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Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. .JÜustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
^ 53.
Sanistag, den 4. Juli
1891.
i^pftplllttleWtl ""^ die „Schlüchterner Zeitung" «Presse. Drum muß man schimpfen auf die Zölle, damit ^llluUUiyill werden noch fortwährend von allen die Dummen nicht merken, wo Bartel den Most holt.
■ - - ■ Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Wer verthenert unser Brot?
„Die Zölle!" schreit der Generalanzeiger, „die Zölle!" zetert Löb Sonnemann, „die Zölle!" brüllt Eugen, der kleine Rechenmeister in der Westentasche, und belegte zahlenmäßig: „5 Mark Zoll per Tonne macht bei so und so viel Millionen Tonnen 5 mal so und so viel Millionen Mark Aufschlag. — Geschenk an die Großgrundbesitzer — armen Mann das Brot vertheuert etcaetera pe pe." Was wollen wir mehr, die Sache ist „zahlenmäßig belegt", kein „vernünftiger Mensch", der nicht in seine „Jnteressenpolitik" verrannt ist, kann noch b’rgn zweifeln.
Trotzdem erlauben wir uns einen gelinden Zweifel daran, ob wirklich die Zölle das Brot vertheuern. — In Dingsda hatte der Hompüter gut geschlachtet — dankt einem bekanntlich das ganze Jahr. Seine Frau saß am Kessel und gab auf die Würste Acht, während der Hompäter hinter dem Quellfleisch saß schon seit 3 Stunden und sich's wohl schmecken ließ mit Sauerkraut und Erbsenbrei. Als nun allmälig die Würste gar wurden, ging er zum Proben selber über und probte sie alle durch , Blut- und Leberwürste, Schwartemagen und Fleischwürste, und wenn ihm eine Sorte schmeckte, dann ließ er's nicht bei der Probewurst, sondern er nahm noch eine zweite. Der Hompäter hatte nun zwar einen sehr guten Magen, aber — sunt certi denique tines, sagt Hvraz, zu deutsch: Alles, was in n Sack geht! Er bekam furchtbare Leibschmerzen und schrie permanent : Eich glab, eich sein vergift't! Seiner Frau wird's Angst, sie holt den Doktor, und nun muß der Hompäter Alles erzählen und ruft immer dazwischen: Eich glab, eich sein vergift't, dann wei mei Fra üwer'm Kessel soß, da fiel ere e T r ö b b ch e vo de Rose in de Kessel, un eich glab, des Hot däi Weischt vergift't. Mei Leib, mei Leib, des Tröbbche, des Tröbbche!
An der Berliner und Frankfurter Börse sind Spekulanten , welche auf die Getreidepreise wetten. Der eine sagi: „Der Roggen kommt bis zum 30. März, meintwegen, auf 175 Mark per Tonne". Der andere sagt: „Dafür will ich Dir ihn liefern". Und wenn nun am 30. März der Roggen weniger kostet, etwa 16ö Mark, dann hat der erste 10 Mark an der Tonne verloren. Geliefert braucht aber der Roggen nicht zu werden, sondern nur die Differenz von 175 — 165 gezahlt zu werden. Das nennt man dann Disierenz- geschäfl. Natürlich sucht nun der Käufer den Roggenpreis möglichst zu steigern, damit er nicht verliert.
„Roggen 175 Mark, 20,000 Tonnen am 30. März!" bietet da einer aus. Gleich sind ein Paar an ihm, die sich erbötig machen, dann zu liefern, weil sie denken, der Roggen kostete bis dahin vielleicht nur 163 Mark, sodaß ihnen der Spekulant also 175 — 163 = 12 Mark per Tonne ober 12 mal 20,000 = 240,000 Mark im Ganzen zahlen müßte. Der Spekulant aber wußte besser, wie's gehen würde, denn er hatte auf allen Roggen, der sich auf der See befand, um nach Deutsch land zu kommen und den armen Leuten Brot zu werden, bereits die Hand gelegt. Der 30. März kam heran und der Roggenpreis stand etwa 174 */2, das hätte also eine Differenz von '/« M. per Tonne oder l 0,000 M. per 20,000 Tonnen gemacht. Nun mit 10,000 Mark staffiert ein armer Mann seine Tochter aus, aber für die Herren von der Börse ist das eine Lumperei. Doch der Spekulant dachte gar nicht daran zu zahlen. „Ich wollt' kein Differenzgeschäft machen, ich will wirklich die Waaren und bezahle 175 Mark" so sagt er am 29. März und ist ein ehrlicher Mann. Wat nu? Die Waare, die in den Schiffen liegt, ist nicht feil, — geliefert muß aber werden, denn es ist versprochen. Ja, wat nu? Nun, der Herr Spekulant läßt sich herbei und verkauft die Waare, aber natürlich macht er jetzt den Preis und zwar verlangt er 186 Mark per Tonne und gibt, wie ausbedungen, 175 Mark dafür zurück — hat er pro- sitirt 220,000 Mark — bezahlen die Konsumenten, b. h. der arme Mann, die Tonne Roggen 11V* Mark tuenrer — ruft Löb Sonnemann, ruft Eugen Richter, ruft die ganze Meschpoche: „das Tröbbche! das Tröbbche!* will sagen: „die Zölle! die Zölle!", denn solche Profite, wer macht se? Die Freunde von der freisinnigen
Und Eugen Richter ist ein großer Rechenmeister und rechnet auf Verlangen bis in die Millionen, und Löb Sonnemann ist ein großer Mann und „man" sagt, er
säh' ja ganz nett aus.
Deutsche- Reich.
Helgoland, 30. Juni. Das Kaiserpaar ist gestern Abend um 6 */< Uhr nach einem schweren Gewitter bei schönem Wetter hier eingetroffen. Auf der Fahrt die Elbe abwärts bat S. M. der Kaiser unter Ausdruck seiner lebhaften Freude dem Direktor Niesen von der Hamburgischen Paketfahrt-Aktiengesellschaft mitgeteilt, daß der Dreibund auf weitere 6 Jahre verlängert sei.
Crefeld, 2. Juli. Infolge eines Wirbelwindes wurden die Festhalle sowie die Buden auf dem Festplake des rheinischen Bundesschießens weggeweht. Zwischen Süchteln, Viersen und Dülken sind gegen 50 Häuser eingestürzt. Man spricht von mehreren Todten und Verwundeten.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 3. Juli. Gestern Nachmittag starb dahier nach längerem Leiden Herr G. F. Hartmann, II. Pfarrer der hiesigen ev. Gemeinde. In ihm verliert die Gemeinde einen treuen Seelsorger, seine Familie einen guten, liebevollen Vater, und unsere Zeitung einen hochgeschätzten Mitarbeiter. Er ruhe in Frieden!
*—Wir werden ersucht, darauf hinzuweisen, daß die Aufstellung eines Wegweisers an der Abzweigung des Fahrwegs nach dem Acisbrunnen von der Straße nach dem Bahnhof sehr wünschenswerth wäre. Es geschieht nämlich oft, daß des Weges unkundige Fremde, welche zum Bahnhof wollen, rechts ab auf den Fahrweg gerathen und erst oben auf der Höhe ihren Irrthum gewahren. Da muß dann umgekehrt und Hals über Kops nach dem Bahnhof gerannt werden, um noch zurecht zum Zug zu kommen. Dem wäre leicht vorzubeugeu durch einen Wegweiser mit entsprechender Aufschrift.
* —- In der jetzigen heißen Jahreszeit möge man darauf bedacht sein, Thierleichen u. s. w, die im Freien liegen, 311 beseitigen. Setzt sich eine Fliege auf solche Leichen, so sticht sie nach ihrer Gewohnheit ins Fleisch; setzt sie sich dann auf einen Menschen und saugt Blut, so ist die Blutvergiftung fertigt. Es ist etwas Leichtes, sich dagegen zu schützen, indem man ein Fläschchen Salmiakgeist bei sich trägt und sofort nach erhaltenem Stich die kritische Stelle belupft, was die Neutralisirung des ein- gedrnngenen Giftes bewirkt.
* — Verbietet Euern Kindern den Genuß unreifen Obstes! Sn Jnowrazlaw starb dieser Tage ein Knabe unter den Anzeigen von Vergiftung Bei der Leichenöffnung stellte sich heraus, daß der Magen des Knaben mit unreifen Stachelbeeren überladen war, und die Aerzte gaben ihr Gutachten dahin ab, daß der Tod nur durch den Genuß der unreifen Früchte herbeigeführt worden sei.
* — Nach einer Kasseler Depesche der Franks. Ztg. ist gestrige Ziehung der kurhess. 40-Thlr. Loose wegen eines Formfehlers für ungültig erklärt worden.
* — Eine Laudgemeindeordnung für den Regierungsbezirk Kassel soll den „Berl. Pol. Nachr." zufolge aufgestellt werden.
* — Dem Kultusminister war zur Kenntniß gekommen, daß einzelne Schulverbände bezw. Gemeinden, welchen die Unterhaltung der öffentlichen Volksschulen obliegt, in Folge der Neuregelung und Erhöhung der staatlichen Dienstalterszulageu, Zulagen, welche ihren Lehrern an den Volksschulen durch die Besoldungsorduungeu oder Voka- tionen mit fortschreitendem Dienstalter zugesichert waren, zurückgezogen bezw. auf die staatlichen Dienstalterszulagen in Anrechnung gebracht haben. Der Minister hat daraufhin an sämmtliche königliche Regierungen einen Erlaß gerichtet, in welchem dieses Verfahren als im vollen Widerspruch stehend mit dem bei den Etatsberathungen im Jahre 1890 von der Staatsregierung wiederholt in dein Landtage dargelegten und durch die Bewilligung der erforderlichen Mittel seitens des Landtages genehmigten Zweck der Erhöhung der staatlichen Dienstalterszulageu bezeichnet wird. Der Ziveck der Erhöhung ist lediglich dahin gegangen, das Einkommen der Lehrer an den öffentlichen Volkschulen in Orten mit nicht über 10 000 Einwohnern Mit dem fortschreitenden Dienstalter in höherem Maße als
es seither der Fall gewesen ist, aufzubessern, nicht aber die Schulunterhaltungs - Pflichtigen in ihren Leistungen für die Lehrer zu entlasten.
* — Herr Lehrer E. Schoppe in Kassel sendet uns folgende Berichtigung der Mittheilung in Nr. 49 dieser Zeitung, gegeben unter Cassel, 17. Juni:
„Zur Klarstellung des Artikels in Nr. 49 dieser Zeitung, betreffend meinen am 17 d. Bits, in der amtlichen Konferenz Casseler Volksschullehrer gehaltenen Vortrag übe. das mir gestellte Thema:" „die Stellung der Volksschule zur socialen Frage" veröffentliche ich hiermit die von mir aufgestellten Thesen, die im wesentlichen den Hauptinhalt genannten Vortrags zum Ausdruck bringen, und überlasse es den geehrten Lesern ds.
Bl., sich selbst in dieser Angelegenheit ein Urtheil zu bilden.
Die Stellung der Volksschule zur sozialen Frage.
Leitsätze.
I. Die sozialen Uebelstände haben zum großen Theil in der mangelhaften sittlichen Bildung des Volkes ihren Grund, und deshalb muß die Erziehung in ihrer ganzen Weite und Tiefe als das wichtigste Mittel bezeichnet werden, durch welches die krankhaften Auswüchse an unserem Volkskörper wieder geheilt werden können.
II. Da die Volksschule diejenige Anstalt ist, in welcher der größte Theil des Volkes seine allgemeine Bildung empfängt, so ist sie als ein wesentlicher Faktor bei der friedlichen Lösung der sozialen Frage zu betrachten. )
III. Es ist eine bedenkliche Verkennung des Wesens der Volksschule, von ihrer unmittelbaren Thätigkeit die Abstellung der jetzigen gesellschaftlichen Uebel und Gebrechen zu erwarten.
IV. Die Volksschule kaun nur mittelbar zur all- mutigen Bessergestaltung des sozialen Lebens beitragen, indem sie in erster Linie Erziehungsanstalt sein will. Als solche beabsichtigt sie:
a. durch eine sorgfältige Schulzucht den Schüler zum Gehorsam, zur Ordnung, zum Fleiß, zum sittlichen Verhalten, zur Wahrhaftigkeit und anderen Tugenden zu gewöhnen;
b. in den Schüler durch einen Pädagogisch ertheilten Religionsunterricht eine wahrhaft religiöse Gesinnung zu pflanzen;
c. eine naturgemäße harmonische Ausbildung des Schülers (Verstandes-, Gemüths- und Willeus- bilduug — Körperpflege) ;
d. Weckung des idealen Sinnes, der, fern von Selbstsucht, nach edlen Zielen strebt;
e. ein liebevolles Eingehen auf die Eigenart des Schülers;
f. in den Schüler den Grund zu einem sittlich schönen Charakter zu legen;
g. eine wahre nationale Erziehung zu geben und warme Vaterlandsliebe in dem Herzen des Schülers zu erwecken.
V. Wie die Volksschule als Erziehungsanstalt formale Bildung gewährt, so nimmt sie als Unterrichtsstätte aber auch auf die Bedürfnisse des praktischen Lebens die vollste Rücksicht, um auf diese Weise die Jugend zum späteren Kampfe um's Dasein auszurüsten.
VI. Die Volksschule ist aber nur im Stande, den Anforderungen, welche die heutige Zeit an sie zu stellen berechtigt ist, zu genügen,
a. wenn in allen Unterrichtsfächern eine Sloffüber- bürdung vermieden und die Schülerzahl der Klasse so viel als möglich vermindert wird;
b. wenn die von Haus aus verwahrlosten Schüler und solche, welche der Verwahrlosung anheim- zufallen drohen, mehr als bis jetzt geschehen, von ihr ferngehalten und der Zwangserziehung übergeben werden;
c. wenn sie erst die allgemeine Bildungsanstalt des ganzen Volkes und die einzige Vorstufe für die höheren Schulen geworden ist;
d. wenn die Schulpflicht für die Schuljugend, die jetzt schon mit dem 14. Lebensjahre in's öffentliche Leben tritt, ohne die erforderliche Reife in ■ körperlicher, geistiger und sittlicher Beziehung erlangt zu haben, mit beschränkter und nach und nach sich vermindernder Stundenzahl bis zu einem späteren Lebensjahre, für die Knaben bis zum 18., für die Mädchen zum 16., ausgedehnt wird;