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jVs 28. Mittwoch, den 6. April 1892.
IMfJhtKrt.ni auf die „Schüchterner Zeitung" uUmltll werden noch fortwährend von allen
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Der Bauernstand unsere Rettung.
Unter dieser Uebel schrift veröffentlicht der bekannte Schriftsteller Rosegger in den „Grenzboten" folgenden interessanten Aufsatz:
Ein seltsamer Doppelschrei gellt heute durch unsere Lande. Arbeit! Arbeit wollen wir! lärmen sie in den Städten: Arbeiter! Arbeiter brauchen wir! ruft der Bauer auf dem Dorfe. In den Städten kann man nicht genug Hauflr bauen, um der Wohnungsnoth zu steuern, auf dem Lande stehen Huben und Hütten leer. In den Städten droht fortwährend Hungersnoth, die man mit theuerm amerikanischen Korn decken will, auf dem Lande stehen die Heiden wild, die Felder brach; auf abgehausten Bauerngründen wächst junger Wald, und wo früher ungezählte Meuschenfamilieu gearbeitet haben, erlebt haben, zufrieden gewesen sind, tummeln sich heute Rehe und Hirsche für den Jagdsport hochmögender Herrschaften. So wenigstens ist es bei uns in den Alpen; doch wie man hört, triffts im Flachlande auch zum Theil zu, und der Bauernstand geht dort wie hier dem Verfall entgegen.
Wer kann das verstehen?
Der Niedergang des Bauernstandes ist eine Thatsache, die niemand mehr leugnet. Wenn man doch nur auch zugestehen wollte, daß das große Arbeiterelend in den Städten und die drohende Gefahr der Sozialdemo- kratie mit dem Niedergänge des Bauernstandes zu- sammenhängt! Nichts wird sich so furchtbar rächen, als daß man den alt eingesessenen Bauernstand verkommen ließ, daß man ihn mit Lasten zu sehr drückte, daß man Dienste von ihm verlangte, die ihn seinem Berufe entfremdeten. Der Bauer leistet genug für den Staat, wenn er Bauer ist. Aber man verlangt noch sonst alles Mögliche von ihm : man will mit seinen Steuern die Staatseisenbahnen betreiben helfen, dafür, daß sie fremdes Korn ins Land bringen; man will mit seinen Steuern die städtischen Schulen erhalten helfen, dafür, daß diese Schulen den aufgeweckten Bauernsohn von der Scholle fort und zum „studieren" locken; man will mit seinen Steuern das ganze büreaukratische Triebwerk von Aemtern, Behörden und Polizei beftreiten helfen, von dem der Bauer selten Vortheile empfindet, aber manche Hemmungen zu leiden hat; man will mit seinen Steuern eine gewaltig gerüstete Armee versorgen helfen, von der im Nothfalle natürlich kein Stand so wenig Schutz genießt, als der Bauernstand.
Doch nicht allein Geld fordert der Staat vom Bauer, sondern auch Blut. Die kräftigen, hoffnungsvollen Bursche, die natürliche Zukunft des Bauernthums werden herausgeholt aus ihrer stillen, behäbigen Wirth schaft und fort zu den Soldaten, sie lernen Welt kennen und Welt schmecken. Früher war ein Bursche, der ein BauernhauS besaß und bewirthschaftete, militärfrei. Der Staat wußte recht gut, was damit gethan war. Heute genießt nur derjenige militärische Vortheile, der studiert und dadurch das Gelehrtenproletariat vermehren hilft; der Bauernsoldat wird seinem Stande entfremdet. Viele, und gerade die intelligentesten Bauernsoldaten kehren in ihren Hof nicht wieder zurück: Andere kehren mit Widerwillen zurück; mancher sucht sein angestammtes Nest zwar mit Freuden wieder auf, doch er hat Weltgift getrunken, den altgewohnten Kurs verloren, sachte lockert sich sein Verhältnis zur Scholle der Vorfahren und bei guter Gelegenheit springt er ab. Schon stehen auch Herrschaften auf der Lauer, um die Bauerngüter anzukaufen, aber nicht etwa, daß sie darauf das Feld bebauen, die Viehzucht betreiben, den Obstbau pflegen, sondern vielmehr, daß sie die Höfe verfallen lassen oder lieber gleich niederreißen, daß sie aus Feld, Wiesen und Gärten Wald wachsen lassen und eine schöne Jagd herrichten. Für Kleinbauern, die solche Reviere zur Nachbarschaft haben oder gar davon eingeengt werden, ist es überhaupt nicht mehr möglich, die Wege, Stege, Schulen u. s. w. zu erhalten, Dienstboten zu bekommen, sich des saatenfressenden Wildes zu erwehren. Solche Bauern müssen noch froh sein, wenn ihnen der herrschaftliche Nachbar das Gut abkauft, damit sie ihr Glück in der weiten Welt, in Eisenwerken, Fabriken,
bei Neubauten und Eisenbahnen suchen können. Also lösen sich in den Hintergegenden He Bauerngemeinden auf, die Gegend ist entvölkert, wird zur Wildnis, und wenn der Staat nun für Wald- und „unfruchtbaren" Boden viel weniger Steuern beziehen kann als früher von den Bauerngründen. so muß es ihm recht sein.
Noch viele andere äußere, wirthschaftliche und gesell schafilichc Ursachen gibt es, die dem Landmann Todten- gräberdieuste leisten. Ab r es gibt auch innere Ursachen, daß der Bauernstand darnieder geht. Der Bauer selbst ist nicht ohne Schuld. Entweder er betreibt seine Wirthschaft nach Urväterart, oder er will den Fortschrittsmann spielen, führt allerlei unerprobteNeuerungen einund verrechnet sich. Den gesunden Mittelweg zwischen alter Sitte und neuen Anforderungen finden die Wenigsten. Das ist eins. Ein Zweites ist, daß der Bauernschaft die Standesehre abhanden kommt. Man will nicht mehr Bauer sein, es ist eine Schande, mit dem Pfluge zu arbeit n, die Heerde zu züchten. Auch den Bauer er. faßt die höllische Großmannssucht, die so viele sonst gutartige Menschen blind, dumm und schlecht macht; er will höher hinaus, w U studieren, will was probieren in der weiten Welt — also wird aus dem freien Manne guten Falls ein untergeordneter Beamter oder gar ein Hausmeister, ein Lastträger, ein Fabrikgeselle, ein Dienstmann, ein Kanalarbeiter. Es ist unbegreiflich. Der Bauernknecht in der freien Natur, in der Poesie althergebrachter Arbeit und lebenerleichternder Gepflogenheiten, als Mitglied eines patriarchalischen Hausstandes lebt herrlich und stolz im Gegensatze zu einem dienenden Subjekte der Stadt. Aber eins fürchtet der Bauernstand mit Recht — seine alten Tage, wo er, der ein langes Leben hindurch nichts als Brod gebaut hat, als „Einleger" betteln muß um bte letzten kümmerlichen Bissen, oder warten wie ein hungriger Hund, was vom Bauerntische für ihn abfällt. Da geht er doch lieber bei Zeiten zu den Fabrikarbeitern, die ja demnächst unter der rothen Fahne die Welt erobern wollen.
(Fortsetzung folgt.)
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser empfing Freitag Abend den kaiserlichen Botschafter in Paris, Graf Münster. Sonn abend Vormittag ließ sich der Kaiser nach einer Spazier fahrt mit der Kaiserin im Auswärtigen Amt Vortrag von dem Reichskanzler Grafen von Caprivi halten. Abends fand ein Diner von etwa zweiunddreißig Gedecken statt.
— Die Sozialdemokratie macht immer weitere Fortschritte und noch ist kein Arzt erstanden, diese Schmerzen zu lindern, geschweige zu beseitigen oder gar dauernd zu heilen! Im preußischen Landtag hat man kürzlich die Errichtung sozialistischer Privatschulen, sogut wie ultramon- taner, befürchtet. Die sozialistischen Agitatoren sinnen eben auf olles Mögliche. Da hat denn jetzt „ein findiger Kopf" unter ihnen auch einen „sozialdemokratischen Wandkalender" ausgeheckt! Aber während in christlichen Kalendern die Tage der Apostel, Lehrer und Märtyrer der Kirche, in katholischen Kalendern die Heiligen, in protestantischen die Helden der Reformation, in den vaterländischen die Namen großer Männer und berühmter Toten angeführt werden, daß man sich daran erhebt und erbaut, trieft der sozialdemokratische Kalender (übrigens eine „Weihnachttbeilage" von sozialistischen Zeitungen) förmlich von Blut, Gift und Galle. Da wimmelt's von „Aufständen", „Verschwörungen", „Revolutionen", „Verrat", „Metzeleien", „Attentaten", da sind Menschen vom letzten und allerletzten Rang noch wichtig genug, in ihren Geburts-, Todes- oder Hafttagen verewigt zu werden, wenn es nur Revolutionäre, Republikaner, Freidenker sind. Da werden sozialistische „Versammlungen", „Kongresse", „Parteitage", „Streiks" als weltgeschichtliche Ereignisse angemerkt und da erfahren die gläubigen Genossen in Schlagwörtern, was „weltbekannte" Männer gewesen sind, gethan und erlitten haben: „Friedrich Barbarossa, der Städteverwüster", „Calvin, Ketznrichter", „Moliäre (Hauptwerk: Tartüff ), der Heuchler", „Ludwig Feuerbach, Zerstörer des Gottthums", „Mozart, größter Komponist, t im Elend", „Bismarck's Bankerott" (Aufhebung des Sozialistengesetzes!). Da giebt's keine Sonntage, nur die Feiertage sind fettgedruckt von wegen!! Es ist eine große Reihe von Schand» und Mordthaten, die Menschen lauter Scheusale oder aber sozialistische
Blutzeugen. Man könnte sich in eine Henkerstube oder Räuberhöhle versetzt meinen, so riccht'S überall nach Blut- und Greuelthaten. Ein solcher Kalender in einem Hause an der Wand muß dasselbe zur Mördergrube machen, wenn der Blick Tag für Tag darauf füllt, wenn die Phantasie der Bewohner stetig mit solchen Nachtbildern erfüllt wird. Fürwahr auf dem einen Blatt ist so viel Lüge und Verzerrung der Weltgeschichte und Weltanschauung, mit wahrhaft teuflischer Bosheit so viel Haß und Galle zusammengetragen, daß es ein jugendliches Gemüt notwendig verderben muß. Wäre ein Preis darauf gesetzt, die Jugend systematisch zu verrohen und zu vergiften durch Klassenhaß, zu Menschenverachtung, zu blinder Wut gegen alles, was anderen gut und groß und heilig ist, au-zustacheln, es hatte nicht schlimmer geschehen können, als durch diesen Wandkalender. Und wiche Leute spielen sich auf als die Vertreter der Wahrheit und Sittlichkeit, als die Erneuerer der Welt, ja als Erzieher zur wahren Menschlichkeit!
In Eisenach erwartet man den Kaiser am 10. April. Zum Empfang werden auf der Wartburg große Borbereitungen'getroffen ; wie es heißt, soll der Weimar'sche Hof zu aleicher Zeit dorthin übersiedeln.
MÜhlhausen i. E. 27. März. Wie der hiesige „Expreß' aus Frankreich erfährt, hat ein Villenbesitzer in Nogent bei der Ausgrabung eines verschütteten Brunnens einen großen unterirdischen Korridor entdeckt, worin die Leichen eines deutschen Lieutenants und mehrerer National- garden aus dem Kriegsjahre 1870/71 stammend aufge- funden worden. Der erste in liegender Stellung, gleichsam wie schlafend, die letzteren Posten stehend, sämmtliche Leichen vollkommen gut erhalten.
Ausland.
Rußland. Das russische Kriegsbudget für 1892 weist trotz des ungeheuren Nothstandes keine Verminderung der Ausgaben, sondern eine Erhöhung derselben gegenüber dem Vorjahre auf. Es beziffert sich auf 228,907,130 Rubel. Wieviel nun noch unter der Hand verausgabt w^rd, entzieht in dem absolutistischen Rußland felbftoerftäublid) sich der Berechnung.
- In der polnischen Stadt Beadzm, im Gouvernement Petrikau, nahe an der preußischen Grenze grassiren die schwarzen Pocken. Eine große Anzahl von Personen ist erkrankt. Die Volksschulen in der Stadt und Umgegend, sowie die Steigerschule im benachbarten Dom- browa sind in Folge dessen geschlossen. — Am Freitag wurden in dem russischen Garnisonorte Kalisch bei Ostrowo auf freiem Felde vor der Stadt einem russischen Soldaten 200 Kanlschuhiebe verabreicht. Der Unglückliche , der Frau und Kinder besitzt und polnischer Nationalität ist, war als Wachtposten am Pulverthurme eingeschlafen. In Folge dessen hatte man ihm diese barbarische Strafe zudictirt. Wohl über tausend Personen wohnten der Exekution als einer interessanten Sehenswürdigkeit bei. Die russischen Offiziersirauen (!) sahen von ihren Equipagen aus diesem entsetzlichen Schauspiele zu. Bis zum 50. Hiebe schwieg der Delinquent. Dann begann er zu stöhnen, rief einmal nach Wasser und gab nach dem 100. Hiebe kein Lebenszeichen mehr von sich. Ein Freiwilliger erbarmte sich des Unglücklichen und goß ihm Wasser über's Gesicht, was dem Mitleidigen einen Rüffel seitens eines Offiziers eintrug. Der blutige und regungslose Körper des ausgepeitschten Soldaten wurde dann auf einem Karren in s Lazarett, gefahren. Einen geradezu widerlichen Eindruck machten mehrere Offiziersdamen, welche an diesem barbarischen Prügelschauspiel sich auf's höchste ergötzten.
Amerika. Ein furchtbares Unglück truz sich am 26. d. M. in den Carnegieschen Stahlwerken in Home- stead im Staate Pennsylvanien zu. Ein Bessemer Converter geriet^ aus dem Pivot und ergoß seine glühei den Massen auf die Erde. Vier darunter stehende Arbeiter wurden von dem Metallstrom begossen und erlitten furchtbare Verletzungen, denen sie bald erlagen. Fünf andere wurden von dem flüssigen Stahl bespritzt und trugen furchtbare Brandwunden davon.
* — Der 28. März als kritischer Tag erster Ordnung hat nicht nur die vielen Gewitter in Nord- und Mitteleuropa, die Schneefülle in Italien und der Schweiz, sondern noch andere bemerkenswerthe Na ur- ereignisse gebracht. Dem „New Iork Herald" wird aus Valparaiso depeschirt, daß sich am 27. März —