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Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. ,Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf

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Samstag, den 2. April

1892.

lUfMhtttiWti °"f dieSchlüchterner Zeitung" jPt-HtUllllytll werden noch fortwährend von allen » - - ~ Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Das neue Arbeiterschutzgesetz.

Am 1. April tritt das sogenannte Arbeiterschutzgesetz in seiner wesentlichsten Bestimmungen in Kraft. Das Gesetz stellt das Prinzip der Sonntagsruhe auf; es ist prinzipiell jede Sonntagsarbeit in Fabriken, Berg­werken, Zimmerplatzen :c. verboten; indeß ist eine An­zahl nicht unbedeutender Ausnahmen gestattet. Dem Bundesrath ist die Befugniß verliehen,für solche Ge­werbe, in welchen durch übermäßige Dauer der täglichen Arbeitszeit die Gesundheit der Arbeiter gefährdet wird, Dauer, Beginn und Ende der zulässigen täglichen Arbeits­zeit und die zu gewährenden Pausen" vorzuschreiben. In Bezug auf die Beschäftigung von Arbeiterinnen sind die neuen Bestimmungen viel schärfer als die bisherigen. Während früher lediglich bestimmt war, daß Wöchner­innen nicht vor Ablauf von drei Wochen nach ihrer Niederkunft beschäftigt werden dürften und daß in be­sonderen Fällen der Bundesrath die Beschäftigung von Arbeiterinnen untersagen könnte, ist jetzt für die Arbeiterinnen einen Maximalarbeitstag von 11 Stunden ausgestellt und die Nachtarbeit ganz verboten worden, freilich wiederum beides nicht ohne mannigfache Aus nahmen. Das Alter, vor dem Kinder nicht in Fabriken beschäftigt werden dürfen, ist von 12 auf 13 Jahre heraufgerückt. Die Vorschriften über die Sicherung des Lebens und der Gesundheit gegen die bei der Arbeit drohenden Gefahren sind schärf r gefaßt und durch eine Anzahl Einzelvorschriften ergänzt. Für genügendes Licht, ausreichenden Luftraum und Luftwechsel, Beseitigung des Staubes, der schädlichen Dünste, Gase und Abfälle, für Vorrichtungen gegen gefährliche Berührungen mit Maschinen ist zu sorgen, und über dies hinaus schreibt das Gesetz die möglichste Trennung der Geschlechter bei der Arbeit, sowie die Trennung der Aukleide- und Wasch räume vor. Viele Beschwerden und mancher erbitternde Streitfall wird dadurch vermieden werden, daß von j-tzt ab jede Fabrik, wo regelmäßig 20 oder mehr Arbeiter beschäftigt sind, eine Arbeitsordnung haben muß, in der eine Anzahl der wichtigsten Punkte des Arbutsvertrages klar und sicher festgesetzt ist. Den oft nicht unberech­tigten Klagen der Arbeiter über die Willkürlichkeit, die Höhe und über die Art der Strafen ist nunmehr dadurch vorgebeugt, daß die Strafen in der Arbeits­ordnung festgesetzt sein muff n und regelmäßig die Hälfte des durchschnittlichen Tagesarbeitsverdienstes nicht übersteigen, sowie das Ehrgefühl oder die guten Sitten nicht verletzen dürfen. Und so enthält das Gesetz noch zahlreiche Nenbestimmungen zu Gunsten der Arbeiter, ohne den bereits vorhandenen Arbeiterschutz abzuschwächen. Die Novelle ist mit ihren zahlreichen Einzelbestimmunzen, Ausnahmen und zugehörigen Ausführungsverordnungen höchst verwickelt und dürfte der Auslegung und prak­tischen Anwendung manche Schwierigkeiten bereiten. Es ist deshalb allen Interessenten anzurathen, sich das Arbeiterschutzgesetz in irgend einer Ausgabe anzuschaffen.

Deutsches Reich.

Berlin, 30. März. Der Kaiser nahm an der heutigen Trauerfeier für den General von Alvensleben Theil. Er überbrachte persönlich einen Kranz und folgte im Lcichcnzng neben dem Neffe des Verstorbenen, Major von Alvensleben, dem Sarge bis in die Halle des Potsdamer Bahnhofs. Prinz Friedrich Leopold, die Erbprinzen von Baden und Meiningen und die ganze Generalität folgten gleichfalls der Leiche.

* Der preußische Volksschul-Gesetzentwurf ist nunmehr also definitiv beseitigt, denn Graf Eulenburg hat in seiner Erklärung die Zurückziehung desselben feieilichst verkündigt und es auf der anderen Seite völlig dahingestellt gelassen, wie und wann ein neuer Versuch, das Bolksschulwesen in Preußen gesetzlich zu regeln, gemacht werden solle-

* Der Reichsanzeiger veröffentlicht eine kaiserliche Verordnung betr. das Inkrafttreten der auf die Sonntags­ruhe im Handelsgewerbe bezüglichen Bestimmungen des Arbeiterschutzgesetzes zum 1. Juli.

* - Drei große Gesetze, deren Ausarbeitung s. Z. viel Kopfzerbrechen gemacht hat, gewinnen mit dem 1. April er. praktische Geltung: im deutschen Reiche das Arbeiterschutzgesetz, soweit die Bestimmungen des­selben für die Fabriken und für die Frauen- und Kinder-Arbeit in Betracht kommen, im Königreich,

Zum 1. April (Bismarck'S Geburtstag!)

Welch eine Fülle von Erinnerungen und Gedanken erweckt dieses Wort im deutschen Volke! Der Blick wendet sich zurück in die Vergangenheit und haftet auf dem Bilde, welches der 1. April 1885 dem Auge der Welt bot. An der Seite seines Kaisers und Königs, umgeben von der Königlichen Familie und den höchsten Würdeträgern des Staates, von den hervorragendsten Ver­tretern des Heeres, feierte der Reichskanzler sein 70. Geburtsfest. An Ehren und Würden überreich, fand Bismarck die Weihe dieses Tags in dem warm sprudeln- sten Quell treuer Dankbarkeit und Liebe, der ihn um« rauschte. Wenn den größten Mann seiner Zeit je das Gefühl der Befriedigung über sein Leben und Wirken ergriffen hat, in jener unvergeßlichen Stunde mußte T es sein Herz mit doppelter Gewalt erfüllen angesichts der unverhüllten Verehrung, der rückhaltlosen Anerkennung, welche seiner Größe und seinen Thaten vom Throne herab und vom Volke heraus gezollt wurden.

Heute rauschen die Bäume des Sachsenwaldes dem Fürsten, dem letzten aus der Schaar der Paladine Wilhelms I., in der Morgenfrühe die ersten Glückwünsche zu. Die friedliche Ruhe seines Hauses wird nicht unterbrochen durch das Gewoge glänzender Uniformen durch eine Schaar hochstehender Gratulanten, wie einst in der Rekchshauptstadt. Aber in die Einsamkeit von Friednchsruh dringt ein mächtiger Schall, dessen Grund- aceord sich bildet aus Liebe, Dankbarkeit und Verehrung, welche das deutsche Volk treu und unentwegt dem Manne weiht, welcher des Reiches Einheit uud Macht heraufgeführt hat. Die ganze Nation, soweit sie deutsch suhlt und die es nur schwer verstehen kann, daß der Staatsmann, dessen Hand so lange und so sicher das Steuer lenkte, das Staatsschiff nicht mehr steuern soll, daß desReiches Bannerträger" das Panier niederlegte, bevor sein Arm erlahmte, die ganze dentschfühlende Nation schaa't sich heute im Geiste um seinen Bismarck, und im Blick auf die glorreiche Vergangenheit, die mit seinem Namen unauslöschlich verbunden, tritt lebhaft das Bewußtsein der Dankespflicht hervor, die wir unserem Bismarck jetzt und für alle Zeit schulden. Wenn auch die offiziellen Kreise an diesem Tage nicht dieselbe Wärme bekunden, wie sie dies ehedem in der rechten Erkenntniß und Würdigung Bismarcks zu thun sich veranlaßt glaubten, um so wärmer und inniger gestalten sich die Glückwünsche, die das deutsche Volk dem unvergeßlichen Staatsmann entgegenbringt.

An politischer Einsicht, Klugheit und Erfahrung mehr denn eines Hauptes Länge über seine Zeitgenossen hervorragend, unübertroffen an Thatkraft und Energie, unermüdlich in dem Streben, für sein Vaterland seine ganze Kraft einzusetzen, erfüllt von glühendem Patriotis­mus, in arbeitsamem, schwerem Ringen die höchsten Er­folge gewinnend, der getreue und treueste Rathaeber der drei ersten deutschen Kaiser deutscher Nation so steht heute Bismarcks gewaltiges Blld vor unserm Auge, so wird es sich erhalten vor dem Auge kommender Ge­schlechter. Bewundernd werden diese zu dem Mann auf­blicken, der so großes ersonnen und geschaffen, und in hehrem Lichtglanz wird die Heldengestalt in den Worten der Geschichte unseres Volkes erstrahlen.

Noch ist Bismarck unser, noch weilt er als getreuer w '* Unterthan seines Kaisers und Herrn unter uns in nnge- schwächter und geistiger Frische, in ungebrochener körper-

? sicher Kraft und Fülle das ist ein freudiger, er- hebender Festgedanke. Heute kann er seinen 77. Geburts­tag feiern in dem freudigen Bewußtsein, daß des deutschen

-. Volkes Dankbm^ auf festem unerschütterlichem Grunde x ruht, öä^Ri Ekknnerung an die Erfolge seines thaten- reichen Lebens in der deutschen Nation nie erlöschen werde. Denn hell und klar, in Liebe und Treue, in Dank und Verehrung tönen dem getreuen Eckhart Deutsch­lands aus allen Gauen des Reiches die wärmsten Glückwünsche entgegen; jubelnd erklingt aus Nord und Süd, aus Ost und West der Ruf: Es lebe Fürst Bismarck, der Unvergessene!

Preußen die Landgemeindeordnung und das Einkommen- steuergesetz.

Der Mehrertrag der neuen Einkommensteuer be- läuft sich nach einer Erklärung des Finanzministers auf 43 Millionen. Das Gesammtciukommen betrügt noch nicht 9'/2 Milliarden Mk. Die Zahl der Personen, die ein selbständiges Einkommen haben, betrügt in Preußen 10 Millionen, d. h. es kommt auf jeden Steuerzahler ein Einkommen von rund 950 Mk., also nicht so viel, daß es sich verlohnte, behufs Herbeiführung einer gleichen Vertheilung die Welt umzustürzen.

* Der Minister des Innern hat derZeitschrift für Versicherungswesen" zufolge in Ausübung der Staatsaufsicht über das Lebensversicherungswesen in Preußen und in theilweiser Abänderung seines Erlasses vom 2. Februar v. I., betr. die Veröffentlichungen der in Preußen konzessionirten Lebensversicheru»gS-Ge- sellschaften über ihre jährlichen Geschäftsergebnisse, an sämmtliche Regierungspräsidenten unter dem 8. d. M eine Verfügung erlassen, in welcher in Bezug auf die Aufstellung der Rechnungsabschlüsse strenge Bestimmungen getroffen werden. Betreffs der Tontinen-Versicherung wird die Veröffentlichung detaillirter Nachweise über die einzelnen Tontinegruppen und die Spezifikation der in die Ausgabe der Gewinn- und Verlust Rechnung einge­stellten Verwaltungskosten gefordert, aus welcher die Beträge erhellen müssen, welche für Steuern, Arzt­honorare, Gehalte, Reisekosten, Druckkosten, Prozeßkosten und Sonstiges gezahlt sind.

Darmstadt. Das Regierungsblatt für Hessen-Darm- stadt veröffentlicht einen Erlaß, in welchem der Groß- Herzog seinen Dank für die zahlreichen Beileidskundgeb- ungen ansspricht, die ihm nicht nur aus Hessen, sondern g .v >i j Deuschland, ja aus fernen Welttheilen zuge gangen waren. Tiefbewegt sagt der junge Herrscher Allen, welche in diesen Tagen schwerer Heimsuchung Antheil an dem Geschick des Herrscherhauses genommen hätten, innigsten Dank:Ich bitte Gott, daß es mir beschieden sein möge, mein geliebtes Volk auf den unter meines Vaters Regierung innegehaltenen Wegen in stetiger und gesegneter Entwicklung weiter zu führen."

Stettin, 24. März. Richard Mohrmann, der be­kannteBandwurmmittel - Vertreiben", wurde in der heutigen Sitzung des hiesigen Schöffengerichts wegen Betrug zu drei Monaten Gefängniß und 500 Mk. Geldstrafe, sein hiesiger Agent Picschel zu drei Monaten Gefängniß verurteilt. Wie in vielen anderen Städten hatte Mohrmann auch hier eine Agentur errichtet, der Pieschel Vorstand, während am Hause und au der Thüre Pieschel's die Firma Mohrmann's angebracht und auch die reklamenhaften Inserate in den Zeitungen mit R. Mohrmann" unterzeichnet waren. Die Anklage nahm an, daß die Heilung Suchenden hierdurch in den Glauben gesetzt wurden, sie hätten mit Mohrmann per­sönlich zu thun und daß sie auch von P. in diesem Glauben belassen wurden. Dein schloß sich auch der Gerichtshof an, in Betreff Mohrmann's wurde ange­nommen, daß er sich der Mitthäterschaft schuldig ge­macht habe.

Aus Thüringen, 28. März. Tief blicken läßt eine amtliche Bekanntmachung des Magistrats in Sonneberg. Es ist demselben zur Anzeige gebracht worden, daß Schüler der Bürgerschule wie der Realschule zur Aus- führung ihrer überflüssigen Streitigkeiten gefährlicher Waffen Schläger und Hirschfänger sich bedient haben.Gegen Raufbolde dieser Art", heißt es in der Publikation,wird mit der erforderlichen Strenge ein­geschritten werden, sie werden in allen künftigen Fällen der Staatsanwaltschaft überwiesen und, wenn es sich nöthig macht, in Zwangserziehung gegeben werden."

Ausland.

Rußland. In Folge Futtermangels wurden in letzter Zeit im Gouvernement Kiew über 21,000 Pferde getödtet. Diese Nachricht steht mit den jüngsten offiziösen Mittheilungen, daß der Nah so gut wie abgeholfen sei, und daß Getreide und Saatgut nunmehr vorhanden, int schreiendsten Widerspruch.

China. In China scheint es recht bunt zuzugehen. Nach Meldungen aus Shanghai sind während des letzten Aufstandes in der Mongolei fast 8000 Insurgenten mit dein Schwerte getödtet und 500 lebendig verbrannt