SchlüchternerMung
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Jf 35. Samstag, den 2. Mai 1891.
Die Aufgabe der Rentenbanken zur Beförderung von Reutengütern.
Um mit Hilfe der Rentenbanken die Errichtung von Rentengütern zu befördern, macht der dem Abgeordnetenhaus vorliegende Entwurf im Wesentlichen folgende Vorschläge: Nehmen wir zunächst den Fall, daß ein Rentengut bereits besteht und die Behelligten die Ablösung der Rente, soweit sie ablösbar ist, wünschen. Bei dem Rentenberechtigten wird für diesen Wunsch die Begleichung der Rentenschuld und die Sicherheit für den Bezug der Renten maßgebend sein. Die Renten- bank übernimmt die Abfindung der Rentenberechtigten, indem sie ihm eine solche Summe von Rentenbriefen ausstellt, die dem kapitalisieren Betrage der abgelösten Renten annähernd gleich kommt. Die R-nt-nzinsen sollen in Anbetracht der großen Vortheile für den Rentenberechtigten etwas geringer sein als die ursprüngliche Rente, und zwar erhält er für 100 Mk. Rente entweder 100 X 27 = 2700 Mk. in 3 r/a procentigen Rentenbriefen, die 94,50 pCt. Zinsen bringen, oder 100 4- 23a/s — 2366,50 Mk. in 4procentigen Rentenbriefen, die 94,66 Mk. Zinsen bringen. Für die Ablösung hat der Rentengutsbesitzer an die Rentenbank eine sogenannte Rentenbankrente von 4 oder 41/« pCt. zu zahlen. Hiervon verwendet die Rentenbank '/, pCt. jährlich zur Tilgung der Schuld, sodaß die Rentenschuld in 60‘/s b-zw. 56'/, Jahren getilgt wird. Auch kann der Rentengutsbesitzer freiwillig die Schuld ganz oder theilweise früher tilgen.
Um die Zertheilung des RentengutS zu verhindern, wird die Ablösung durch die Rentenbank allenthalben davon abhängig gemacht, daß ein Theil der Rente, etwa ein Zehntel, bis zum Ablauf der Tilgu»^>eri»de unablösliq eingetragen wird.
Betrachten wir jetzt den Fall, daß das Rentenguts- verhältniß erst begründet werden soll. In der Regel wird gefordert werden müssen, daß dann, wenn es sich um in Kultur befindliches Land handelt, derjenige, welcher den Erwerb eines Rentengutes anstrebt, so viel eigene Mittel nachweist, um das erworbene Rentengut zum wirthschaftlichen Betriebe bringen und darin erhalten zu können; insbesondere muß er in der Lage sein, das nothwendige Feld- und Viehinventar, den eigenen Unterhalt bis zur nächsten Ernte und einen Theil der Kosten der Errichtung der erforderlichen Wohn- und Wlrthschaftsgedäude zu beschaffen. Die sämmtlichen Kosten der Errichtung der Wohn- und Wirthschaftsgebäude zu beschaffen, wird dagegen dem RentengutSkäufer in der Regel nicht möglich und er deshalb in der Nothwendigkeit sein, für diese Anschaffungen Schulden zu machen. Der § 2 bietet ihm die Möglichkeit hierfür, und zwar nur für die erstmalige Einrichtung, ein Darlehen unter billigen Bedingungen und mit geregelter Rückzahlung aus der Rentenbank zu erhalten. Das Darlehen wird ebenfalls durch eine Rentenbankrente gleich derjenigen bei Ablösungen verzinst und getilgt.
Ueberhaupt kann die Begründung eines RentengutS durch Vermittelung der Rentenbank erfolgen, was Namentlich dann zweckmäßig ist, wenn das für das Gut bestimmte Grundstück zuvor erst von Hypotheken und Grundschulden befreit werden muß. Diese Geschäfte werden dann als Auseinandersetzungssachen den Generalkommissionen überwiesen.
Da der Staat durch Uebernahme der Rentenbank- renten ein erhebliches Risiko auf sich nimmt, so trifft der Entwurf Vorschuften über das Vorhandensein gehöriger Sicherheit. Die Sicherheit wird im Allgemeinen als vorhanden angenommen, wenn der 25fache Betrag der Rentenbankrente innerhalb des 30fachen Betrags deS ermittelten Katastralreinertrages liegt.
Wie schon erwähnt, soll das Rentengut das wichtige Mittelglied zwischen dem Großgrundbesitze und der Masse der besitzlosen Arbeiter bilden und eine gesunde Vertheilung des Grund und Bodens schaffen helfen. Der Entwurf beschränkt sich daher im Anschluß an das Ansiedelungsgesetz für Posen und Westpreußen auf ländliche Stellen von kleinerem und mittlerem Umfang. Hierbei darf man sich, wie die Begründung sagt, nicht verhehlen, daß es sich, mag man auch mit dem größten Ernst und Eifer an die Lösung der Aufgabe Herangehen, in keinem Falle um Maßregeln mit schnell sichtbaren Erfolgen handelt, daß vielmehr diese Erfolge erst nach einer umfangreichen und angestrengten mindestens
ein Menschenalter ausfüllenden Arbeit hervortreten werden.
Deutsche- Reich.
Berlin. Das Kaiserpaar wird Ende dieser Woche, nach der Rückkehr von Eisenach, mit dem gesammten Hofstaat nach dem Neuen Palais bei Potsdam übersiedeln, um während der Sommermonate dort zu verbleiben.
Berlin, 28. April. Die Trauerfeier für den Generalfeldmarschall Moltke im Generalstabsgebäude, die im engsten Kreis stattgefunden hat, war um ’/dl Uhr bendet. Zunächst erschienen aus dem Haus die drei Fahnen des Colbergischen Regiments und die des Seebataillons, kurz darauf folgte der Sarg. Derselbe wurde unter dem üblichen Ceremoniell nach dem Leichenwagen gebracht, welchem sechs Rappen aus dem kgl. Marstall vorgespannt waren. Vor dem Leichenwagen schritt Oberstlieutenant v. Goßlcr mit dem Feldmarschallstab, sowie andere Offiziere dts Generalstabs, welche Ordensinsignien und Kränze trugen. Hinter dem Leichenwagen ging der Kaiser mit dem König von Sachsen und den anderen deutschen Fürsten. Der Zug bewegte .sich um die Siegessäule herum nach dem Lehrter Bahnhof, wo er gegen 1 Uhr eintraf.
" — ES ist unmöglich, alle Preßstimmen des Jn- und Auslands zu verzeichnen, welche beim Tod Moltke's die geistige und sittliche Größe des Heimgegangenen, seine unsterblichen Verdienste um das deutsche Vaterland in erhebenden Worten gefeiert haben. Besonders warm kommt die Theilnahme in Oesterreich-Ungarn und in Italien zum Ausdruck, aber auch in Rußland und bei unseren Feinden im Westen, die dem Ruhm Moltkes den stärksten Tribut gezahlt haben, neigt man ehrfurchtsvoll das Haupt vor dem Genie, der Reinheit des Charakters und der Bescheidenheit, welche unseren Moltke ausgezeichnet und ihm einen Platz unter den Größten und Besten aller Zeiten gesichert haben. Ja, was noch mehr ist, der „Vorwärts", das Organ der Berliner Sozialdemokraten, gesellt sich zu denen, die dem großen Todten huldigen, indem er den hohen Eigenschaften des Mannes gerecht wird, der keinen persönlichen F"nd gehabt habe. — Moltke und Bis- marck — unwillkürlich denkt man bei dem Tod Moltkes an das Verhältnis beider. Einzelne Stimmen haben es dem Fürsten Bismarck übel genommen, daß er seinem großem Genossen zum 90. Geburtstag nicht persönlich gratuliert hat. Moltke gehörte nicht zu den Uebel- nehmern; es ist ja bekannt, daß die Bismarcksche Glück- wunsch-Depesche die einzige war, die der Jubilar mitten im Festjuvel und Trubel auf der Stelle beantwortet hat. Und als man 1885 in Berlin zu der unvergleichlichen Geburtstagsfeier Bismarcks rüstete, da sagte Bismarck im Reichstag: „Wollen Sie den Mann sehen, dem wir die Wiederherstellung des Deutschen Reiches verdanken, dann blicken Sie dorthin!" Er wies auf Moltke, dessen Bescheidenheit fast in Verlegenheit kam.
— Die Regierung entsendet demnächst einige deutsche thierärzliche Beamte nach Amerika, um Gewißheit über die Wirkung der dortigen neuen Maßnahmen zur ge- sundheitspolizeilichcn Kontrole des Vieh-und Fleischexports nach Europa zu erhalten, wonach Beschluß über die Aufhebung des Einfuhrverbots gefaßt wird.
Königsberg i. Pr., 28. April. DaS Generalkommando hat den Truppen den Besuch von neunundsechzig Wirthschaften verboten. Viele der Inhaber sind konservativ und eine große Anzahl der Wirthschaften wurde von Aoancirten besucht. Es herrschte große Aufregung in den betroffenen Kreisen.
Posen, 24. April. In jugendlichem Uebermuth füllte vor einigen Tagen ein dreizehnjähriger Schul- knabe aus Jersitz eine Flasche mit ungelöschten Kalk, goß dann Wasser darauf und verkorkte die Flasche. Er selbst entfernte sich dann wohlweislich, machte aber drei andere Knaben darauf aufmerksam und sagte ihnen, sie möchten darauf achten, was in zwei Stunden mit derselben geschehen würde. Die Flasche explodirte aber schon nach etwa 10 Minuten, wobei die Knaben durch die umhergeschleuderten Scherben erheblich im Gesicht verletzt wurden und einer von ihnen sogar ein Auge völlig eingebüßt haben soll.
Oldenburg, 26. April. Ein eigenartiger Unglücksfall ereignete sich vor einigen Tagen in Schaar im Jeverlande. Das Pferd eines bei der dortigen Mühle
haltenden Gespanns wurde von einem Mühlenflüge getroffen und förmlich durchschnitten, der Mühlenflüge zersplitterte und die Mühle wurde auch sonst beschädigt
Geestemünde, 26. April. Ein wilder amerikanischer Stier wurde von einer hiesigen Jagdgesellschaft angetroffen. Derselbe war vor Kurzem, als eine Ladung amerikanischen Viehes im Kaiserhafen vom Lloyddampfer „Hermann" ausgeladen wurde, wild geworden und durchgebrannt. Hinter dem Volksgarten durchschwamm das Thier die Geeste und trieb sich dann in der Schiffdorfer Feldmark umher. Kaum war der freie Prairiebewohner von seinen Verfolgern aufgcstöbrrt worden, als er wüthend auf sie losstürzte. Alle vom Thatendurst beseelten Jäger liefen davon; nur einer, ein Herr G. aus Bremerhaven, warf sich zu Boden, zielte und streckte das wuthschnaubende Thier durch einen gut sitzenden Stirnschuß sofort nieder. Als der Tod des Wilden Thieres zur unumstößlichen Gewißheit geworden war, fanden sich auch die anderen Jäger wieder zusammen und beglückwünschten ihren Genossen zu dem glücklichen Schuß.
Dortmund, 28. April. Was viele Bergleute vom Stricken zurückqält, das sind u. A. die theuren Leben»- Mittelpreise. Kostet doch der Sack Kartoffeln Mk. 7.50, der sonst 4.50 oder gar zu Mk. 4 zu haben war. Außerdem fehlt den Bergleuten die moralische Unterstützung seitens der Bürgerschaft, die es nicht versteht, daß man in der jetzigen Zeit und unter den jetzigen Umständen einen Stecke beginnt. Die Behörden stehen den Bergleuten auch kühl gegenüber, denn sie haben durchweg die Weisung erhalten, jede Vermittlung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer abzulehnen. _ b teses richtig ist, mag -dahin gestellt -sei«. ~40m sinkenden Bergleuten werden leider bald folgen die feiernden Arbeiter der Eisen-Industrie. Es ist gar nicht denkbar, daß die Eisenwerke sich für längere Zeit Vocräthe beschaffen. Im Strcke von 1889 hatte die Eisen-Industrie gute Preise, sie machte flotte Geschäfte, sie behielt deshalb die Arbeiter und schleppte sie noth- dürftig durch. Das ist jetzt ganz anders; die Eisen- Industrie ist froh, wenn sie Leute entlassen kann, denn in vielen Betrieben ist wenig oder gar nichts zu thun.
Aus Thüringen. Vom Königl. Schöffengericht in Schleusingen ist gestern ein Handwerksbursche, welcher dem Beamten, der ihn verhaften wollte, thätlichen Widerstand geleistet hat, mit einjähriger Gefängnisstrafe belegt worden. — Zwischen der Schmücke und Oberhof liegt der Schnee noch so hoch, daß es jüngst einem Einspänner aus Zella, trotzdem 100 Mk. zu gewinnen resp, zu verlieren waren (man hatte nämlich gewettet), nicht gelang, den Weg zwischen beiden gen. Orten zurückzulegen. Die Schneehöhe soll dort vor etliche» Tagen etwa 1'/, m betragen haben. — Schuhmacher Böhm aus G o t h a, der vor dreißig Jahren zum Tode verurtheilt und alsdann zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe begnadigt worden war, wird demnächst, nachdem er 30 Jahre im Zuchthaus zugebracht hat, entlassen werden. Er soll sich daselbst über 2000 M. gespart haben.
Metz, 26. April. Die Leichen zweier Soldaten fand man in dem Dorfe Deutsch-Redingen an der luxemburgischen Grenze, bei dem Niederreißen eine» Hauses. Die Leichname trugen volle Uniform, auch Helm und Seitengewehr fehlten nicht. Der Uniform nach hat man es mit einem preußischen Hauptmann und einem Gemeinen zu thun. Die beiden dürften während des deutsch-französischen KriegeS heimlich erschlagen und dann in das Kellergewölbe des in Red« stehenden Hauses eingemauert worden sein. Die gerichtliche Untersuchung ist in vollem Gange.
Ausland-
London, 28. April. Wie die „Daily News" meldet, wurden 800 Judenfamilien mit zusammen 4000 Seelen aus Kiew ausgewiesen. Die Gesammtausweisung wird 15,000 Köpfe betragen, meist blutarme Menschen. Massenhaft langen sie ohne Reisegeld an der österreichischen Grenze an, wo ihnen der Aufenthalt abgeschlagen wird. Die Zahl der täglichen Ausweisungen in Moskau beträgt 150, eine außerordenliche Polizei- Razzia ergab in der Woche 690. Viele wandern frei* willig - aus, jüdische Geschäftshäuser in Südrußland werden vielfach russischen Agenten übertragen. Der „Pall Mall Gazette" zufolge hat Baron Hirsch in der