SchlüchternerMung
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. ,.JUustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
Scinstag den 22. Oktober
1892.
Deutsches Iteich.
Berlin, 18. Okt. Heute Bormittag fand im Beisein Sr. Mas. des Kaisers die Grundsteinlegung der Kaiser Fricdrich-Gedüchtnißkirchc im Thiergarten statt. — S. Maj. der Kaiser erschien heute früh 8'2 Uhr in der Friedeuskirche bei Potsdam und legte dort im Mausoleum am Sarge Kaiser Friedrichs einen prachtvollen Kranz nieder, welcher zur einen Hälfte aus Veilchen, zur andern aus Tubarosen gewunden war. Auf dem Palais der Kaiserin Friedrich wehte von früh Morgens die Purpurstandarte der Königin von Preußen mit langer Trauerschleise auf Halbmast.
— An den am 24. und 25. d. Mts. stattfindenden Hofjagden in Blankenburg werden außer dem Kaiser und dem Prinzregenten von Braunschweig der Herzog von Weimar, der Fürst von Stolberg-Wernigerode, der Gencralseldmarschall Graf Blumenthal, der braun- schweigische Staatsminister Otto, sowie das Gefolge der Herrschaften Teil nehmen. Der Kaiser, der am 24. Oktober nachmittags in Blankcnbnrg cintrifft, reist am 25. Oktober abends 9 Uhr wieder von dort ab.
— Aus Deutsch-Ostafiika kommt eine Hiobspost: Nach einem Telegramm des Gouverneurs von Soden Dom 17. d. M. sind am 6. October bei einem Zusammenstoß mit den Wahehe in der Nähe von Kilossa Lieutenant Brüning und 4 Soldaten gefallen. Die Wahehe sind wieder abgezogen, ohne die Station an- zugreifen. Näherer Bericht wirb erwartet.
— In Bezug auf die Mittheilung, daß in diesem Jahr zum ersten Mal nach langer Zeit den Rekruten polnischer Nationalität der Eid in polnischer Sprache abgenommen wordcn sei, wird jetzt, was folgt, erklärt: „Denjenigen Soldaten, welche des Deutschen nicht vollständig mächtig sind, wird der Fahneneid in polnischer, französischer und da .sicher Sprache abgenommen, ja sogar in wendischer Sprache ist der Eid in einzelnen Fällen abgenommen worden. Das polnische Blatt hat also keine Ursache, hierin einen neuen Beweis von Entgegenkommen der Regierung gegen polnische Bestrebungen zu erblicken, wohl aber können wir in dem Umstand, daß die Abnahme des E:des in polnischer Sprache bisher rä!hlich erschienen ist, eine Mahnung erblicken, den Unterricht in der deutschen Sprache mit allen Kräften zum Besten des Fortkommens der Polen zu fördern. Diese Mahnung erscheint Angesichts der Verhältnisse, die sich in der Provinz Posen entwickelt haben, wo die polnische Agitation wieder mit immer größeren Ansprüchen bezüglich des polnischen Unterrichts auftritt, sehr an der Stelle.
— Bon der russischen Grenze werden zahlreiche Cholcrafälle in unmittelbarer Nähe des deutschen Gebiets berichtet. Die meisten Grenzübergänge sind jetzt gesperrt. Besondere Aufmerksamkeit wird der Weichsel gewidmet, -die thatsächlich aus Rußland Bazillm herauf- bringt. Hoffentlich wird eine neue Eiuschlcpanng der Seuche nach Deutschland verhindert.
— Die Chancen der Justizcarri^re bleiben schlecht! Nach den neuesten amtlichen Pcrsonallistcn giebt es allein in Preußen 1827 Assessoren und 2973 Referendare. Gerade genug!
* — Am 1. Dezember 1892 soll im Deutschen Reiche eine allgemeine Viehzählung stattfinden. Veranstaltungen, welche die ordnungsmäßige Ausführung der Viehzählung in einzelnen Orten gefährden könnten, sollen am Zählungstage unterbleiben, and insbesondere werden die auf die Zeit vom 30. Nwember bis zum 2. Dezember d. J. fallenden Jahr-, lkram- und Vieh- märkte auf andere Tage verlegt werdet.
Hamburg, 17. Oktober. Der Lasier hat zur Linderung des in Hamburg durch bb Cholera verursachten Nothstandes, insbesondere zum Zwecke der Unterbringung und Erhaltung der durch die Seuche ihrer Eltern und Ernährer beraubten Waisen 50,^00 Mark gespendet. Der Senat hat beschlossen diesen Betrag dem Nothstands Komitee zur Gründurg einer Unter stützungskasse für Waisen, deren Eitern an der Cholera gestorben sind, zu übe, weisen.
Düssclvorf. 16. Oktober. Gestern Morgen nach 6 Uhr wurden 132 männliche Häftlinge ler hiesigen Gc- faugenen-Anstalt unter militärischer Beglatung nach dem neuen Gefängnisse in Dercndorf gebrach. Die gefährlichen Verbrecher hatte man in vorsichiger Weise zu zweien aneinandergeschlossen, während die übrigen einzeln gingen. Als der Transport in der Nirdstraße ange- ommen war, machten zwei Sträflinge einen Flucht
versuch und rannten in das Haus Nr. 44 hinein, liefen über den Hof, um nach der Kaiserswertherstraße zu entfliehen. Die Oertlichkeit kannten Beide genau. Die beiden Ausreißer wurden sofort von den Soldaten verfolgt. Auf die wiederholten Haltruse und nachdem von den Soldaten bereits einige Schüsse abgefeuert waren, blieb ein Flüchtling, Heinrich Mostert, stehen und wurde wieder scstgenommcn. Der zweite Sträfling, Carl Beckers, lief unbekümmert weiter. In dein Augenblick, als er den Drücker des Schlosses der Hausthür, die nach der Kaiserwerther Straße führt, schon erfaßt hatte, erhielt er im Hausflur von einem Soldaten einen Schuß in's Herz und stürzte sofort todt zusammen. Die Gefangenen, unter die Mostert wieder eingereiht war, wurden weiter nach der Anstalt befördert, während die Leiche des erschossenen Beckers im Flur eines Hauses an der Kaiserswertherstraße vorläufig liegen blieb, von wo aus sie später nach dem Leichenhause am Tannenwäldchen befördert wurde. Eine zahlreiche Menschenmenge hatte sich auf dem Schauplatz dieser schrecklichen Scene angesammelt. Die beiden Flüchtlinge hatten noch eine lange Strafzeit abzubüßen, und zwar Mostert wegen schweren Diebstahls etwa 5 Jahre, der erschossene Beckers wegen verschiedener Verbrechen noch 4 Jahre.
Ohlitzs, 13. Oktober. Der „Ohligs'er Anzeiger" schreibt: Vor einigen Tagen lenkte hier die allgemeine Aufmerksamkeit ein in Urlaub befindlicher Soldat aus sich. Und warum? Wegen seiner Größe! Er ist der größte Soldat der ganzen Reichsarmee, rechter Flügelmann beim 1. Gnrderegimcnt zu Fuß in Berlin. Dieser Ricsc, mit Recht kann man ihn so nennen, ist zu Urdenbäch geboren und konnte bei der Musterung s. Z. in Düsseldorf nicht unter das Maß gebracht werden; seine Länge beträgt 2,06 Meter — 6 Fuß l'M Zoll. Unser Landsmann wurde fast allen Berlin besuchenden Fürstlichkeiten vorgestcllt und kürzlich auch mit dem kleinsten Soldaten der Reichsarmee, dem deutschen Kronprinzen auf einem Bild photographirt. Eins dieser Bilder erhielt Pritzschau, so ist sein Name, zum Andenken.
Mainz, 17. Okt. In Folge der durch die Choleragefahr veranlaßten Untersuchung des Wassers der Pump- brunnen sind auf Veranlassung der Sanitätspolizei über 30 solcher Brunnen wegen gesundheitsnachtheiligen Trink- wassers geschlossen. Als Ersatz für diese Brunnen soll die Zahl der städtische» Ventilbrunnen, welche an das ehemalige Rautert'sche Wasserwerk angeschlossen sind, erheblich vermehrt werden.
Eine hoffnungsvolle Jugend wächst in dem badischen Rheinstüdtchen Kehl heran. Das Protokoll der dortigen Gemcindcrathssitzung von: 11. d. M. giebt davon unter Ziffer 11 folgende Schilderung: „Die Schüler ber erweiterten Volksschule haben in ihrem im Rathhause (!) befindlichen Schulzimmer in boshafter Weise durch Hinauswerfen auf den Marktplatz sämmtliche Tintcn- geschirrc vernichtet, die vorhandene Tinte ausgeschüttet, die Kreide zertreten, das Pult des Lehrers auscinandcr- gerissen, die neuen eisernen Ocfcn in viele Stücke zerschlagen, das Thermometer zerbrochen, kurz, verdorben was sie konnten. Da Achnlichcs schon früher geschehen (!), wurde von den Vorsitzenden der Orts- Schulbchörde die Sache untersucht und die Schuldigen ermittelt. Bei Wiederholung ähnlicher Unarten werden die Namen der betreffenden Schüler veröffentlicht." Daß diese Drohungen die munteren.Knaben abschrcckcn werden, scheint aber der Gemeinderath selbst nicht zu hoffen, denn er fügt am Schluß hinzu: „Die an dieser Schule wirkenden Lehrer sind zu ersuchen, nach Beendigung des Vor- und Nachmittags-Uutcrrichtcs jeweils das betreffende Schulzimmer abzuschließen."
Aus Thüringen. Vor einigen Tagen wurde in Saalfeld ein Fremder verhaftet, der ungefähr 18—20 Legitimationen, auf die verschiedensten Namen und Ge werbe lautend, bei sich führte. Auch seine angebliche Frau, eine ledige Wagner aus Meiningen, war mit einem neuen, behördlich unterstempelten Gesindcdienstbuch versehen. — In Viernau ist noch kein Kirchweihfest so ruhig und vergnügt verlaufen, wie das diesjährige, und was war der Grund: der Herr Schulze R. hatte kurz vorher eine Arrestzelle fertigstellen lassen. Das Gerücht verbreitete sich sofort, wer zuerst Insasse derselben wno, auf dessen Namen wird sie getauft! Hoffentlich erhält „dieses Kind" Litten Namen.
Ausland.
Die Zustände im Kaukasus beleuchten russische Blätter durch folgende Mittheilung. Eines Abends fanden sich auf einer kleinen Eisenbahnstation kurz vor Einlaufen des Zuges eine Anzahl Eingeborene ein, welche ganz der yanbegfitte gemäß mit Dolchen und Revolvern bewaffnet waren. Als der Zug hielt und ein Mann Namens Woronkoff ausstieg, der in das Bureau des Stationsvorstehers ging, um eine größere Geldsumme dort zu empfangen, folgte ihm einer der Leute. Nachdem Woronkoff das Geld an sich genommen halte und wieder herausgetreten war, ertönten hinter ihm zwei Schüsse und getroffen sank er zu Boden. Die Räuber, denn das waren die Unbekannten, machten sich ohne jede Uebereilung daran, ihn auszuplündern. Niemand von den Reisenden ober vom Eisenbahnpersonal hatte den Muth, dem Unglücklichen zu Hilfe zu eilen, denn von allen Seiten knallten Schüsse und die Kugeln schlugen durch die Wagenfenster. Die Reisenden versteckten sich am Boden und wagten nicht, sich zu erheben. Mittlerweile hatten die Räuber ihr Werk vollendet und fuhren auf ihrem Wagen mit dem Gelde davon. Jetzt kam allmählich wieder Leben in die Reisenden und Beamten. Woronkoff wurde verbunden, aber Niemand dachte daran, die Räuber zu verfolgen.
Lokales usb Wrovinziellss.
Schlüchtern, 21. Oktober.
* — Bei der Neuwahl zum Abgeordneten für den Kommunal-Landtag des Regierungs-Bezirks Cassel sind als Abgeordnete für den Kreis Schlächtern gewählt worden: Herr Geheimer Regierungs-Rath R 0 t h zu Schlüchtern und Herr Bürge meister Berta zu Soden.
* — Als Geschworene zu der am 7. November beginnenden Schwurgerichtsperiode sind aus dem Kreise Schlüchtern ausgeloost worden: Bauer Joh. Scheel in Hütten, Metzger Kaspar Denhardt in Schlüchtern, Gastwirth Heinrich Eckert in Steinau, Gastwirth Weisbecker in Saimünster, Bauer Johs. Heilmann in Gundhelm und Metzger Wilh. Lotz in Steinau.
* — Eine bemerkenswerthe Entscheidung hat kürzlich das Landgericht zu Plänen i. V. über Zeitungs Beleg- Exemplare für Anzeigen getroffen. Der Aufgeber einer Anzeige hatte nämlich aus dem Grunde, weil er keine Belege erhalten, die Bezahlung der betreffenden Annonce verweigert und Seitens des Amtsgerichts war ihm hierin Recht gegeben worden. Das Landgericht Planen verwarf das erstinstanzliche Urtheil und verurtheilte den Beklagten zur Zahlung. In den Urtheilsgründen heißt es u. A.: „Sich die Möglichkeit zur Prüfung des Auftrags zu verschaffen, ist im vorliegenden Falle Sache des Bestellers. Die Leistung des Verlegers erschöpft sich in der Druck egung der Anzeige und der Verausgabung der jeweiligen Auflage, da hiermit wirthschaftlich derjenige Erfolg herbeigeführt ist, dessen Erreichung die unmittelbare Veranlassung zum Vertragsabschlüsse für den Besteller bildete."
* — Die Verpflichtung der Hausbesitzer, Beiträge zu den St raßenherstellungskosten zu leisten, kann nach §• 15 des Fluchtlintengesetzes vom 2. Juli 1875 durch Ortsstatut eingeführt werden. Dabei darf indessen, wie der II. Senat des Oderverwaltungsgerichts in einem Urtheil vom 14 October cr. barlegt, von dem gesetzlichen Grundsätze nicht abgewichen werden, daß die Kosten stets für ganze Straßen bezw. selbstständige Straßentheile zn berechnen und auf die betheiligten Grundbesitzer nach der Frontlänge ihrer Grundstücke zu »ertheilen sind. Es darf also nicht für jeden einzelnen Anlieger der Sonderbetrag der Kosten, welche die Straßenanlegung gerade vor seinem Grundstück erfordert hat, berechnet und von ihm eingezogen werden.
Orb. Die hiesige Kinderheilanstalt hat ihren diesjährigen Cursus nunmehr vollendet. Noch kein Jahr ist die Anstalt so zahlreich besucht gewesen, als in dem ab» gelaufenen Sommer. In fünf MonatScursen sind 174 Pfleglinge durch die Behandlung der Anstalt gegangen gegenüber 87 im Jahre 1891. Von den behandelten kleineren und größeren Kindern gehörten 82 der Sradt Hanau, 17 dem Landkreis Hanau, 51 dem Kreise Geln- hausen, 22 dem Landkreis Frankfurt und 2 dem Kreise Schlüchtern an. Für 76 der Pfleglinge war unentgeltliche Aufnahme gewährt worden, da deren Eltern und Pflegern keine Mittel dazu zur Verfügung standen, die übrigen zahlten einen ermäßigten Pflegesatz, und nur 11 Kinder