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WchtemerMung

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. »Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf-

Jf 69. Samstag, den 29. August 1891.

Das russische Roggenausfuhrverbot ist mit dem 27. d. M. in Kraft getreten. Politisch angesehen kann man es im Zusammenhang mit dem Verbrüderungsschwindel anläßlich des französischen Flottenbesuchs nicht anders als einen recht kräftigen Beweis derfreundnachbarlichen" Gesinnung Rußlands gegen uns betrachten. Denn wenn wirklich in Rußland ein Nothstand Vortage, der eine solche Maßregel recht­fertigte, so würden unsere dortigen Consuln, Botschafter und Vertrauensmänner doch am Ende auch etwas davon gemerkt haben. Aber die Sache kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Durch ein derartiges Verbot könnte Deutschland unter Umständen, die ungünstiger lägen als die gegenwärtigen, aus reinem Hunger zur Kriegs­erklärung gezwungen werden. Doch, Gott sei Dank, wir können das Kitzeln des russischen Bären noch vertragen. Oesterreich-Ungarn, unser Verbündeter, ebenso wie Amerika können den Bedarf decken.

Was nun die wirthschaftliche Seite der Sache anlangt, so wird von allen Seiten auf's Energischste die Aufhebung der G e t r e i d e z ö l l e verlangt. Und in der That, wenn z. B. an der Berliner Pro­duktenbörse am 22. d. M. Weizen per 1000 kg mit 250 M., Roggen mit 254 M. bezahlt wird, so muß die Landwirthschaft bei diesen Preisen die Zölle ent­behren-können. Die Zölle wurden bekanntlich seinerzeit eingeführt, als die Getreidepreise in Folge der aus­ländischen Konkurrenz so niedrig waren, daß kein deutscher Landmann dafür liefern konnte. Bei den gegenwärtigen Preisen könnte aber die Landwirthschaft auch ohne Zoll recht wohl bestehen. Aber was würde durch die Auf­hebung der Zölle für die Konsumenten gewonnen werden? Das muß von vornherein festgehalten werden, daß wohl der höchste Stand der Preise mit obigen Sätzen erreicht sein dürfte. Denn pro Scp..mber- Oktober ist Weizen bereits mit 238 M. bezahlt, pro Oktober-November mit 233,5 M., pro November- Dezember mit 233 Mark. Roggen ist pro September-Oktober mit 244 M., pro Oktober-November mit 238,5 M., pro November-Dezember mit 234 M bezahlt.

Auf Weizen liegt ein Zoll von 50 M. per Tonne. Wird der Zoll aufgehoben, so ist aller Erfahrung nach die Folge davon durchaus nicht etwa die, daß der Weizenpreis um 50 M. sinkt. Die Getreidespeeulanten calculieren vielmehr so: Haben die Konsumenten bisher 235 M. bezahlt, so sind sie zufrieden, wenn sie nur noch 230 oder 225 M. zu bezahlen haben. Der Weizen wird also statt 50 M. nur 5, höchstens 10 M. billiger. Bis dahin flossen 50 M. als Zoll in den Staatssäckel und kamen wieder der Gesammtheit zu gute; nun be­zahlen wir allerdings 5 M. weniger für Weizen, 45 M. aber fließen in die Taschen einzelner Spekulanten. Sollen wir in solchem Fall nicht lieber dem Staat 50 M., d. h 2,50 M. per Centner, geben, als einem einzelnen Spekulanten 45 M., der dieselben womöglich in russischen Papieren antegt, damit Rußland baares Geld zur Kriegsführung bekommt? Die Wahl sollte nicht schwer fallen!

termine für die Antisklaverei-Lotterie auf die Zeit vom 24. bis 26. November bezw. 18. bis 23. Januar ver­legt worden.

Die Roggen erzeugenden Länder liegen fast aus­nahmslos in Europa. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika erzeugen dagegen nur ungefähr so viel wie das kleine Schweden. Dem Umfange der Erzeugung nach nehmen die einzelnen Länder folgende Reihenfolge ein. Die mittlere Produktion beträgt: Rußland 250,000,OOo, Deutsches Reich 100,000,000, Oesterreich 32,000,000, Frankreich 25,000,000, Ungarn 18,000,000, Schweden 7,000,000, Nordamerika 7,000,000, Italien 6,500,000, Belgien 6,400,000, Dänemark 6,000,000, Rumänien 5,500,000, Niederlande 5,000,000, Finnland 4,600,000, England 1,000,000 und Schweiz 720,000 hl Roggen. Das Deutsche Reich steht somit hinsichtlich der Roggen­produktion an zweiter Stelle; bei Weizen nimmt diese Stelle Frankreich ein, die erste Stelle nehmen die Ver­einigten Staaten von Nordamerika für sich in Anspruch.

Auf Veranlassung des Fürsten Hatzfeldt-Tracheuberg beabsichtigt das fürstliche Kameralamt in Trachenberg zum Zwecke von Ansiedelungen in mehreren im Bereiche des Fürstenthums belegenen Dörfern größere und kleinere Acker- und Wiesenparzellen mittlerer Bodenbeschaffenheit, auf Wunsch ohne Anzahlung, zu verkaufen, sofern der Erwerber sich verpflichtet, ein Wohnhaus mit zugehörigen Wirthschaftsgebäuden darauf zu errichten. Ferner wird im Bereich des fürstlichen Grundbesitzes auch vielfach Gelegenheit zum Pachten von Acker- und Wiesenboden geboten.

Halberstadt, 23. August. Der Gärtner Werner Hierselbst, einer der wenigen Veteranen des Freiheits­krieges, feiert dieser Tage in voller geistiger und körperlicher Frische seinen hundertsten Geburtstag. Dem Andenken der bei Leipzig Gefallenen ist hier vor langer Zeit eine Gedächtnißtafel gewidmet worden, und unter den Söhnen, die Halberstadt auf dieser Tafel betrauert, befindet sich auch dieser alte Veteran, der, für todt gehalten, sich gerettet hatte und dann heimgekehrt war. Sein Name war nicht wieder zu löschen.

Aus Thüringen. Im Bereich des Eisenbahn- Direktionsbezirks Erfurt werden mit dem 1. Oktober d. I. nicht weniger als 11 Bahnhofs - Restaurationen pachtfrei. Auf deu größeren Stationen betrug der bisherige Pacht für die Bewirthschaftung in Eisenach 12,000 Mark, Bitterfeld 11,000 Mk., Weimar 6000 Mk., Greiz 500 Mk., Apolda 3000 Mk. rc.; für die ebenfalls zu vergebende Restauration in Fröttstädt wurden bisher 400 Mark Pacht erhoben. Außerdem steht auf der im Frühjahr 1892 zu eröffnenden Neu­baustrecke Ohrdruf-Gräfenroda die Verpachtung von vier Bahnhofs Restaurationen in Aussicht.

Von der Donau, 24. August. Aus verschiedenen Gegenden wird gemeldet, daß Hausirer auf dem Lande einen Kalender für das Jahr 1892 verkaufen, der, ca. 80 Seiten stark, illustrirt ist uns den Titel:Der neue Weltkalender" führt. Der Kalender ist, wie man bei näherer Prüfung des Inhaltes finden wird, ein sozialdemokratisches Machwerk. Also Vorsicht!

Ausland.

Ungarn. Im Laufe der letzten Jahre sind viele Fälle bekannt geworden, wo Bäuerinnen in Südungarn entweder selbst ihre Männer vergiftet haben, oder dieses Geschäft von einer Klasse von alten Weibe,n haben be­sorgen lassen, welche das Vergiften als ihren Beruf betrachten. Gewöhnlich wurden diese Verbrechen deshalb begangen, weil ein junges Weib seinen alten 1 Mann loswerden wollte, um sich mit einem jüngeren Geliebten verheirathen zu können. Neuerdings wird aus Szeut- Tamas gemeldet, daß drei alte Weiber aus der Klasse der professionsmäßigen Giftmischerinnen, von denen jedes mehr als zehn Bauern auf Anstiften der betreffenden Ehefrauen vergiftet haben soll, in Haft ge­nommen worden sind. Der bevorstehende Prozeß wird sensationelle Enthüllungen in großer Menge bringen.

Rom Aus bester Quelle wird mitgetheilt, daß der Papst dem neuesten polemischen Vorgehen der Jntran- figenten und Deutschfeinde im Vatikan durchaus fremd ist und daß er es, sobald es ihm bekannt geworden, enlschieden gemißbilligt hat. Der Papst ist geistig wie körperlich äußerst hinfällig, so daß der Augenblick einer neuen Papstwahl, nach menschlicher Berechnung, vor der Thür steht. Die von Rom auf Urlaub befindlichen Bot­

Deutsche» Reich.

Berlin. Der Kaiser ist von seinem kurzen Ausfluge nach Merseburg, wo er mit der Kaiserin an dem Fest­mahle der Stände theilgenommen, nach Potsdam zurück­gekehrt. In einer Tischrede sagte der Kaiser u. Ä-: Er hoffe, daß bei dem fest n Vertrauen, welches zwischen der Krone und der Provinz herrsche, der blühende Bauernstand erhalten bleibe und daß derselbe alle Schwierigkeiten überwinden werde. Als Christen müßten Alle tragen, was der Himmel schicke. Wir Alle hoffen, daß der Friede erhalten bleibe. Käme es jedoch einmal anders, so sei es nicht unsere Schuld. Dienstag ar­beitete der Kaiser mit dem Generalstabschef und dem Chef des Militärkabinets und sah an der Tafel den Kultusminister und den Eisenbahnminister.

* Der Finanzministcr hat ungeordnet, daß zur Ausführung des Einkommensteuergesetzes die Bildung derVoreinschätzungs Kommissionen bis zum 15. September, der Veranlagungs - Kommissionen bis zum 1. Oktober vollzogen sein muß. Die G meinde- und Kreisvertre- tungen werden hiernach alsbald die Wahlen der Mit­glieder vorzunehmen haben, welche neben den von der Regierung ernannten die Kommissionen bilden werden.

* Mit Königl. Genehmigung sind die Ziehungs-1

schafter und Gesandten der Mächte bei der Curie sind darauf gefaßt, plötzlich ihren Urlaub unterbrechen und nach Rom zurückkehren zu müssen.

Paris. Vom Cyclon auf Martinique. Nach Mit­theilung des Deputirten für Martinique, Hurard, ist die durch den Cyclon vom 18. d. M. anf der Insel ange- richtete Vermutung eine ungeheuere. Die gesammte Be­völkerung sei an den Bettelstab gebracht, alle Anpflanz­ungen seien vernichtet. Ohne die von den Nachbarinseln herbeigeschafflen Lebensmittel wäre die Bevölkerung dem Hungertode prcisqegeben. Die großen Fabriken seien vollständig zerstört, ebenso alle Straßen; die Landungs­brücken der Küstendampfer seien vernichtet. Die Zahl der Todten belaufe sich auf mindestens 500, der materielle Schaden werde auf 50 Mill. Frcs geschätzt, der Handel sei gänzlich lahm gelegt.

Paris, 24. August. Nach den neuesten Berichten von der Insel Martinique beträgt die Zahl der Todten 340, ungerechnet die bei den Schisfbrüchen umgekommenen Seeleute. Da die einheimischen Schiffe, welche den Verkehr mit der Insel bisher vermittelten, durch den Sturmwind verloren gegangen sind, wurden fremde Schiffe ermächtigt, die Insel mit Lebensmitteln zu versehen.

Ueber einen Hauseinsturz in Ntwhork melden Tele­gramme, daß die Zahl der Getödteten mehr als Hundert, die der Schwerverletzten ebensoviel beträgt. Park Place ist die an dem City Hall Park entlang laufende Straße, an welcher sich fast ausnahmslos sämmtliche New-Dorker große Zeitungen und außerdem eine große Zahl umfang­reichster Druckereien befinden. Schon seit mehr als einem Jahrzehnt wurde gerade an dieser Stelle der An­fang damit gemacht, mit Rücksicht auf die ungeheuren Grundstückpreise im Herzen New-Zorks in die Höhe zu oauen. DieNew-Aork Tribüne" machte damit den Anfang, indem sie ihr Haus achstöckig baute, andere folgten; man verstieg sich bis zu der schwindelnden Höhe von 10, ja 12 Stockwerken und in Chicago, wo man es sich nicht gern nehmen läßt, andere Städte zu über­trumpfen, baute man bereits Häuser von sechszehn Stock­werken. In dem vorliegenden Falle ist eins dieser schwindelnden Häuser zusammengekracht. Daß es ein solches Ungetüm von Haus ist, geht daraus hervor, daß das gestern veröffentlichte Telegramm von einer Ueber- lastung der oberen fünf Stockwerke durch Druckmaschinen spricht. Wie viele Stockwerke mögen noch darunter ge­wesen sein? Daß sich Restaurationsräume und Bureaus in Häusern befanden, wird gemeldet. Es muß also ein mindestens zehnstöckiges Haus gewesen sein. Das zum Einsturz gebrachte Haus riß Alles, was in den oberen Stockwerken war, mit hinab und begrub es mit den in den unteren Stockwerken Befindlichen zusammen unter den Trümmern. Zahlreiche Passanten wurden ebenfalls in das Chaos hineingezogen, ist doch gerade diese Stelle New-Iorks stets so gedrängt voll, daß an ein Vorwärts­kommen überhaupt nur schwer zu denken ist. Zu allem geriethen die Zimmer, unter denen sich die Dampfmaschinen befanden, noch in Brand, Viele, die nicht sofort erschlagen waren, verbrannten Angesichts der Rettungsversuche. Auch die nebenstehenden Häuser haben stark gelitten. Eine volle Uebersicht über den Umfang der Katastrophe ist noch nicht möglich.

Lokale» und Provinzielle».

* Schlüchtern, 28. August.

* Das neue Einkommensteuergesetz, welches die Selbsteinschützung für alle Einkommen von über 3000 Mk. jährlich einführt, kommt zunächst bei der Veran­lagung für das jahr 1892/93 zur Anwendung,welche etwa im November d. I. mit der Aufnahme des Personen­standes beginnen wird. Hieran wird sich die Vorrin- schätzung der Personen mit einem Einkommen unter 3000 Mk. im Dezember d. I. anschließen. Im Januar 1892 werden die ersten Steuererklärungen nach Maßgabe des neuen Gesetzes erfordert werden und vom 1. April 1892 ab wird dann die neue Einkommensteuer zur Er­hebung gelangen. Es tritt damit an die betheiligten Steuerzahler die Pflicht heran, sich mit den Bestimmungen des neuen Gesetzes vertraut zu machen. Die Hauptsache ist vorläufig: Was wird versteuert und was nicht? Die klarste Auskunft darüber gibt das Einschätzungs­Formular, das s. Z. jedem Steuerzahler mit mehr als 3000 M. Einkommen gedruckt zugesandt werden wird. Außer den Personen, welche verpflichtet siud, aus die