SchlüchternerMung
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. ,,JUustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf Jf 79. Samstag, den L Oktober 1892.
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tM^llmirtfii °^ die „Schlüchtcrner Zeitung" mUUliylll werden noch fortwährend von allen
— — Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Erntedankfest.
Einen besonders festlichen Charakter trägt für den Landmann der erste Oktobersonntag. Seine Ernte ist im Ganzen beendet; die Felder stehen kahl, die Wiesen haben ihr letztes Grummet geliefert, die Kartoffeln sind in seine Keller gerollt. Mit dem Wohlbehagen, das gethane Arbeit giebt, schaut er zurück; es hat viel Fleiß und Schweiß gekostet — aber nun darf er auch Erfolge sehen, und feie-lich und würdig geht er in das mit Erntekränzen geschmückte Kirchlein seines Dorfes zum Erntedankfest; die Jugend aber schwingt sich des Abends hier im Krug, dort unter der Linde im fröhlichen Erntetanz.
Was weiß der Städter, der oft Hafer und Weizen kaum zu unterscheiden versteht, vom Erntedankfest? Die Phasen des Landmannlebens bleiben ihm unbekannt — und doch ist's des Bauern Fleiß, der auch ihm das Brod aus der Erde holt. Eine gut entwickelte produktive Landwirthschaft ist die wirthschaftliche Grundlage des Bestimmten Volkslebens, Die Industrie hat blendende! e Erfolge aufzuweisen und bietet ihre Produkte in viel sinnfälligerer Weise dar, der Handel tritt viel mehr in die Oeffentlichkeit und macht viel mehr Aufsehens von sich. Die Produkte der Landwirthschaft aber, im Stillen, jedoch unter reichlicher Mühe gewonnen, sind so alltäglich, daß sie das Loos aller alltäglichen Dinge theilen, als selbstverständlich angesehen und ohne Daick genossen zu werden.
Auch des treuesten Landma: us Fleiß, auch die bestentwickelte Maschinenindustrie, auch die günstigste Zollgesetzgebung sind allein nicht im Stande, das Brod zu schaffen. Gerade der vergangene Sommer mit seiner wochenlangen Dürre, mit seiner kaum je dagewescneu brennenden Hitze hat ms gezeigt, daß wir von höheren Mächten abhängen. Wie oft haben die Augen sehnsüchtig nach oben geschaut, ob nicht die Schleusen sich einmal aufthun möchten. „Wer hecht die Himmel regnen?" Da steht der stolze Mensch ohnmächtig an der Grenze seines Könnens und sieht über sich Einen, an dessen Segen Alles gelegen ist. Da läßt ihn auch die Naturwissenschaft, die gepriesene „Weltanschauung der ehernen Gesetze", im Stich. Sie weist ihm wohl die Gesetze auf, nach denen Thau und Regen sich bilden, aber sie kann die erste Entstehung dieser Gesetze nicht ergründen; sie kann weder erklären, wie aus dem Korn ein Halm wird, und noch weniger diesen geheimnißvollen Prozeß nachmachen. Alle Achtung vor den Stiftungen dieser Wissenschaft! Aber wenn sie sich an die Stelle des Gottesglaubens setzen will, so ist das Anmaßung; wenn sie glaubt, die Religion beseitigen zu müssen, so ist das Verblendung. Für ein religiöses G.müth sind die Ergebnisse der Natui Wissenschaft nur eine Bereicherung seiner Gotteserkenntniß, nur ein Grund mehr, des Schöpfers Weisheit und Macht anzubeten.
Gerade eine Zeit wie die jetzige weist auch mit ihren Heimsuchungen, gegen die alle menschliche Macht machtlos ist, uns mahnend darauf hin, daß wir mit Allem was wir haben und sind, in der Hand des lebendigen Gottes stehen. An diese Vaterhand sich in Dankbarkeit klammern, auch wenn sie durch Dunkel führt, ist die größte Lebenskunst und wäre die edelste Frucht einer heiligen Aussaat.
Deutsches Iteich.
Berlin, 29. Sept. Der Kaiser hat dem Khedivc von Aegypten das Großkreuz des Rothen Adlerordens verliehen. Wie aus Rominten berichtet wird, ist das Befinden des Monarchen fortdauernd das beste und erledigt derselbe täglich die laufenden Regierungsgeschäfte. Zwischen Rominten und Berlin besteht eine Expreß- Verbindung durch Kabinetskourier. Die Jagdbeute des kaiserlichen Jägers ist eine recht befriedigende. Das Befinden der Kaiserin und der neugeborenen Prinzessin lassen nichts zu wünschen übrig. Die drei ältesten kaiserlichen Prinzen sind am Dienstag von Wilhelmshöhe wieder in Potsdam angekommen.
— Anläßlich der Geburt der preußischen Prinzessin sollen nach der Schles. Z. Begnadigungen weiblicher Verurtheilter bevorstehen.
— Das schlechte Jahr. Im Jahre 1891/92 haben in Berlin nicht weniger als 176,319 fruchtlose Steuer- exekutionen stattgefunden. Diese Ziffer sollte doch zu denken geben.
— Die Cholera scheint nun allmählig nachzulassen. Aus Hamburg wird ein wesentlicher Rückgang der Erkrankungen und Todesfälle gemeldet und da außer Hamburg in Deutschland kein zweiter Ausstrahlungs- punkl vorhanden ist, so darf man sich nunmehr der Hoffnung hingeben, das binnen absehbarer Zeit die Seuche allenthalben erloschen sein wird. Freilich bleibt es fraglich, ob nicht im nächsten Jahr ein Wieder ausfluckttn derselben stattfindet, falls etwa im Boden oder sonstwo Cholerakeime überwintern sollten. Die strengste hygienische Ueberwachung der Wohuungs- und Verkehrsverhältnisse bleiben daher bis auf Weiteres ein Gebot unabweislicher Nothwendigkeit.
* — Der Freiherr Job von Manteuffel, Majorratsherr ruck ‘ ■ r, Sohn des verstorbenen Generol- feldmarjchalls und Statthalters von Elsaß-Lothringen, hat nach Berliner Zeitungen dort vor einigen Tagen den Offenbarungseid geleistet, zu welchem er von einem Gerichtsvollzieher dem Amtsgericht zugeführt wurde.
— Aus Szczaova werden die über Hamburg aus Amerika zurückkehrenden russischen Juden in plombirten Waggons nach Deutschland zurückgeschickt. Dank der Hamburger Schiffsgesellschaften, die mit der Beförderung dieser Leute ein bedeutendes Geschäft machten, hat Deutschland nun die unliebsamen Gäste auf dem Halse und — auf der Tasche. Die betr. Schiffahrtsgesellschaften sollten von Rechtens wegen haftbar dafür gemacht werden.
Hamburg. Der gegenwärug schweren Bedrohung des Hamburger Handels- und Geschäftsverkehrs gegenüber ist an die auch in nationalpolitischer Hinsicht wichtige Thatsache zu erinnern, daß Hamburg unter den Hafenplätzen des europäischen Festlandes an merkantiler Bedeutung gegenwärtig den ersten Rang einnimmt. Der Schiffsverkehr des Hamburger Hafens im Jihr 1891 repräsentierte die Tonnenzahl von 5,762,369; es folgte Antwerpen mit 4,760,217, Marseille mit 3,738,407 Tonnen. Vor sechs oder sieben Jahren stand Antwerpen an der Spitze der Festlandhäsen, seitdem aber konkurrierte Hamburg, namentlich nach seinem Eintritt in die zoll- politische Gemeinschaft des Deutschen Reiches mit solchem Erfolg, daß Antwerpen sich schon 1889 mit der zweiten Stelle begnügen mußte.
Ueber die Verhältnisse in Hamburg entnehmen wir einem Privatbriefe Folgendes: „Bei uns in der Passage (es ist die Mathilden-Passage in St. Pauli) geschah heute etwas furchtbar Trauriges, es war nämlich der allgemeine Leichenwagen hier, um die Leiche eines jungen Mannes abzuholen. Alle diejenigen Leichen, welche nicht im Sarg sind, werden in ein Tuch gewickelt, welches total mit Carbol getränkt ist, und dann so in den Wagen gelegt. In dein Moment nun, wie sie die Leiche hineinschieben wollten, erwachte der Mensch und stieß ein förmliches Geheul aus. Der Mann hatte im Starrkrampf gelegen. Wie viele Menschen wohl lebendig begraben werden? Ich bin ganz krank davon geworden." — Selbst wenn sich die Sache wirklich so verhält, dürfte der Fall doch wohl vereinzelt stehen.
Bremen. Der Norddeutsche Lloyd wird im Monat Oktober seinen Schnelldampfcrdicnst von der Weser nach Newyork vollständig aufrecht erhalten. Außer den nach Newyork zu expedirenden neuen Schnelldampfern sollen in dem genannten Monat noch zwei Postdampfer via Newyork nach Baltimore befördert werden. Diese letzteren werden, ebenso wie die Schnelldampfer, nur Kajüts- passagiere und Ladung, keine Auswanderer, mitnehmen. Falls nöthig, soll noch ein dritter Dampfer nach Newyork und Baltimore eingestellt werden. Die Beförderung von Auswanderern von deutschen Häfen nach Nordamerika ist somit für die nächste Zeit vollständig eingestellt.
Euxheven 29. Sept. Wie in Geestemünde, werden jetzt auch hier russische und russisch-jüdische Rückwanderer nicht ins Preußische gelassen. Weitere Rückwanderer sind angekündigt. Die englischen Dampfer müssen dieselben zurücknehmen.
Gera, 26. Sept. Bei dem in unserer Gegend statt gehabten Divisionsmanöver wurde bei einer Kavallerieattacke ein Husar des 12. Regts. (Reservist) von einem Seydlitz-Kürassier erstochen. Die Truppen waren, da sie vor Staub nicht sehen konnten, zu nahe an einander gerathen.
Wernshanscn, 27. Sept. Hier werden die Kartoffeln zu 1 Mk. 50 Pfg. pro Zentner gehandelt. Aufkäufer bieten sürWaggonladungen 1 Mk. 30 Pfg. pro Centner.
Eisenach. Eine geradezu unheimliche Höhe hatten in letzter Zeit vielfach die Pachtsummen der neu vergebenen Bahnhofsrestaurationen erreicht. So erregte es in diesem Frühjahr einiges Erstaunen, als die Bahnhofswirthschaft in Eisenach, die bis dahin 6000 Mark jährlich brächte, für das Dreifache, nämlich 18,000 Mark, durch die königliche Eisenbahndircktion Erfurt neu verpachtet wurde. Der Meistbietende hat aber inzwischen gesehen, daß er bei solcher Pachlsumme nicht auf seine Rechnung kommt. Er hat Enihebung von seinem Pachtvertrag nachgesucht, und da dies zugestanden, wird die Eisenacher Bahnhofswirthschaft mit Dezember d. J. wieder pachtfrei.
Mainz, 26. Sept. Zum ersten Male seit Menschen- gedenken finden in diesem Jahresviertel Schwurgerichts- Verhandlungen der Provinz Rheinhessen nicht statt. Es wurde kein Fall zur Aburtheilung vor das Schwurgericht verwiesen.
Im Behernland haben die Leute doch solide Knochen. In Zimmerau stürzte jüngst der Schieferdecker Voigt aus Königshöfen i. G. vom Kirchthurm zuerst auf das Kirchendach und dann auf die Erde, ohne den geringsten Schaden zu nehmen! — Vor dem Landgericht in Bam- berg wird sich demnächst eine Verhandlung abspielen, die einen starken Zusatz von derber Komik hat. Nach der Mondfinsterniß am 11. bis 12. Mai d. J. richteten nämlich einige Spaßvögel von dort an einen ländlichen Bürgermeister mittels eines gefälschten amtlichen An- schreibens die Aufforderung, er solle sofort an das zu- staubige königliche Bezirksamr einen eingehend--! Bericht über das Naturschauspiel senden. Der Bürgermeister kam diesem furiosen Befehl nach, und das Bezirksamt nahm den Scherz so ernst, daß es Nachforschungen geflogen hat, deren Ergebniß nunmehr ist, daß die lustigen Brüder wegen Urkundenfälschung sich vor dem Landgericht zu verantworten haben.
Höchstadt i. Fr., 26. Sept. Ein Bäuerlein in einem benachbarten Dorf, welches beim Manöver die Einquartierung von sich abwenden wollte, stellte sich, als ihm die Soldaten ins Haus kamen, cholerakrank. Der Schlaumeier hatte aber die Rechnung ohne den Ortskommandanten gemacht, der, den Schlich durchschauend, seine Absicht kund gab, den Cholerakrauken iu's Spital schaffen lassen. Das machte den Bauern sofort wieder kerngesund.
Brückenau, 28. Septbr. Das hiesige Mineralbad wurde in diesem Sommer von 1600 Kurgästen und von über 2000 Passanten besucht, eine Zahl, die bis jetzt noch nicht erreicht wurde.
Ausland.
Rußland. Die Pest hat in dem russischen Bezirke Askabad, der etwa 30000 Seelen zählt, in sechs Tagen über 1300 Opfer gefordert. Dann verschwand die schreckliche Krankheit, gegen die keinerlei Mittel bekannt sind, wieder plötzlich. Der Tod trat ausnahmslos in spätestens anderthalb Stunden ein, und fast sofort nach dem Hinscheiden begann auch schon die Verwesung.
Aus New Vor! kommt die telegraphische Mittheilung, daß Professor Barnard auf der Lick Sternwarte einen fünften Mond des Jupiters entdeckt hat. Derselbe sei 13. Größe, seine Umlaufszeit beträgt 17 Stunden 36 Minuten und seine Entfernung vom Centrum des Jupiters 180,000 Kilometer. Die Nachricht ist so überraschend, daß die Astronomen eine Bestätigung abwarten werden, ehe sie dem amerikanischen Telegramm Glauben schenken.
Lokales u«d provinzielles.
Schkuchtern, 30. September.
* — Die feit langen Iahren angestr e bte Wasserleitun g ist jetzt endlich seitens des Stadtrathes beschlossen worden! — Das ist die Kunde, die durch die Kreise der Bürgschaft geht. Nun, lange genug hat es gedauert, bis man sich zu so einer an und für sich doch ganz einfachen und für jedes auf Fortschritt bedachte Gemeinwesen selbstverständlichen Einrichtung verstand. Was alles Petitionireu, Borstellen und Auseinandersetzen der sich dafür Jnteressirenden all' die Jahre her nicht fertig brachten, die Choleragefahr