SchlüchtemerMung
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Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „JÜustrirtcm Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Jf 57. Samstag, den 18. Juli 1891.
Der Befähigungsnachweis, welcher heute von allen vernünftigen Freunden des Handwerks gefordert wird, ist allem Anschein nach wieder einmal unter den grünen Tisch des Bundesraths gefallen. Wenn man den Befähigungsnachweis verlangt, so versteht man darunter die Forderung, daß es nur solchen gestattet sei, ein Gewerbe zu treiben, welche nachweisen können, daß sie es gelernt haben. Man sollte meinen, das verstehe sich eigentlich von selbst, daß man keinen als Richter, als Arzt, als Lehrer zuläßt, der nichts in seinem Fach gelernt hat. Nun, auf diesen Gebieten ist's auch so. Nur auf dem Gebiet des Hand- werks ist's anders, da handelt man nach dem Satze des Sokrates, der da meint: „Der wahrhaft Weise ist auch der ein; g tüchtige Schuster, denn er hat das Ideal des Schuhes im Kopf." Heutzutage ist aber bekanntlich „weise", wer Geld hat. Darum sagen die heutigen Sok:atesse: „Wenn einer auch noch nicht einmal den Pechdraht kennt, hat aber das nöthige Geld, dann lege er nur ruhig einen Schuhladen an, mache durch Schwindelpreise und Ramschwaaren tüchtigen Meistern Konkurrenz, drücke durch Hungerlöhne die A beiter zur Sozialdemokratie herunter und mache schließlich einen glänzenden Konkurs, durch den er die Fabrikanten um Tausende betrügt. Kann einer auch noch keinen Knoten in den Faden machen -- - weiß er sich nur das Geld oder auch nur den Kredit zu verschaffen, dann fange er nur sein „Kleidermagazin" an, sobald es ihm behagt." Das nennt sich dann „Gewerbefreiheit", ist eine „Errungenschaft der Neuzeit", eine „Segnung des l „Liberalismus". „Denn nun erst wird billig und gut geliefert, die freie Konkurrenz kommt dem Publikum zu Gute." Ja, billig wird geliefert — stellenweise auch gut. Aber sind wir wirklich so thöricht, zu meinen, heutzutage schenkte uns einer etwas. An einem ^n0e muß betrogen sein. Entweder wird — und das ist oft der Fall — Schundwaare geliefert, oder der Händler hat billig eingekauft aus einem Konkurs, oder er hat selbst vor, Konkurs zu machen und die Gläubiger zu betrügen, oder die armen Handwerksleute werden darum betrogen. Denken wir nur an den jüdischen Sozial- demokraten Singer, der laut gerichtlichen Erkenntnisses seinen Mantelnäherinen „nur den Lohn gegeben, wie er ihn geben mußte, wenn er überhaupt Arbeitskräfte bekommen wollte, nicht aber den Lohn, den er ohne den Bestand des Geschäftes zu gefährden, geben konnte." Ein Angestellter derselben Firma Singer sagte, als es sich um eine Lohnerhöhung handelte: „Laßt nur die Mädel auf den St.... gehen, dann werden die Mäntel billiger." Ihr Damen, die ihr so gern billig kauft, wollt ihr noch Mäntel tragen, an denen die Unschuld euerer gedrückten Mitschwestern hängt?!
Aber betrachten wir diese Gewerbefreiheit auch nur vom rein wirthschastlichen Standpunkt, ganz abgesehen vom moralischen, so ist's nicht besser. Die schrankenlose Gewerbefreiheit ruinirt den handwerktreibenden Mittelstand und drückt ihn zum taglohnenden Proletarier V herunter. Die Sozialdemokraten sagen: „Erst muß der Bauer und der kleine Handwerker ruinirt sein, dann blüht unser Weizen. Darum können wir den Wucherern, ^ die das Landvolk aussaugen, und den Kapitalisten, die den Handwerker ruiniren, nur dankbar sein, da sie unsere Geschäfte besorgen." Wem demnach die Erhaltung der Gesellschaft am Herzen liegt, der wird so ziemlich der gegentheiligen Ansicht sein. Liefert der Staat den staatserhaltenden Handwerkerstand an den schachernden Kapitalisten aus, der bald dieses, bald jenes Gebiet abgrast, bald in Schuhen, bald in Unterhosen, bald in Damen-Mänteln macht, so ist klar, daß der ehrliche deutsche Handwerker, der es unter seine Würde hält, seine Hände in jedes schmutzige Geschäft zu stecken, zu Grunde gehen muß an der Konkurrenz, der nichts an ihrem eignen Ruf, nichts an ihren Arbeitern, nichts an dem Ruf ihres Vaterlandes liegt, wenn nur der L Prosit gemacht wird.
, Läßt der Staat das Handwerk in dieser Weise weiter
zu Grunde richten, so unterschreibt er damit seinen eigenen Nicht-Befähigungs-Nachweis. Er wird mit seiner Gewerbefreiheit zwar den Ruf der Reaktion nicht auf sich laden, aber, wenn eines Tages der ge- sammte Handwerkerstand in das Lager der Sozialdemokratie, welche zwar auch nicht helfen kann, aber doch viel verspricht, übergeht, so wird er sich sagen dürfen: „Wie man's treibt, so geht's!" Unmodern
ist ja der Befähigungsnachweis, aber nützlich ist er auch zur Erhaltung eines der Grundsüulen unseies Staatsgebäudes.
Wider den Trunk.
Unter diesem Titel ist auf Veranlassung des Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Schönte eine Broschüre ei schienen, welche den Zweck verfolgt, für einen der wundesten Punkte des allgemeinen Wohls die Aufmerksamkeit weiterer Kreise der Gesellschaft in unserem Vaterlande wecken zu helfen. Je furchtbarer das Laster der Trunksucht von Jahr zu Jahr um sich greift, wie es für jeden, der Augen hat zu sehen, offen zu Tage liegt, und je verderblicher die verheerenden Wirkungen desselben in breiten Schichten unserer städtischen und ländlichen Bevölkerung hervortreten, sodaß die religiösen, sittlichen und materiellen Güter ganzer Gemeinden auf dem Spiele stehen und damit die Grundlagen der allgemeinen Wohlfahrt untergraben werden, desto mehr muß diese betrübende Wahrnehmung jeden wahren Volks- f-eund mit wachsender Angst und Besorgniß um die Zukunft unseres Volkes erfüllen und desto lauter müssen diejenigen, welche den Strom des Verderbens heran- fluthen sehen, ihre warnende Stimme erheben, damit gerettet werde, was sich noch retten läßt. Zwar steht diese brennende Frage schon längst auf der Tagesordnung und ist auch von der Tagespresse hin und wieder besprochen worden, aber so lange gegen das tiefgewurzelte Uebel noch nicht energisch vorgeschritten wird, sondern dasselbe im Gegentheil üppig fortwuchert, so lange insbesondere die große Mehrzahl sich noch gleichgültig dagegen verhält, weil ihr die klare Einsicht mangelt, daß hier eine Quelle unsäglichen Elends fließt, welche verstopft werden muß, wenn nicht völliger Ruin die unausbleibliche Folge sein soll, so lange ist es auch ge boten, immer wieder den Finger auf die eiternde Wunde zu legen, die Gewissen zu schärfen und die öffentliche Meinung zu thatkräftiger Reaktion anzuregen.
Dazu möchte auch diese Veröffentlichung einen kleinen Beitrag liefern, indem sie den Hauptinhalt jenes Eingangs erwähnten Schriftcheus in kurzem Auszug mittheilt.
Bekannt ist der Ausspruch Luthers, jedes Volk habe seinen eigenen Teufel, der unselige sei der Saufteufel. Es soll hier nicht untersucht werden, ob es unter uns wirklich zahlreichere oder stärkere Trinker gebe, als bei anderen Völkern, oder ob der Genuß von Rauschmitteln in unserem Lande mehr Unheil angerichtet habe, als sonstwo, aber das muß von vornherein festgestellt werden, daß Deutschland ganz besondere Ursache hat, vor dem Mißbrauch geistiger Getränke auf der Hut zu sein, und daß es dennoch nachsichtiger als die anderen Nationen gegen dieses Grundübel ist, als welches wir die Trunk- fälligkeit, vornehmlich die Branntweinvöllerei, zu bezeichnen berechtigt sind.
Deutschland ist das Hauptproduktionsland des Kartoffelsprits , und der Schnaps ist bei uns so wohlfeil, daß er noch die Aermsten, ja diese am meisten, weil sie durchschnittlich an Nahrung, Kleidung und Heizung nicht das Nöthige und Richtige thun oder thun können, zu häufigem Genuß lockt und sie über ihren Kräftezustand täuscht. Alle Völker der gemäßigten und kalten Zone neigen zu reichlichem Genusse alkoholischer Getränke, wir Deutsche übertreffen jedoch sämmtliche Nationen in regelmäßigem und anhaltendem Wirthshausbesuch. Die allgemein verb eitete Vorliebe für den Besuch der Wirthshäuser ruft eine Ueberzahl derselben hervor und mit ihr wächst natürlich Gelegenheit und Verleitung zum Vieltrinken.
Werfen wir einen vergleichenden Blick in frühere Zeiten, so ergibt sich, daß in jenen zwar tollere Gelage vorkamen, sie waren aber der Regel nach mehr auf besondere Gelegenheiten, Feste, Besuche beschränkt; heute hingegen übt Gambrinus in den mittleren, ebenso wie König Alkohol in den unteren Schichten der Bevölkerung eine weit despotischere Herrschaft; in seinem Reiche gibt es keine Sonn- und Feiertage, seine Dienststunden gelten für heilig und unverletzlich.
Es gehört zu den unberechtigten Eigenthümlichkeiten unserer Nation, daß wir ein volles und übervolles Maß des Genusses gern beschönigen, von der heiteren Seite auffassen. Gewiß, kein anderer Genuß hebt so rasch hinweg über die Noth des Lebens, erwärmt, erweitert das Herz, stimmt zur Fröhlichkeit und zur Geselligkeit, verbindet sich ungesucht mit der Gastfreundschaft, wie
derjenige geistiger Getränke. Das wäre die liebenswürdige, gemüthliche Seite. Hart daneben jedoch beginnt die verhängnißvolle schiefe Ebene. Kein anderer Genuß ist so leicht zur Hand, keiner besticht dermaßen das Urtheil, verwischt die Grenzen des Zulässigen, Entschuldbaren und Verderblichen, reizt zur Fortsetzung und setzt sich zur Gewohnheit fest, untergräbt die freie Selbstbestimmung, vei wandelt sich so leicht aus einem Freunde und Wohlthäter in den bittersten Feind. So erklärt es sich, daß überhaupt die öffentliche Meinung gegen keine anbei e Schwäche gleiche Nachsicht übt. Ein dem Spiel und anderen Ausschweifungen leidenschaftlich ergebener, ein Verschwender, ein leichtsinniger Schulden- macher wird mit Scheu angesehen, sein Umgang ge» mieden, während wir vor einem, der gelegentlich einen Schluck über den Durst thut, ja von einem Sklaven des Trunkes, so lange er noch gewisse, aber ziemlich weit gezogene Grenzen einhält, uns minder abgestoßen fühlen; zuweilen nimmt sogar eine Stimme in uns für ihn Partei. Wer dazu den Kopf schüttelt, ein Wort des Tadels fallen läßt, gilt für philisteriös, wohl auch bei Leuten, die selbst mäßig leben. Berechtigt Alles das nicht zu der Ansicht, daß am Herzen der deutschen Nation Bacchus einen bevorzugten Platz einnimmt, wir darum desto mehr auf der Hut vor seinen Fallstricken sein sollten? Ja, wer sehende Augen hat und sie aufthun will, muß erkennen, daß in Deutschland die Trink- leidenschaft groß genug ist, um einen ernsten, nachdrück. lichen Kampf zu fordern.
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Deutsches Reich.
Berlin, 15. Juli. Der Empfang, den unser Kaiserpaar in England gefunden, war über Erwarten schön. Den Gipfelpunkt bildete das Fest in der Guildhall, das die Korporalion der City, der alten stolzen Kernstadt von London, den hohen Gästen gab. Bei dem Frühstück antwortete der Kaiser auf den Trinksprnch des Lord- Mayors (Oberbürgermeister) mit einer Rede von ganz hervorragender politischer Bedeutung. Der Kaiser hob mit großer Wärme die verwandtschaftlichen und historischen Beziehungen zwischen den beiden Dynastien und Völkern hervor, ohne jedoch auf die Einzelheiten der augenblick« lichen Tagesfragen einzugehen. Er stellte sich die Aufgabe, ein neues, feierliches und für alle Wohldenkenden überzeugendes Zeugniß seiner Friedensliebe zu geben, indem er als Ziel seines Strebens bezeichnete, Deutschland mit England und „den anderen Nationen", d. h. mit allen friedliebenden und gesitteten Völkern, zu vereinen „in einer gemeinsamen Arbeit für friedlichen Fortschritt , freundschaftlichen Verkehr und Förderung der Civilisation". Die Rede des Kaisers läßt recht klar und scharf den Gegensatz hervortreten zwischen den beiden großen Lagern in Europa: auf der einen Seite will man nichts Anderes, als den Frieden und den Fortschritt der Kultur zum allgemeinen Besten der Menschheit, auf der andern Seite verfolgt man Zwecke der Herrschsucht, Rachsucht und Habsucht, obschon man weiß, daß sie nur durch eine schreckliche Störung des Friedens und die schwerste Gefährdung der Wohlfahrt und Gesittung zu erreichen sind. Die Rede hält den französisch-russischen Intriguen einen Spiegel vor, und das Bild, das darin erscheint, muß namentlich auf die edlen Naturen in Frankreich beschämend wirken, da es ihnen den kulturfeindlichen Charakter des Bündnisses so klar vor die Augen führt. Aber die Gegner können keinerlei Vor« Wurf erheben wegen der Lektion, die ihnen die kaiserliche Ansprache gibt; denn sie verschwendet kein Wort der Kritik über die Friedensstörer, sondern wirkt nur durch die Kennzeichnung der edlen Ziele, die Deutschland und seine Freunde verfolgen. In Folge dessen sehen sich auch die franzosenfreundlichen Blätter in England gezwungen, der Rede Anerkennung zu zollen. Sogar ein französisches Blatt rühmt die Offenheit, die Klarheit und den friedlichen Werth der kaiserlichen Er« klärungen.
* — Die Ziehung der ersten Klasse der Antisklaverei- Lotterie erfolgt vom 12. bis 15. Oktober, der zweiten Klasse am 19. Dezember und den folgenden Tagen. In der ersten Klasse werden 5910 Gewinne mit 925,000 Mark, in der zweiten 13,020 Gewinne mit 3,075,000 Mark gezogen.
* — Sind wir schon so weit, daß derartige Vorsichtsmaßregeln, die allerdings nicht überflüssig erscheinen, öffentlich empfohlen werden müssen?! Die „Deutsche