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Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg
. V 10. Samstag, den 4. Februar 1893.
„In letzter Stunde."
Unter diesem Titel erzählt in der „Kölnischen Zeitung" der General v. Leszcynski in einem Arrikel zur Militärvorlage was folgt:
„Nach dem Krieg 1870/71 war es bis 1879 nicht beabsichtigt, die Landwehr anders als auf der Etappe zu verwenden. Die überschießenden Reserven sollten in neu zu bildenden Formationen, den „Feld-Jnfanterie- Regimentern", Verwendung finden. Die politischen Verhältnisse verlangten nur einen Operationsplan, und hierzu reichten die Linienformationen aus. Da, im Herbst 1879, änderte sich die Situation mit einem Schlage. Die Freundschaft zu Rußland war bis dahin so groß gewesen, daß Kaiser Wilhelm geradezu verboten hatte, sich mit der Armee dieses Landes zu beschäftigen, jetzt aber trat die Möglichkeit auf, nach zwei Seiten Front machen zu müssen. Noch aber war die Lage nicht drohend, denn die Neubildung der russischen Armee hatte soeben erst begonnen und der Aufmarsch derselben konnte nur langsam vor sich gehen, denn die vorhandenen Eisenbahnen, selbst Petersburg-Wilna, hatten nur ein Geleise. Es kam für uns jetzt nur darauf an, mehr Mannschaft auszubilden, um im Fall der Mobilmachung Neuformationen aufzustellen. Wüt Sicherheit war zu sagen, daß diese Neuformationen nicht vor dem 27. Tage der Mobilmachung in Aktion treten würden, man hatte also Zeit, sie taktisch verwendbar zu machen. Um nun daS Material zu gewinnen, wurden die Dispositionsurlauber vermehrt. Von dieser Zeit an machte die Ab- bröckelung der dreijährigen Dienstzeit wiederum Fortschritte. Außerdem wurden die Ersatz-Reserven geschaffen, um die Ersatz-Bataillone zu füllen. Von Jahr zu Jahr änderte sich nun aber die Lage. In Rußland vermehrte sich die Armee in schnellstem Tempo, die Friedcnsstämye zahlreicher Divisionen wurden an die Westgrenze gelegt und vor allen Dingen, die Eisenbahnen wurden planmäßig ausgebaut. Frankreich hielt gleichen Schritt.
Es war bereits 1884 bei uns klar, daß wir mit den Feld-Jnfanterie-Regimentern und Neuformationen zu spät kommen würden. Wir organisierten daher 1887 neue Regimenter und die vierten Bataillone. In dieser Zeit war es, daß Kaiser Wilhelm I. mir nach der Rückkehr aus Rußland einst sagte: „Ich sehe schon, wir müssen uns anders organisieren: so lang ich lebe, wird es wohl gehen, mein Sohn mag es dann machen." Kaiser Friedrich vertrat als Kronprinz die Einführung der allgemeinen Dienstpflicht, und zwar auf breitester Grundlage, und Prinz Friedrich Karl war gleichsam der Träger der Reorganisation. Es war dies das ständige Thema seiner Unterhaltung. Im Jahr 1888 waren die Verhältnisse drohend, ja, fast schien es, daß Frankreich unter Boulanger den Krieg vom Zaune brechen wollte. Wir brauchten mehr Truppen, was also half es? Die Reserve-Divisionen erschienen wieder, und das längst vergessene zweite Aufgebot der Landwehr mußte die Plätze auf der Etappe und als Besatzung aufnehmen. Dies alles konnte aber doch nur ein Nothbchelf sein! Der Grundgedanke der Verdy'schen und der heutigen Vorlage ist derselbe: Verjüngung der Feldarmee und besonders der Reservedivisionen. Schnellste Schlagfertigkeit der Linie und Reserve."
Deutsches Reich.
Sctli«, 30. Jan. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht folgenden Dankerlaß des Kaisers: „Im Anschluß an die freudige Feier der Vermählung Meiner geliebten Schwester, der Prinzessin Margarethe von Preußen, hat sich Mein diesjähriger Geburtstag durch die Anwesenheit vieler, Meinem Herzen nahestehenden Erlauchten Fürstlichkeiten zu einem besonders frohen Feste gestaltet. Die herrlichste Freude aber, welche Mir aus Anlaß dieser festlichen Tage geworden, bilden die Kundgebungen der Treue und Anhänglichkeit Meines Volkes, welche Mir in den mannigfaltigsten Formen und in ungewöhnlich großer Fülle aus allen Gauen des Reiches und auch von außerhalb wohnenden Deutschen zugcgangen sind. Vor Allem hat es Meinem Herzen wohlgethan, so häufig dem Ausdruck einer Opferbreiten Vaterlandsliebe und des Vertrauens in Meine auf des Vaterlandes Sicherheit gerichteten Bestrebungen begegnet zu sein, wodurch Meine Zuversicht bestärkt wird, daß diesen Meinen Bemühungen unter Gottes gnädiger Führung der Erfolg nicht fehlen werde. Ich bezeuge daher gern Auf diesem Weg Allen, welche Meiner an Meinem
Geburtstage so liebevoll gedacht haben, daß der Zweck ihrer Aufmerksamkeiten, Meine Festesfreude zu erhöhen, in vollkommener Weise erreicht worden ist und Ich Mich zu wärmsten Danke verbunden fühle."
An dem Reichskanzler Wilhelm I. R.
-— 2. Februar. Der Leichenfeier für den Herzog von Ratibor wohnen außer dem Kaiser auch der Erb- großherzog von Baden und Herzog Ernst Günther von Schleswig sowie der Ministerpräsident Graf Euleu- burg bei.
— In der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses am 31. Januar fragte bei der Berathung des Etats des Ministeriums des Innern der Abgeordnete Lotichius, ob der Minister demnächst eine Landgemeinde- Ordnung für Hessen-Nassau vorzulegen beabsichtige. Ministerpräsident Graf zu Eulenburg sagte eine Vorlage zu, sobald die bezüglichen Vorbereitungen erledigt seien.
* — Die Königl. Eisenbahn-Direktionen sind seitens des Ministers der öffentlichen Arbeiten ermächtigt worden, eine Neuerung einzuführen, die in den betheiligten Kreisen große Befriedigung hervorrufen wird. Bisher müssen bekanntlich die Fahrkarten 4. Klasse, sowohl für Hin- als auch für die Rückfahrt besonders gelöst werden; die Rückfahrkarten schließen mit der 3. Klasse ab. Fortab können da, wo das Bedürfniß hierzu zu Tage tritt oder getreten ist, zur Vermeidung eines Gedränges an den Fahrkartenschaltern Doppelkarten 4. Klasse für die Hin- und Rückfahrt ohne Preisermäßigung und unter Beschränkung der Gültigkeit derselben auf einen Tag eingeführt werden. Die Versuche, welche in dieser Beziehung im Bezirke einer Eisenbahn-Direktion gemacht worden sind, haben zu einem befriedigenden Ergebnisse geführt.
Vresla», 30. Jan. Der Präsident des Herrenhauses, Herzog von Ratibor ist gestern Abend 7 ’/t Uhr gestorben. Viktor Moritz Karl, Herzog von Ratibor war am 10. Februar 1818 zu Rotenburg a d. Fulda geboren. Nach Vollendung seiner Studien überließ er 1845 durch Vertrag seinen jüngeren Bruder Chlodwig, dem jetzigen Stadthalter der Reichslaude, die Herrschaft Schillingsfürst und übernahm die Verwaltung der ihm durch Erbschaft zugefallenen Besitzungen Ratibor und Corvey, die 1840 zu einem Herzogthum und Fürsten- thum gemacht worden waren. Im Jahre 1847 saß er in der Herrenkurie der Vereinigten Landtags, 1849 in der zweiten Kammer, 1850 im Erfurter Parlament. Später wurde er erbliches Mitglied des Herrenhauses, dessen Präsident er ohne Unterbrechung seit 1877 gewesen ist. Er war auch Mitglied des deutschen Reichstages bis 1890; in diesem Jahre unterlag er in seinem alten Wahlkreise Neumarkt dem Centrums- Kandidaten Porsch. Im Reichstage hatte er sich der freikonservativen Partei angeschlossen. Der erste Vizepräsident des Herrenhauses, Frh. v. Manteusfel, widmet dem Verstorbenen im ReichSanzeiger einen ehrenvollen Nachruf.
Spanvau, 30. Jan. In der kgl. Artilleriewerkstatt wurde zahlreichen Civilschreibcrn und Arbeitern gekündigt, darunter auch solchen Leuten, welche bereits 20 Jahre im Dienste dieses Instituts gestanden.
Halle a S., 1. Februar. Der „Halle'schen Zeitung" zu Folge sind in der Irrenanstalt Nietleben neuerdings eine Cholcraerkrankung und ein Todesfall, in Trotha eine Neuerkrankung, in Kröllwitz bisher ein Todesfall, eine schwere und zwei leichte Erkrankungen vorgekommen.
Meißen, 30. Jan. Zum Kapitel der unsinnigen Wetten ist von hier folgender Vorfall zu melden: In einer hiesigen Werkstatt verpflichtete sich ein Handwerker in Folge einer Wette, einen halben Liter Nordhäuser Branntwein innerhalb zehn Minuten auszutrinken. Das Experiment gelang auch, und der Trinker hatte die Genugthuung, den Gewinn in Gestalt eines Fünfzig- psennigstückcs einzuheimsen. Nach kurzer Zeit aber war der Mann nicht nur total betrunken, sondern nun stellte sich auch ein Krampfhusten mit heftigem Erbrechen ein. Die Hustenanfülle waren so heftig, daß seine Kollegen einige Mal glaubten, der Tod müsse sofort eintreten. Als die Anfälle etwas nachgelassen hatten, wurde der Spirituosenkünstler nach Hause gebracht, wo er drei Tage lang schwer krank darnieder lag. Eine gute Folge der Wette ist jedoch, daß der betreffende Handwerker nach seiner Genesung sich vor dem Schnapstrinken fürchtet, wie ein Gebrannter vor dem Feuer.
Essen a. d. Ruhr, 1. Februar. Wie die „Rhein.- Westf. Ztg." meldet, fand heute früh auf der Zeche „General Blumenthal" bei Recklinghausen eine Explosion schlagender Wetter statt, durch welche 17 Personen sofort getödtet, 18 verwundet wurden; eine der letzteren ist bereits im Krankenhause gestorben.
Lndwigshssen, 29. Januar. Zwei Brüder, die Fabrikarbeiter Martin und Johann Schmitt, geriethen gestern Abend auf der Straße wiederholt in Streit. Ersterer war dabei so aufgebracht, daß er das Messer zog und es seinem Bruder in die Brust rannte. Der Tod des Verletzten trat unmittelbar darauf ein. Der Brudermörder sitzt bereits in Untersuchungshaft.
Gießen, 30. Januar. Der Brand des chemischen Laboratoriums hat noch einige Nachspiele. Die Pflichtfeuerwehr beschwert sich über den neuen Branddirektor. Ein Feuerwehrmann zündete sich, angeblich nach beendigtem Dienst, eine Cigarre an, die ihm von dem Branddirektor aus dem Munde geschlagen wurde. Als der Mann, ganz betäubt über dies Vorgehen, einige Worte sagen wollte, wurde er von einem Schutzmann in den Polizeigewahrsam gebracht, wo er eine Nacht zubringen mußte. Heute fand eine Protestversammlung der Feuerwehr statt, in der Herr Stadtverordneter Petri versuchte, den Branddirektor mit Unkenntniß der hiesigen Verhältnisse zu entschuldigen, aber die Anfregung der Erschienenen nicht zu beschwichtigen vermochte. Als der beim Brande verhaftete Feuerwehrmann sein Mißgeschick erzählen wollte, wurde die Versammlung polizeilich aufgelöst. Daß hierdurch die Mißstimmung beseitigt wäre, läßt sich nicht behaupten.
Ausland.
Petersburg, 31. Januar. In den Gouvernements Charkow und Jekatcrinoslaw wütherr Viehseuche und die sibirische Pest. Da die Bauern wegen der allgemeinen Nothlage das verseuchte Vieh nicht tödten lassen wollten, kam es in einigen Gegenden bereits zu Ruhestörungen.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 3. Februar.
* — Am 7. Februar findet dahier ein Unterverbandstag der Raiffeisen'schen Darlehnskassen im Kreise Schlüchtern statt.
- pp." Oberzell, 2. Febr. Gestern waren es gerade 40 Jahre, seit Herr Cantor Gunckel seinen Einzug in Oberzell als Lehrer gehalten hat. Zum Dank für seine treue Ausdauer in Oberzell brächte ihm der hiesige Gesangverein ein Ständchen und übermittelte ihm auch die Glück- und Segenswünsche der dankbaren Gemeinde, die es ihm hoch anrechnet, daß er auch in schwerer Zeit sie nicht verlassen und Freud und Leid stets gerne mit ihr getheilt hat. Möge der Herr uns die segensreiche Wirksamkeit des treuen Lehrers noch recht lange erhalten und uns die Freude bescheiden, auch das 50jährige Amtsjubiläum des von Alt und Jung verehrten Mannes feiern zu dürfen!
- r. Ramhalz, 30. Jan. Heute Morgen wurde ein Bauführer aus Frankfurt a. M., welcher hier am Wasserbau beschäftigt war, in seinem Zimmer todt auf« gefunden. Derselbe hatte durch Erhängen seinem Leben ein Ende gemacht.
Fulda, 30. Januar. Aus unserem Nachbarorte Giesel gelangte gestern die bedauerliche Nachricht hierher, daß ein Maurer Namens Flach in Folge eines Wirthshausstreites sein Leben eingebüßt habe. In der Nacht vom Freitag auf Sonnabend war derselbe beim Verlassen der Schnellschen Wirthschaft mit mehreren Zech- genossen in Wortwechsel gerathen und dabei durch Schläge und Stiche so erheblich verletzt worden, daß er am Sonnabend Nachmittag seinen Wunden erlag. Zwei der Betheiligten wurden verhaftet und ins hiesige Amtsgerichtsgefängniß abgeführt, während nach einem Dritten gefahndet wird. Heute Nachmittag findet an Ort und Stelle gerichtliche Untersuchung statt.
Bebra, 1. Feb. Die für Dienstag den 7. Februar in Bebra angesetzte Versammlung der Raiffeisen'schen Vereine des Bezirks Cassel findet erst am 21. Februar 1893 statt.
Cassel, 31. Januar. Die Einlösung der am 1. März d. J. fällig werdenden Zinsabschnitte der Landes- kredilkasse wird bei der Landeshauptkasse vom 20. Februar d. I. an, sowie außerdem bei den ständischen Landes- rentereien des Regierungsbezirks Cassel erfolgen.