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SchWernerMung

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89. Samstag, den 5. November 1892.

Die Einweihung der Schloßkirche in Wittenberg.

Am 31. Oktober, an dem Reformationstage, ver­sammelten sich auf Einladung unseres Kaisers mit ihm die evangelischen Fürsten Deutschlands, sowie Vertreter der Könige von Schweden und Dänemark, in der alten Lutherstadt Wittenberg zur Einweihung der neu wieder- hergestellten Schloßkirche, au deren Thür au demselben Tage vor 375 Jahren der deutsche Reformator seine 95 Thesen angeschlagen hat.

Dieses Festes darf sich die ganze evangelische Christen­heit freuen, nicht in dem Sinne einer Kampfesstellung gegen Rom, sondern in dem Gefühl der Dankbarkeit für die Erhaltung des Gutes, das ihr der Wittenberger Mönch erstritten, erkämpft, geschenkt hat.Ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht" dieses Wort darf und soll . der Leitstern aller evangelischen Christen sein, ohne daß sie deshalb Streit und Fehde mit der anderen christlichen Kirche beginnen; sie sollen vielmehr und dürfen es getrost thun hiermit dem Beispiele unseres Kaisers folgend, ein offenes, von Dank gegen Gott erfülltes Bekenntniß ablegen.

Die Wirrenverger Schloßkirche war, seitdem das Land an die preußische Krone gefallen war (1815), lebhafter Gegenstand der Fürsorge der Hohenzollern. Bald nach der Besitzergreifung wurden die Beschädigungen, welche die Kirche in dem Kriege von 1813 erlitten hatte, wieder ausgebessert, doch wurde der ausgebrannte Thurm in die Defensionskaserne einverleibt. Im Jahre 1817 bei dem 300jährigen Jubelfeste der Reformation konnte die Kirche in Gegenwart des Königs Friedrich Wilhelm III. neu geweiht werden. Eine abermalige und vollständige Erneuerung des Gotteshauses war schon seit langen Jahren im Plane, als Kronprinz Friedrich Wilhelm, der nachmalige Kaiser Friedrich, im Jahre 1882 dem Werke seine Theilnahme zuwandte und es durch seinen persönlichen Einfluß zu fördern wußte. Der Umbau be­gann am 24. Juli 1885, nachdem Kaiser Wilhelm I. die Entwürfe genehmigt hatte. Es handelte sich hierbei eigentlich um einen Neubau der Kirche, aber unter Bei­behaltung der alten Umfassungsmauern und Wieder- Hinzufügung des alten Thurms. Während sich das Aeußere an die alten Formen anlehnt, ist das Innere in Stil und Ausstattung zu einem wahren Tempel der Reformation geworden. Vor den Hauptpfeilern des mittleren Schiffs stehen die überlebensgroßen Statuen Luthers und Melauchthons und von sieben ihrer Mit­kämpfer. 52 Wappen und Sinnsprüche derjenigen deutschen Fürsten, Grafen und Ritter, die bis zum Jahre 1540 thätige Förderer der Reformation waren, schmücken die Emporen, 22 bronzene Reliesportraits anderer Fürsten, Künstler und Humanisten zieren die Pfeilerverbindungen; in 8 bemalten Fenstern sind die Wappen von 198 Städten, die sich der Reformation zuwandten, angeordnet; unter dem Mittelfenster des Chors, welches die Kreuzigung darstellti ist eine Gedenktafel mit den Hauptdaten der Geschichte der Kirche angebracht, von denen wir hervor­heben: 1517 Thesen des D. Marrin Luther; 1817 Wiederherstellung unter König Friedrich Wilhelm IIL; 1885-1892 Umbau unter Kaiser Withelm L, Kaiser Friedrich III, Kaiser Wilhelm II. Ein Kaiserstuhl und ein Fürstengestühl, in Eichenholz geschnitzt, haben seitlich vor dem Altar ihre Aufstellung gefunden. Der Altar, aus Sand- und Kalkstein gemeißelt, zeigt in der Mittel­öffnung den Heiland zwischen Petrus und Paulus.

Sieben Jahre Hai der Umbau gedauert, und jetzt ist das Gotteshaus in einer dem Reformationszedenken würdigen Gestalt seiner Bestimmung übergeben worden durch Kaiser Wilhelm selbst, der mit den evangelischen Fürsten als Bekenner des Glaubens durch die Pforte einzog, welche die 95 Thesen in Bronze darstellt. Die evangelischen Christen werden diesen Festzug mit treuem Gedenken begleiten: denn es handelt sich dabei um ein Bekenntniß zu dem Gedanken der Reformation, der in dem Neu- und Umbau durch künstlerisches Schaffen eine würdige Stätte gefunden hat, welche die Thaten der Resormationsgeschichte den lebenden und kommenden Ge schlechtern in's Gedächtniß zurückführen soll. Wie unser Kaiser dem Bau und seiner Vollendung wiederholt die lebhafteste Aufmerksamkeit geschenkt und selbst durch größere Zuwendungen seine Theilnahme an der Er­neuerung der Schloßkirche bethätigt hat, so wird die ganze evangelische Christenheit im Geiste an dem weihe­vollen Akte theilgenommen haben, der sie ebenso an die

geschichtliche Vergangenheit wie an die Aufgabe erinnert, fest am Stauben zu halten und ihn alle Zeit mit dem alten Lutherliede zu bekennen: Ein' feste Burg ist unser Gott!

Die Dom Kaiser bei der Frühstückstafel im Luther- Haus zu Wittenberg gehaltene Rede lautet im Wortlaut, wie folgt:

Im dankbaren Aufblick zu Gott dem Herrn, der uns in seiner Gnade das heutige Fest bereiter, erhebe ich den Pokal, den die Stadt Wittenberg dem Reformator Dr. Martin Luther zu seiner Hochzeit im Jahr 1525 dargebracht hat. Es war dies die Zeit, zu welcher die Reformation in den deutschen Landen bereits festen Fuß gefaßt hatte. Wittenberg, die Wiege und Werk­statt der deutschen Reformation, ward reich an Ruhm und Ehren. Kein Wunder, daß bei dem Herrannahen der 400jährigen Wiederkehr des Geburtstags Luthers die Augen der evangelischen Weit sich abermals hierher nach Wittenberg lenkten und der Gedanke Gestalt ge­wann, die Schloßkirche, welche die Stätte der ersten reformatorischen That gewesen und in der neben den irdischen Ueberresten der ersten Schirmherren der evangelischen Kirche die Gebeine Luthers und Melanch- thons ruhen, würdig wiederherzustellen. Dieser Gedanke fand vollen Anklang in den Herzen meiner in Gott ruhenden Vorfahren, des Kaisers und Königs Wilhelm I. und des Kaisers und Königs Friedrich III. Majestäten. Aber in ihrer hochherzigen Weise erweiterten sie den Plan dahin, durch den Erneuerungsbau zugleich ein Denkmal der Deutschen Reformation zu stiften. Nachdem mein hochseliger Herr Großvater die Bereitstellung der hierzu erforderlichen Mittel angeorbnet hatte, ergriff mein verewigter Herr Vater das Projekt mit der ganzen Wärme seinen tiefen Gemüths. Seiner unmittelbaren Anregung und Einwirkung verdanken wir bis in die kleinsten Ausgestaltungen das hehre Bauwerk, welches wir heute kirchlich geweiht haben. Fanden doch in dieser Aufgabe sein echt evangelischer Sinn und seine hohe künstlerische Begabung die schönste Befriedigung. Gott hat es nicht gewollt, daß mein unvergeßlicher Herr Vater das vollendete Werk hat schauen sollen. Nie aber wird die dankbare Nachwelt es vergessen, daß sein ginnte mit diesem Denkmal der Reformation unzertrennlich verbunden ist. Uns aber, dem lebenden Geschlecht, soll die erneute Schloßkirche nicht nur ein Zeichen der Erinnerung sein an vergangene Zeiten, sondern sie ist und bleibt uns eine ernste Mahnung für Gegenwart und Zukunft. Denn sie ist uns der beredte Ausdruck des Segens, den Gott uns durch die evangelische Kirche ge­schenkt hat und täglich aufs neue darreicht. Diesen Segen nicht verkümmern zu lassen, ihn dankbaren und gläubigen Herzens zu bewahren Unb zu pflegen, ist unsere Aufgabe. Denn auf dem gläubigen Festhalten an der ewigen Wahrheit des Evangeliums ruht unsere Hoffnung im Leben und im Sterben. Wir haben unseren Glauben heute vor Gottes Angesicht aufs neue bekannt, und wir vergessen es nicht, daß dieses Be­kenntniß uns auch heute noch mit der gesummten Christen heit verbindet. In ihm liegt ein Band des Friedens, welches auch über die Trennung hinüberreicht. Es gibt in Glaubenssachen keinen Zwang. Hier entscheidet allein die freie Ueberzeugung des Herzens, und die Er­kenntniß, daß sie allein entscheidet, ist die gesegnete Frucht der Reformation. Wir Evangelischen befehden niemand um seines Glaubens willen. Aber wir halten an dem Bekenntniß des Evangeliums bis in den Tod. Das ist meine Zuversicht, mein Gebet und meine Hoff­nung. Darin bestärkt mich der Geist, der diese Fest- versammlung sichtlich durchweht. Auf dem festen Grund unseres evangelischen Glaubens haben wir das heutige Fest feiern dürfen. Daß dies in so erhebender Weise hat geschehen können, verdanke ich vor allem den aller­höchsten und höchsten Fürsten, sowie den Regierungen der freien und Hanse-Städte des deutschen Reichs. Es drängt mich, Ihnen dafür meinen Dank zu entbieten. Der gleiche Dank erfüllt mich gegen die allerhöchste Souveräne befreundeter Reiche, welche mit uns durch das Band des evangelischen Glaubens verknüpft sind und welche ihre Theilnahme an der heutigen Feier durch Entsendung erlauchter und hoher Vertreter so bereitwillig bekundet haben. Mein Dank und meine Anerkennung gebühren endlich den Männern, welche den herrlichen Bau geschaffen, ihn so reich und sinnvoll geschmückt und dazu beigetragen haben, das heutige Fest so schön zu

gestalten. Dieser Pokal aber, den einst Luthers Lippen berührten, soll mir dazu dienen, das Wohl meiner durch­lauchtigsten Gäste daraus zu trinken. Deutschlands evangelische Fürsten und die Regierungen der deutschen freien Städte sie leben hoch!

Diese große Rede ist eine augenscheinlich Wort für Wort wohlerwogene Kundgebung. Mit großer Ent­schiedenheit wird gegen jede Verfolgung und jeden Zwang von Glanbenswcgcn Front gemacht und die freie Ueber­zeugung des Herzens als Grundlage des Glaubens als eine der wesentlichsten Errungenschaften der Reformation bezeichnet. Die Bezugnahme auf die letzten Wirren innerhalb der evangelischen Kirche ist deutlich und wird von denen auch deutlich verstanden werden, welche nichts eiligeres zu thun hatten, als die starke Hand des Staates in Sachen des Glaubens anzurufen. Würdiger konnte das Fest nicht begangen werden. Wie der herrlichste Sonnenschein dem Fest seine Gunst bezeugte, so hat auch der Geist der Versöhnlichkeit in der Lutherstadt gewaltet und die Worte, die dort erklungen sind, werden im ßaub eine gute Statt finden.

Deutsches Reich.

Berlin, 1. November. Der Kaiser gedenkt am Freitag in Stuttgart der Beisetzung der ant Sonntag ver­storbenen Königin-Wittwe Olga von Württemberg per­sönlich beizuwohnen. Wie erinnerlich war der Kaiser im vorigen Oktober bei dem Begräbniß des Königs Karl, des Gemahls der jetzt Verstorbenen, ebenfalls zugegen. Wenngleich der Tod der schon lange kränkelnden Königin durchaus nicht überraschend gekommen, ruft er doch allgemeine Theilnahme hervor, denn die feingebildete, herzensgute Fürstin hat sich in allen Kreisen des württem- bergischen Volkes lebhafte Theilnahme erworben.

Nach der amtlichen Konkursstatistik für das erste Halbjahr 1892 sind in diesem Halbjahr 1503 Konkurse mehr eröffnet worden, als im Durchschnitt des ersten Halbjahres der Jahre 1880 bis 1889. Die Zahl der Konkurse ist, verglichen mit jenem Durchschnitt um mehr als 60 Prozent gestiegen. Es betrugen nämlich im Ganzen die Konkurse im Durchschnitt der Jahre 1880 bis 1889: 2674. Dagegen ist die Zahl der Konkurse gewachsen 1890 auf 3119, 1891 auf 3723, 1892 auf 4174. Diese Erscheinung verdient alle Beachtung.

Lübeck, 31. Oktober. Die Bürgerschaft be­schloß, zum Andenken an die 750jährige Begründung der Stadt Lübeck im nächsten Johre eine Jubelfeier zu veranstalten. Das während der Cholerazeit von Hamburg hierher verlegte Militär ist heute wieder dort­hin zurückgekehrt.

Graudenz, 1. Nov. Wilddiebe erschossen den Guts­besitzer Freiherrn von der Goltz und dessen Forstgehilfen auf dem Gut Dluglimost bei Straßburg.

Posen. Zu 10169 Mk. Geldstrafe verurtheilt. Wegen Vergehen gegen die §§. 17 und 21 des Branut- meinsteuergesetzes vom 24. Juni 1887 und §. 2 des Gesetzes betreffend die Steuerfreiheit des Branntweins vom 19. Juli 1879 verhandelte am Sonnabend die Strafkammer in Posen gegen den Destillateur Leo Lewek von dort. Der Angeklagte ist beschuldigt, im Februar b. Js. die Verbrauchsabgabe von 3622 Liter reinen Alkohols nach dem Satze von 0,70 Mk. hinter­zogen und eine Rückvergütung der Branntweinsteuer für obige 3622 Liter im Betrage von 581,45 M. gewonnen zu haben, welche überhaupt nicht zu beanspruchen war. Als am 13. Februar dieses Jahres Steuerbeamte die Räume des Angeklagten, welcher die Konzession zum Denaturiren von Spiritus erhalten hatte, behufs Revision des Spiritus betraten, stellte es sich heraus, daß Lewek, um die Beamten zu täuschen, nur die Wände, die Gegen­stände im Raume und die den angeblich denaturirten Spiritus enthaltene Toune mit dem Denaturirungsmittel besprengt hatte. Die Flüssigkeit, mit welcher der Spiritus denaturirt werden muß, befindet sich in großen Ballons, welche mit einer Plombe verschlossen sind. Der Ange­klagte hat nun immer ein und denselben Ballon benutzt, denselben mit gewöhnlichem Spiritus gefüllt und die alte Plombe in äußerst geschickter Weise wieder befestigt, so daß es aussah, als wenn dieselbe erst ganz neu darauf befestigt war. Der Angeklagte bekam dann die bereits gezahlte Spiritussteuer von 70 M. für 100 Liter zurück.ezahlt und konnte nun den anscheinend denaturirten Spiritus als Trinkspintus verkaufen, so daß er an federn Liter 70 Pfg. verdiente. Der Gerichtshof verurttzeielt