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Erscheint Mittwoch «. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. »Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
Mittwoch, den 16. September
1891.
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MM»' „§cftfüdMerner Zeitung" "^^^
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Das Heinkalibrige Repetirgewehr, welches in den europäischen Armeen eingeführt ist und dessen Munition das rauchlose Pulver bildet, hat eme Anfangsgeschwindigkeit, die mindestens doppelt so groß ist, als die Anfangsgeschwindigkeit des früheren großen, durch die Kraft des alten schwarzen Pulvers fortge-- schleuderten Geschosses. In der ersten Sekunde nach dem Abfeuern durchstiegt das neue Geschoß eine Streife von etwa 700 Nietern. Mit dieser enormen Anfangsgeschwindigkeit ausgerüstet, durchbohrt ein solches Geschoß in der Entfernung von einigen Metern eine hölzerne Brustwehr von 80 Centimeter Stärke, auf deren Vorder- und Rückenwand zwei gewöhnliche Kürassierpanzer aufgenagelt sind. Die in dem letzten chilenischen Krieg gemachte Beobachtung, daß ein und dieselbe Kugel mehrere Soldaten hintereinander durchbohrt, deckt sich mit den Versuchen, die man angestellt. Die Versuche erstreckten sich u. A. auf Leichentheile. Es wurde die Gliederung einer Kompagnie in Gefechtsformation nach- gcahmt, bei welcher je zwei Glieder mit 64 Centimeter Abstand unter sich und 2 Meter Abstand von einander marschieren. Dementsprechend wurde eine Anzahl Leichentheile in gerader Linie hintereinander aufgestellt. Hierbei ergab sich dann, daß das Geschoß auf 100 Meter Distanz fünf Leichen der Reihe nach durchdrang, bei dreien Splitterbrüche gefährlichster Art erzeugend, und schließlich noch einen Sack mit Sägemehl durchschlug; bei Schüssen auf 400 Meter Distanz drei oder vier Leichen und sogar noch bei einer Distanz von 1200 Meter zwei bis drei hintereinandergestellte Körpertheile unter Splitterbrüchen durchbohrte. Mit dieser furcht baren Durchschlagskraft der kleinkalibrigen, von rauch- schwachem Pulver getriebenen Geschosse hat man in allen künftigen Kämpfen zu rechnen. Ein starker Baum bietet keine Deckung mehr gegen ein solches Geschoß, und hinter einer Mauer, die zwei Ziegel stark ist, findet man gegen dasselbe keine genügende Sicherheit. Durch die Körper von drei hintereinander ausgestellten Soldaten schlägt es durch, dieselben durchbohrend, und noch auf eine Entfernung von 3000 Metern übt das Geschoß verderbliche Wirkungen aus. Die größte beobachtete Schußweite beläuft sich auf 4000 Meter. In normaler Feuergeschwindigkeit lassen sich bei Einzelladung mit dem Gewehr 12 Schüsse, bei Repetirung und Zielen 17 Schüsse und bei Schnellfeuer ohne Zielen 35 Schüsse abgeben. Bei den Friedensmanöoern schon machte die Thatsache, daß trotz des intensiven Feuers des Gegners, wenn derselbe durch Gebäude, durch Buschwerk oder durch einen Hügel verdeckt ist, die Stellung desselben schwer zu ermitteln ist, weil er durch den Rauch nicht verrathen wird, viel Kopfzerbrechen den befehligenden Offizieren. Wie wird das aber erst im Kriege werden? Welche Geistesgegenwart, welcher Muth und welche Kaltblütigkeit werden dazu gehören, um sich zu orientiren, wenn die kleinen Geschosse aus einer unbekannten Rich- tung daher kommen und Lücken in die eigenen Reihen reißen, ohne daß man sofort das Feuer beantwerten fa:.n! Die Kraft der Vertheidigung ist durch das rauchlose Pulver und das kleinkalibrige Repetirgewehr ungeheuer gesteigert worden. Aber mit der Abwehr cßeitt gewinnt man keine Schlacht, nur der Angriff kann den Erfolg des Sieges herbeiführen. Wie aber wird dieser sich in Zukunft gestalten? Die Friedensmanöver, bei denen blind geschossen wird, können diese schwere und verhängnißvollc Frage nicht beantworten.
Wider de« Trunk.
Zur Heilung des Uebels. Wir haben bisher der Mittel und Maßregeln Erwähnung gethan, welche geeignet sind, dem Uebel der Trunksucht vorzubeugen und der Ausbreitung desselben Einhalt zu thun. Was aber ist mit solchen Leuten anzufangen, bei denen das gewohnheitsmäßige Saufen bereits soweit vorgeschritten ist, daß sie alle Selbstbeherrschung und Widerstandskraft -trlorcn haben? Die weitverbreitete Ansicht, daß kein
ausgemachter Säufer heilbar sei, ist falsch. Nicht Jeder, wohl aber die große Mehrzahl ist noch zu retten, freilich nicht durch Schelten oder Ermähnen, sondern durch genügend lange Unterbringung in einem Asyle. Die Erfahrung, daß Trunksucht häufig die Folge einer erblichen Veranlagung ist, die Thatsache, daß dieselbe in vielen Fällen zu Störungen der Geistesthätigkeit führt, welche man nicht immer schon als Irrsinn bezeichnen kann, die Bestätigung aller Irrenärzte, daß die Irrenanstalt nicht der geeignete Ort zur Unterbringung von Trinkern ist, dies alles zusammen hat zuerst in Amerika zur Errichtung von sogenannten Trinkerasylen geführt, in welchen Heilung der Trunksucht bezweckt wird. Die Aufnahme in dieselben ist durch gesetzliche Bestimmungen geregelt worden. Die von diesen Asylen veröffentlichten Berichte lauten sehr günstig und zeugen von dem unzweifelhaften Nutzen derselben. */< bis */s der Fälle finden dort Heilung.
In Deut'chland existiren ebenfalls seit dem Jahre 1879 solche Heilstätten, welche mit Erfolg wirken. Die erste wurde durch Pfarrer Hirsch in Sinters eröffnet. Die in Amerika gemachten günstigen Erfahrungen über die Heilbarkeit der Trunksucht haben sich auch hier bestätigt, denn es genasen in Lintorf 46 pCt. von denen, welche über 6 Monate blieben. Durchschnittlich bedarf es eines Jahres Aufenthalt. Bei Vielen kann deshalb nie vollständige Heilung erzielt werden, weil sie entweder zu spät eintreten ober zu früh, auf ihr oder der Angehörigen übelberathenes Verlangen, entlassen werden müss-n.
Wenn man auch die Auffassung der Amerikaner nicht gerade zu theilen braucht, daß Trunksucht schlechthin als eine Krankheit anzusehen sei, so bricht sich doch die Ueberzeugung immer mehr Bahn, daß die Errichtung von Trinkerasylen nothwendig ist, um die Trunksucht zu bekämpfen. Bei Gewohnheitstrinkern entwickelt sich sehr rasch eine geistige Unselbstständigkeit und eine Willensschwäche, welche sie gänzlich unfähig macht, aus eigener Kraft dem Alkohol zu entsagen. Trotz der heiligsten Versprechen, trotz der feierlichsten Gelübde, trotz der besten Absicht erliegen sie jeder neuen Versuchung. Diese Unmöglichkeit, dem Trieb zu widerstehen, findet sich beim Trinker schon zu einer Zeit, wo seine Intelligenz noch völlig ungetrübt ist. Da bedarf es einer rettenden Hand, welche den Versinkenden emporhebt und hält, da ist fremder Beistand nöthig. Diesen Beistand kann nur das Asyl gewähren. Hier findet der Trinker die oft so wichtige Behandlung der vorhandenen körperlichen Leiden, hier findet er Schutz vor jeder Versuchung, nur hier kann der religiös sittliche Einfluß wirksam werden, welcher die erloschene moralische Widerstandskraft wieder anfacht, und nur hier ist die zur Heilung unerläßliche Enthaltung von spirituösen Getränken durchzuführen.
Jeder Provinz des deutschen Reiches wäre daher eine solche Anstalt zu wünschen. Solange der Staat oder die Gemeinden die Gründung derselben nicht in die Hand nehmen, muß es der privaten Wohlthätigkeit anheimgegeben werden, und namentlich wäre es eine segensreiche Aufgabe des Landesvereins für innere Mission, hier anregend und helfend einzugreifen.
AufS nachdrücklichste sei jedoch hier noch vor Geheim- mittelschwindlerei gewarnt, welche „unfehlbare Mittel gegen Trunksucht", „bewährtestes Mittel, selbst in den ältesten und schwersten Fällen sicher heilend" u. dergl. in Zeitungen frech ausbieten und dadurch, wie aus Ge richtsverhandlungen hervorgeht, unglaubliche Summen ergaunern, ohne das mindeste Gute zu bewirken. Drei solcher Betrüger erlitten 1875 in Berlin Gefängnißstrafe. Einer hatte in 9 Tagen 6000 M., ein anderer in Dresden in einem Jahre 300,000 M. erbeutet.
Wir schließen unsere Ausführungen über das Trunk- übel und seine Heilung mit dem Wunsche, daß Alle, denen das Wohl unseres deutschen Volkes am Herzen liegt, an ihrem Theile nach Kräften mithelfen mögen, I
dem schlimmsten Schmarotzer am Marke des deutschen Volkes Einhalt zu thun.
Wahrlich, hohe Zeit ist es, daß Alle einsehen lernen, was es auf sich hat, wenn jahraus, jahrein ungezählte Schaaren aus Mangel an zulänglicher Nah'ung darben, während Millionen von Scheffeln Getreide und Kartoffeln dem Bedarf entzogen und in Gift verwandelt werden Bewirkte dieses Gift raschen Tod, so würde es als solches längst erkannt und minder gefährlich sein. Es tötet aber nur selten direkt, augenfällig, desto öfter zerstört es die körperliche und geistige Kraft der Einzelnen, der Familien, der folgenden Geschlechter, fördert die Massenverarmung und das Verbrechen, entreißt dem öffentlichen Leben edelste Kräfte, schwächt die nationale Wehrfähigkeit und untergräbt den materiellen und sittlichen Wohlstand unserer Nation.
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Deutsche» Reich.
— Nach einer aus Deutsch-Ostafrika beim Auswärtigen Amt in Berlin eingegangenen Meldung hat eine Abteilung der deutschen Schutztruppe im südlichen Teil des Schutzgebietes ein unglückliches Gefecht mit dem Stamm der Wahehe gehabt und dabei „schwere Verluste erlitten". Schö'' früher ist ein Vorstoß gegen diesen kriegerischen und, wie es scheint, mit modernen Waffen wohlversehenen Stamm von demselben abgewiesen worden. Nähere Angaben über die Verluste liegen beim Auswärtigen Amt nicht vor. Nach einer Mitteilung des „Berliner Tageblatts" wären nenn Deutsche und 300 schwarze Soldaten der Schutztruppe gefallen; als tot wurden u. a. genannt die Lieutenants v. Zitzewitz und Buschow und Unteroffizier Tiedemann. Doch wird die Angabe der Namen als unsicher bezeichnet, ebenso dürfte es um die weitere Meldung stehen, daß vier Deutsche in die Gefangenschaft der Eingeborenen gerathen seien. Für jetzt heißt es, daß jene Expedition am 17. August morgens in Uheha südlich vom Ruhahafluß von Wahehe-Männern überfallen und zersprengt worden ist.
— Die offiziöse „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" bringt aus München eine Mitteilung über die letzte Parade der beiden bayerischen Armeekorps vor dem Kaiser, die diejenigen Eigenschaften besäßen, die allein kriegerische Erfolge dauernd gewährleisteten. Nur der feste Wille, einig für das gemeinsame Vaterland einzutreten, vermöge ein Band zu knüpfen, wie es zwischen dem Kaiser und dem Prinzregenten in die Erscheinung getreten sei und einen neuen vollwichtigen Beweis dafür liefere, daß Deutschland im Bewußtsein der eigenen Kraft ruhig und zuversichtlich der Zukunft entgegensehen könne.
— Für Kirchen-, Erziehungs- und Heilanstalten sind nach einer Zusammenstellung des Kultusministeriums im Jahre 1890 außer einigen Werthgegenständen 3,333,792 Mark geschenkt und letztwillig zugewandt worden, soweit diese Zuwendungen im Einzelfalle die Höhe von 3000 Mark übersteigen. Davon entfall-n auf die evangelische Kirche 972,100 Mark, auf die katholische Kirche 1,412,183 Mark, auf Universitäten 40,000 Mark, auf höhere Lehranstalten 24,000 Mark, auf Volksschulen 16,300 Mark, auf Taubstummen- und Blindeninstitute 170,277 Mark, auf Waisenhäuser und Wohlthätigkeitsanstalten 534,250 Mark, auf Institute für Kunst und Wissenschaft 81,000 Start und auf Heilanstalten rc. 74,000 Mark.
— 600 M. Belohnung. Der Kaufmann Gustav Wetzel, welcher bekanntlich an dem Kaufmann S. Hirschfeld zu Spandau am 23. v. M. einen Raubmord verübt hat, ist bis jetzt noch nicht ergriffen. Auf die Ergreifung desselben ist eine Belohnung von 600 M, ausgesetzt. Wetzel ist am 80. Juli 1867 zu Gra'ww geboren, 1,75 Meter groß, schlank, hat dunkles, glattes, anliegendes Haar, dunkele finster blickende Augen und leicht gelbliche Gesichts- sarbe. Er verkehrt gern mit Frauenspersonen und trägt zahlreiche noch nicht fällige Coupons, sowie eine größere Geldsumme in haaren Uld Papiergelde bei sich.
Neusatz 6. D., 9- September. Am Montag Nach-