SchlüchternerMung
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „JUustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
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Samstag, den 12. November
Deutsches Reich.
Kiel, 9. Nov. Se. Majestät der Kaiser begab sich heute früh 9 Vz Uhr an Bord des Flaggsch fsis „Baden" und ging um 10 Uhr auf demselben in See, begleitet von den Panzerschiffen „Bayern" und „Württemberg", den Avisos „Greif" und „Meteor", sowie dem Transportdampfer „Pelikan". Se. Majestät der Kaiser ist um 123M Uhr mit dem Geschwader aus See zurückgekehrt und mit Sr. Königl. Hoheit dem Prinzen Heirich sowie dem Admiral v. d. Goltz nach der Jensenbrücke gefahren. Von da begab sich Se. Majestät um 1 Uhr 8 Min. per Bahn nach Grünenthal zur Besichtigung der großen Kanalbrücke. — Ihre Majestät die Kaiserin kehrte heute Nachmittag 5 ’/» Uhr von Grünholz hierher zurück und setzte alsbald die Reise nach Neumünster fort, woselost Allerhöchst dieselbe mit Sr. Majestät dem Kaiser zusammentraf. Beide Majestäten traten um 6 Uhr Nachmittags die Rückreise nach Potsdam an. Se. Königliche Hoheit der Prinz Heinrich, welcher Se. Majestät bis Neumünster begleitet hatte, ist von da nach Darmstadt abgereift.
Aus Nordschleswig, 4. November. Wie man in den Kreisen Sonderburg und Hadersleben großartige Hochzeiten gewinnbringend Veranstalter, berichtet ein Blatt: Ein Tischler in Sonderburg feierte vorgestern seine Hochzeit und lud 500 Säfte ein, von denen zwar 2—300 fernblieben. Solche Vorkommnisse sind nicht selten. Leute, die mit den Brautleuten kaum in Berührung gekommen, ganze Familien, Dienstherrschaft, Gesinde tc. werden eingeladen. Die Theilnehmer bringen Löffel, Gabel und Messer in zierlichem Besteck mit zu Tische und laben sich an den mannigfaltigen Gerichten ut b an der Tafelmusik, bis in den Abendstunden Tanz und Spiel beginnt. In den meisten Füllen ist eine solche Feier für das Brautpaar äußerst gewinnbringend. Der BräuUzam zahlt für das Paar der erschienenen Gäste etwa 5 Mark an den Hotelbesitzer, erhält jedoch bei dem Einsammeln der Hochzeitsgaben während des Schmauses durchschnitt ich 5 Thaler in die geräumige Sammelterrine, außerdem haben die Gäste sämmtliche Kosten für die Musik zu entrichten. Im Kreise Hadersleben ist neuerdings diese Unsitte polizeilich untersagt worden.
Bei der Bildung des Gewerbegerichtes in Barmen hat sich ein bemerkenswerther Zwischenfall ereignet. Als die Mitglieder — zwölf Arbeitgeber und Arbeitnehmer — den Amtseid schwören sollten, daß sie nach Recht und Gesetz, nach bestem Wissen und Gewissen urtheilen wollten, erklärten sieben der Arbeitnehmer, daß sie Atheisten seinen und nicht schwören können: „So wahr mir Gott helfe!" Da ihnen bedeutet wurde, daß sie unter diesen Umständen nicht Mitglieder des Gewerbegerichts sein könnten, erklärten sie sich bereit, auf Verlangen die Formel nachzusprechen, sie würden sich aber nichts dabei denken, sondern nur damit ausdrücken, daß sie nach bestem Wissen und Gewissen urtheilen wollen. Hierauf wurden die Betreffenden zum Eide zugelassen.
Vom Rhein. Was der Vater Rhein kostet. Welche ungeheueren Summen für Verbesserung des Fahrwasser, Stromregulirung und Uferschutz seit 1831 von sämmtlichen Rheinuferstaaten aufgewendet wurden, mögen die folgenden Zahlen barlegen: von 1831 — 1850 = 36z/a Millionen Mark, von 1851 — 1870 ----- 91 Millionen Mark und von 1870 — 1890 ----- 105chs Millionen Mark, also 234'/B Millionen Mark.
— In Stolberg bei Aachen ist in diesen Tagen der höchste Schornstein Deutschlands, vielleicht sogar des ganzen Continents fertig gestellt worden. Derselbe hat eine Höhe von 122,15 Meter und steht auf einer Bergkuppe, die um 80 Meter über die Umgebung hinaus- ragt. Die lichte Weite ist unten 5 Meter, oben nahezu 3 Meter. Das Mauerwerk ist unten 1.70 Meter und oben noch 40 Centimeter stark. Die Säule ist auf eingemauerten eisernen Treppen zu ersteigen. Der Bau hat sechs Monate in Anspruch genommen und ist ohne Unfall ausgesührt worden.
Die Geschichte von der „Katze im Bier" aus München erinnert an eine frühere, wohl verbürgte Thatsache. In einer Landbrauerei fehlte in Folge der Trockenheit das Onellwasfer zum Brauen. Man sah sich genötigt, einen Teich auszupumpen, und beim Kochen schwammen auf der Braupsanne Frösche, Kröten, Molche und dergleichen appetitliche Wasserthieren mehr. Dieselben wurden aber reinlich abgeschöpft und als der Brauer mit schweren Sorgen das Bier fertig in den Fässern hatte, hatte er
kaum den Muth, es abzuzapfen. Aber, o Wunder! Noch nie war der Stoff so kräftig gewesen und hatte den Trinkern so trefflich geschmeckt; das Rezept war gefunden und hinfort wurde das Teichwasser mit bestem Erfolg zum Brauen verwendet.
Aus Schlesien. Wie die „Schles. Ztg." meldet, beabsichngt die 3nvalibität§= und Altersversicherungsanstalt in Schlesien zur Beförderung des Baues von Arbeiterwohnungen an Gemeinden, milde Stiftungen, Unternehmungen und Arbeitgeber jährlich bis zu einer Million Mark zu 3 Prozent bei regelmäßiger Tilgung innerhalb längstens 50 Jahren auszuleihen. Als Be- leihungsgreuze seien 80 Prozent des Platz- und Bauwerthes der Grundstücke angenommen.
Ausland.
Oesterreich. Der in Olmütz neugewäylte Fürsterzbischof Dr. Kohn soll in seinen ersten Lebenslagen noch Jude gewesen sein. Jedenfalls war sein Vater, zeit- weiser Tagelöhner, ein getaufter Jude. Gottes Segen bei Kohn!
Schweiz. Schon wieder ein neues Gewehr, aber diesmal das non plus ultra von Einfachheit und mörderischer Abgefeinuheit zugleich: Gewicht bloß 3 ’/a Kilo, Kaliber OVa mm, Anfangsgeschwindigkeit 750 m in der Sekunde, Tragweite bis 6000 m, Magazinsystem zu 6 Patronen, Handhabung lächerlich einfach, Man- licher, Mauser, Lebet, Vetterli vollständig übertrumpft und nur noch gut genug, um in's Innere Afrikas eingeschmuggelt zu werden. So berichten Berner Blätter über dieses neue Gewehr, das einen belgischen Haupt- mann Namens Marga zum Erfinder hat und mit dem soeben auf der Schießschule von Thun Versuche gemacht worden sind.
Belgien. In Brüssel fanden am Montag Abend arge Krawalle statt. Die Sozialdemokraten zogen in Trupps von mehreren tausend Mann durch die Straßen, johlten, saugen und verübten allerlei Unfug. Es gelang erst, Ruhe zu schaffen, als das Militär aufgeboten wurde, das die Straßen und Plätze besetzte, während Polizei und Gensdarmen die Haufen zerstreuten. Auch in Gent und in Lüttich sind Unruhen vorgekommen.
Paris 8. Nov. Heute Mittag erfolgte eine gewaltige Explosion im Locale des Polizeibüreaus in der Avenue de le Opera. Der Knall glich einem lOOfachen Kanonenschuß. Als der Rauch sich verzogen, gewährte man die Ueberrefte von fünf Personen, Polizeibeamten, in Fetzen gerissen. Ein weiterer Polizist, der zur Hilfe herbeieilte, brach vor Entsetzen todt zusammen. Zwei Stockwerke des Gebäudes sind völlig zerstört. Die Wände, die noch stehen sind, dick mit Blut bespritzt und in unentwirrbarem Haufen liegen menschliche Gliedermaßen, Eingeweide, Kleiderreste, Papiere, Schutt, Steine und Holzsplitt-r herum. Man vermuthet als Urheber die Anarchisten. Die Untersuchung ist eingeleitet worden.
Petersburg. Eine fürchterliche Entdeckung hat die Polizei in dem Bezirke Tocisky in Polen gemacht. Während sie das Haus eines Mannes, der als Schmuggler verdächtig war, durchsuchten, stießen sie im Keller auf 19 Leichen, Frauen und Männer, sämmtlich bereits stark verwest. Man weiß noch nicht, ob es sich um ein Verbrechen handelt oder ob der Keller als geheimer Be- gräbnißplatz benutzt worden ist.
Nordamerika. Die Wahl der Wahlmänner zur bevorstehenden Präsidentenwahl fand am Dienstag statt. Es wird darüber telegraphirt: Der entscheidende Sieg Clevelands in Stadt Und Staat Newyork, sowie seine Erfolge in Ncw-Jersey, Jndiana, Connecticut, Virginia und Süd-Karolina lassen nach dem allgemeinen Urtheil seine Wahl als vollständig gesichert erscheinen. Die Wahlsiege Clevelands übertreffen selbst die kühnsten Erwartungen seiner Anhänger. Cleveland siegte außer in Illinois auch in Georgia, Westvirginia, Mississippi, Texas, Alabama und Tennessee. In der Stadt Newyork betrug Clevelands Majorität 76,125 Stimmen. Die gestrige Wahl in den Vereinigten Staaten hatte unstreitig für Europa größere Bedeutung als jemals zuvor. Mit um so lebhafterer Genugthuung begrüßen wir das für uns erfreuliche Ergebniß. In dieser Frage trennt selbst uns Deutsche kein Unter- schied der Parteien. Unsere deutschen Schutzzöllner haben allen Grund, sich über die Niederlage der nord- amerikanischen Prohibitionisten nicht minder zu freuen als die Freihändler. Der Triumph Clevelands, des
gemäßigten Freihändlers, bedeutet die völlige Niederlage des übertriebenen Schutzzollsystems; wie eine Fluthwelle haben sich die Wühlermassen der Vereinigten Staaten erhoben und die republikanischen Beutepolitiker Hin- weggefegt.
San Franzisko, 7. November. Der vom Walfischfange im nördlichen Eismeere hier eingetroffene Dampfer „Belum" meldet, daß die Walfischfänger-Bark „Helene Mar", als dieselbe sich anschickte, einen Walfisch einzu- fangen, durch eine Sturzwelle in die Höhe gehoben worden und zwischen zwei Gletschern zerschellt sei. Fünfunddreißig Menschen seien dabei umgekommen, nur fünf seien unversehrt geblieben.
Lokales itstb provinzieller.
Schlächtern, 11. November.
* — Im Kreise Schlüchtern sind im Jahre 1891 nach der Geschäftsübersicht der Generalbrandkasse folgende Brandschäden vorgekommen: Am 28. Februar in Elm das Wohnhaus Nr. 89'/-, Eigenthümer Postbote C. Zinkan, Entschädigung 2386 Mk. 50 Pfg.; am 4. Jun. in Sterbfritz die Kirche mit Thurm, Entschädigung 959 Mk. 11 Pfg.; am 2. Juni in Gomfritz das Wohnhaus des Joh. Ullrich, Entschädigung 215 Pik. 23 Pfg.; am 30. Juni in Schlüchtern das Wohnhaus Nr. 5 nebst Hinterbau des Bierbrauers Thaler, die „Bierhalle", Entschädigung 3787 Mk. 28 Pfg.; am 26. Juni in Marjoß das Wohnhaus des Häfners Nicol. Schultheiß, Entschädigung 87 Mk. Außerdem erhielt noch Herr Rentier C. E. Zimmer auf dem Elisabethenhof bei Ulmbach aus Anlaß des Brandes der Scheuer am 18. Oktober 1890 Mk. 758 Entschädigung.
* — Nach einer Verfügung des Reichs-Postamts dürfen fortan Eilbriefe, wenn die Empfänger beim ersten Bestellversuche nicht anzutreffen sind, in die Hausbriefkasten gelegt werden. Ausgenommen sind diejenigen Eilbriefe, die den Vermerk „eigenhändig" tragen.
* — Ueber die grundsätzlich wichtige Frage, ob zu den Einquartierungslasten nicht allein die Hausbesitzer, sondern auch die Miether herangezogen werden können, waren in Lauban Meinungsverschiedenheiten entstanden, welche zu Beschwerden an den Regierungspräsidenten und darauf an den Oberpräsidenten führten. Letzterer hat nun folgende für die ganze Prozinz Schlesien gütige Verordnung erlassen: Auf die gegen den anbei zurück- folgenden Bescheid des königl. Regierungspräsidenten zu Liegnitz vom 25. Mai er. betr. die ortsstatuarische Vcr- lheilung der Quartierleistungen der Stadt Lauban ein» gereichten Beschwerde vom 2. Juni ds. Js. erwidere ich Ew. Wohlgeboren ergebenst, daß die in derselben geltend gemachte Auffassung, daß nach den Bestimmungen des Quartierleistungsgesetzes und der Ausführungs- instruknon hierzu sämmtliche Inhaber von Wohnungen, also auch die Miether zur Quartierlast heranzuziehen seien, nicht als zutreffend erachtet werden kann. ES bestehen mithin auch keine Bedenken gegen die Bestätigung eines Ortsstatuts, welches die Quartierlasten den Hausbesitzern ausschließlich auferlegt, sofern bei der Vertheilung der Last nur im Großen und Ganzen das Verhältniß des bequartierungsfähigen Raumes festgehalten werde.
Salmünster. Die hiesige Apotheke wurde von dem Apotheker Herrn Wilhelm Breitwieser käuflich übernommen
Frankfurt a. M., 7. Nov. Der Taglöhner Jakob Fries verunglückte dadurch, daß er beim Aufziehen von Mörtel von einem Neubau der Blücherstrabe herunterfiel, wobei ihm der Mörtel die Augen total füllte. Unter gräßlichen Schmerzen wurde er nach der Sanitätswache der Frankfurter Freiwilligen Retiungsgeiellschaft gebracht, wo man ihm die Augen reinigte und die großen Schmerzen linderte. Es ist zu hoffen, daß auf dem linken Auge das Sehvermögen erhalten bleibt.
Frankfurt ß. M., 7. Nov. Das Schwurgericht verurtheilte heute Charles O'Connel, welcher am 1. Juli d. I, in Gemeinschaft mit einem entkommenen Genossen, einem Lehrlinge des hiesigen Bankhauses Gebrüder Wolfs einen von der hiesigen Reichbauk-Haupt- stelle erhobenen Betrag von 224,000 Mk. geraubt hatte, zu zwölf Jahren Zuchthaus.
Frankfurt a. M., 7. November. Nahe an 200 Barbiere und Friseure haben vor wenigen Tagen durch das Amtsgericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft Straszettel in der Höhe von Mk. 2 nebst Mk. 1,20 Kosten zugest.llt erhalten, wegen Uebertretung der ' Sonntagsruhe. Sämmtliche Betroffenen haben Einspruch