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Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. .Jüusirirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Jf 45. Samstag, den 6. Juni 1891.
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Deutsche- Reich.
Berlin. Die Erklärung des Minister Präsidenten v. Caprivi in der Montagssitzung des Abgeordnetenhauses, daß die Regierung von einer Suspendirung der Getreiüezölle Abstand nehme, ist Gegenstand allgemeinster Erörterung nicht nur der gesammten Presse, sondern auch im großen Publikum und namentlich an der Produktenbörse. Diese beantwortete die Erklärung mit einem Steigen der Kornpreise am Montag um 6—7 M-, am Dienstag um weitere 2 M.
—^Der Beschluß der Staatsregierung in der Frage der Herabsetzung der Getreidezölle und die Begründung desselben durch den Reichskanzler v. Caprivi vor dem Abgeornetenhause finden in der Presse, je nachdem dieselbe mehr freihändlerischen oder mehr schutzzöllnerischen Anschauungen huldigt, eine verschiedene Beurtheilung. Am meisten entteuscht durch bissen Beschluß ist die freisinnige und socialdemokratisch Presse. Ein Aufruf des socialdemokratischen Parteivorstandes fordert im Hinblick auf Caprivis Erklärung zu Einspruchsversammlungen auf.
* — Die sozialdemokratische Opferwilligkett in den Kreisen der Arbeiter erkaltet immer mehr, je weiter wir uns von der Zeit des Ausnahmegesetzes entfernen. Die kräftigsten Mahnungen an die einzelnen Städte, ihre „Schuldigkeit" zu thun, bleiben wirkungslos. Hätte man nicht eine wohlgefüllte Parteikasse aus der Aus- nahmcgcsetzeszcit mitgebracht, so würde es mit Manchem in der sozialdemokratischen Bewegung faul stehen. Für den „Maifonds" sind bei der Generalstreikkommission in der Zeit vom 7. bis 20. Mai nur 8008 Mark 75 Pf. eingegangen, eine geradezu lächerliche Summe im Vergleich zu der großen Menge von „Steuerpflichtigen". Schade, daß auf dem vorjährig!,, Parteitag zu Halle die Absicht nicht verwirklicht wurde . dir Zugehörigkeit zur Partei von der Leistung bestimmter Beiträge direkt abhängig zu machen.
* — Es ist ein Zeichen der Zeit, daß zu gleicher Zeit in der Deutschen Lehrerversammlung zu Mannheim vom Schulinspektor Scherer zu Worms und beim Thüringer Kirchentag zu Weida vom Kirchenrath Brasch dieselbe Ansicht öffentlich ansgesprochen worden ist: Die Schule müsse Religion, aber nicht Theologie lehren. Dieses Zusammentreffen gibt doch wohl den Seminar- direktoren einen Fingerzeig, wie mit künftigen Lehrern die Vorbereitung zum Religionsunterricht zu treiben ist.
Königsberg, 20. Mai. Ein früherer Schneider auS Plauen gab gestern in der hiesigen Anatomie vor Professoren und Studenten Proben einer riesigen Muskelkraft. Eine Völlige Eisenstange bog er durch einen Schlag auf den eigenen Arm krumm, den aus einem Stuhle sitzenden schwersten Sudenten hob er sammt dem Stuhle mit einer Hand auf den Tisch.
Rendsburg, 1. Juni. Die Erbauung des Nord- Ostsee-Kanals schreitet so stetig vorwärts, daß nach dem Urtheile der maßgebenden Sachverstästdigen gar kein Zweifel darüber besteht, daß der Kanal innerhalb der festgesetzten Frist (bis zum Jahre 1895) vollendet wird. Die Arbeiten sind, wie verschiedenen Blättern geschrieben wird, bereits soweit gediehen, daß in einem Theile des Kanals (bei Kiel) im nächsten Jahre schon die größten Schiffe fahren. Die vielen Tausende von Arbeitern nkrutiren sich aus allen Gegenden des Deutschen Reiches, und man kann dah.r alle deutschen Dialekte hören. Die Bezahlung beträgt für den Mann 3 Mk. bis 3 Mk. 50 Pf. täglich, womit die Leute ganz gut auskommen, da sie in Baracken wohnen und gemeinschaftliche Küche in Regie führen.
Schwerin. Vor einiger Zeit ging die Mittheilung durch die Blätter, daß ein Gutsbesitzer in Mecklenburg, um den dort allgemein ein herrschenden Arbcitermangcl zu beseitigen, die Einführung von chinesischen Kuli- arbeitern beabsichtige und eine Aufforderung an die gesammten Gutsbesitzer gerichtet habe, sich mit ihm zur Ausführung jenes Planes zu vereinigen. Es soll sich darauf eine ganze Reihe von Herren gemeldet haben; indeß meldet jetzt der „Mecklenburger", dem Vernehmen nach habe sich die großherzogUchc Regierung sehr energisch gegen das Vorhaben ausgesprochen und die Auswe sung der etwa einzuführenden Kulis, sobald diese die mecklenburgische Grenze überschritten haben würden, in Aussicht gestellt.
Käln, 1. Juni. Der Stadtverordnete und Land- tagsabgcordnete Julius Bachem, der bisherige Führer der Kölner Zentrumspartei, hat, wie in Der jüngsten Sitzung der Stadtverordnetenversammlung mitgetheilt
wurde, dem Oberbürgermeister Becker in einem Schreiben die Mittheilung gemacht, daß er sein Mandat als Stadtverordneter niederlegr. Wie Herr Bachem in einer Aufsehen erregenden Erklärung in der „Niederrh. Volksztg." mittheilt, wird er sich wegen eines Fehltritts eine große Zurückhaltung im öffentlichen Leben der Heimath auferlegen. Wie es heißt, wird sich der genannte Zentrumsführer in Marburg niederlassen. Bachem vertritt im Landtage den vierten Kölner Wahlkreis Sieg-Mülheim-Wchperfürth, für welchen Kreis er gleichfalls das Mandat niederzulegen beabsichtigt.
Linden a. d. R., 1. Juni. In dem Flötze „Karl" auf der hiesigen Zeche „Baaker-Mulde" ist Feuer ausgebrochen; dasselbe hat leider trotz der größten Bemühungen der Zechenverwaltung nicht gelöscht werden können und zwingt, wie „Hag. Ztz." meldet, fast zur Einstellung des Betriebes, wie vor mehreren Jahren bei dem großen Flötzbrande im westlichen Felde derselben Grube. Von der ungeheuren Gluth des Feuers kann man sich ungefähr ein Bild machen, wenn man bedenkt, daß das durch zwei mächtige Pumpen sich beständig in den Luftschacht in Strömen ergießende Wasser unten auf der zweiten Sohle in kochend heißem Zustande am kommt, und wenn man ferner in Erwägung zieht, daß die auf Sohle 2 herabfallende Asche und glühende Steine täglich durch 8 Bergleute in etwa 24 eisernen Förderwagen verladen und an's Tageslicht befördert werden müssen.
Nordhausen, 2. Juni. Der hiesige Mühlenbau- Meister Ludwig war im Vorjahr von der hiesigen Strafkammer wegen Wuchers verurtheilt worden, hatte aber gegen das Urtheil Revision eingelegt, was zur Folge hattc, daß das Reichsgericht die Sache zur nochmaligen Verhandlung an die Strafkammer zu Halle verwiesen hat. Von letzterer ist, Ludw'g gestern nach 9stündiger Verhandlung wegen Wuchers noch viel härter als hier bestraft worden, nämlich mit 1 Jahr Gefängnis, 2000 Mk. Geldstrafe und 2 Jahren Ehrverlust.
Eisleben, 21. Mai. Gelegentlich einer auf heute Nachmittag im „Preußischen Hof" hierselbst anberaumten „Volksversammlung" kam es zwischen Sozialdemokratin und nichtsozialdemokratischen Bergleuten zu einer blutigen Schlägerei, bei der es zahlreiche Verwundungen auf beiden Seiten gab. Auf sozialdemokratischer Seite wurde auch von der Schußwaffe Gebrauch gemacht, wodurch drei Personen verletzt sein sollen. Ein des Schießens verdächtiger Sattler wurde verhaftet.
In Gera wurde am Montag ein ,17jähriger Arbeitsbursch- aus Langenberg, Namens Künzel, vom Landgerichte wegen Ermordung der Wittwe Böttcher in Zschippach zu 15 Jahren Gefängniß verurtheilt. Sein Mitschuldiger, der Schulknabe Neidhardt erhielt drei Jahre Gefängniß, während ein anderer Arbeitsbursche wegen Unterlassung der Anzeige des verbrecherischen Planes mit sechs Monaten Gefängniß bestraft wurde.
Zella, 27. Mai. In Albrechts fanden Schulkinder hinter einem Gehege ein dem dortigen Gastwirth von Dieben entwendetes 37 Liter-Faß mit Spanisch-Bitter, leerten es an demselben Tage nach und nach und waren in Folge dessen die meisten Kinder betrunken.
Leipzig. Ein entsetzlicher Unglücksfall hat sich am Dienstag in dem Hause Kleine Fleischergasse 3 zu Leipzig zugetragen. Der „Leipz. Gen.-Anz." berichtet darüber: Dort wohnt im fünften Stocke der Klempner- geselle Sontag mit seiner Familie. Die Leute pflegen wegen des Beginns der Arbeit ziemlich früh aufzustehen und es war üblich, daß die im fünfzehnten Lebensjahre stehende Tochter Sontag's, Helene Sontag, die vorige Ostern aus der Schule entlassen wurde, gegen 5 Uhr bereits das Feuer zum Kaffeekochen anzündet. So war es auch heute. Helene Sontag erhob sich heute noch vor 5 Uhr und begab sich, nur mit Hemd und einem Unterrock bekleidet, nach der Küche. Dort bemerkte sie, daß Holz zum Feuerwachen fehle. Wie es, Gott sei es geklagt, trotz aller Warnungen, noch immer vorkommt, so griff das Mädchen zu einem Hilfsmittel, das schon so namenloses Unheil verschuldet hat — zur Petroleumflasche! Die kleine Sontag legte Kohlen in den Ofen, zündete mit einem Streichhölzchen etwas Papier an, legte das brennende Papier auf die Kohlen und goß nun zur Entfachung der Gluth aus einer gefüllten Flasche daS Petroleum darauf. Die Wirkung war eine entsetzliche. Die Flammen schlugen zurück und setzten im Nu das ganze Kind mit seiner leichten
Kleidung in Feuer. Wahnsinnig vor Schreck und Schmerz riß das brennende Kind das Fenster auf, kletterte auf das Dach und fiel von hier aus, da die Ziegelsteine nachgaben, einem brennenden Feuerballen gleich, fünf Stock hoch auf den Hof herab. Eine im Hofe stehende Pfingstmaic und eine quergespannte Wäscheleine, mit welchen beiden das unglückliche Kind bei seinem Sturze in Berührung kam, milderten den Fall in etwas. So kam es, daß das Kind trotz der bedeutenden Höhe und der lebensgefährlichen Brandwunden noch lebte. ES fing zu wimmern an und dieses Wimmern hörte ein im ersten Stock des Hauses wohnender Zimmergeselle, der nach dem Fenster eilte und hier das Schreckliche der Situation gleich erkannte. Rasch entschlossen eilte er hinab und dämpfte zunächst durch Ueberwerfen seines Rockes die noch immer um den Körper des KindeS züngelnden Flammen. Mittlerweile waren auch noch andere Leute im Hause auf den schrecklichen Vorgang aufmerksam geworden. Man benachrichtigte die Eltern des armen Mädchens, die noch der Ruhe pflegten und noch keine Ahnung von dem verhäugnißvollen Ereigniß hatten. Das arme Mädchen, das natürlich ohne Bewußtsein war, ward alsbald nach der Samariterwache in der Hainstraße gebracht, wo es wenige Minuten später in Folge der erhaltenen schweren Kopfverletzungen seinen Geist aufgab. Der durch das brennende Petroleum in der Küche ausgebrochene Brand wurde von der Feuerwehr gelöscht.
Augsburg. 31. Mai. Der Kutscher des Fürsten Fugger, der vor Kurzem eine Uebung bei dem hiesigen Artillerie-Regiment mitmachte, hatte sich zum Andenken nach einer leider nicht vereinzelt dastehenden Unsitte ein,e Bombe mitgenommen, und zwar eine geladene, zum AbschtcHen fertige. Während er damit beschäftigt war, das Geschoß zu entladen, explodirte dieses plötzlich und richtete den Unglutflidjen in der schrecklichsten Weise zu. Ein Arm wurde ihm weggerissen, außerdem erhielt er fürchterliche Wunden am Kopf und an der linken Seite. Er schleppte sich noch zum Brunnen, wo er bewußtlos zusammenbrach und von dem herbeieilenden Fürsten aus- gefunden wurde, der ihm die erste Hülfe leistete. Der ichwer Verletzte wurde ins Krankenhaus verbracht, wo er hoffnungslos darniederliegt.
Ausland»
Frankreich. Die französische Regierung wird am nächsten Montag in der Kammer das Gesetz über die Altersversorgung einbringen. Das Gesetz ist in den Grundzügen dem deutschen nachgebildet, doch soll in Frankreich auf den Staatssäckel und auf die Arbeitgeber weit mehr Rücksicht genommen werden, als bei uns. Die Beitragspflicht des Arbeitgebers und des Staates beginnt erst nach 30 jähriger Beitragsleistung des Arbeiters. Außerdem steht es dem Arbeiter frei, ob er an der Altersversorgung teilnehmen will oder nicht.
London, 30. Mai. Der englische Kreuzer Jmmor- talite, welcher am Mittwoch in Gibraltar erlangte, berichtet ein sonderbares Abenteuer, das ihm auf seiner Reise von Arosa Bai geschehen ist. Der Kreuzer fuhr mit vollem Dampf, mit einer Geschwindigkeit von etwa 12 Knoten die Stunde, als er plötzlich aufstieß. Die erste Annahme war, man sei auf eine Sandbank gerathen; man fand aber bald, daß das Hinderniß nicht» Anderes als ein mächtiger Walfisch sei, in dessen Fleisch das stählerne Schiff auffuhr. Die Maschinen mußten umgekehrt werden, ehe es sich von der Fleischmasse befreien konnte, und gleich darauf versank das Ungethüm leblos in die Tiefe.
Rußland. Eine Petersburger Zuschrift der „Pol. Corresp." constatirt, daß auf den Aufschub der Reise des Kaiserpaares nach Moskau, welche der amtlichen Darstellung zufolge durch ein plötzlich eingetretenes Unwohlsein der Kaiserin veranlaßt wurde, gewisse bei der Regierung aus Moskau eingelaufene Mittheilungen nicht ohne Einfluß gewesen sein sollen, in denen darauf hingewiesen wurde, daß bei einem Theile der Moskauer Bevölkerung in Folge der Massenausweisung der dortigen Juden eine einigermaßen beunruhigende Erregung wahrzunehmen sei. Es wird dann weiter bestätigt, daß Militär die ganze Eisenbahnstrecke von Petersburg bis Moskau besetzt hi.lt, daß die Moskauer Polizei stark vermehrt ward und daß in den Straßen, durch welche das Zarenpaar „unter dem lauten Jubel einer zahlreichen Volksmenge" seinen Einzug in Moskau hielt, selbst