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Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u. ^JÜustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf

JS 65.

Samstag, den 13. August

1892.

allem gehässigen Treiben gegen Andersgläubige, will ihren kirchlichen Frieden nicht stören, macht sich's nicht zur Aufgabe, die Glieder einer andern Kirche zur evang. Konfession herüberzuziehen, sondern nur die nothleidenden Glieder der eigenen Kirche zu unterstützen, sie vor kirch­licher Entfremdung zu bewahren und in der Treue gegen ihren Glauben zu erhalten. Zu dem Zwecke baut er ihnen Kirchen, gründet ihnen Schulen, sendet ihnen Pfarrer, besoldet ihnen Lehrer oder gibt ihnen seine Beiträge zudem allem. So hat der Gustav-Adolf-Verein zwar seinen Namen von einem Kriegshelden, aber es ist durchaus nur ein Friedenswerk, welches er treibt.

Damit diese Hilfeleistung in geordneter Weise ge­schehe, war eine feste Organisat'on nöthig. An der Spitze sämmtlicher deutschen Vereine steht ein Central- vorstand, welcher seinen Sitz in Leipzig hat; jede Provinz hat für sich einen Hauptverein, welcher sich in Zweig­vereine gliedert. Jährlich findet eine Harp Versammlung statt, zu welcher jeder Hauptverein seine Abgeordneten entsendet. Diese Hauptversammlung ist da uch besonders ausgezeichnet, daß von derselben über die sogen. große Liebesgabe beschlossen wird, das ist über die Zuwendung einer größeren Unterstützung an die bedrängteste Ge­meinde (meist über 15000 Mk.) Die Einnahmen jedes Hauptvereins werden von demselben bei seiner Jahres­feier zum 1. Drittel an beb luftige Gemeinden der eigenen Provinz vertheilt, zum 2. Drittel der Centralkasse zur Versendung an Gemeinden in nichtprotestantischen Ländern überwiesen oder vom betr. Verein direkt an solche Ge­meinden versandt; das 3. Drittel fließt in die Central­kasse. In Deutschland bestehen jetzt 45 Hauptvereine mit mehr als 1800 Zweigp weinen, welche im letzten Jahre eine Gesammt-Einnahme von mehr als eine Million Mark zu verzeichnen hatten. Bei dieser großen Summe, sollte man denken, bliebe dem Verein bald nichts mehr zu thun übrig Dem ist jedoch keinesweg so. Immer neue Arbeitsgebiete thun sich auf, da durch die Freizügigkeit, durch den Zudrang gerade der armen Bevölkerung nach größeren Fabrikorten sich fortwährend neue kleine Gemeinden in bisher rein katholischen Orten (wie umgekehrt auch katholische in bisher rein protestan­tischen) bilden, welche der Sammlung und kirchlichen Ver­sorgung sehr bedürfen, wenn sie nicht in kirchliche und überhaupt religiöse Gleichgiltigkeit verfallen oder immer mehr der Socialdemokratie und anderen Gefahren in die Arme getrieben werden sollen. Das Arbeitsfeld der Gustav Adolf-Stiftung beschränkt sich nicht auf Deutschland oder Europa (besonders die Gemeinden in Ungarn, Galizien, Bukowina, Italien und Rußland bedürfen der Hilfe) sondern auch aus den übrigen Welttheilen, aus Egypten, der asiatischen Türkei, Persien, Südamerika u. a. kommen immer neue Nothschreie, vor denen wir nicht wie jener Priester und Levit im Gleichniß unser Ohr verschließen dürfen. Und Gott sei Dank haben auch die Gaben noch nicht aufgehört zu fließen, sie kommen nicht blos vom Ueberfluß der Reichen, auch manches Wittwenschersiein ist darunter. Erwähnt sei z. B. die Gabe jener 74 jährigen Dienstmagd, welche ihr gesammte Ersparniß, 50 fl, darbrachte und jene Schulkinder, welche den Erlös der gesammelten Beeren freudig opferten.

Wie viel Segen die Thätigkeit der Vereine schon gestiftet hat, wie vielen geistlich Verschmachtenden der höchste Trost und die beste Erquickung gebracht worden und wie viel Segen auf die Geber zurückgeflossen ist, wie die verschiedenen Richtungen der evang. Kirche durch die gemeinsame Liebesarbeit innerlich einander näher gerückt sind, die Einigkeit im Geist gefördert und die evang. Kirche gestärkt worden ist, das läßt sich mit Zahlen natürlich nicht nachweisen, ist aber nicht hoch genug anzuschlagen.

Aus dem allem aber geht wohl zur Genüge hervor, daß das Gustav-Adolfs-Werk ein schönes, echt christliches und Gott gefälliges Werk der Nächstenliebe ist und daß auch unsere katholischen Mitbürger durch die Jahresfeier in unserer Stadt nicht im geringsten sich verletzt fühlen können, thut doch der Gustav-Adolf-Verein in der fried­lichsten Weise nichts anderes, als was die Pflicht und Schuldigkeit jeder Kirche gegen ihre Glieder ist und was die katholische Kirche auch an ihren Gliedern treulich thut. Möchten diese Zeilen etwas mit dazu beitragen, daß die Beteiligung an dem Fest seitens der Stadt Schlächtern und seiner evang. Umgebung eine recht all­gemeine und freudige werde und daß die Abgeordneten,

3»t Gustav-Advlf Feier.

Am 16. und 17. d. Mts. wird in den Mauern unserer Stadt die 43. Jahresfeier des Hessen.Kassel'schen Hauptvereins der ev. Gustav-Adolf Stiftung stattfinden. Es dürfte daher von allgemeinem Interesse fein, wenn ein kurzer Ueberblick über Geschichte, Zweck und Art der Thätigkeit die er Vereine geboten wird.

Ihren Namen tragen diese Vereine bek nntlich nach dem edlen Schwedenkönig Gustav Adolf, welcher in den unseligen Kämpfen des 30jährigen Krieges aus seiner nordischen Heimath sich ausmachte, um seine bedrängten evang. Glaubensgenossen in Deutschland vor gewaltsamer Unterdrückung zu retten, und am 6. November 1032 in der Schlacht bei Lützen den Heldentod starb. Ein schmuckloser, großer Feldstein mit der Inschrift: G. A. 1632, der Schwedenstein genannt, welchen nach jener Schlacht des Königs Reitknecht Jacob Erich mit Hilfe von dreizehn Bauern errichtete, bezeichnete den Ort, an welchem Gustav Adolf fiel im Kampfe für die Freiheit des evang. Deutschland und war zwei Jahr­hunderte lang das einzige, sichtbare Erinnerungszeichen in Deutschland an ihn. Als jedoch die zweihundert- jährige Gedenkfeier jener Schlacht am 6. November 1832 eine große Zahl evang. Christen an dem Schwedensteine zusammengeführt hatte, br:ch sich der Gedanke Bahn, daß dem Heldenkönig, welchem unsere evang. Kirche soviel Dank schuldet, ein würdigeres Denkmal gebühre. Der Superintendent Dr. Grohmann in Leipzig war es dann, welcher diesem Gedanken die bestmmtere Form gab, man könne Gustav Adolf kein würdigeres Denkmal setzen als dadurch, daß man sein Werk in friedlicher Weise fortführe und der beabsichtigten Gustav-Adolf-Stiftung die dauernde Aufgabe stelle, arme, bedrängte evang. Gemeinden, welche, unter Andersgläubigen zerstreut wohnend, in Gefahr stehen, ihrer Kirche verloren zu gehen, zu unterstützen und ihren Bestand zu sichern. Bald traten auch in Leipzig und Dresden derartige Vereine zusammen und begannen ihre Liebesarbeit. Bei diesem kleinen Anfang blieb es für die ersten Jahre, die Be- theiligung wurde nicht eine so allgemeine, als man er­wartet hatte, doch erstarkte das Werk währenddessen im Innern und reifte im Stillen heran, bis im Jahre 1841 der Hosprediger Dr. Zimmermann in Darmstadt ihm auch zu größerem Aufschwung im Aeußeren verhalf. In einem öffentlichen Aufruf schilderte er mit herzbe­wegenden Worten die geistliche Noth so vieler evang. Glaubensbrüder in der Zerstreuung und forderte die ganze evang. Christenheit Deutschlands in freudiger Be­geisterung zu thatkräftiger Hilfe auf. Seine feurigen Worte zündeten und alsbald traten an den verschiedenste!. Orten neue Vereine ins Leben und schlössen sich zu einem großen Verbände zusammen und das Werk fand von Jahr zu Jahr immer mehr neue Freunde. Innere Kämpfe im Jahre 1846 und 1847, verursacht dadurch, daß sogenanntefreie" d. h. außerhalb der Landeskirchen stehende Gemeinden den Verein ihren Sonderbestrebungen dienstbar zu machen suchten, veranlaßten den Gustav Adolf-Verein, öffentlich Zeugniß davon abzulegen, daß er feststehe auf dem Evangelium und dem gläubigen Bekenntniß zu Jesu Christo und nur mit dem auf gleichem Boden Stehenden ober gleichviel ob Lutheranern, Reformirten oder Unirten Gemeinschaft pflegen könne. Diese inneren Kämpfe, sowie die politisch bewegten Jahre 1848 und 1849 mit ihren zum Theil kirchlich- gleichgiltigen oder gar kirchenfeindlichen Strömungen waren natürlich der äußeren Entwickelung nicht günstig. Nachdem aber diese Stürme überstanden waren, ist ein stetiges erfreuliches Wachsthum zu verzeichnen. Und so ist der Gnstav-Adolf-Vcrein aus kleinen Anfängen, wie alle ächten Reichsgottes-Werke, allmählich zu einem statt­lichen Baume herangewachsen, in dessen Schatten sich unsere evang. Glaubensbrüder in allen Landen der christ­lichen Bruderliebe erfreuen. Nicht blos in Deutschland, sondern auch in Holland, Schweden, Oesterreich und Rußland und neuerdings auch in Rumänien, Italien und Süd-Amerika bestehen jetzt Gustav Adolf Vereine.

Alle diese Vereine sind einig in dem einen Streben, arme bedrängte evang. Gemeinden und Gemeindlein, welche in andersgläubiger Umgebung meist ohne Kirche, Schule, Seelsorger und Lehrer leben, zu unterstützen, damit sie dem Glauben ihrer Väter treu bleiben können. Getreu seinem Wahlspruch:Lasset uns Gutes thun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen" hält der Gustap-Adolf-Verein sich fern von

welche aus allen Theilen unseres Hessenlandes hierher kommen, eine freundliche Erinnerung und die Anerkennung mit heimnehmen, daß auch bei uns der Geist evang. Glaubenstreue und christlicher Bruderliebe lebendig ist, gepflegt und hochgehalten wird!

Deutsches Reich.

Berlin, 10. Aug. Se. Maj. der Kaiser wohnte heute Vermittag dem Exercieren auf dem Bornstedter Felde bei, empfing sodann im Marmorpalais den Reichskanzler Grafen Caprivi, den Chef des Civilcabinets Wirklichen Geheimrath Dr. von Lucauus und Nach­mittags 1 Uhr den Ministerpräsidenten Grafen Enlen- bnrg zum Vortrage.

* Sc. Maj. der Kaiser bewilligte dem Minister des Innern Herrfurth in Gnaden die nachgesuchte Ent­lassung aus dem Staatsdienst mit Pension unter Be- lassung des Titels und Ranges als Staatsminister, sowie unter Verleihung des Großkreuzes des Rothen Adlerordens mit Eichenlaub und der königlichen Krone und ernannte zugleich den Präsidenten des Staats- ministeriums Grafen zu Eulenburg zum Minister des Innern.

DasBerl. Tgbl." will wissen, der Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Freiherr von Soden, habe sein Abschiedsgesuch eingereicht.

DerStaatsanzeiger" veröffentlicht amtlich das Gesetz, betr. die Aushebung der Befreiung der vormals Reichsuumittelbaren von ordentlichen Personalsteuern gegen Entschädigung. Das Gesetz ist datirt: Tromsö, den 18. Juli 1892.

L^x Huene. DerStaatsanzeiger" veröffentlicht die Vertheilung von 57,035,130 Mk. Ueberschüssen aus der lex Huene; davon an die Rheinprovinz 8,362,268 Mk., an Westfalen 4,984,108 Mk an Hessen-Nassau 3,330,750 Mk., an Hohenzollern 117,392 Mk.

Danzig, 9. August. Die aus Rußland kommenden Getreidesendungen werden von heute ab erst dann den Adressaten zugestellt, wenn die Sendungen auf den Bahnhöfen sanitärisch untersucht worden sind.

Hannover. Die Prinz'palin ihres Vaters. Am 18. Juli wurde folgende höchst eigenartige Eintragung in das Handelsregister des Amtsgerichts IV. zu Hannover bewirkt:Firma M. Goldschmidt mit dem Niederlassungs­orte Hannover und als deren Inhaberin Martha Gold­schmidt zu Hannover, minderjährige Tochter des Kaufmanns Adolf Goldschmidt daselbst." Adolf Goldschmidt ist, wie dasKleine Journal" zu dieser Bekanntmachung bemerkt, einer der Theilhaber der Firma A. u. M. Goldschmidt in Hannover, deren Liquidation heute noch nicht beendigt und welche, da diese Liquidation wider Erwarten kläglich ausfällt, ihre Gläubiger abermals um horrende Summen schädigen wird. Martha Goldschmidt, die 15jährige Tochter des A. G., wird also die Prinzipalin ihres Vaters, welcher bereits zweimal faUirt hat.

Bremen. Aus Argentinien zurück. Ueber Bremen nach Hamburg wurden wieder, wie schon gemeldet, gegen 200 russisch - jüdische Auswanderer befördert, die aus Argentinien auf Kosten von Baron Hirsch zurückkehrten. Ihnen werden mit den nächsten Dampfern andere Leidensgefährten folgen. Alle werden von Hamburg nach New-Dork weiter befördert. Die meisten hatten ein Aussehen, das jeder Beschreibung spottet.

Oppeln, 4. August. Während der Procession auf dem Ablaßfeste in Czarnowatz (Kreis Oppeln) stürzte die viele Centner schwere Kirchenglocke auf das Kirchendach und von diesem zur Erde mitten in die gerade um das Gotteshaus geführte Procession hinein. Ein zehnjähriges Mädchen erlitt einen Schädelbruch und starb nach einigen Stunden, ein anderes neben ihm gehendes Mädchen kam mit geringfügigen Verletzungen davon.

Gotha. Einfliegender" Materialwaarenladen, dessen Besitzer ein Handelsmann aus Jngersleben ist, ist das Neueste auf dem Gebiete des Hausierunwesens. Der Handelsmann zieht mit seinemgrünen Wagen" im Gothaischen Lande von Ort zu Ort, hält an einem bestimmten Ort, dann ertönt eine Glocke und die Pforten des Wagens öffnen sich, in welchem man eine vollständige Ladeneinrichtung erblickt. DieKundschaft" kauft nun, zum Leidwesen der Dorfkaufmannschaft ihren Bedarf ein. Auch auf offener Landstraße kann das Geschäft gemacht werden. Immer praktisch!