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M 35. Mittwoch, den 3. Mai 1893.
Die M' iiitärrcfvrm.
1. D i e Z n b l.
Die Entscheidung über die Militärvorlage im Reich? tage stellt in Kürze bevor. Dies scheint uns der rechte Zeitpunkt zu fein, um noch einmal die Kernpunkte, um die es sich handelt, in schlichter Sachlichkeit durch zuimlstern.
Das junge deutsche Reich hat sich seit seinem Be stehen durch die kriegerischen Anstrengungen seiner Nach barn, namentlich Frankreichs, und im Hinblick auf seine geographische Lage, immer von Neuem geniDhigt gesehen, seine Heeresmacht zu verstärken. Die Stärke des Friedensheeres an Mannschaften und Unteroffizieren beträgt seit 1. Oktober 1890 486 983 Mann; jedoch schreibt das Gesetz diese Stärke als höchstes Maß vor, das an keinem Tage des Jahres überschritten werden soll. Da nun eine größere Anzahl von Mannschaften während ihrer Dienstzeit durch Tod, Krankheit :c. wieder ausscheiden, so beträgt die Friedensstärke nur etwa 466 000 Mann durchschnittlich im Jahre. Die Vorschrift über die Höhe der Präsenzstärke gilt noch bis zu in 1. April 1894. Daß die verbündeten Regierungen schon jetzt die Frage der künftigen Friedensstärke, und zwar vom 1. Oktober 1893 ab bis zum 31. März 1899, neu geregelt wissen wollen, war durch Gründe der Zahl wie der Organisation geboten.
Frankreich hat mit bem Gesetze vom 15. Juli 1889 das System der allgemeinen Wehrpflicht — der Ausbildung aller tauglichen Leute —- rücksichtslos durch- geführt. Die französische Friedenpräsenzstärke betrug in den letzten Jahren durchschnittlich 519000 Mann. Frankreich hebt jährlich 230000 Mann zum vollen Dienst aus. Im vorigen Jahre ist diese Zahl nicht erreicht worden, weil der Jahrgang 1871 wegen der in Folge des Krieges geringeren Zahl von Geburten schwächer an Zahl war; der Jahrgang 1872 Wertrifft ihn um ein Viertel der Wehrpflichtigen, es wird also mindestens die Zahl 230 000 bei der AekrutenauShebnug erreicht werden. Fünfundzwanzig Jahrgänge ergeben mithin — nach Abzug von 25 Prozent Ausfall — eine Kriegsstärke von rund 4 053 000 Mann. Da wir nur 186—188 000 Mann (ohne Einjährig-Freiwillige) jährlich auSheben, so muß daS französische Kriegsheer mit seinen viel stärkeren Jahrgängen dem unsrigen in gemessener Zeit um Hunderttausende ausgebildeter Soldaten überlegen sein.
Ebenso ist auch in der Zahl der Formationen Frankreich voran. Während die Deutschen im Jahre 1870 an Feldlruppcn 104 Bataillone, 400 Geschütze und 130 Schwadronen st ä r k e r waren als die Franzosen, ist es heutzutage umgekehrt. Die Deutsche Armee zählt jetzt 70 Bataillone, 276 Geschütze weniger als die französische Armee, während die Zahl der Schwadronen ziemlich gleich ist. Das Verhältniß des deutschen zum russischen Heere und die Möglichkeit eines Krieges mit zwei Fronten lassen wir hier bei Seite; die Ueber« Itgcnlieit Frankreichs allein beweist genug, zumal da wir in einem Revanchckriege, in dem Rußland nicht theilnähme, auch keine Unterstützung von Bundesgenossen zu erwarten hatten.
Also: Wir müssen unsere Wehrkraft der Zahl nach verstärke n.
Deutsches Reich.
Berlin Die Nordlandreise be5 Kaiserpaares wird »tu 3. Juni von Kiel aus angetreten werden. Das Kaiserpaar gedenkt schon kurz nach Pfingsten einzutreffen. Die Reise soll bis in den August hinein dauern, aber sich auf dem Rückweg nicht auch noch auf Spanien erstrecken.
— 28. April. Der Bundesrath hat gestern den Bestimmungen, betreffend die Beschäftigung von Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern in Ziegeleien die Zustimmung ertheilt.
— In Bezug auf die Militärvorlaze meldet jetzt die „Nationalliberale Korrespondenz", Sie sich bisher “13 gutunterrichtet über diesen Gegenstand erwiesen hat, Folgendes: Die Verhandlungen des Reichskanzlers 111 it Herrn v. Huene sind, wie wir gören, auch am Sonnabend noch fortgesetzt worden. Ar einen Erfolg gliuibt aber Niemand mehr. Man rednet jetzt bereits "P eine Rcichstagsauflösnug Ende dierr oder Anfang der nächsten Woche. Demgegenüber wrd von anderer Seite gemeldet: Ein Compromiß in bc Militärvorlage ist gesichert. Freiherr v. Huene wüd einen Antrag
einbringen, welcher die RKernngSforderuH für daS erste Jahr um 30,000 Mann herabminden. Die Regierung ist damit einverstanden. Die Akehrheit im Plenum ist hierfür gefiebert.
- Der Kammerherr und KabinetSrath der Kaiserin, Freiherr von der Reck, soll der Kreuzztg." zufolge Regierungs-P- asideut in Gaffel werden.
* — Die erste Veranlagung nach dem neuen GeiMbestenergksctz hat nach der „Nordd. Allg. Ztg." eine Sleuersummc von 22/396,091 Rik. ergeben. Da das Gesetz bestimmt, daß, wenn im ersten Veranlagungen jähre ein Betrag erreicht wird, welcher die Summe von 19,811,395 Mark um mehr als 5 Prozent über steigt, alsdann eine verhältnißmüßig^ Herabsetzung der Steuersätze. zü erfolgen hat, so muß eine H e r a b s e tz n n § der Steuersätze um etwa 10 Prozent erfolgen.
* — Nach Gesetz vom 24. ^uni 1891 ist für den Betrieb der Gastwirthschaft, der Sckaukwi thschaft, sowie des Kleinhandels mit Branntwein oder Spiritus jährlich eine besondere Betriebsstener zu entrichten, welche mindestens 10 Mark betrügt und bis zu 100 Mark aufsteigt. Diese Steuer wird von allen Betrieben, welche geistige Getränke verabfolgen, für jede Betriebs fliitte besonders erhoben, und muß in einer Summe binnen 14 Tagen nach Empfang der Benachrichtign,ig entrichtet werden.
* — Die Blätter bringen Auszüge aus der Schrift des ehemaligen Jesuiten Grafen Hoensbroech über und gegen den Jesuitenorden. Einzelne erblicken darin eine große That und weittragende Enthüllung über das Wesen des Ordens, die meisten finden, daß die Schrift wenig oder nichts enthält, was man vom Orden nicht schon gewußt hätte. Die ultramontnuey Blätter halten natürlich bald herausgefunden, daß Graf Paul v, Hoensbroech krank, vielleicht gar geisteskrank sei. Jetzt muß jedoch die „Kölnische Bolkszeilung" nachstehendes ihr vom Grafen Hoensbroech ^gegangene Schreiben veröffentlichen: „In Nr. 223 Ihrer Zeitung finden sich aus Anlaß meines Austritts aus dem Jesuitenorden Angaben über meinen Geisteszustand, Die jeder thatsächlichen Grundlage entbehren. Unrichtig ist, daß ich an einer krankhaften Nervenüberreizung leide oder jemals gelitten habe. Unrichtig ist, daß meine „Krankheit" vor zwei Monaten auSgebrochen sei; vor zwei Monaten hatte ich schon mehr als zwei Monate den Jesuiten Orden verlassen. UeberdieS bin ich seit September letzten Jahres überhaupt nicht mehr krank gewesen Damals hatte ich einen heftigen Anfall von Diphthcritis, den ich rasch und vollständig über staub. Unrichtig ist, daß ich in Bezug auf meine „Krankheit" in Köln ärztlich behandelt wurde. Zuletzt stand ich in Köln unter ärztlicher Behandlung im Jahre 1884; ich gebrauchte damals einen Specialisten für Halsleiden.
Graf Paul v. Hoensbroech."
— Der Deutsche Bauernbund hält am 13, Mai in Berlin eine außerordentliche Generalversammlung ab, in welcher über seine Auflösung nud Ucbcrführuug in ben Bund der Landwirthe entsprechend den durch die Satzungen vorgeschriebenen Formen Beschluß gefaßt werden soll.
— Schwer heimgesucht wurde einer Berliner Zeitung zufolge die Familie G., die früher in Friedrich-Felde und feit dem 1. v M. in Berlin wohnt. Von den sechs Kindern der G.'schen Eheleute sind an einem Tage fünf an der Diphteritis gestorben; am Mittwoch sind sie auf dem Friedhofe der DomKmeinde in der Müllerstraße beerdigt worden. Nur die älteste zwols- jährige Tochter ist von der tückischen Krankheit verschont geblieben.
* — Die Heilung hochgradiger Kurzsichtigkeit auf operativem Wege ist dem Direktor der Berliner Universitäts-Augenklinik, Professor Schweiger, gelungen. Derselbe stellte in der letzten Sitzung der Berliner medizinischen Gesellschaft zwei Patientinnen vor, welchen er vor etwa einem halben Jahre auf je einem Auge die Linse hcraüsgenommen hatte. Beide haben — und außer ihnen noch verschiedene Andere — durch diese Operation ein normales Sehvermögen erlangt, während sie vordem in hohem Grade kurzsichtig gewesen sind. Die Operation selbst hat an dem opcrirten Auge keinerlei äußerlich sichtbare Spuren hinterlassen, welche es etwa von dem andern Auge unterscheiden könnten; der Erfolg ist also ein vollkommener.
— Ein Bettler, der in einer Droschke Vorfahrt,
dürfte trotz der mancherlei Ueberraidjimgen, die uns ■ schon von dieser Seite dargeboten worden sind, wohl noch nicht dagewesen sein. Bei einem Schöneberger Hausbesitzer erschien dieser Tage ein Mann, der unter der Angabe, daß er früher selbst Besitzer eines Hauses gewesen und durch Unglückssälle in Roth gerathen sei, Den „Kollegen" um eine Unterstützung bat. Als er abgewiesen wurde, flehte er, ihm wenigstens seine „Uiifoften" zu ersetzen. Da er an der GiD leide, habe er sich eine Droschke nehmen müssen, um seine „geschäftlichen Besuche zu machen Aber auch dieses Anliegen * fund keine Erhörung, und betrübt fuhr der Fechter von bannen, um vermuthlich bei einem anderen ehemaligen Kollegen „anzuhalten".
Hamburg. Die vorläufige Abrechnung deS Hamburgischen Staatshaushalts pro 1892 ergibt, daß der Einnahme von 62,103,000 Mark eine Ausgabe von l>8,61 1,600 Mark gegenüberfteht, es ergibt sich also ein Fehlbetrag von 6,508,400 Mark. Dieses Defizit ist n. A. auf die Choleraepidemie und" deren Folgen znrückznführen, da zur Bekämpfung der Seuche 3,300,000 Mark bewilligt werden und nachträglich in das Budget eingestellt werden mußten. — Kuratorium der deutschen Seemannsschüle in Hamburg hat in seiner gestrigen Versammlung den Wunsch ans- gesprochen, daß ein baldiger Zuzug von jungen Leuten, welche sich dem Seeleben widmen wollen, sehr erwünscht sei. In Folge der Choleraepidemie hatte der Zuzug von Schülern aus dem Julande im vorigen Jahr sehr abgenommei', es wurden während des ganzen Jahres nur 28 argemelbet. Glücklicherweise hat die freie und gesunde Lage der Anstalt auch dazu beigetragen, daß während der Choleraepidemie der Gesundheitszustand dvrchWs ungestört blieb. Im Ganzen können sechzig Schüler in der Anstalt Aufnahme finden.
Aus Oßpreuß:«, 2<D April. In den Wäldern des russischen Grenzgebietes werden jetzt nach dem Anftanen des Schnees viele Leichen gefunden. Es handelt sich meist um Landstreicher, welche dem starken Froste dieses Jahres erlegen sind.
In Lyck starb vor Kurzem der älteste Bürger der Stadt, Herr Schlossermeister Piekarski, im Alter von 93 Jahren. Interessant waren die Erzähluiigeu des alten Herrn über die Zeit der PefreinngDriege, in die er auch von sich selbst ein EriunerungSblatt einreiben konnte. Er war nämlich derjenige, welcher Napoleon im Jahre 1812 bei seinem elenden Rückzüge aus Rußland per Fuhrwerk über die Grenze nach Kallinowen gebracht hat, von wo aus der vollständig vernichtete Frauzosenkaiser die Flucht über Marggräb^wa weiter fortsetzte.
Leipzig, 27. April. Das Reichsgericht erkannte in dem Prozesse gegen den Pfarrer Stöck in Trier wegen Entziehung eines Kindes aus der Vormundschaft sowie gegeii die Wittwe Ludwig, die Mutter des Kindes, auf Aufhebung des am 12. Januar b. Js. vom Landgericht in Trier gefällten freisprechenden Urtheils.
Weisungen. In voriger Woche hat int Metzler Forst ein Offizier an einem Morgen zwei Anerbähne erlegt und gleichzeitig noch einen gefunden, den er TagS zuvor zu Holz geschossen hatte. So konnte der glückliche Schütze mit einer dreifachen Beute den Heimweg an« treten. In den letzten Jahren war das Ergebniß der AuerhahnSjagd bei Metzels ein besonders reiches; kein Wunder übrigens, da das in dem von S. M. dem Kaiser besagten Wasunger Revier gehegte Auerwild auch weiter streicht und bann von Jagdinhabern benachbarter Reviere erlegt wird. — In der Waldabtheilung Knich bei Banz sind in diesen Tagen zwei Fuchsbaue gegraben worden, in denen sich zwei Feen und 21 Junge . befanden. Von diesen ist nicht ein einziger entkommen!
(Sieben, 28. April. In dem benachbarten Dorfe Leihgestern wurde gestern eine Mjährige Frau, als sie sich bückte, um die Späne an einer Dampfsäge aufznlcs-.n, von dieser erfaßt und ihr im Augenblick der Kopf vom Rumpfe getrennt.
Manntzeim, 28. April. Die schreckliche Feuersbrunst, welcher fast der ganze Schwarzwoldort beugen znm Opfer fiel, ist durch Kinder herbeigeführt worden,' die hinter dem Anwesen des AltbürgermeiDr Kaefer lagernde Strohbansen in Brand steckten. Der Schaden beträgt l^ Millionen Mark. 5( 0 Personen sind in Folge dieses Unglücks obdachlos geworden.
Koblenz, 29. April. Der Landbriefträger aus Ehrenbreitstein wurde auf seinem Gange nach den in