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SchlüchternerMung

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u.Jllustrirtem Familienfreund" viertcljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf

^ 22.

Mittwoch, den 16. März

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1892.

Deutfckres Rcich.

Berlin. Der Kaiser ist noch nicht vollkommen wieder hergestellt, doch ist das Befinden soweit gebessert, daß Se. Majestät wieder einige Verträge entgegen nehmen konnte. Der Kaiser wird mit dem pesammten Hofstaat wahrscheinlich schon Ende dieses Monats nach dem Neuen Palais übersiedeln.

Der Gesetzentwurf zur Abänderung des Gesetzes über den Unterstützungswohnsitz, der dem Bundesrath zu- gegangcu ist und noch in dieser Session erledigt werden soll, ist am Dienstag vom Staatssekretär Dr. v. Boetlicher in der Sitzung des deutschen Landwirtschaftsraths kurz besprochen worden. Für den Erwerb und Verlust des Unterstützungswohnsitzes schlägt der Gesetzentwurf das 18. Lebensjahr vor, statt des 24. DaS Prinzip der Freizügigkeit soll gewahrt bleiben. Es sollen größere Armenverbände gebildet werden. Es ist die Pflicht der Aufenthaltsgemeinde zur armenrechtlichen Unterstützung von 6 auf 13 Wochen ausgedehnt worden. Auch be­züglich der Beweislast ist Erleichterung getroffen und endlich ist eine Bestimmung in das Gesetz aufgenommen worden, wonach derjenige, der seine Angehörigen ohne Unterstützung verläßt, event. in eine angemessene Polizei- strafe genommen wird.

Die gesetzliche Sonntagsruhe wird aller Wahr­scheinlichkeit nach noch nicht zum 1. April eingeführt werden. Die hochoffiziöseNorddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt darüber Folgendes:Wie bekannt ist, sind die wirthschaitlichen Korporationen, vornehmlich die Handelskammiru, behördlicherseits aufgefordert worden, sich über die endgültig zu wählende Gestaltung der Sonntagsruhe im Handelsgewerbe, für welche in der Gcwerbeordnungsnvvelle nur eine Minimalgrenze vorge­sehen ist, gutachtlich zu äußern. Dem Vernehmen nach laufen in nächster Zeit die für die Einlieferung der Gutachten gesetzten Fristen ab. Die Behörden werden also demnächst in die Lage versetzt werden, das gegen­wärtig von den Handelskammern zufammeuzustellende Material zu sichten und zu ordnen. Die Arbeiten, welche behufs einer endgültigen Regelung der Sonntags­ruhefrage noch zu bewältigen sind, sind so zeitraubend, daß nunmehr mit ziemlicher Sicherheit behauptet werden kann, daß die Sonntagsruhevorschriften der letzten Ge­werbeordnungsnovelle nicht gleichzeitig mit dem Haupt­theil der sonstigen Bestimmungen der letzteren in Kraft treten werden", d. h. nicht am 1. April.

* Im Jahre 1891 haben in Deutschland etwas über 100 Arbeitseinstellungen stattgefunden. Von diesen sind 11 zu Gunsten der strikenden Arbeiter ausgefallen, während 91 Strikes zu ihren Ungunsten endeten. Die Kosten des allgemeinen Buchdruckerstrikes betrugen 1,582,000 Mk., die Kosten des Schuhmacherstrikes in Erfurt 45,000 Mk., die Kosten des Strikes der Ham­burger Tabakarbeiter 400,000 $Jt'f. und die der Tischler und Stellmacher in Mainz 40,000 Mark. Moral: Streiks» nicht, sondern arbeite!

* Laut Nachrichten aus St. Petersburg sind in den russischen Nothstandsgebieten die Bewohner ganzer Dörfer am Unterleibs-Typhns erkrankt Im Hospital zu Saratow allein liegen 160 Flecktyphus-Kranke. Die Regierung zu Oppeln hat deshalb die Zurückweisung von Auswanderern aus Rußland an der Grenze ange- ordnet, um die Einschleppung in Rußland herrschender epidemischer Krankheiten zu verhüten.

Darmstüdt. Großherzog Ludwig IV. bon Reffen H Der Großherzog von Hessen ist von seinem schweren Leiden durch den Tod erlöst worden; um l1/* Uhr Nachts, in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag, ist er den Folgen des Schlaganfallcs erlegen, den er am 4. d. Mts. erlitten hatte. In ihm hat das hessische Volk einen wohlwollenden Landesvater, das deutsche Reich einen der treuesten Bundesfürsten verloren. Hat doch der damalige Prinz Ludwig von Hessen nach den Ereignissen des Jahres 1866, wo er Preußen als Feind gegenübcrstnnd, sich der neuen Ordnung der Dinge mit Freuden gefügt und an der Vollendung des Reichsbaues vier Jahre später thatkräftig und erfolgreich mitgewirkt. Großherzog Ludwig IV., der seinem Oheim Ludwig 111. am 13. Juni 1877 auf dem Thron folgte, war ein Sohn des Prinzen Karl von Hessen und der Prinzessin Elisabeth von Preußen, einer Kousine Kaiser Wilhelms I. Urüh ins hessische Heer eingetreten, unterbrach er bald, heu Militärdienst, um auf den Universitäten Gießen und

Göttingen zu stndiren; dann nahm er seine militärische Laufbahn wieder auf. Am 1. Juli 1862 vermählte er sich mit der Prinzessin Alice von Großbritannien, einer jüngeren Schwester der Kaiserin Friedrich. Aus dieser Ehe sind fünf Kinder am Leben geblieben, der jetzt 93jährige, 6 la suite des 1. Garderegiments zu Fuß stehende bisherige Erbgroßherzog Ernst Ludwig, und vier Töchter, von denen die jüngste, Prinzessin Alice, die früher oft als muthmäßliche Braut des Zarewitsch ge­nannt wurde, noch unvermühlt ist; Prinzessin Viktoria ist mit dem Prinzen Ludwig von Battenberg, Prinzessin Elisabeth mit dem Großfürsten ©erging von Rußland, Prinzessin Irene mit dem Prinzen Heinrich von Preußen vermählt. Der Verstorbene war Generaloberst der Infanterie mit dem Rang eines Generalfeldmarschalls und General-Inspekteur der 3. Armee-Inspektion; er war ferner Inhaber von drei großherzoglich hessischen Regiinentern, Chef des 1. hessischen Infanterie-Regiments Nr. 81, ferner Chef eines bayerischen, eines österreichischen und eines russischen Regiments. Auch war er Ritter des Schwarzen Adlerordens.

München, 8. März. Durch heute Abend 9 Uhr gefüllten Spruch verurtheilte das Militärbezirksgericht 5 Reservisten, welche bei den letzteil Herbstmanövern, als sie Nachts vom Wirthshaus nach ihrem Quartiere gingen, eine Patrouille thätlich an griffen, um einen Arretirten zu befreien, zu 5 Jahren Zuchthaus bezw. 10 Monaten Gefängniß. Ein Unteroffizier erhielt wegen Mithilfe 6 Jahre Zuchthaus.

Kalmar i. Elsaß, 8. März. Ein Gefreiter des Mecklenburgischen Jäger-Bataillons ist in diesen Tagen von einer Anzahl Civilisten Überfällen und gemißhandelt worden. Diese versuchten den Soldaten zu ertränken, wurden aber dabei gestört, als einige Dragoner des Weges kamen, welche jene in die Flucht trieben. Der Gefreite ist schwer verletzt in das Lazareth gebracht worden und die Soldaten dürfen weitere Gänge außer­halb der Stadt nur in Trupps von 3 und 4 Mann unternehmen. Sämmtliche Posten ziehen mit scharfen Patronen auf.

Dresden. Eine Belohnung von vierzigtausend Mark verspricht ein Herr E. Lehmann in Blusewitz Demjenigen, der ihm den Aufenthalt des Eapiläns Sander nachweist, der am 15. Mai 1872 Befehlshaber des deutschen DampfersAmulie war.

Aus Sachsen. Wie demLpz. Tgbl." berichtet wird, ist wegen einer ganz eigenartigen Verfälschung von Viehnahrungsmitteln gegen den Besitzer einer Dampf­mühle, Häcksel- und Vichfutterfabrik zu Schönebeck a. Elbe die Untersuchung eingeleitet worden. Das Ge­heimniß, welches sich an die billigen Preise desselben knüpfte, soll nun eine Aufklärung dahin erhalten haben, daß mit Kleie und Schrot durch Hilfe eines besonderen Apparates auch Sägespäne resp. Sägemehl, welche auf den Sägemühlen der dortigen Gegend für 70 Pfg. pro Zentner zu haben waren, mit vermahlen wurden. Das mit dieser schwer erkennbaren hölzernen Beimischung gewonnene Futtermittel für Pferde und Rindvieh und Schweine wurde m:t 8 bis 10 Mk. pro Zentner ver­trieben. Der Anschuldigung der Verfälschung setzte der betreffende Industrielle allerdings den Entwand entgegen, daß Sägespäne und Sägemehl nach wissenschaftlichen Ergebnissen 2 Prozent Nährstoffe entgalten, wonach also von einer Verfälschung von Nährstoffen keine Rede 'ein könne. Die Staatsanwaltschaft scheint jedoch ihre eigene Meinung zu haben, wie sich schon aus der von ihr angeordneten Beschlagnahme der Bücher des Fabrikanten ergeben dürfte. Der dortige Volkswitz bezeichnete besten Gewerbebetrieb alsHolzmalerei" und deren pathologische Einwirkung auf das liebe ^b^ als Maleria"

Merseburg, 9. März. Für die VersicheruMs-Anstalt Sachsen-Anhalt sind zur Bewältigung des umfangreichem Kartendienstes Sortiren, Einträgen und Unterbringung der Quittungskarten in den einzelnen Fächern etwa 20 junge Mädchen, zumeist Töchter von Beamten, Lehrern und Bürgern, angenommen worden, die in den nächsten Tagen ihre Thätigkeit beginnen werden. Dieser Dienst durfte sich auf etwa 6 Monate im Jahre erstrecken.

In der Nähe von Tharn an der russisch-polnischen Grenze ist dieser Tage in einem hohlen Baum eine Leiche aufgefunden worden, die dort 29 Jahre gefteeft1

hatte. Es wurde ermittelt, daß es die Leiche eines Mannes Rosowski ans Alamudy war, der 1862 im polnischen Ausstand als Insurgent mitgekämpft hatte. Wahrscheinlich war er vor den Verfolgern in den Baum geflüchtet, konnte aus demscleen nicht wieder heraus- kommen und ist in seinem Versteck erfroren oder ver­hungert. Man fand das Sketett des Unglücklichen noch mit Flinte, Säbel und Feldflasche behängt.

Elbing, 8. März. Ein Stück lohnender Kultur­arbeit wird in den nächsten Jahrzehnten auf den könig­lichen Strauchkampen an den Ausflüssen der Nogat aus­geführt werden. Durch das allmähliche Zurücktreten des frischen Haffs und die fortgesetzte Landbildnng haben diese Kämpen beträchtliche Größe erlangt; die weite Fläche ist jetzt nur mit Rohr und Weiden bewachsen. Es können eine Anzahl neuer Wohnstätten und Nahtstellen darauf angelegt werben. Das Land ist sehr fruchtbar.

Hattingen. Ein gräßlicher Unglücksfall hat sich auf der Hemrichshülte bei Hattingen ereignet: ein in der Gießerei beschäftigter Kesselwärter wurde durch einen immer stärker werdenden Gestank nach versengtem Fleisch darauf aufmerksam, daß irgend etwas passiert war. Bei näherem Nachsuchen fanden sie denn auch den verunglückten Kesselwärter iu einem entsetzlichen Zustande auf; die Kleider waren zu Asche verkohlt und der ganze Körper mit Ausnahme des Kopfes war wie gebraten. Dennoch war der Mann noch sieben volle Stunden bei Besinnung, ehe der Tod ihn von seinen furchtbaren Qualen erlöste. Wie sich das entsetzliche Unglück zugetragen hat, das wird wohl für immer ein Rätsel bleiben, denn der Verunglückte befand sich zur Zeit der Katastrophe allein in dem be­treffenden Raum.

Prtzerborn. (Ein Todesurtheil als Stullenpapier.) Die Revision gech - das Todesurtheil des hiesigen Schwurgerichts gegen den früheren Bahnwärter Doh- mann ist gestern vom Reichsgericht in Leipzig zurück­gewiesen worden. Die Revision verdankt dem seltenen Umstände ihr Entstehen, daß das zu Protokoll genommene Todesurtheil gleich nach Schluß der Schwurgerichts- Sitzung spurlos verschwunden war. Es war den Akten entfallen, wurde mit Füßen getreten, später aber von der Frau des Gefängmß-Aufsehers gefunden und zu Butterbrodpapier benutzt. In dieser Gestalt wurde es von den Beamten entdeckt, wieder einigermaßen in die entsprechend äußere Form gebracht und den Akten bei« geheftet. Die Vertheidigung erhob jedoch Bedenken gegen die Richtigkeit und Originalität dieses Urtheils, die das Reichsgericht aber nicht theilte.

Aus dem Gauerland, 10 März. In Folge der Schneewehen der letzten Tage liegt hier der Schnee zwei bis drei Meter hoch. Ein Reisender aus Olsberg war mit einem Fuhrwerk nach Winterberg und Astenberg unterwegs. Der Wagen kam vom Wege ab und versank im tiefen Schnee. Der Kutscher und die beiden Pferde sind bereits todt aufgefunden worden, von dem Kaufmann hat man noch keine Spur entdeckt.

Ausland.

Oesterreich-Ungarn. Wiener Blätter berichten über die schreckliche Zunahme der Hungersnoth unter der Land­bevölkerung Ostgaliziens. Im Bezirke Jaworow kämen bereits Hungertodesfälle vor, überdies herrsche Typhus und Blattern.

Belgien. Ein großes Unglück ist durch schlagende Wetter in der Zeche Anderlues im belgischen Hennegau entstanden. Das Seil des Förderkorbcs verbrannte und der Ventilator wurde zerstört. Von etwa 300 in der Grube arbeitenden Bergleuten sind nur 36 hervocgezogen. Man befürchtet, daß die Rettung der übrigen äußerst chwierig sein wird. Weitere Depeschen melden: Das Gruben-Unglück hat sich,in einem Stollen in 120 Meter Tiefe ereignet. 270 Arbeiter waren im Bergwerk, gegen .40 waren durch den /Schacht wieder ausgefahren. 16 Mripnydete hat man in entsetzlich m, hoffnungslosem 3»' stand hcrk«^schaffc./ Die befürchtete Zahl der Opfer beträgt über ^00. feine große Menge mmffcht in ge- drückter ©thnnulwij^He Einfahrt am Schacht. Die Zeche Anderlues brennt. Die Flammen schlafen aus den Schächten hervor. iDie Ueberwmduug des Feuers ist nur möglich durch Ersäufen des Schachtes. Erst 70 Opfer, darunter 29 TodUe, wurden zu Tage gefördert, alle übrigen sind rettungslos verloren. 12. März. Nach einer Meldung aus Anderlues wurden heute Nacht gegen /