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Mittwoch, den 15
kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „Jllustrirtem Familiensreund" viertcljährl. 1
1891.
Re»1sp!l«^NpN ™f ^e „Schlüchterner Zeitung" UUilylil werden noch fortwährend von allen
-- " Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Windessaal - Sturmesernte.
Die deutsche Sozialdemokratie steht allem Anschein nach vor einer bedenklichen Krisis. Singer hat für den Norden Deutschlands die nur noch wenig bestrittene Führung übernommen. Es war dies vorauszusehen: Bon Juden gegründet (Las falle und Marx), von Juden gehalten und gefördert (Engels, Sabor, Stadthagen, Au er, Goldschmidt u. a.) mußte ein Jude die deutschen Führer Liebknecht undBebel schließlich verdrängen. Nicht so leicht wie diese scheint der Führer der süddeutschen Sozialdemokratie, der bayerische „Junker" von Vollmar sich fügen zu wollen. Allerdings waren Bebel und Liebknecht auch nicht so günstig gestellt wie er. Der Berliner Janhagel geht eben mit dem, der die größte „Schnauze riskiert". Nicht so der solidere Süddeutsche.
Bei dem Kampfe könnte ja nun der Nicht -Sozial- demokrat als tertius gaudens (Dritter, vergnügt sich die Hände reibend) zusehen, wie sich die gefährliche Partei selbst zerfleischt. Aber einzelne Erscheinungen, welche bei diesem Kampf zu Tage treten, müssen den Patrioten, der auch in den Sozialdemokraten noch Brüder, wenn auch irre geführte, sieht, auf's Tiefste schmerze». Es thut sich dem Beobachter ein Abgrund von Rohheit und Verkommenheit auf , und man nimmt mit Schmerzen wahr, bis zu welcher moralischen Tiefe unser Volk bereits gesunken ist. Um so tragischer wii kt derartiges, wenn es die Führer am eignen Leibe erfahren müssen, daß der alte, von ihnen so oft verhöhnte Paulus von Tarsen recht behält, wenn er sagt: Mas der Mensch sät, das wird er ernten." Dies hatBebel, dem die sozialdemokratische Partei außerordentlich viel verdankt, auf der letzten großen Versammlung vom 3. d. M. merken müssen. Während der Diskussion drängte sich ein Trupp der „Radikalen" auf's Podium. Einer von ihnen, ein halbreifer Bursche, schrie Bebel an: „Sie verderben uns die ganze Partei!" (Statt „verderben" wurde ein unanständiges Berliner Dialektwort gebraucht.) Erregt versetzte Bebel: „Was erfrechen Sie sich, Sie grüner Lümmel!" „Das waren Sie auch einmal", erhielt er zur Antwort. Bebel erwiderte: „Aber nicht so einer, wie Sie." — Bebel ist ein Mann in gereiften Jahren, der seinen Beruf, gar manchmal seine Freiheit als ein deutscher Idealist an sein — gewiß verwerfliches — Ideal ge hängt hat. Wenn man selbst als Christ und als Patriot Bebels Gegner ist, so treibt einem doch der Unwille das Blut in’S Gesicht bei solcher Behandlung des Mannes. Ein „grüner Lümmel" — d:e Bezeichnung ist richtig — quittiert in dieser Weise dem Mann für seine jahrelange Arbeit. Und doch, ist's nicht die Sturmes ernte, welche der Windessaat folgen muß? Wenn Bebel nicht „so einer" war wie dieser, so kam's daher, daß er eben seine Jugend noch nicht in sozialdemokratischen Fachvereinen verlebte. Wenn man, wie Bebel, den Grundsatz aufstellt: „Sittlich ist, was Sitte ist" und damit ein ewig giltiges Sittengesetz leugnet oder demselben einen anderen Inhalt zu geben sucht, als den, welchen Jesus von Nazareth, Match. Eap. 22, gab, — dann helfen alle Ideale und Humanitätsbestrebungen nichts. Es ist ein Unsinn, einen Staat, eine Genossenschaft, einen Verein auf einer anderen Grundlage aufbauen zu wollen, als auf einem ewig giltigen Sittengesetz. Dieser Vorfall ist ein Stückchen „Zuknnftsstaat". Und zwar liegt für den Zukunftsstaat die Sache so: „der grüne Lümmel" war ganz in seinem Recht, nämlich im Recht der freien Meinungsäußerung. Bebel aber war im Unrecht, denn er hat einen vollbürtigen „Genossen" in seiner „Ehre" gekränkt.
Geht am Ende den ehrlichen Führern — wir glauben Bebel, nach dem, was wir von ihm kennen, dazu rechnen zu dürfen — vielleicht doch noch ein Licht über ihre Kurzsichtigkeit auf? Wenn nicht ihnen, so doch hoffentlich j dem Familienvater. Denn wenn man das Bebel schon heute bietet, was wird dann erst den Eltern oder Aeltern von den Herren Söhnen im „3 ukunstsstaat" geboten werden!
Deutsche- Reich.
Berlin. Für die im Kronrath beschlossene Antisklaverei- Lotterie werden nach dem vorläusigen Plan 400,000 Loose mit Eintheilung in ganze, halbe, viertel und achtel Loose ansgegeben. Der Preis tes ganzen Looses ist 20 M. Der Hauptgewinn beträgt 600,000 M. Die Ziehung erfolgt unter Leitung der von der Regierung ernannten Kommissarien Die Zeichnungen auf die Loose finden in Berlin bei einer Reihe erster Bankfirmen, sowie gleichzeitig in anderen Städten statt.
* — Der „Reichsanzeiger" gibt den Voraussicht- liehen Ernteertrag Preußens Ende Juni auf Grund der von den Kreisbehörden nach Anhörung sachverständiger Landwirthe gemachten Angaben beim Winterroggen auf 75'/g Prozent und beim Winterweizen auf 83 Prozent einer Mittelernte an Die Aussichten der Kartoffelernte sind noch nicht zu beurtheilen. Die Sommersaaten sind in 50 Kreisen sehr gut, in 234 gut, in 193 befriedigend und mittet und in 7 schlecht.
— In den ersten fünf Monaten des lauf. Jahres sind aus Deutschland über deutsche Häfen Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam 55,567 Personen ausgewandert, bei weitem mehr als in dem entsprechendem Zeiträume bis 1887 zurück.
— Anläßlich der Schienenstempel - Fälschungen sind, wie ein Berliner Lokal-Berichterstatter meldet, in diesen Tagen Nacb-Revisionen von Schienen, Achsen, Rädern u. s. w. durch technische Beamte der zuständigen Betriebs- ämter im Bereich der Königl. Eisenbahn-Direktionen Berlin, Erfurt und Bromberg vorgenommen worden. Bei diesen Untersnchnngen habe sich auf der Anhalter Bahn in Berlin herausgeftellt^daß Schienen in größerer Zahl mit nachgemachtem StemM vorgefunden wurden.
Der Verein selbstständiger Handwerker in Köln veröffentlicht Folgendes, was auch für anderwärts paßt: In letzter Zeit kommen an den Vorstand des Vereins selbstständiger Handwerker viele Klagen, daß von Seiten der Kunden die eingereichten Rechnungen ungeheuer langsam bezahlt würden. Unter solchen Umständen kann die Lage des Handwerker nicht gebessert werden. Der Kaufmann will sein Geld haben, der Wechsel wird protestirt, und das Ende vom Liede ist, daß dem redlichen und strebsamen Handwerker die Möbel gepfändet werden oder ihm vom Wucherer eine recht feste Halsbinde angelegt wird. So entsteht in vielen Handwerkerfamilien Rückschritt und Noth. Will man dem Hand weiter, dem man doch heute mehr als je die Berechtigung des Daseins gönnen will, wirklich wohl, so ist es Pflicht eines jeden Kunden, nach Empfang der Arbeit so schnell wie eben möglich das Geld zu bezahlen. Der Verein selbstständiger Handwerker hat es für nothwendig ge- balten, im Interesse seiner Mitglieder Bücher anzulegen, in welche böswillige Schuldner und unpfändbare Kunden und diejenigen, die den Offenbarungseid geleistet, eingetragen werden sollen u. s. w. Der Juli ist wieder da, und es wäre zu wünschen, daß die angeblich gutgesinnten Handwerkerfreunde die eingereichten Rechnungen recht pünktlich beglichen.
Anrath (Rheinland), 10. Juli. Der kolossale Schaden, den der Orkan mit Hagelschlag am 1. d. M. in unserem rheinischen Städtchen von 3500 Einwohnern angerichtet hat, läßt sich erst jetzt übersehen. Eingestürzt sind 23 Häuser, 8 Häuser müssen wegen Einsturzgefahr sofort abgebrochen werden, während der Orkan 52 Häuser derart schwer beschädigt hat, daß dieselben nicht bewohnbar sind. An Nebengebäuden sind 120 demolirt. 500 Dächer sind theils vollständig von den Gebäuden gerissen, theils stark beschädigt. Dazu tritt der ungeheuere Schaden an vernichteten Garten-, Baum- und Feldfrüchten, sodaß sich der Gesammtschaden in unserer Gemeinde auf ca. 400,000 M. beläuft. Diese bedauerlichen Angaben reden eine Sprache, aus der der Nothstand unserer Gemeinde klar hervorgeht.
Aus Bayern. Am 14. Juni d. Js., um 11 Uhr Vormittags, als alle Dorfbewohner, mit Ausnahme einiger weniger Frauen, sich in der mehr als eine Stunde entfernten Pfarrkirche zu Maria-Laach beim Hochamte befanden, entstand in Felbring (Bezirk Spitz in Niederösterreich) ein Brand, welcher binnen kürzester Zeit das ganze Dorf in Asche legte. 55 Ge äude, sämmtliches Vieh, Möbel,' Kleidungsstücke, Wüsche, der ganze Borralh an Fleisch wurden ein Raub der Flammen. Kein einziges Dach blieb erhalten, Alles liegt in Schutt und Trümmern. Da Felbring mitten im Jauerling-
gebirge, einem Theile der Wachau gelegen ist, konnten die weit entfernten Feuerwehren auch keine rechtzeitige Hilfe leisten. Bei diesem Brande verunglückten auch zwei Personen, darunter eine blödsinnige Frauensperson, die schreckliche Brandwunden davontrug. Der Brand hat die meisten Bewohner an den Bettelstab gebracht, so daß dieselben auf die öffentliche Mildthätigkeit angewiesen sind.
Bamberg, 9. Juli. Ein seltsamer Wettlauf hat dieser Tage hier stattgefunden. Es war ein Wettlauf zwischen einem Krüppel mit einem Bein (das fehlende Bein wird durch eine Krücke ersetzt) und einem Mann mit zwei gesunden Beinen. In der That kann sich der Einbeinige als „Schnellläufer" sehen lassen, denn er kam mit dem Anderen zu gleicher Zeit am Ziel an, obwohl er nur 2’/2 Meter Vorgabe hatte. Die durchlaufene Strecke hat etwa 70 Meter betragen.
Aus Thüringen, 10. Juli. Wieder einmal ist von dem in Broschüren, Zeitungen ?c. schon viel besprochenen „Räthsel von Hildburghansen" die Rede. Aus dem meiningischen Stäbchen Hildburghausen wird nämlich be- richtet, daß die Angelegenheit anscheinend in ein neues Stadium gerückt ist. Es hat nämlich in der Donnerstagsnacht die Oeffnuna des geheimnißvollen Grabes der Dunkelgräfin im Beisein dreier Herren, darunter ein Holländer, stattgefunden. Das Grab wurde sofort wieder geschlossen. Zur Zeit werden im Auslande noch weitere Nachforschungen über das Räthsel gestellt, Bezüglich des Letzteren sei erwähnt, daß der sogenannte „Dunkelgraf von Eishausen" seit dem Jahre 1806 bis zu seinem im Jahre 1845 erfolgten Tode völlig unerkannt das Schloß auf dem Domänengute Eishausen bei Hildburg- hausen miethsiveise bewohnte Erst nach dem Tode des Geheimnißvollen, welcher sich Vavel de Versal) nennen ließ, u. A auch durch ein Kasseler Bankhaus Renten bezog, wn.oe ermittelt, daß er in Amsterdam geboren und Leonardus Cornelius van der Walk getauft war. Gleich- ze tig und in Gesellschaft mit ihm hat eine fremde Dame aas genannte Schloß bewohnt, deren Name und Herkunft völlig unbekannt geblieben ist. Denn wenn auch van der Valk nach dem im Jahre 1837 erfolgten Ableben derselben anf Andringen der geistlichen Behörde erklärt hat, seine Lebensgefährtin habe Sophia Botta geheißen, ledigen Standes, 58 Jahre alt, uns Westfalen gebürtig, so hat bisher nichts diese Angabe bestätigt. Alan vermuthet, und wohl nicht mit Unrecht, daß mit dieser Dame, die 32 Jahre sich in ihr Zimmer verschloß und in dieser ganzen Zeit nur zweimal zu einer anderen Person als dem Gefährten ihrer Einsamkeit sprach, irgend ein Geheimniß verknüpft ist. Was sich in dieser Beziehung hat feststellen lassen, wird Herr Dr. Humau in Hildburghausen demnächst in einer besonderen Broschüre „Das Grab der Dunkelgräfin" veröffentlichen.
Ans Schlesien. Ein braver Hausvaier ist der Rittergutsbesitzer Herzog in Ellguth, welcher vom Landgericht Breslau zu neun Monaten Gefängniß verurtheilt wurde, weil er faules Pöckelfleisch von einem an Lungenschwindsucht und Rothlauf erkrankten Schweine wiederholt seinem Gesinde als Sonntagsgericht verabreicht hatte.
Gießen, 10. Juli. Am 1. August d. I. werden in den Städten Darmstadt, Gießen und Mainz staatlich organisirte Hinbeschlagschulen errichtet, an welchen junge Schmiede, welche sich über mindestens dreijährige Thätigkeit im Schmiedehandwerk ausweisen können und die für Erlernung des Hufbeschlags nothwendige Handfertigkeit besitzen, Unterricht im Hufbeschlag erhalten. Die praktische Unterweisung im Schmieden und Hufbeschlagen ertheilen unter Leitung eines Veterinärarztes besonders dazu ermächtigte Lehrmeister, welche den jungen Schmieden zugleich gegen angemessenen Lohn Arbeit geben. Den theoretischen Unterricht gibt der als Vorstand der Huf- beschlagschnle bestellte Veterinärarzt. Der Unterricht ist unentgeltlich und dauert ein halbes Jahr.
Schotte», 7. Juli. Wie mau Singvögel schonen soll. Hier schickte dieser Tage ein Meister seinen Lehrjungen in den wenig betretenen Holzschuppen, um dort ein in der Ecke lehnendes Stück Werkholz holen zu lassen. „Warum hast Du das §ol$ nicht?" fragte der Meister, als der Junge ohne dasselbe zurückkam. „'s is annerscht, 'S Hot e Rothschwänzche druff gebaut", lautete die Antwort. Um das Rolhschwänzchen nicht zu stören, taufte der Meister ein anderes Stück Holz und war darauf bedacht, daß Niemand ohne seine Erlaubniß in den Schuppen kam. Gehe hin und thue desgleichen!