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SchWernerMung

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u.Jllusnirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf

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^ 90.

Mittwoch, den 9. November

1892.

Zum Kampfe gegen Leu Wucher.

Die verschiedenen Arten des Wuchers kann man in zwei große Gruppen theilen: den Geld- ober Kredit­wucher und den Sachwucher. In früheren Zeiten überwog weitaus der Geldwucher, der dem in finanzielle Bedrängniß Gerathenen und den regelmäßigen Kredit bei Verwandten, Nachbarn und soliden Geldinstituten Scheuenden ober von einem solchen Kredit wegen der Höhe seiner Schulden und seines Leichtsinns Aus­geschlossenen mit baaren Geldmitteln beispringt und da­für drückende Bedingungen (übermäßige Zinsen, Wechsel- unterschristen und sonstige Schuldverschreibungen) auf­erlegt. Das Geheimniß des Gelingens von solchen wucherischen Geschäften liegt darin, daß das Opfer nur an seine augenblicklichen Verlegenheiten denkt und leicht sinnig auf günstige Zwischenfälle hofft, während der Geldmann die Lage von vornherein nüchtern Übersicht und je nach dem Grade der Verschuldung und des Leicht­sinns des Geldbedürftigen seine Forderungen und Maß­regeln einrichtet. Das Opfer braucht nicht gleich beim ersten Geschäfte zu Grunde zu gehen; dieses ist ofl selbst noch nicht wucherisch; die rücksichtslose Ausbeutung der Nothlage kommt erst nach dem ersten Verfalltage durch neue Geschäfte heraus, durch die der unglückliche oder leichtsinnige Schuldenmacher immer tiefer ins Ver­derbenhineingeleiert" wird, bis er eines Tages mit d.m Stock von ter väterlichen Scholle geht.

Trotzdem ist der Wucher in der Form des Geld- darleihens ein plumpes Geschäft; man kennt in der ganzen Gegend die Geldmänner bald, die sich durch solche Ausbeutung der Nothlage Anderer bereichern, und warnt vor ihnen, sodaß nur noch die Dümmsten und Leichtsinnigsten in ihre Netze gehen. Aber nicht nur deshalb hat der Wucher vielfach andere verschleierte Formen angenommen; sehr hat zur Einschränkung oes Geldwuchers das Gesetz von 1880 mitgewirkt, das die Ausbeutung der Nothlage, des Leichtsinns und der Unerfahrenheit Anderer durch Geldgeschäfte unter auf­fälliger Ueberschreitung des üblichen Zinsfußes unter Strafe stellt. Zwar sind in den neun Jahren 1882/90 nur 466 Personen wegen Wuchers bestraft worden; aber man wird aus der geringen Zahl der Straffälle vor Allem zu schließen haben, daß sich mancher ge- fürchlcte Geldwucheier, weil er nicht in einen Wucher- prozeß verwickelt werden mag, von dem Geschäft ganz zurückgezogen oder auf andere Praktiken verlegt h t.

Durch zahlreiche Erhebungen ist bestätigt worden, daß seit zehn Jahren der Sachwucher in der Zunahme be­griffen ist. Seine Hauptformen sind die Viehleihe und der Landwucher. Die Viehleihe ist namentlich in den armen Gegenten der Eifel, des Westerwalds und des Hunsrücks zu Hause. Dem Bauer werden gering werthige Kühe leihweise unter Theilung des Bruttomitzens ober gegen die Verpflichtung, gleichzeitig ein Stück Jungvieh aufzuziehen, überlassen. Der Vortheil ist ganz auf Seiten des Verleihers und steigert sich durch drückende Bedingungen, die für den Fall der Nicht­erfüllung des Vertrags gelten. Die Abschlagszahlungen werden auf Termine gelegt, an denen der Bauer erfahrungsmäßig nicht bei Gelde ist; kann er nicht zahlen, so wird er gezwungen, Land billig zu verkaufen ober Waaren theuer zuzukaufen, womit die wucherische Viehleihe in Land- und Waarenwucher übergeht. Bei dem Landwucher, wie er in Rheinland, Hessen, Elsaß Lothringen tc. betrieben wird, tritt der Wucherer meist als Vermittler für den Grundstücksverkehr auf. Die Verhandlungen geschehen in der Schänke bei freier Zeche für die Landleute, was namentlich auch bei Versteigerungen zum Schaden der erhitzten Bieter sehr im Schwange ist. Meist werden Käufer und Verkäufer gleichzeitig hinein­gelegt, indem der Käufer über seine Kräfte geht und der Vermittler dem Verkäufer die langfristige Forderung mit Nutzen abkauft.

Mit dem Strafgesetz allein wird die Wucherkrankheit niemals auszurotten sein, weil man damit den Ursprung des Uebels, die wirthschosiliche Nothlage und den Leicht­sinn einerseits, die rücksichtslose Geldgier andererseits, nicht beseitigen kann. Aber deshalb braucht man auf die Hilfe des Slrofgesctzes im Kampfe gegen den Wucher in feinen verschiedenen Formen, und namentlich den bisher vom Strafgesetz nicht getroffenen, keinesweg zu verzichten. Der Verein gegen deu Wucher im Saar- gebiet, der durch bessere Organisation des Credits, durch

Lehre und Agitation in Wort und Schrift schon manchen Wucherer das Handwerk gelegt hat, ist in einer Petition an den Reichstag entschieden dafür eingetreten, daß die strafrechtlichen Vorschriften aus alle belastenden Verträge, also nicht bloß das Gelddarlehn, erstreckt und Maßregeln gegen gewisse Erscheinungen des wucherischen Treibens, wie die Verabreichung geistiger Getränke bei Land Versteigerungen, ergriffen würden. Ebenso erachten auch zahlreiche andere Sachverständige eine weitere Erschwerung des Wuchers im Sträfgesetzbuche für erforderlich. Wie dem entsprochen werden könnte, soll demnächst aus­geführt werden.

Die europäischen Heere.

DasMilitär-Wochenblatt" hat in zwei beachtens- werlhen AufsätzenDer Zukunftskrieg und die öffentliche Meinung" sich zur Aufgabe gestellt, vor unbegrünbetem Optimismus, der nach der Ansicht des Verfassers hin­sichtlich des Verlaufs eines etwaigen großen europäischen Krieges herrsche, zu warnen und im Zusammenhang damit die Tendenz der Militärvorlage zu vertreten. Der Verfasser führt zunächst aus, daß in der öffentlichen Meinung Deutschlands eine Zuversicht auf den Erfolg in einem etwaigen großen Krieg herrsche, die leicht in eine Unterschätzung der eventuellen Gegner ausarten könne. In der Armee bestehe eine solche nicht; hier würdige man vielmehr durchaus die Bedeutung der gegnerischen Heere. Im Krieg von 1866 hatten wir die Ueberlegenheit des Zündnadelgewehrs; 1870, als die Ueberlegenheit des französischen Gewehrs über das unsrige sich sehr stark geltend machte, die der Artillerie, zugleich im Anfang die der Zahl und später, als Gam- vettas Massenaufgebote ins Feld rückten, die innere Ueberlegenheit wirklicher Armeen über diese; zugleich hatten wir in jenen Kriegen Moltke als Feldherrn. Mit allen diesen Faktoren dürfe für den Zukunftskrieg nicht gerechnet werden.

Was den kriegerischen Werth der einzelnen Heere betrifft, so würde es ein gewagtes Unternehmen sein, irgend einem Heer a priori ein moralisches Usbergewicht zusprechen zu wollen. Die Ausbildung der Heere aller europäischen Großmächte befindet sich augenvlickUh so ziemlich auf gleicher Höhe. Die nationalen Eigenthümlich­keiten bringen es mit sich, daß Unterschiede obwalten; der Deutsche schießt kaltblütig; der Franzose benutzt das Gelände mit besonderem Geschick; der Russe erträgt ausgezeichnet Strapazen und ist sehr genügsam; ein deutsches bezw. ein österreichisch - ungarisches Reiter- Regiment wird bei einer Attake auf ein gleich starkes Reiter-Regiment einer anderen Nation voraussichtlich den Sieg davontragen u. s. w. Aber alle diese Eigen­thümlichkeiten gleichen sich mehr ober weniger aus; dem etwaigen Plus auf einer Seite steht alsbald wieder ein Minus auf derselben Seite gegenüber. Es wird mit­unter behauptet, daß die russische Infanterie für das moderne Jnfanteriegewehr weniger geeignet sei, als z. B. die deutsche Infanterie; das ist möglich, indessen würde es nicht richtig sein, wenn man eine solche Möglichkeit als einen von Hause aus feststehenden Faktor in Rechnung stellen wollte. Auch die Bewaffnung der verschiedenen Heere wird sich im Wesentlichen als gleich- werihig erweisen; auf eine Ueberlegenheit in dieser Richtung zu rechnen, dürfte keinem einzigen Heer anzu- rathen sein. Maßgebend wird also nur die im Krieg zu beweisende höhere Tüchtigkeit des einen oder des anderen Heeres bleiben. Wer aber wollte sich vermessen, darüber schon im Frieden prophetische Offenbarungen zu äußern? Was die Führung anbetrifft, so stehen wir hier erst recht vor einer unbestimmbaren Größe. Wir hoffen auf die hervorragende Tüchtigkeit unserer deutschen Generale. Die Franzosen vertrauen, von ihrem Stand­punkt aus mit demselben Recht, auf die Leistungen ihrer Generale in einem etwaigen Krieg. Genau ebenso ergeht es den übrigen Großmächten. Nur ein Krieg kann darüber entscheiden, wer sich in seinen Hoffnungen getäuscht sehen würde.

Der Verfasser vergleicht nun die Stärke der Heere des Dreibundes, sowie Frankreichs und Rußlands, wobei er sich an die Friedensheere, als an den sichersten Maßstab hält, der auch darum zulässig sei, weck alle die in Frage kommenden Mächte in ziemlich der gleichen Art die Kriegsformationen aus denen der Friedensheere I entwickeln. Er gelangt in folgender Tabelle:

Italien

346 Bat., 144 Schwadr. 207 Battr.

Oesterreich-Ungarn 458

264

II

241

Deutschland

538

372

H

434

Frankreich

584

364

W

480

Rußland

963-/2

608

W

388

Summcriren

wir, so

ergibt sich,

daß

der Dreibund

1342 Bataillone, 780 Schwadronen, 882 Batterien hat,

dagegen Frankreich und Rußland zusammen 1547 */* Bataillone, 972 Schwadronen, 868 Batterien. Der

Dreibund würde somit 14 Batterien mehr haben, da­gegen 104'/-Bataillone und 192 Schwadronen weniger, als Frankreich und Rußland zusaminengenommen.

Deutsches Sketch.

Berlin. S. M. der Kaiser ist Freitag Abend von Stuttgart abgereist und Sonnabend morgen, einer Ein­ladung des Grafen von Wedel - Piesdorf zur Jagd folgend, in Piesdorf eingetroffen. Sonntag morgen erfolgte die Abreise nach Potsdam, woselbst S. W. um '/2 2 Uhr Nachmittags eintraf. Montag gedenkt der Kaiser sich nach Stettin zu begeben, von wo aus dann, nach Besichtigung der Werft desVulkan", am Nachmittag die Weiterreise nach Kiel erfolgen soll.

In mehreren konservativen Provinzialblättern wird hervorgehoben, daß die Kaiserrede in Wittenberg in vollem Einverständniß mit den bei der Feier in erster Linie in Betracht kommenden Ministern verfaßt worden ist.Gutem Vernehmen nach" sei die Rede nicht nur mit dem Reichskanzler, sondern auch mit dem Kultus­minister in ihren Grundzügen vom Kaiser berathen worden.

Im Kultusministerium besteht die Absicht, ein Lehrerinnenheim zu errichten. Der Kultusminister wird sich, wie dieKreuzztg." vernimmt, binnen kurzem nach Elbmgerode begeben, wo ein jetzt unbenutztes Malisches Gebäude (ehemaliges Landrathsamt) vorhanden ist. Wenn sich dasselbe für ein solches Heim eignet, dürften die betreffenden Anträge in den Etat eingestellt werden.

* Der preußische Eisenbahnminister hat den Eisen- bahn-Direklionen durch Erlaß mitgetheilt, daß sich ein erhöhter Schutz der von der Eisenbahn durchschnittenen Waldungen, insbesondere Nadclholzwaldungen, gegen Entzündung durch Funkenauswurf der Lokomotiven durch Aufforstung der vorhandenen Forstschutzstreifen mit Laub­holz erreichen lasse. Außerdem wird sich das Wundhalten eines etwa 2 Meter breiten Streifens oder die Anlegung eines Grabens zwischen der Laubholzwaldung und der zu schützenden Forsten empfehlen.

Interessant ist eine Nebeneinanderstellung der Erfolge des DistanzrittesWienBerlin und der Staffeten- fahrt BerlinKöln, welche letztere s. Zeit von Radfahrern ausgeführt wurde. Die Strecke BerlinWien beträgt 580 Kilometer. Sie wurde vom besten Reiter in 71 Stunden 35 Min. zurückgelegt. Die Strecke Berlin- Köln ist 611 Kilometer lang und wurde von den besten Radfahrern in 28 Stunden 37 Min. durchmessen. Man steht hieraus den gewaltigen Vortheil des Rades gegen­über dem Pferde.

* Die Influenza in Sicht! Die heimtückische Krankheit, welche in den letzten zwei Jahren zahlreiche Opfer gefordert, ist wieder im Auftauchen begriffen. Während der letzten Wochen wurden in Berlin bereits verschiedene Influenza-Erkrankungen gemeldet. Dieselben nehmen insgesammt einen ziemlich milden Verlauf, doch dürfte die Krankheit bald bösartiger auftreten, denn die eigenartige Witterung begünstigt sie in hohem Maße.

Die Cholera kann in Deutschland als erloschen gelten. Nur ganz vereinzelte Fälle kommen hier und da noch vor; nichlsdestoweniger geschieht Alles, um gegen ein etwaiges Wiederauftauchen der Epidemie nach Ablauf des Winters gewappnet zu sein. Im Reichsgesundheits­amte wird das Material an Erfahrungen, welches die verflossene Epidemie gebracht hat, sorgsam gesichtet und geprüft, und man hat insofern einen wesentlichen Fort­schritt konstatiren können, als geschulte Kräfte heute in der Lage sind, binnen 24 Stunden das Vorhandensein von Komma-Bazillen mit Sicherheit festzustellen.

In dem Kampfe zwischen Panzer und Geschütz, der noch nicht beendet ist, scheint im Augenblick der Panzer den Sieg gewonnen zu haben. Er ist nämlich nicht nur bis zu einer Stärke von 60 Zentimeter ge­wachsen, sondern erhält durch besondere Legirung auch eine bedeutendere Wiederstandsfähigkeit. Zuerst nahm man gewalztes Eisen, dann, mit der wachsenden Dicke,