Einzelbild herunterladen
 

WWmlerMulltz

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. .Jllustrirtem Familienfreund" vierteljührl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf

4f 94.

Mittwoch, den 25. November

1891.

III. Sozialdemvkratische Zukunftsbilder.

Frei nach Bebel.

Zu den inneren Schwierigkeiten kommen böse aus­wärtige Verwickelungen. Die Reibungen und Zwistig- keiten, welche das Auswärtige Amt als Vermittler des gesammten Güteraustausches mit dem Auslande durch- zumachen hat, nehmen zu. Leider erweist sich das G fühl der Brüderlichkeit der Völker, das internationale sozial­demokratische Bewußtsein nicht als hinreichend, um auszugleichen und Frieden zu stiften. England und Amerika können es nicht verwinden, daß durch An­nullierung der deutschen Staatspapiere ihnen Millionen verloren gegangen sind. Und die Regierungen der um­liegenden sozialdemokratischen Staaten sind so egoistisch, daß sie die Artikel, welche Deutschland von ihnen bedarf und die wir früher theilweise durch die Hinübersendung unserer Zinscoupons beglichen, in der Regel nur gegen baar oder Zug um Zug gegen Austausch anderer Güter an uns ablassen wollen. Baargeld gibts nicht mehr und es macht die größten Schwierigkeiten, die deutschen Fabrikate in gewohnter Weise an die Nachbarn abzu- jcgen und dafür aus jenen Ländern unsern Bedarf ein- zutauschen an Getreide, Holz, Flachs, Hanf, Mais, Baumwolle, Wolle, Petroleum, Kaffee u. s. w. In der sozialisirten Gesellschaft ist gerade der Bedarf an solchen Artikeln nicht geringer geworden. Die sozial­demokratischen Nachbarstaaten aber sagen, daß sie jetzt an deutschen Fabrikaten, wie Putz- und Confektions- Waaren, Stickereien, Plüschen und Shwals, Handschuhen, Klavieren, feinen Glaswaaren und dergleichen ganz und gar keinen Bedarf mehr haben. Ihre eigene Produktion sei nach Herstellung der sozialen Gleichheit für diese Arsikel jetzt mehr als ausreichend. Die Engländer und Amerikaner aber werden nicht müde, zu versichern, daß die deutschen Fabrikate, insbesondere Eisenwaaren und Textilwaaren, ja sogar Strumpfwaaren und Spielwaaren bei der jetzigen neuen Fabrikationsweise so mangelhaft und nachlässig hergestellt werden, daß sie die früheren Preise nicht mehr anlegen und auf anderweitige Ver­sorgung Bedacht nehmen wollen. Dabei kommt die deutsche Regierung bei den höheren Produktionskosten schon jetzt kaum mehr auf die Kosten. Kein Wunder daher, daß der diplomatische Notenwechsel tagtäglich einen gereizteren Charakter annimmt. Schon sind im Westen und Osten Anspielungen gefallen, daß Deutsch­land, wenn es seine Bevölkerung nicht mehr ernähren könne, doch an die Nachbarstaaten Landstriche abireten möge. Ja, es wird sogar die Frage eröltert, ob nicht zur Deckung der ausgelaufenen Waarenschulden Deutsch­lands an die Nachbarstaaten es sich empfehle, solche Landstriche vorläufig in Pfandbesitz zu n hmen. Die durch Annullirung von deutschen Werthpapieren ge­schädigten Ausländer versuchen sich schadlos zu halten durch Beschlagnahme auf deutsche Waaren und deutsche Schiffe, wo sie irgend solcher habhaft werden können. Die Begünstigung flüchtiger deutscher Auswanderer durch ausländische Schiffe gibt unausgesetzt zu gereizten Ver­handlungen Veranlassung. Kurzum, die Hoffnung, daß die Aufrichtung der Sozialdemokratie gleichbedeutend sei mit dem ewigen Völkerfrieden, droht in ihr Gegen­theil sich zu verkehren.

Drohen so von Außen finstere Wetterwolken, so um­zieht sich auch im Innern der Himmel stets düsterer. Eine böse Gührung ergreift immer tiefer die Gemüther des Volkes in Stadt und Land. Man hat den Ein­druck, als ob es nur eines leichten Anstoßes bedürfe, um die Flamme einer gewaltsamen Erhebung im Sinne der Wiederherstellung der früheren Zustände hoch empor­lodern zu lassen. Vom Lande her hört man bald da, bald dort von gewaltsamen Zusammenstößen der zur Durchführung der sozialdemokratischen Ordnung aufge­botenen Truppen mit der Landbevölkerung. Selbst der Truppen ist die Regierung nicht überall sicher. Berlin hat deshalb trotz der großen Heeresverstärkungen noch keine Garnison wieder erhalten. Dagegen ist die Schutz­mannschaft, welche nach Möglichkeit durch zuverlässige Sozialdemokraten aus dem ganzen Lande ergänzt wird, jetzt auf 30,000 Mann gebracht worden. Aber das Schlimmste kommt erst noch! Dem neugewählten Reichstag, in dem bereits ein Drittel der Abgeordneten unter dem Namen derFreiheitsfrcunde" für die alte Ordnung der Dinge eintritt, muß der Reichskanzler das niederschmetternde Geständnis machen, daß ein

furchtbares Defizit besteht: allmonatlich eine Milliarde mehr Ausgaben als Einnahmen, mehr Consumtion als Produktion im Volkshaushalte! Freilich, man merkte es ja schon lange, daß es haperte. Wollte man für sein Geldzertifikat etwas kaufen, so hieß es nur zu oft, der Borrath davon sei eben ansgcgangen. Es war so gar schwer, sich für Ersparnisse auch nur die noth­wendigsten Kleidungsstücke zu erneuern. Bei anderen Bedaifsartikeln mußte man mit erschrecklichen Laden­hütern fürlieb nehmen. Die Preise für die aus dem Auslande bezogenen Artikel, wie Kaffee, Petroleum, Reis, waren nachgerade kaum mehr zu erschwingen. Auch sonst hat wahrlich die Bevölkerung nichts weniger als in Saus und Braus gelebt. In den Volksküchen wurde das Essen immer miserabler, so daß die Krankheiten und Todesfälle zuvahmen. Auch die Zahl der Selbst­morde wuchs.

Unter solchen Umständen hatte der Reichskanzler in der ersten Sitzung des neuen Reichstages einen schweren Stand. Seine Darlegungen waren, immer nach den Aufzeichnungen unseres ehrsamen Buchbindermeisters, in Kürze folgende: An der Thatsache einer Verminderung der Produktionswerthe in Deutschland um zwei Drittel, verglichen mit der Produktion vor der großen Umge­staltung der Gesellschaft, sind zuerst Schuld die Feinde der sozialisirten Gesellschaft. Zur Durchführung der Ordnung im Innern haben wir die Polizeikräfte mehr als verzehnfachen, zur Unterstützung der Polizei bei Verhinderung der Auswanderung und Sicherung gegen das Ausland das stehende Heer und die Flotte gegen früher verdoppeln müssen. Sodann hat die Annullirung der Werthpapiere in den sozialdemokratischen Staaten Europas auch für das dort angelegte deutsche Kapital die Zinsansprüche ausgehoben und damit eine Ver­minderung der Einnahmen herbeigeführt. Unser Absatz im Ausland ist infolge der Umgestaltung der Gesellschaft in d u sozialisirten Staaten und infolge der Abneigung der übrig gebliebenen Burgeoisstaaten gegen die sozial- demokratische Produktionsweise ganz außerordentlich zurückgegangen. In zwejter Reihe kommen als Ursachen der Mindererträge in der Produktion die Entbindung der jungen und alten Leute von der Arbeitspflicht, die Verkürzung der Arbeitszeit und auch das Verbot jeder Akkordarbeit. Infolge der demoralisirenden Nachwirkungen der früheren Gesellschaft ist leider das Bewußtsein der Arbeitspflicht als unentbehrliche Grundlage der sozialisirten Gesellschaft noch nicht in genügendem Umfange vor­handen. Daher wird eine Ausdehnung des Maximal- Arbeitstages bis auf 12 Stunden vorgeschlagen. Außer­dem wird die Arbeitspflicht für alle Personen vom 14. Lebensjahre bis zum 75. statuirt. Sodann wird eine vereinfachte und weniger kostspielige Ernährungsweise eingeführt. Neuere sorgfältige Untersuchungen haben dargethan, daß bei entsprechender Erhöhung der Gemüse- und Kartoffelportionen bei dem Mittagsmahl als Fleisch­ration statt 150 Gramm auch 50 Gramm Fleisch oder Fett ausreichen dürften.

Vor Allem aber, sagt der Reichskanzler, sollen große Ersparnisse erzielt werden, indem infolge richtigem Aus­bau der sozialen Gleichheit noch engere Grenzen dem individualistischen Belieben und damit dem blinden Walten von Angebot und Nachfrage gesteckt werden. Bei der Ernährung wird künftig dieselbe Regelung auch für das Frühstück und die Abendmahlzeit eingeführt, welche von Anfang an für die Mittagsmahlzeiten schon Platz gegriffen hat. Ebenso wird nunmehr auch der Hausrath in Bezug auf alle zu demselben nothwendigen Gegenstände, wie Betten, Tische, Stühle, Schränke, Bettwäsche und. dergleichen verstaatlicht. Ebenso sollen künftig für Jedermann nach Stoff, Farbe und Schnitt im Voraus genau bestimmte Kleidungsstücke hergestellt und mit genau vorgeschriebener Tragezeit verabfolgt werden. Die Gleichheit der Kleidung soll aber nicht soweit gehen, alle Verschiedenheiten auszuschließen. Im Gegentheil wollen wir sogar verschiedene Abzeichen vor­schlagen, nm die Damen und Herren der verschiedenen Provinzen, Orte, Berufskreise u. s. w. äußerlich er­kennbar zu machen. Dadurch wird auch die Uebersicht und Aufsicht über die einzelnen Personen für die Con- trolbeamten des Staates ganz außerordentlich erleichtert werden. Auf eine Zwischenfrage gibt der Reichskanzler dann eine nähere Erläuterung des künftigen Speise­zettels, der allerdings an Eintönigkeit und Kärglichkeit'

nichts zu wünschen übrig läßt: Brod, Suppe, Kaffee, :ing, Kartoffeln, Linsen, Erbsen also so ungefähr die Kost der Aermsten, bei der man eben noch bestehen kann sollen die leiblichen Genüsse für Alle aus- machen. An den drei höchsten politischen Festtagen, den Geburtstagen von Bebel, Lassalle und Liebknecht, werden Mittags 250 Gramm Fleisch und */a Liter Bier verabreicht. An Geldzertifikaten wird künftig eine Mark für 10 Tage an jeden Erwachsenen vertheilt. Vergehen gegen die Arbeitspflicht werden strenger als zuvor ge.-hntet und zwar durch Einführung der Ent­ziehung des Bettlagers, des Dunkelarrestes, des Latten- arrestes und für Wiederholungsfälle auch der Prügel­strafe. (Pfuirufe von der Tribüne.)

Trotz einer fulminanten Rede des FührerS der Freiheitspartei", dessen Ausführungen in dem Satze gipfeln:In dem Best eben, die Nachtheile der sozialdemokratischen Produktionsweise auszugleichen, kommen Sie zu Beschränkungen der persönlichen und wirthschaftlichen Freiheit, welche Deutschland nur noch als ein einziges großes Zuchthaus erscheinen lassen", stimmt die Regierungspartei den Vorschlägen des Reichs­kanzlers zu. Aber im Volke denkt man anders: Ein Schrei der Erbitterung geht durch die Massen, allüberall drohen Strikes. Zunächst legen die 40,000 Metall­arbeiter von Berlin die Arbeit nieder; sie verlangen denvollen Arbeitsertrag ' und verwerfen den zwölf« stündigen Arbeitstag. Die Regierung will sie durch Hunger zwingen, in allen Staatsküchen werden die Metallarbeiter durch Gendarmen fortgewiesen. Nun aber greifen diese zur Gewalt, es entsteht ein Aufstand, sie stürmen die Proviantmagaz-ne und Speisehallen. Die Regierung läßt ihre bewaffnete Macht aufbieten und unt,r die Menge schießen, es fließt Blut in Strömen. Schließlich aber bleiben die Empörer siegreich. Gleich­zeitig vernimmt man die Schreckenskunde, daß Rußland und Frankreich, um sich für ihre bisher nicht bezahlten Waaren Deckung zu holen, die Grenzen Deutschland- überschreiten. Die Landwehr und der Landsturm eilen an die Grenze. Aber leider stellt sich heraus, daß ei für d e Landwehr und den Landsturm vielfach an den nothwendigsten Kleidungsstücken gebricht.

So bricht die sozialdemokratische Herrlichkeit schon nach wenigen Monaten zusammen; an den Grenzen blutige Niederlagen, im Innern Anarchie und vollstän­dige Auflösung.

In dieser Weise rechnet Eugen Richter mit der unsinnigen Staatsverfassung der Sozialisten ab, diesem tollsten Hirngespinnst, welches jemals eine ungebildete Phantasie in der Theorie erschuf. Wir empfehlen die erwähnte Broschüre nochmals auf das Wärmste.

Zehn Jahre Arbeiterverficherung.

Zehn Jahre waren am 17. November verflossen, seid die weltbekannte kaiserliche Botschaft veröffentlicht worden ist, durch die die Reichs-Arbeiterversicherung im Deutschen Reich eingeleitet worden ist. Zehn Jahre angestrengtester Thätigkeit auf sozialpolitischem Gebiet liegen hinter uns und fast genau mit dem Abschluß dieses Zeitraumes fällt die praktische Durchführung der letzten der in jener Botschaft gemachten Versprechungen zusammen. Der 22. Nov. ist der Tag, von dem ab Ansprüche auf Invalidenrente erhoben werden dürfen.

Es ist ein stattliches Gebäude, das mit der Arbeiter- versicherung aufgeführt worden ist und gewiß wird man in verständigen Arbeiterkreisen gern und dankbar der Baumeister und Werkleute gedenken, die an diesem Gebäude mitgearbeitet haben und noch mitarbeiten. Kaiser Wilhelm I. und Fürst Bismarck haben die Grundrisse geliefert und die Fundamente gelegt. Diesen beiden großen Männern ist es zu danken, daß die staatliche Arbeiterver- stcherung überhaupt in's Leben gerufen worden ist. Die Mühen der Ausführung haben in erster Linie auf den Schultern des Staatssekretärs Dr. v. Boetticher gelegen, dem der Alt-Reichskanzler selbst vor dem Reichstag das Zeugnis ausgestellt hat, daß er ohne ihn diese Arbeit nicht hätte fertig stellen können. Doch wie des Fürsten Bismarck Beistand Dr. v. Boetticher war, so war des Letzteren rechte Hand der bamalige Unterstaatssekretär im Reichsamt des Innern, der jetzige Staatssekretär des Reichsjustizamts Dr. Bosse. Sie alle haben in gemein­samer Thätigkeit zusammengewirkt, um das große Testament, das der erste deutsche Kaiser seinem Volk auf diesem Ge­biet hinterlassen hatte, zu vollstrecken.