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Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u.Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg

Mittwoch, den 1. Februar

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Eine Rede, welche Hosprediger a. D. Stöcker auf dem Kaiser- Kommers des Vereins deutscher Studenten hielt, wird auch an dieser Stelle vielleicht gern gelesen werden, weil sie die Stimmung dieser Tage mag sie auch in manchem einzelnen Punkte den Widerspruch hcraus- fordern durchweg richtig und dazu mit einem Ge­misch von jugendlichem Feuer und Bierhumor zum Aus­druck bringt. Er sagte:

Wie die Flecken am Himmel, so lösen sich diese Januartage in lauter geschichtlich glänzende Sterne auf: Die Stiftung des Schwarzen Adlerordens, die Er­hebung Preußens zum Königreich, die Gründung des deutschen Kaiserreichs, die Erinnerung an große Schlachten im letzten Kriege. Damit die Tragik nicht fehle, sind diese Tage umrahmt von dem Todesurtheil und der Hinrichtung des unschuldigen schwachen Königs drüben in Frankreich. Der Humor aber kommt durch die Thatsache zum Ausdruck, daß am 17. Januar Falk Kultusminister und daß an demselben Tage, aber viel früher, Windhorst geboren wurde. Der war also auch in dieser Be­ziehung früher aufgeftanben. Der Blick führt uns auch weiter auf den 27. Januar, den Geburtstag unseres geliebten Kaisers und Königs, und es ist mein Wunsch, daß dereinst, wenn ein berufener Mann die Geschichte dieser Tage schreibt, auch der 18. Januar 1881 als Gründungstag der Vereine deutscher Studenten eine geschichtliche Bedeutung erlangt (Beifall.) Auch des 21. Januar will ich noch gedenken. Im Jahre l 813 gingen an diesem Tage Stein und Arndt hinauf nach Königsberg, um den großen Volks­krieg anzuschüren, unter dessen gewaltigen Schlägen Napoleon zuletzt zusammenbrach, weil er dem Geist des Volkes nicht gewachsen war. Man weiß, wie diese Männer auch einmal als Demagogen verschrieen worden sind. (Beifall.) Wir befinden uns also, wenn wir! demagogisch genannt werden, in sehr guter Gesellschaft. (Stürmischer Beifall.) Liebe junge Freunde! Ich bin so ein unverbesserlicher, entschlossener Demagoge. (Bravo!) Nun soll ja hier in dem Verein deutscher Studenten nach der Meinung sehr gelehrter, weiser und ausgezeich­neter Männer nicht bloß Demagogie, sondern jede Politik gänzlich verboten sein. Ich habe mir aber vor­genommen, an diesem Abend nicht nur Politik, sondern Demagogie hier zu treiben. (Beifall.) Da liegt z. B. zuerst die Militärpolitik in der Luft. (Heiterkeit.) Ich finde, daß die akademische Jugend sehr viel besser daran ist, als die Soldaten; es kann bei ihr nicht darauf ankommen, ob zwei- ober dreijährige Dienstzeit ein­geführt wird. Sechs Semester sind bekanntlich das Minimum. Eine Herabsetzung steht nicht in Aussicht, höchstens eine Erhöhung. Und wenn man die 65 Millionen, die die Militärvorlage beansprucht, 'als neue Wechsel für die akademische Armee kriegen könnte (Stürmischer Beifall), so würde ein grenzenloser Jubel durch die deutsche Jugend hindurchgehen. Aber ich fürchte, die Trauben sind sauer. (Heiterkeit.) Noch Eins wollen wir uns vornehmen: Das ist die Erfüllung des ge­sunden Gedankens, der in der Armeevorlage liegt; der Gedanke, daß Jedermann, der wehrfähig ist, auch wehr- tüchtig gemacht werden muß. (Bravo!) Das ist auch auf dem Gebiet des Geistes gut. In der Geister­schlacht ist es noch viel nöthiger. Zu dieser rufe ich die akademische Jugend auf. Es gibt auch da Einjährig- Freiwillige, die, nachdem sie eine kurze Zeit das Studentenleben geschmeckt haben, davongehen. Es gibt auch Dispositionsurlauber mit zwei Jahren, die aber meistens wegen Indisposition abgehen. (Heiterkeit.) Es gibt auch drei- und mehrjährige. Man spricht von Leuten mit 30 und 40 Semestern ! Das muß eine un­geheure Wißbegierde sein. (Heiterkeit.) Ich möchte Alles, was studirt. Alles was an der Universität ist, auffordern zum Kampf, zur Arbeit, zum Kriege für das Vaterland und für die Kirche. Wir denken dabei an die Feinde in West und Ost und auch an Orientalen, die, wenn sie auch nicht gerade russischer Abkunft sind, doch aus Rußland herüberwandern. (Heiterkeit. Beifall). Der ernste Geisterkampf für die Jugend ist schwer; Jeder muß ihn erst lernen. Jeder muß marschiren lernen. Nicht wie in Frankreich, das an der Spitze der Zivilisation zu marschiren wähnt. (Heiterkeit.) Jeder soll auch reiten

lernen! Nicht zu sehr auf Prinzipien, aber Festhalten am Prinzip! In der Lektion des vorigen Sonntags steht:

am Prinzip! In der Lektion des vorigen Sonntags steht: trügerische Entdeckung von Golderzen durch die Hanget dem Guten an, Hasset das Arge! Dazu rufe ich australischen Digger, welche früher nach Südwestafrika die Jugend auf. Kämpfet für das Gute bis zum letzten! gekommen waren.

Mann, bis zum letzten Blutstropfen, aber hasset auch das Böse! Wer nicht hassen kann, kann auch nicht lieben. Das scheint mir das Schlimme an dieser Zeit, das wir nicht hassen sollen, daß man nicht hassen kann, sondern daß man halb und halb und grau in grau dahin lebt. Wir wollen aber das Schlechte, das Verderbliche hassen, bekämpfen, besiegen. (Beifall.) Ich sollte meinen, gegen solche demagogische Militärpolitik dürfte selbst unser Kanzler nichts einzuwenden haben.

Ich komme zur Steuerpolitik. Zuletzt findet es Jedermann richtig, sich selbst einznfchätzen. Aber nicht nur das irdische Gut sollen wir freudig opfern, sondern auch unsere ganze Persönlichkeit einsetzen für König und Vaterland, für das irdische Reich und für das Reich Gottes. Mein Freund, Professor Wagner, beklagte sich, daß so wenig Professoren hier seien. Wenn ich fünf bis sechs Amtsbrüder mir gegenübersehe, so könnte ich sagen, wir Pastoren sind doch bessere Menschen. Aber auch davon sind nicht genug hier. Es ist mein Wunsch und meine Bitte, daß in diesem nationalen Kampf um deutsche Ehre und Herrlichkeit recht viele Offiziere und Generale aus dem Lehr-, Wehr- und Nährstand an der Spitze der akademischen Jugend stünden.

Auch ein Stückchen Kolonialpolitik will ich anfügen. Mancher hat sie nicht gern. Der Kanzler meinte ein­mal, man könnte uns nichts Schlimmeres thun, als uns ganz Afrika schenken. Ich würde es doch nehmen und auch nichts wieder davon an die Engländer ab­geben! (Stürmischer Beifall.) Alle großen Nationen, die überschäumende Kraft in sich fühlten, haben ihren Fuß über das Meer gesetzt. In einem Punkt der Kolonialpolitik sind alle Parteien einig: Darin, daß jenen räuberischen Garden in Afrika, jenen Arabern, die auch Semiten sind (Heiterkeit), das Handwerk gelegt wird; die, um einen Sklaven wegzuführen, zehn andere Menschen tobten; die Alles vernichten und versengen; auf deren Wegen kein Gras mehr wächst; die das Glück der Völker zerstören. Das ist mal ein Stück deutscher Einigkeit! Nun könnte man ja allen Parteien zurufen: Willst Du in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah! (Große Heiterkeit. Stürmischer Beifall.) Nun meine Freunde, ich will ja keine Politik treiben. Aber es läge doch nahe, daß Einige sagten, daß auch bei uns die Sklaverei herrsche, und daß es bei uns Semiten, Nomaden gebe, die unsern Wohlstand zer­stören, um sich zu bereichern. (Lebhafter Beifall.) Auch hier könnte kräftige Kolonialpolitik getrieben werden mit einem Gouverneur, auch mit einer Schutztruppe! Aber mit keiner solchen, an deren Spitze Herr Rickert steht. (Lebhafter Beifall.) Vielleicht erleben wir es noch.

Die höchste und die tiefste Politik, die Jung und Alt zu treiben hat, ist aber die Reichsgottes-Politik, die uns vom Unfrieden der Welt hinausführt zum Königreich der Himmel, wie es Christus genannt hat. Das ist ein Reich, das nicht blos in der Zukunft liegt, sondern das ist ein soziales, sittliches, vaterländisches Reich der Liebe, der Sympathie der Geister und das ist der Schlußstein aller Politik. Das möchte ich den jungen Freunden aus Herz legen. Gott segne Sie Alle!"

Während Hofprediger Stöcker durch die Chargirten an seinen Platz zurückgeleitet wurde, erhoben sich alle Anwesenden und brachten ihm ein brausendes Hoch aus. Der Präses rief seinerseits dem Redner ein dreifaches Heil" zu, in welches die Anwesenden wiederum begeistert einstimmten. (Tägl. Rundschau.)

Deutsches Reich.

Berlin, 28. Jan. Die fürstlichen Gäste haben fast sämmtlich Berlin wieder verlassen. Am Sonnabend reisten die vornehmsten derselben: die Könige von Sachsen und Württemberg und der russische Thronfolger. Der Kaiser begleitete seine Gäste bis zum Bahnhöfe, woselbst er von ihnen herzlichen Abschied nahm.

Im Auswärtigen Amt in Berlin ist, wie die National-Ztg." berichtet, die Nachricht ein getroffen, daß ein Zollbeamter an der Mündung des Schwakop im südwestafrikanischen Schutzgebiet Waschgold gefunden hat. Proben sind in Berlin angekommen. Wir wollen hoffen, daß der Fund sich werthvoller erweist, als die

Die Berliner Centralmarkthalle ist von einer furchtbaren Brandkatastrophe Heim,gesucht worden, die nicht weniger als zwölf Stunden hindurch die außer­ordentlichsten Anstrengungen der Berliner Feuerwehr er­forderlich machte. Mehrere Feuerwehrmänner erlitten Verletzungen oder wurden durch den furchtbaren Qualm ohnmächtig und mußten ins Lazareth geschafft werden. 21 Mann wurden wegen vollkommener Erschlaffung nach Hause geschafft. Ein Theil der Markthalle wird einige Zeit nicht benutzt werden können. Die beschädigten nnd vernichteten Waaren sind bei der Aachen-Münchener Fenerversicherungs- Gesellschaft mir 600 000 Mark ver­sichert. Der Gesammtschaden beläuft sich aber nach Aussagen von Sachkennern in die Millionen.

Bon einem überaus merkwürdigen Unglücksfall, der sich Anfangs voriger Woche ereignete, wird demB. Tageblatt" von durchaus glaubwürdiger Seite berichtet wie folgt: In der Nacht zum Dienstag, wo es bekannt­lich noch bitterkalt war, wurde von einer Patrouille in der Friedrichstraße ein Mann auf einer Bordschwelle sitzend bemerkt, der, wohl in Folge zu reichlich genossener Spiritussen, fest eingeschlafen war. Nach verschiedenen Ermunterungsversuchen sah sich der Beamte gezwungen, den heftig Widerstrebenden und Schimpfenden nach der nächstbelegenen Polizeiwache zu bringen, was, da der Mann vollkommen steif gefroren war, sich als keine leichte Arbeit erwies. Auf der Wache setzte der An­getrunkene seine Schimpfreden fort, wobei er so wüthend wurde, daß er mit der rechten Hand energisch auf den Tisch schlug. Bei dieser Bewegung ereignete sich nun etwas ganz Unglaubliches: Zum großen Schreck der Anwesenden fielen von der auf den Tisch wuchtig auf­schlagenden Hand sämmtliche fünf Finger ab ein entsetzlicher Anblick. Der von dem gräßlichen Geschick Betrossewe, der plötzlich vollkommen nüchtern geworden war, wurde sofort nach der nächsten Sanitätswache ge­bracht, wo man ihm die erste Hilfe angedeihen ließ. Später schaffte man den Aermsten nach derCharits; die Befürchtung, daß ihm der Arm wird abgenommen werden müssen, ist nicht ausgeschlossen. Die Aerzte meinen- und auch der Laicnvcrstand findet darin die einzige Möglichkeit einer Erklärung des ganz unglaublichen Vorfalls daß die Hand völlig erfroren war und durch die heftige Bewegung die Glieder wie Glas absprangen.

* Wie die gänzliche Auflösung der Insel Helgo­land möglichst hinauszuschieben fei, mit dieser Frage hat man sich, wie wir in derFrankfurter Ztg." lesen, allen Ernstes beschäftigt. Die neuerdings angestellten Untersuchungen haben ergeben, daß die Zerstörung keineswegs allein das Werk der stetigen Arbeit der Wogen ist, die bei starkem Nord- und Nordweststurm haushoch gegen die steilen Felswände mit ungeheurer Wuchtanp rallen, sondern daß noch ein anderes Element der Frost, als Bundesgenosse Hinzutritt. Der gemein­same Vernichtungskrieg geht nun in der Weise vor sich, daß von den anstürmenden Wogen und deren Spritz- wasser sowie auch durch Regen eine nicht unbedeutende Menge Wasser in die zum größten Theil schräg land­einwärts geneigten Schichten des Gesteins gelangt, sich hier ansammelt und im Winter gefriert. Es ist bekannt, welche gewaltige Kraft das Wasser in seinem Uebergang vom flüssigen zum festen Zustand entwickelt und daß seiner Ausdehnung bei Eisbildung selbst der härteste Felsen nicht zu wiederstehen vermag. Es werden also ganze Schichten abgesprengt und das Gefüge des au und für sich weichen Gesteins wird derartig gelockert, daß es nur noch der mechanischen Kraftleistung der anprallenden Wogen bedarf, um allmählich ein Felsstück nach dem andern loszurütteln und in die Tiefe zu schleudern, wo die eigentliche Korrosionsarbeit des Meeres erst beginnt, indem es diese losgerissenen Theile gegeneinander schleudert, zerkleinert, zerreibt und in Schlamm auflöst, der sich mit dem Meerwasser ver mischt wie ein roter Kranz um die ganze Insel, namentlich an der Nordseite, herumzieht. So haben die Naturkräfte schon Jahrhunderte ihr Spiel getrieben und werden nicht eher ruhen, als bis sich ihnen kein Wider­stand mehr bietet und nur noch ein rölhlicher Schimmer in der Nordsee und einige Seezeichen anbenten, daß hier einst das romantische Helgoland, das Gretna Green der Deutschen, gestanden. Zur Aufhaltung oder doch wenigstens zur Abschwächung dieses Vorganges ist nun I ein phantastisches Projekt, ein Schutz der Insel durch