee geschenkt hat, unter sich verkehren sehen.
Moltke war bis zu seinem Ende glücklich zu preisen. Ohne Groll, Verdruß und Empfindlichkeit schied er aus der hohen, einflußreichen Stellung, welche er ein Menschenalter hindurch bekleidet hatte. Als das Alter seine Kräfte nachlassen machte, räumte er bereitwillig seinen Platz dem Jüngeren. Sich selbst bis zum Tode getreu, ordnete er sein eigenes Ich im Interesse des Vaterlandes unter. Bereit, bis zum letzten Lebens- Hauche Deutschland zu dienen, fehlte er nirgend, wo die Krone oder das Volk glaubte, seinen Rath und seine Erfahrung nützen zu können.
Sein Andenken zu ehren, wird dem deutschen Volk stets selbst zur Ehre gereichen.
J. 0.
Deutsches Reich.
Berlin, 24. April. Der Generalfeldmarschall Graf ' Moltke, welcher Nachmittags noch einer Sitzung des Reichstags und des Herrenhauses beiwohnte, ist Abends Uhr in Folge eines Herzschlages schmerzlos und sanft gestorben. Eine tief erschütternde Kunde ist es, welche in der Nacht durch den Telegraphen gemeldet wurde. Der einundneunzigjährige General-Feldmarschall Graf Moltke, der berühmteste Schlachtendenker, auf den die deutsche Nation mit Stolz und Verehrung blickte, dessen Name in der ganzen Welt mit Bewunderung genannt wurde — Moltke ist todt! Er hat den Tribut des Alters zahlen müssen. Im 91. Lebensjahre ist er, der Paladin Kaiser Wilhelm L, rasch und unvermuthet aus dem Leben geschieden. Wohl durfte man bei der erstaunlichen Rüstigkeit Moltke's hoffen, daß ihm noch V eine geraume Spanne Zeit vergönnt sei; es hat nicht sollen sein. Sanft und schmerzlos ist der alte Held gestern Abend hinübergeschlummert zur ewigen Ruhe. AUdeutschland aber vernimmt erschüttert die Kunde von dem Tode des Grafen Moltke, des Mannes, der Deutschlands Heere in gewaltigen Kriegen zum Siege gelenkt hat, dessen Thaten dir Weltgeschichte in ihre Tafeln schrieb, und der zu den populärsten Männern
seines Volkes gehörte. Liegt auch das Alter, welches der Verblichene erreicht hat, weit über die Grenze hinaus, die sonst den Sterblichen für ihre Erdenlaufbahn gezogen ist, so hat doch Niemand daran gedacht, daß uns unser greiser Feldmarschall so jäh entrissen werden könnte. Hatte er doch gerade in der allerletzten Zeit durch seine geistige Frische und körperliche Ausdauer alle Welt in Erstaunen gelebt! Wie sein ganzes Leben, so ist auch sein Ende ein gottbegnadetes gewesen. Abberufen von dem friedlichen Schaffen, seinem Kriegswerk die Wege geebnet, auf der Höhe des Ruhmes, den niemals ein neidisches Geschick getrübt hat, geehrt und geliebt von Kaiser und Volk, bewundert von allen Nationen der Welt, ohne Kampf und Schmerz — so ist Graf Moltke aus dem Leben geschieden. So lange es einen deutschen Namen giebt, wird der s einige in Ehren bleiben! (Graf Helmuth v. Moltke wurde geb. am 26. Okt. 1800 zu Parchim, erst im dänischen, seit 1822 im preußischen Militärdienst, reiste 1835 nach dem Orient, nahm an den Militär. Reformen in der Türkei, sowie 1839 am Feldzug gegen Mehemed-Ali in Syrien theil, kehrte 1840 nach Berlin zurück, 1848 Chef des Generalstabes des 4. Armeekorps, 1855 Adjutant des Prinzen Friedrich Wilhelm (verstorbenen Kaisers Friedrich), 1858 Chef des preuß. Generalstabes. Als solcher erwarb er sich die größten Verdienste um Preußen und Deutschland im Dän. Krieg 1864 und besonders durch Ausarbeitung der Feldzugspläne für den Deutschen Krieg 1866 und den Deutsch-Franz. Krieg 1870/71, welchen beiden er im Hauptquatier des Königs beiwohnte. M. wurde 1866 General der Infanterie, 28. Okt. 1870 in den erblichen Grafenstand erhoben, 1871 Generalfeldmarschall; seit 1867 Mitglied des Norddeutschen und Deutschen Reichstages (kons.) seit 1872 auch des prenß. Herrenhauses; schrieb: „Briefe über Zustände und Begebenheiten in der Türkei 1835-39" (3. Aufl. 1877, „Der Russ.-Türk. Feldzug 1828-29" (2. Aufl. 1877). Biogr. von Wilh. Müllri (2. Aufl. 1879), Büchner, von Fircks (1879).
Berlin, 25. April. Ueber die letzten Stunden Moltke's sind folgende Einzelheiten bekannt geworden: Der Lauf des letzten Tages war, wie alle anderen, streng geregelt, der Feldmarschall fühlte sich seit Tagen besonders wohl, was er auch seinem Hausarzte gegenüber äußerte. Gestern früh erhob sich Graf Moltke etwas zeitiger als gewöhnlich, da er sich noch von der Schwester der Frau seines Neffen, auch eine Comtesse Moltke, verabschieden wollte, welche früh abreiste. Mittags 12 Uhr fuhr der Feldmarschall zur Sitzung nach dem Herrenhaus. Um 3 Uhr ist Graf Moltke dann zu Fuß nach dem etwa 20 Minuten jenseits des Thiergartens liegenden Generalstabsgebäude gegangen, was er nur that, wenn er sich ganz wohl fühlte. — Um 5 Uhr speiste er wie gewöhnlich im Kreise seiner Familie und trank um 7 Uhr ebenso seinen Thee; beide Mahlzeiten nahm er mit dem besten Appetit ein und setzte sich um 8 Uhr mit seinem Neffen, dem Major vnn Moltke, dessen Gemahlin und einem Freunde des Neffen zur üblichen Partie Whist. Mit Vergnügen spielte der große Stratege die Robben aller Touren durch, doch zeigte er plötzlich Spuren von Unbehagen. Auf die besorgte Frage, was ihm fehle, erwiderte er, er habe Asthma (der Marschall litt hin und wieder daran), doch wolle er das Spiel durchspielen. Zum Schluß machte er seine Gegner Groß-Schlemm, was ihn sehr belustigte. Da das Unbehagen nicht wich, so schlug man vor, ein junger Künstler, der in der Familie viel verkehrte, Herr Dreßler, solle Musik machen. Graf Molike war dies gern zufrieden, ließ sich in seinen Sessel nieder und Herr Dreßler spielte ein kleines PolnischesLied. DochderFeldmarschallzeigtewiederUnbehagen, erhob sich bald, um sich in ein Nebengemach zu begeben. Besorgt folgte ihm sein Neffe nach kurzer Zeit und fand nun den Onkel sitzend, das Haupt leicht vor- gebeugt, die Hände leicht auf den Knieen liegend. Auf die besorgte Frage, waS ihm fehle, wollte Graf Moltke antworten, sein Neffe hat ihn jedoch nicht verstanden; in der Meinung, der Onkel wolle sich durch Erbrechen Erleichterung verschaffen, legte er die Hand an die Stirn, da sank ihm der Kopf entgegen, der Körper brach zusammen. Schnell eilte auf den Ruf der Freund herbei, und beide Herren trugen den Marschall auf sein Bett; da athmete er noch einmal tief, dann war der
große Geist entflohen. Der Tod trat völlig unerwartet ein; die entscheidende Wendung dauerte nur 3 Minuten. Gott hat dem Marschall den Tod geschenkt, den er sich oft gewünscht, wenn er sagte: „Welch' schönen Tod müssen doch die Menschen haben, welche am Herzschlage sterben!" So ist es ihm geworden. — Die Leiche Moltke's ist von heute früh ab im großen, schwarz drapirten Saale des Generalstabsgebäudes auf von Candelabern mit brennenden Lichtern umgebenen Katafalk aufgebahrt. Die Straßen ringsum sind von einer Menschenmenge angefüllt, aus welcher immer je 30, welche Dem großen Todten ihre letzte Huldigung erweisen wollen, zum Katafalk zuzclaffen werden. Der Fußboden, die Wände, die Säulen, welche die Decke tragen, sind schwarz ausgeschlagen. Kein Tageslicht dringt herein. An beiden Schmalseiten des Raums erhebt sich ein Aufbau von Blumen und Blattpflanzen bis an die Decke. In der Mitte des Saales, auf ziemlich hohem Aufbau, den herrliche Kranzspenden von allen Seiten umgeben, ist der gelblichweiße, ziemlich einfache Sarg mit Broncebeschlägen aufgebahrt, in welchem auf weißen AtlaSkissen die sterbliche Hülle deS Feldmarschalls ruht. Zwei Hauptleute mit gezogenen Degen halten zu Füßen, zwei Majore am Kopfende Todtenwache am Sarge des Marschalls. Eine weiße Atlasdecke, auf der herrliche Blumenspenden des Kaisers, der Kaiserin und der Kaiserin Friedrich liegen, bedeckt den ganzen Körper; man steht nur die gefalteten Hände, und den classisch modellirten Schädel des Todten, den die Perrücke nicht mehr bedeckt. Das Haupt des Todten erscheint wie aus Marmor gemeißelt. Nicht eine Spur entstellender Wirkung des Todes weist dieser ruhig und friedlich schlummernde Kopf auf. Die feinen Züge erscheinen im Tode verschönt, noch edler als im Leben. — Die Leiche des Entschlafenen soll in Kreisau bei* O"fc$. werden. Am Dienstag, den 28. d. M-, Vormittags , findet eine Feier im Sterbehause am KönigS- platze und darauf die Ueberführung der Leiche auf einen Bahnhof mit militärischen Honneurs statt.
— In Berlin ist in Gegenwart von 5000 Eingeladenen der am Werderschen Markt gelegene Kaiserbazar eröffnet worden. Was der „Louvre" oder „Bon marche" für Paris ist, das soll der Kaiserbazar für Berlin werden. Den Bewohnern der Reichshauptstadt ist durch die Eröffnung dieses Kaufhauses die bis dahin in Berlin noch nicht dagewesene Möglichkeit gegeben, in einem Zug „Alles" zu kaufen. Der aus Sandstein aufgeführte Bau hat nicht weniger als 130 hohe Schaufenster. In dem Weschäft sind 200 Damen als Verkäuferinnen angestellt und 180 Herren als Ressortchefs, Verkäufer rc. Ob das Riesenunternehmen Bestand hat, wird die Zukunft zeigen; ist dies der Fall, so werden natürlich die Geschäftsinhaber, besonders in der dortigen Gegend, arg geschädigt, und könnte es ihnen dann in gleicher Weise ergehen, wie ihren Pariser Kollegen, die durch die Riesenvazare aufgesaugt worden sind. Vorerst ist es nur ein Versuch, der gemacht worden ist.
* — Im westfälischen Kohlenrevier wird künftigen Sonntag die Entscheidung darüber fallen, ob der bisher partielle Ausstand der Arbeiter ein allgemeiner werden soll oder nicht. Die Forderungen der Bergleute sind die Einführung der achtstündigen Schicht, steigender Lohn bei steigendem Gewinn und Anerkennung der Delegirten. Die Zechenverwaltungen lehnen überhaupt alle Unterhandlungen ab. Daran, daß die Bergleute ihren Willen durchsetzen werden, wird heute kaum geglaubt. Mehrere Führer der Streikenden sind wegen aufreizender Reden verhaftet.
Bochum, 26. April. Der Delegirtentag der deutschen Bergleute beschloß soeben den sofortigen allgemeinen Strike. Vertreten waren 166 Schächte durch 274 Delegirte, darunter auch solche aus dem Saarbrückener, Sauer- und Wurmrevier. Defuiffeaux erbat telegraphisch Bescheid nach Brüssel, wo eine belgische Delegirten- Versammlung darauf warte und das Zusammengehen mit den deutschen Bergleuten versprach. Für Rheinland- Westfalen wurde eine Lohn-Kommission von 20 Mitgliedern gewählt, welche allein noch mit den Gruben- Verwaltungen verhandeln soll. Zahlreiche Eisenfabriken beschlossen schon Einstellung oder Beschränkung der Produktion.
Heinsberg, 23. April. Die Heinsberger „VolkS- zeitung" meldet: „Ein wohl noch nie dagewesene-