Einzelbild herunterladen
 

SchlWemerMung

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. .Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf

10, Mittwoch, den 3. Februar 1892.

Deutsche- Reich.

Berlin. Der Kaiser hat den Wunsch ausgesprochen, am Beginn des neuen Jahrhunderts möge der neue Dom für Berlin so weit vollendet sein, daß er am 27. Januar 1900 mit einem feierlichen Gottesdienst eingeweiht und eröffnet werden könne.

30. Januar. In dem Befinden der Kaiserin Friedrich ist eine wesentliche Besserung ein getreten und konnte die Kranke bereits am heutigen Tage das Bett verlassen und sich im Zimmer einige Bewegung verschaffen.

* Nicht weniger als acht Tage währte im Ab­geordnetenhause die Debatte über das Volksschulgesetz. Von allen Parteien wurde der Kampf fast mit Er­bitterung geführt. Besonders heftig führte Abg. Richter, der Führer der deutsch-freisinnigen Partei, die Opposition, jedoch in schrofferer Polemik trat Abg. von Eynern (nat.-lib.) gegen das Schulgesetz auf, so daß Minister- präsident Graf Caprivi sich äußerte, daß ihm die Haltung Richters sympathischer sei, weil er sich ihm als offener Gegner entgegenstelle. Die Diskussion erreichte ihren Höhepunkt am Freitag, als Ministerpräsident Graf Caprivi das Verhalten der hadernden Parteien, der­jenigen, die für und derjenigen, die gegen das Gesetz stimmten, zurückführte auf den Kampf zwischen Christen­thum und Atheismus. Seine Rede beschwor einen Sturm herauf, der sich in den nachfolgenden Reden kundgab. In der Sonnabends-Sitzung schlug Graf Caprivi einen milderen Ton an.Ich würde zufrieden sein", sagte er zum Schlüsse,wenn Sie einer Mahnung der heutigenNational-Zeitung" folgen und nicht alle Hoffnung auf das Zustandekommen des Gesetzes ver­nichten. Noch zufriedener wäre ich aber, wenn die große liberale Partei nur eine Seifenblase wäre, die schon wieder zerplatzt ist." Außerdem betheiligten sich noch an der Sonnabend-Debatte die Abg. Stöcker (ko»s. Abg. Knorke (dfr.) und Abg. Dr. Friedberg (nat. lib.) Der Gesetzentwurf wurde sodann einer besonderen Kommission von 28 Mitgliedern überwiesen; ebenso der Gesetzentwurf betreffend Abänderung des Gesetzes über die allgemeine Landesverwaltung.

* 29. Januar. Die Reichsunmittelbaren ver­langen für die Aufgabe der Einkommensteuer-Freiheit nach demBerliner Tageblatt" das 20- bis 2lfache als Entschädigung, während das Ministerium das 13*/a= fache in der zu machenden Vorlage bot.

* Die Universität Berlin ist gegenwättig mit 5527 Hörern die drittgrößte der ganzen Welt. Nur von Paris mit 9215 und Wien mit 6220 Hörern wird sie noch übertroffen.

* Ausgeschiedene Referendare. Die Zahl der aus dem preußischen Justizdienste ausscheidenden Referendare ist nach einer im Justizministerium für die Jahre 18811890 gefertigten Zusammenstellung sehr erheblich. Auf 100 neu eintretende Referendare entfallen durch­schnittlich jährlich 26 ausscheidende, so daß also ein­schließlich der zur Verwaltung übergehenden mehr als ein Viertel aller Referendare die juristische Laufbahn ohne Staatsexamen verläßt. Im Ganzen sind in den l0 Jahren 18811891 1926 Referendare ausgetreten, darunter 987, also mehr als die Hälfte, zur allgemeinen Staatsverwaltung; außerdem sind 830 auf Antrag ohne nähere Angabe über den Austritt entlassen, 47 in Folge Krankheit ausgetreten und 181 mit Tode abgegangen, während 33 im Disziplinarwege entfernt wurden. 70 traten zur Militärverwaltung, 50 zum Communaldienst, 37 in den Justizdienst der Reichslande, 31 zur Polizei verwaltung, 24 zum Bureaudienst, 23 in den Justiz­dienst fremder Staaten, 18 in das Auswärtige Amt, 8 zur Verwaltung der indirekten Steuern, 6 in den Militärdienst über, 2 wurden Amtsanwälte, je 1 trat in den katholischen Kirchendienst, zur Provinzialverwaltung und zur Verwaltung des Johanniterordens, 16 wurden Landwirthe, 15 widmeten sich dem Kaufmannsstande, 14 schlugen die akademische Laufbahn ein, 9 gingen zum Versicherungswesen, 2 e= griffen die journalistische Thätiakeit und 1 widmete sich her Musik, 12 begannen von Neuem zu studiren. darunter allein 9 Theologie und 7 schieden wegen Mittellosigk it aus.

* Am 9 Februar weiden 340 Millionen Mark dreiprozentige Reichs« und preußische Staatsanleihe zur Mfchnung aufgelegt werden. Der Kurs wird etwa 84 sein.

* In Preußen ist die Zahl der Thaler-Millionäre in Jahresfrist von 523 auf 565 gestiegen. In Berlin allein gibt es 223 (gegen 198 im Vorjahr) Thaler- Millionäre, Mark - Millionäre aber 1197 (gegen 1088 im Vorjah' (In demselben Verhältniß werden die armen Leute noch ärmer)

30. Jan. Eine von 1000 Personen besuchte Buchdruckerversammlung nahm folgende Resolution an: Da die Gewerkschafts-Organisation zur Befreiung von den kapitalistischen Fesseln ungenügend ist, erklären sich die Buchdrucker bereit, sich der Sozialdemokratie anzu- schließen. (Dazu hat die weitaus größte Anzahl ja längst gehört. D. R.)

Großes und berechtigtes Aufsehen erregt in den Handwerkerkreisen Dresdens die nothgedrungene Ausstoßung des früheren Obermeisters Türke aus der Klempner-Innung. Ein anderer Jnnungsmeistcr erhielt von einer Behörde verschiedene Arbeiten überwiesen, deren Ausführung Türke in einem anonymen Schreiben an jene Behörde inge­hässiger" Weise bemängelte, obwohl sie fehlerfrei war. Die Behörde nahm an, daß lediglich Konkurrenzneid die Ursache des anonymen Schreibens sei, und theilte dieses der Klempner-Innung mit Als man dasselbe verlas, ergriff Türke das Wort und erklärte in auffälliger Weise, daß es scheine, als wolle man den Verdacht der Thäter­schaft auf ihn wälzen. Er warne Jedermann vor einer derartigen Verdächtigung. Er verbürge sich und gebe sei» Ehrenwort, dessen Bedeutung wohl ein Jeder kenne, daß er mit dem anonymen Brief in keiner Beziehung stehe; gegen jede Verdächtigung seiner Person werde er gericht­lich einschreiten. Der JnnungSvorstand erlangte jedoch hinreichendes Belastungsmaterial, so daß Türke nach einigen Wochen sich doch zu dem Eingeständnis! bequemen mußte, er habe den Brief geschrieben. Der Herr wurde einstimmig aus der Innung ausgestoßen. Die Angelegenheit wird in Jnnungskreisen um so peinlicher empfunden, da Türke Hofklempner, Stadtverordneter, Kirchenvorstand, amtlicher Sachverständiger, Vorsitzender der Klempnerfachschule in Aue, Vorstandsmitglied des Verbandes deutscher Klempner- Innungen 20. war.

Leipzig, 28. Jan. An Wurstvergiftung ist dieser Tage hier ein Knabe gestorben, der sich, wie das hier üblich ist, bei einem FleischerWurstzipfel" (die abge- schnittencn Wurstende) getauft, dieselben mittags gegessen hatte, sofort darauf erkrankt und, nach eingetretenem heftigen Erbrechen, am Abend eine Leiche war. Der ärztliche Befund hat Wurstgift als Todesursache festge­stellt. Eine Untersuchung gegen den betr. Fleischer ist eingeleitet, doch steht es dahin, ob demselben eine Schuld beizumessen ist.

Aus Sachse«. Als Warnung für Geschäftsleute kann der kürzlich ausgebrochene Konkurs des Baickiers Fischer in Wittenberg dienen. Man hat sich dort bei dem soliden und anspruchslosen Leben des Bankiers Fischer mit einem gewissen Recht die Köpfe zerbrochen, wie der Konkurs der so gut fundierten Firma eintreten konnte. Jetzt wird bekannt, daß den ersten Anstoß zu dem Krach ein verstümmeltes Telegramm gegeben haben soll. Hiernach telegraphierte Fischer im Jahr 1889 an sein Berliner Kommissionsbankhaus:Gebt (b. h. ver­kauft) die und die Papiere, Nehmt (d. h. tauft) die und die Papiere". Es war das eine lange Reihe. DaS zweite leitende Wort in dem Telegramm hieß nun: Gebt (verkauft) die und nebst den und den Papieren." Die irrchümlichnebst" den anderen verkauften Papiere aber stiegen rapid und die Folge war, daß Fischer bei Ultimo, statt einen Nutzen einzustreichen, eine Differenz von 85,000 Mk. zu zahlen hatte, ein Schlag, von dem er sich, da die Post, nach einem in der Sache ergangenen Erkenntnis des Reichsgerichts, nicht ersatzpflichtig ist, nicht wieder erholen konnte. Die Sache ist in dopp.lter Weise warnend und belehrend. Der Irrthum hätte nicht geschehen können, wenn das Telegramm statt der fachmännisch eingeführten Wortegebt" undnehmt" die Worte»ersauft undkauft" enthalten hätte. Auch wäre der Irrthum rechtzeitig aufgeklärt und unschädlich gemacht worden, wenn dasTelegramm alsverglichenes" aufgegeben worden wäre, wofür allerdings um 25°/o höhere Telegrammgebühren zu entrichten sind. Der Fall wurde damals thunlichst geheim gehalten, um den Kredit der Firma nicht zu schwächen.

Halle, 27. Januar, In der auf dem Bauplatze der Halle'schen Portlandcementfabrik errichteten Cantine explo-

dirten heute früh einige Dynamiipatronen, die der mit Ausführung von AusschachtungSarbeiten beauftragte Unter­nehmer vorwärmen wollte, um sie dann zu Sprengungen zu verwenden. Der Unternehmer selbst, Namens Fricke, wurde so gräßlich verstümmelt, daß sofort der Tod eiu- trat. Der Cantinenwirth Nebelung und seine Frau sind sehr schwer verletzt, ein Arbeiter kam mit leichteren Ver­letzungen davon.

Von einer dem Oekonomen W. Klug in Gatha ge­hörigen Kalbin (importierte Simmenthaler) ist dieser Tage ein Ochsenkalb zur Welt gebracht worden, welches das enorme Gewicht von 167 Pfund hatte.

Tnhl, 29. Januar. In einem hiesigen Schleifwerk zersprang der ca. 1'/, Meter hohe Schleifstein und schleuderte den daran sitzenden Schleifer Ernst Heyden- bluth gegen die Decke. Der Unglückliche, welcher 23 Jahre und unverheirathet war, erlag bereits nach einer Stunde seinen fürchterlichen Verwundungen.

Fischhausrn. (Ein gefundener Schatz) In Mollies unweit des sogenanntenLangen Waldes" lebten, so erzählt dieErml. Ztg.", seit einigen Jahrzehnten die Nachkommen des Eigenkäthners Plink. Der heutige Besitzer wunderte sich manches liebe Mal, daß sein Großvater, der ein recht ergiebiges Fuhrgeschäft be­trieben hatte, kein Geld hinterlassen. An der Grenze der Besitzung stand ein alter Kruschkenbaum, unter dem der biedere Großvater oft nach des Tages Last und Hitze auszuruhen pflegte. Deshalb betrachtete man diesen Baum mit einer gewissen Ehrfurcht. Kürzlich mußte er jedoch auSzerodet werden. Wer beschreibt aber das Erstaunen des Besitzers, als er beim Zer­kleinern des Holzes im Stamme ein kleines Loch fand, in dem ein Beutel mit 3419 Thalern steckte. Nun erst wußte man, wo der Großvater sein Geld ge­lassen hatte.

Os abrukk, 27. Jan. Achthundert blanke Thalerstücke fand man in der Bettstelle einer hier gestorbenen 84- jährigen Frau, die sich feit langen Jahren durch Betteln und Unterstützungen aus der Armenkasse ernährte. Die Armenkasse fordert die gezahlten Unterstützungen nebst Zinsen aus dem Nachlaß zurück.

Busland.

Aus Petersburg, 24. Januar, wird von einem deutschen Correspondenten geschrieben: Von dem Thron­folger haben bis jetzt Aeußerungen des Deutschenhasses nicht öffentlich verlautet, obwohl auch er, wie in ein» geweihten Kreisen bekannt, seit den letzten Jahren hierin mit den meisten männlichen Mitgliedern seiner Familie eins ist. Seit neuester Zeit soll er jedoch nicht mehr die frühere Vorsicht bewahren und nament­lich im Kreise ihm besonders nahestehender Garde- Offiziercorps sein Uebelwollen gegen Deutschland nicht verhehlen. Es geschieht aber auch Alles, um ein solches Gefühl in ihm groß zu ziehen. So wurde er kürzlich zu einem Vortrag eingeladen, den ein Kapitän Moritz vom Generalstab über denKrieg der Deutschen gegen Dänemark im Jahre 1864 hielt. Der Vortrag war seiner ganzen Form nach dazu angethan, in dem Enkel des dänischen Königshauses das Gefühl von Haß und Rache wachzurufen, und soll, wie man sagt, einen bedeutenden Eindruck auf den Thronfolger hinterlassen haben. Seiner Mutter hat er noch denselben Abend Manches aus dem Vortrage mitgetheilt. Da die Kaiserin jetzt mehr denn je gegen Deutschland einge­nommen ist, so wird jener Ab.nd sicherlich nicht ohne die von den Panslawisten gewünschte Wirkung auf den Thronfolger sein. D e r russische Noth­stand hat neben grenzenlosem Elend auch etwas Gutes zu Tage gefördert. Er bringt die wirklichen wirthschaftlichen Zustände des Zarenreiches ans Tages­licht, er legt die ganze Fäulniß des staatlichen und des landschaftlichen Organismus bloß, er zeigt die ver­schiedenen Klassen der Bevölkerung in ihrem Streben und Treiben in voller Nacktheit. Wenn man in Peters­burg aus dieser Erkenntniß eine Lehre ziehen wollte, wäre genügend Gelegenheit vorhanden und jeder Tag liefert neues Material. Der Sonder-Berichterstatter desReuter'schen Bureaus", welcher die Nothstands­gegenden bereist, veröffentlicht zwar viel Bekanntes, aber die kleinen Augenblicksbilder, die er in seine Schilde­rungen einflicht, beleuchten oft ganze Gesellschaftsschichten besser, als es dicke Bücher thun würden. So schreibt