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Jf 45. Samstag, den 4. Juni 1892.
Pfingsten.
Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht, Sie schaffen an allen Enden.
Es blüht das fernste, tiefste Thal!
Nun, armes Herz, vergiß der Qual, Nun muß sich alles, alles wenden.
Das ist das Pfingsten der Natur. Für jedes der drei großen christlichen Feste hat die Natur ein Lied, mit dem sie in die Festgesänge der Christenheit ein- stimmt. Zu Weihnachten und Ostern sind es nur sinnige Begleittöne; dort das Knistern des Schnees und das Flimmern der Sternennacht, hier der Märzensturm und das leise Keimen des neuen Lebens. Zu Pfingsten aber, da brechen im schallenden Reigen die Frühlingsstimmen los, so laut, daß die Pfingstklänge aus der Kirche dadurch fast übertönt werden.
Aber — sie wiegen uns doch nur in schönen Traum, die Stimmen der Natur. Auch im schönsten Frühling erblüht das Kräutlein nicht, welches das arme Herz getrost machen könnte, und mit allem Säuseln und Weben vermögend die linden Lüfte nicht, alles, alles zn wenden.
Warum klingt es aber dennoch so verheißungsvoll an unser Ohr, das Pfingstlied der Natur? Jst's nicht, weil es uns im Sinnbild zeigt das Werden des Pfingsten in der Menschenwelt?
Dort die Sonne die Spenderin des Lebens, hier der allein Lebendige; dort der Lüfte, hier des Geistes Wehen. Und wie dort Baum und Strauch sich nicht selbst neues Leben schaffen, es aber auch nicht wie ein Kleid von außen anlegen können, sondern die sonn- durchwirkte Lenzesluft die Kräfte hineinsenkt in sie, daß es von innen herausbricht, und doch nicht ihr eigenes Werk ist — so geht es auch im Menschenleben.
Ja, es ist der Luft vergleichbar, was hier Leben schafft. Eine elementare, die elementarste Gewalt im Menschenleben ist es, was wir „Geist" nennen. Keine Zeit zeigt es so überzeugend wie die unsere. Reiche Entwickelung, gewaltige Erfolge auf allen Gebieten der äußeren Kultur. Stolze Machtentfaltung, Beherrschung der materiellen Dinge, wie noch nie, täglich wachsende Fülle von Gütern. Und doch überall Gefühl der Unsicherheit, Knechtung unter die Materie, wenig Zufriedenheit, wenig Zusammenhalt, wenig Glück. Wo ist die unheimliche Macht, die so die äußeren Erfolge auf- hebt, die Güter entwerthet, die Zukunft gefährdet? Jst's nicht der Geist, der durch die Zeit geht, dort hungernd, unausgefüllt, begehrlich, dort zerfahren, überfüttert, verwirrt, dort verödet, verbittert, verzweifelt.
Und es liegt am Tage, auch die besten Gesetze, Einrichtungen, Ordnungen sind machtlos gegen ihn. Der Geist ist die Elementarmacht im Menschenleben, nicht die Materie.
Und wen es unsere Zeit im Dunkelbild nicht lehrt, dem bezeugt eS das Lichtbild, welches das heutige Fest aus alter Zeit vor uns wachruft. Was war es, was jenen wenigen Menschen ohne Macht, ohne Besitz, ohne Bildung den Sieg verlieh über die alte Welt? „Sie wurden voll heiligen Geistes." Und dieser neue heilige Geist, er wandte sich wiederum nicht an die materiellen Interessen, er suchte nicht äußere Mittel; er bot dem Mcnschengeiste geistige Güter: Frieden des Gewissens, Kraft zur Besserung, Feuer der Liebe. Nur in langsamer Entwickelung, in welcher wir noch stehen, begann er, in dem Maße, als er den Menschen innerlich zu eigen ward, die äußeren Verhältnisse, die Formen des Lebens umzugestalten.
So ist eS heute noch. Nicht die Faust der Einen, nicht die Bajonette der Anderen bestimmen den Lauf der Dinge, eizwingen das Glück. Der Geist regiert den Gang der Welt.
Nicht als ob er nicht auch selbst, wie alles Lebende in Wechselwirkung steht, von der Welt beeinflußt wäre. Aber eben darum bedarf er, damit er sich nicht fremd wird, sich selbst verkennend, sich vom Staube nährt und dabei im Staub verzehrt, steter Nahrung aus seinem eigenen Elemente. Er muß sich nähren an dem Sonnenstrahl ewiger Wahrheit, an der Himmelsluft innerer Freiheit, dem Lichtbild geistiger Vollkommenheit. Er muß sich selbst stets neu entzünden an dem Funken desselben Elements, welchen er findet im Nebenmenschen,
indem er ihm sich liebend hingibt, ihn verstehen, in sich aufnehmen lernt, ihm zur Entfaltung hilft, ihn löst, wo er gebunden ist, mit ihm zusammenfließt.
Und tritt ihm dies alles in ursprünglicher Wirklichkeit entgegen, dann darf er es nur aufnehmen in sich, wie die Natur den Sonnenstrahl.
Wer wollte verkennen, dies eben war der Geist, der einst in Jesus den Seinen entgegenwehte, der sich an jenem Pfingsten vom verklärten Herrn auf sie herniedersenkte.
Wer wollte leugnen: dieser Geist eben ist es, der unserem Geschlecht gebricht; und darum eben auch der Glaube an die Macht des Geistes. Wir brauchen ein neues Pfingsten; einen Geist, der an jenen ewigen Gütern des Geistes hängt, von ihnen sich füllen läßt, der dann uns füllt mit Friede und Liebe. Webt und schafft er wieder „an allen Enden", daß wir von unserem Volksleben sagen dürfen: „es blüht das fernste, tiefste Thal" — dann wird die Pfingstverheißung kein Traum mehr sein:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual, Nun muß sich alles, alles wenden!
Deutsches Reich.
Berlin, 3. Juni. S. M. der Kaiser hat sich am Freitag Vormittag von Potsdam nach Ober-Glogau be- geben, um dort der Vermählung des Fürsten Radolin mit der Gräfin Johanna v. Oppersdorff beizuwohnen. Am Sonnabend Nachmittag gedenkt der Kaiser nach Potsdam zurückzureisen. — Die Königin und die Königin Regentin der Niederlande reisten gestern morgen ab. Das Kaiserpaar begleitete die erlauchten Gäste zum Bahnhof.
* — Ueber einen Unfall des Kaisers wird der „Kolb. Volks.-Z." von bestunterrichteter Seite aus Christ- burg (Ostpreußen) Folgendes geschrieben: Der Kaiser hatte gelegentlich seines vorjährigen Besuches beim Grafen Dohna den Wunsch geäußert, bei seinem diesjährigen Besuche eine Fahrt mit einem Viererzng der prächtigen Rappen des Grasen Dohna zu machen. Graf Dohna hatte in Folge dessen vier edle Thiere ausgesucht und im vergangenen Winter selbst eingefahren — der Graf ist bekanntlich einer der ausgezeichnetsten Herrenfahrer der Monarchie. Die Thiere waren so eingefahren, daß sie der leisesten Parade gehorchen. Auf dem Wege nach Pröckelwitz wurde eine kleine Ortschaft passirt, an deren Eingang sich die Bewohner so postirt hatten, daß sie von dem herankommenden Gefährt, in dem sich der Kaiser befand, nicht sofort wahrgenommen werden konnten. Als dieses in die Dorfstraße einbog, schrieen die Leute Hurrah, außerdem wurde eine Fahne in den deutschen Farben hin und her geschwenkt. Das kam den Volder- pferden so überraschend, daß sie auf der Stelle parirten und kerzengerade in die Höhe stiegen. Hierbei sprang das Ouerstück, mit dem die Sielen der Vorderpferde an der Deichsel des Wagens befestigt waren, aus dem Haken und schlug den Vorderpferden auf die Fesselgelenke. Die geängstigten Thiere wurden nun erst recht wild und stürzten nach vorne, um das Ouerstück los zu werden; sie hätten unfehlbar die dicht vor den Wagen gespannten Rappen mitgerissen, wenn es dem Grafen Dohna im kritischsten Momente nicht gelungen wäre, die Leine zu lösen und durchgleiten zu lassen. Nichtsdestoweniger wollten nun auch die beiden Stangenpferde den davon- rasenden Vorderpferden Nacheilen. Graf Dohna ließ sie eine Weile rennen, parkte dann und brächte die Köpfe glücklich herum. Ueber zwei Gräben und einen Staketen- zaun hindurch ging dann noch die wilde Fahrt — erst kurz vor einigen Eggen mit nach oben gerichteten Zinken vermochte Graf Dohna die Kraft der Rappen zu brechen und das Gefährt zum Stillstand zu bringen. Kaiser Wilhelm verlor während der grauenvollen Fahrt keinen Moment seine Ruhe. Bleich und mit zusammengekniffenen Lippen saß er auf dem Bock neben dem Grafen Dohna. Auch nachdem das Gefährt hielt, sprach der Kaiser kein Wort, er dankte dem Grafen Dohna für seine Geistesgegenwart und Geschicklichkeit durch einen stummen Hände- druck. Der Rest der Fahrt bis Pröckllwitz wurde im Schritt zurückgelegt. Nach seiner Ankunft zog sich der Kaiser sofort in seine Gemächer zurück.
* — Ueber die sogenannten „Judenflinten" des Herrn Ahlwardt bringt die neueste Nummer des „Reichsund Staatsanzeigers" im amtlichen Theil unter der Rubrik „Königreich Preußen" folgende Erklärung:
Kriegs-Ministerium. Zur Broschüre „Neue Enthüllungen, Judenflinten I, und 11. Theil" wird hierdurch auf Grund der inzwischen angestellten Ermittelungen Nachstehendes veröffentlicht: 1) die von der Kommanditgesellschaft auf Aktien Ludwig Löwe u. Co. hier für die Militärverwaltung gelieferten 425,000 Gewehre 88 entsprech n allen Anforderungen, die an die Kriegsbrauchbarkeit derselben zu stellen sind. 2) Die sämmtlichen in der Broschüre angeführten, bei den Truppen vorgekommenen Sprengungen von Gewehren 88 betreffen nicht Löwefche Gewehre. Berlin, den 29. Mai 1892. Der Kriegs- Minister: von Kaltenborn.
* — Die kühle Haltung des Herrn Reichskanzlers gegenüber der Berliner Weltausstellung soll einem hiesigen Fachblatte, dem „Confcctionär" zufolge, darauf zurückzuführen sein, daß man in einflußreichen Kreisen einer Dreibunds-Ausstellung den Vorzug gebe, und man sich einer Ablehnung Frankreichs und einer mangelhaften Theilnahme Rußlands nicht aussetzen wolle. Ferner glaube man auch, daß südliche und überseeische Völker sich nicht so wie in Paris betheiligen würden. Natürlich würde eine Beschränkung der Ausstellung aus die Dreibund-Staaten eine Betheiligung der anderen Staaten nicht ausschließen.
— In Hinsicht auf das Eingehen der Königlichen Theater in Wiesbaden, Kassel und Hannover hört die „A. R.-C.", daß es bis 1895 beim Alten bleibt, während von da ab nur eine Pauschsumme von je 25,000 Mk. für Instandhaltung der Gebäude, welche Königlich sind, gezahlt werden wird. Außerdem wird eine reichlich bemessene Entschädigung für die Königlichen Logen entrichtet werden. Im Hausministerium wird die Ersparniß, welche durch das Eingehen der drei Theater erzielt werden wird, -uf jährlich 900,000 Mk. taxirt.
* — In der „Kreuzzeitung" wird als ein ernstes Zeichen für die Entvölkerung des platten Landes die Thatsache angeführt, daß der Landrath des Kreises Reichenbach auf dem letzten Vereinstage mittheilte, die Gemeinde Stolbergsdorf gehe dem Verfall entgegen; nicht nur Wohnungen, sondern ganze Häuser ständen leer und die Zahl der Schulkinder sei von 100 auf 44 gesunken, PastN, 30. Mai. Unter den Mannschaften des in Gnesen garnisonirenden Pommerschen Infanterie-Regiments Nr. 49 ist der Typhus ausgebrochen. Das Kasernengebäude wurde vollständig geräumt und die Mannschaften in den umliegenden ländlichen Ortschaften untergebracht. Man schreibt den Ausbruch der Krankheit der schlechten Beschaffenheit des Trink wassers zu, welches die Brunnen auf dem Kasernenhof enthalten.
Aus der Pfalz, 27. Mai. In Hambach unternahmen zwei junge Männer, Steinbruchbesitzer Fischer und ein bei demselben beschäftigter Arbeiter Namens Boh, eine Maicur, wobei sie ihre Hunde mitführten. Im sogenannten Springet legten sich beide nieder, um zu schlafen. Ein Theilhaber der Jagd und der Jagdhüter kamen in diesen Bezirk. Kaum hatten sie die Hunde erblickt, als sie schleunigst auf dieselben schössen; die Kugeln trafen jedoch die schlafenden Maicurmacher. Fischer wurde lebensgefährlich verletzt, während Boh nur leicht verwundet wurde.
Der „Pf. B." schreibt aus Pforzheim, 28. Mai. Man hat schon oft scherzweise die Aeußerung hören können: Nächstens fahren die Handwerksburschen auch noch per Veloziped. Nun, wir sind in der Lage, zu berichten, daß gestern ein reisender Schriftsetzer, der mit dem Rade „walzt" und bereits eine ansehnliche Tour zurückgelegt hat, sich in unserer Druckerei das übliche Viatikum holte.
Eisenach, 27. Mai. Ein geistesgestörte Frau aus Förthe wurde gestern der hiesigen Polizei zugeführt. Dieselbe hatte in einer hiesigen Waldung ihr Kind lebendig begraben wollen, war jedoch an diesem Vorhaben durch ein paar Männer gehindert worden.
Im Oldentzurgifchen haben in letzter Woche an verschiedenen Stellen ganz bedeutende Moorbrände, begünstigt durch die seit acht Tagen herrschende ungeheure Hitze, welche das Thermometer zeitweilig bis zu der kaum jemals hier erreichten Höhe von 30 Grad Reaumur hinanftrieb, stattgefnnden, die aber meist nur größere Haideflächeu vernichteten. Am Freitag war zwischen Westerholt und dem Hunde-Ems-Kanal das Feuer frei geworden und verbreitete sich mit ungeheurer Schnellig-