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M 36.

Samstag, den 6. Mai

1893.

M

Die Militärreform.

2. D i e Organisation.

Die Dinge liegen nun nicht nur in der Zahl, sondern auch in der mindestens ebenso wichtigen Or­ganisation des Heeres für uns ungünstig. Die empfindlichste Schwäche unserer Einrichtungen ist wohl der Man g el an Friedens stü mmen für die Kriegs­formationen und die daraus folgende Zersetzung des stehenden Heeres im Mobilmachungsfalle. Die Mobil­machung, von deren Schnelligkeit es abhängt, ob wir uns wieder die Vortheile der Offensive sichern können, vollzieht sich jetzt wie folgt: Das feste Gerüst für die Feldarmee bildet das Friedensheer, die Mannschaft, die, wenn ein Krieg ausbricht, gerade bei der Fahne dient. Die einzelnen Truppenkörper :c. werden auf Kriegs­stärke gebracht, die z. B. bei einer Kompagnie Infanterie . 250 gegen 140150 Mann im Frieden betrügt. Außerdem werden aus den Einberufenen Reserve- und Landwehrbataillone gebildet, die zum Theil gleich mit nnsrücken, zum Theil als Ersatz daheim bleiben und erst später nachgeschoben werden. Für sie müssen aber Berufsoffiziere, Majore, Hauptleute,, Lieutenants, ferner Unteroffiziere und Mannschaften der Linie da fein, die den Kern für die neu aus dem Civilstande Hinzutretenden abgeben. In Folge dessen zerstreuen sich die Offiziere und Mannschaften einer Friedenskompagnie überallhin in neue Formationen, und dieser Neuformationen sind so viele, daß bei jeder Kompagnie nur ein kleiner Theil der Chargen und Mannschaften verbleibt. Bon den Formationen der ganzen Armee, wie wir sie im Kriege aufstellen, werden sechs Siebentel Neuformationen sein. Man kann sich da leicht denken, wie viel Leute von den Friedenskompagnien abgegeben werden müssen, wie groß die Zersetzung der stehenden Truppen nach der Mobilmachung sein wird. Je größer aber die Zer­setzung ist, um so mehr nehmen auch die schon vor handenen Formationen den Charakter von Neubildungen an und um so ungünstiger ist es für die Schlag­fertigkeit. Es werden 30, 40, auch 50 Mann bei einer Friedenskompagnie verbleiben, die übrigen 220, 210 und 200 Leute treten aus dem Beurlaubtenstande neu hinzu, müssen sich also auch erst in die Truppe wieder einleben.

Frankreich war uns 1870,71 in der Zahl der aus­gebildeten Feldtruppen unterlegen. Aber es besaß zahl­reiche Friedensstämme, die es der provisorischen Re­gierung ermöglichten, Armeen aus der Erde zu stampfen und den Krieg noch so lange hinzuziehen. Diese Friedensformationen für den Krieg hießen Depots und unterschieden sich von unseren Ersatzbataillonen dadurch, daß sie nicht erst beim Nebergangc aus der Friedens- zur Kriegsformation vollkommen neu geschaffen werden müßten, wie in Deutschland, sondern schon im Frieden bestanden und deshalb auch den Werth einer gut aus­gebildeten und festgefügten Truppe besaßen.

Gegenwärtig besitzt Frankreich erst recht eine große Anzahl von Reservestümmen, denen wir nichts an die Sei te zu stellen haben. Jedes Linienregiment hat seinen cadre eompldmentaire von 9 Offizieren und 36 Unter­offizieren, und die Militärkommission der französischen Deputirtenkammer hat unter Berufung auf dieunge­heuere Verantwortlichkeit", die ihr in der genügenden Ausstattliug der Friedenskadres obliege, noch über die Vorschläge des Kriegsministers hinaus neue Chargen- stellen für die Reserveregimenter geschaffen, so daß also eine Zersetzung der stehenden Truppen vermieden wird und feste Rahmen für die Kriegsformationen dauernd bereit entstehen.

Weitere Schwächen unserer Heereseinrichtungen hängen mit dem System der Nothbehelfc zusammen, das wir der Billigkeit halber annehmen mußten, um bei den fortgesetzten Steigerungen der Wehrkraft in Frankreich nicht ins Hintertreffen zu kommen. Zuerst würde die Zahl der Dispositionsurlauber ver­wehrt. Früher kamen auf die Kompagnie fünf Königs- mlauber. Um aber den Beurlaubtenstand so stark zu machen, wie es für den Kriegsfall nöthig erschien, war das billigste Mittel, allmählich immer mehr Leute nach dem zweiten Dienstjahr auf Urlaub zu schicken und da­für die Zahl der Rekruten zu erhöhen. Gegenwärtig dient die Mehrzahl der Infanteristen (ungefähr 62 pCt.) thatsächlich nur zwei Jahre und haben wir nur noch One ganz verstümmelte dreijährige Dienstzeit. Ein weiteres Auskunftsmittel, das ebenfalls die Ungleichheiten

zuges nach Berlin, verweilte längere Zeit beim Reichs­kanzler und kehrte alsdann in das Nene Palais zurück.

Berlin. Der Kaiser wird in diesem Frühjahr nicht nach Schlitz kommen. Ueber die Reisedisposition Sr. Ma­jestät wird aus Berlin gemeldet: Am 2. Mai erfolgte die sAnkunft in Karlsruhe, am 3. Mai Abends im Neuen Palais bei Potsdam. In Anbetracht der poli­tischen Lage hat der Kaiser seine Reise abgekürzt und den geplanten Aufenthalt in Schlitz aufgegeben.

Das Eiserne Kreuz verschwindet nach dem Aus­weis der soeben ausgegebcuen Rang- unb Quartierliste mehr und mehr aus der Armee. Bei der Linie findet man es noch bei den drei ältesten Hauptleuten und Rittmeistern; beim ersten und zweiten Garderegiment z. F., beim Alexander-Regiment und den Garde-Jägern kommt das Eiserne Kreuz unter den Hauptleuten über­haupt nicht mehr vor, ebensowenig bei der gesummten Gardekavallerie. Das ist ein guter Maßstab zur Be- urtheilurg der Anciennetätsverhältnisse, welche bei der Garde durchweg nicht unerheblich günstiger liegen, als bei den übrigen Armeekorps. Sehr interessante Aufschlüsse giebt die Rangliste auch über die Vertheilnng von Bürgerlichen und Adeligen in der Armee. Nach und nach sind nämlich die bürgerlichen Elemente aus der Garde fast gänzlich verschwunden. Es haben noch: das Alexander-Regiment 1 Bürgerlichen, das Garde-Füsilier- Regiment 2, das 3. Garde-Regiment 1, das 4. Garde- Regiment 5. Beim Garde-Husaren-Regiment ist 1, beim 1. und 2. Garde-Feldartillerie-Regiment 1 bezüg­lich 3. Bei der Linie hat die Zahl der Regimenter ohne bürgerliche Offiziere abgenommen. Ganz adelig sind die 1., 2., 6. Kürassiere, die 2., 3., 4., 17., 18. und 19. Dragoner, die 4. und 7. Husaren, die 3., 5. und 13. Ulanen. Aber auch in der Linie aller Waffen ver­schwindet das bürgerliche Element in allen Garnisonen, welche zugleich in einer Residenz liegen. Das fällt be- sonders auf bei den Regimentern Nr. 55, 73, 90, 91, 92, 93, 94, 109 und 115. Auffallend ungünstig ist das bürgerliche Element im Generalstab vertreten. Das Verhältniß, der bürgerlichen zu den adeligen Offizieren in der Armee ist etwa wie 2 : 1. Dagegen zählt der Generalstab unter 146 adeligen nur 49 bürgerliche Offiziere. Unter den zum Generalstab kommandierten finden sich unter 84 Offizieren nur 32 bürgerliche, und im Nebenetat unter 57 nur 27 bürgerliche. An Reserve­offizieren sind die Regimenter in Elsaß und Lothringen außerordentlich schwach, übrigens begegnet man hier einzelnen Namen, welche auf elsässischc Abstammung schließen lassen.

Nach einer ministeriellen Verfügung, die für die ganze preußische Monarchie Geltung hat, ist eine Aende­rung der Sommer- und Herbstschulferien vorgenommen worden. Die vielfach gewünschte Zusammenlegung beider Ferienzeiten ist nicht erfolgt, sondern es erstreckt sich nunmehr die Dauer der Sommerferien vom 15. Juli bis 15. August und diejenige der Herbst- ferien vom 1. bis 15. Oktober.

Bayerische Blätter berichten aus Oettittgen: In einer hiesigen Gastwirthschaft saßen mehrere Gäste und ließen sich neben dem Bier auch einen Häring prächtig schmecken. Plötzlich fing einer, der ein grätiges Stück hastig verschluckt, zu keuchen und zu pusten an, denn es war ihm dasselbe im Hals stecken geblieben. Schnell entschlossen nahm ein anderer Gast den am Kasten hän­genden Cylinder wisch er und fuhr dem Erstickenden ein paar Mal kräftig im Halse auf und nieder. Mit dankbarem Ausblicke und dem erleichternden Rufe:Ah! Jetzt ist's briinten!" vergalt der Bedrohte seinem Lebens­retter die Radikalkur.

in der Dienstzeit vermehrte, war die Schöpfung der Ersatzreserve und seit 1880 die Uebungen der Ersatz­reserve. Gegenwärtig üben jährlich zum ersten Mal 1718000 Ersatzreservisten, aber nur 10 Wochen, später werden sie zu 6 und 4 Wochen eingezogen. Auch ; die Ersatzreserve kostet wenig, liefert natürlich auch höchst unvollkommen ausgebildete Soldaten. Ein drittes Mittel war die Wiedereinführung der Landwehr zweiten Aufgebots, der die gedienten Leute vom 32. bis 39. Lebensjahre an gehören. Es war geeignet, auf die schnellste Weise die Zahl der Streiter um Hundert- tausende zu vermehren, was damals (1888), als kriegerische Verwickelungen befürchtet wurden, sehr er­wünscht war. Allein die Maßregel war unbillig und unzweckmäßig insofern und so lange, als die älteren Leute beim Kriegsausbruch zu erwarten haben, größten- theils sofort in die Feldtruppen eingereiht zu werden, während alljährlich taufende junger tauglicher Leute gar nicht eingestellt ooer nur unvollkommen ausgebildet werden, also auch entweder hinter dem Ofen sitzen bleiben oder erst an den Feind kommen können, wenn die älteren, zumeist Familienväter, ihr Blut bereits ver­gossen haben.

. Also: Wir müssen unsere Organisation verbessern!

3. D i e Z a h l in der Vorlage.

Um uns von Frankreich nicht in der Zahl der ausgebildeten Soldaten überholen zu lassen, müssen wir ebenso wie in Frankreich die allgemeine Wehr­pflicht durchführen. Die Borlage fordert eine Er­höhung der Friedensstärke des Heeres um 72037 Ge­meine. Die gesammte Präsenz soll künftig mit Unter­offizieren 570877 (+ 83894) ohne Unteroffiziere 492 068 ( t 72 037) betragen, und zwar soll die letztere Zahl nicht die höchstens zulässige Stärke, sondern die Durchschnittsstärke während des Jahres bezeichnen. Die Umwandlung der Maximalstärke in Durchschnitts­stärke ist nothwendig, damit die Militärverwaltung gleich bei der allgemeinen Rekruteneinstellung die Ersatzleute für die während der Dienstzeit wegen Todes, Krankheit rc. ausscheidenden mit einstellen kann.

Wie viel Rekruten zur Aufstellung eines Friedens- Heeres von 492 068 Gemeinen erforderlich sind, das hängt davon ab, wie lange die Dienstzeit dauert, wie viel Jahrgange bei den einzelnen Waffen in Dienst sind. Daß die verstümmelte dreijährige Dienstzeit der Infanterie, beider die Mehrzahl 22^ Monat, eine Minderheit 34'/- Monat dient, nicht aufrecht erhalten werden kann, darüber sind alle Sachverständigen einer Meinung; sie bringt Härten unb Unbilligfeiten mit sich, die in der Bevölkerung immer mehr empfunden werden. Es konnte sich also nur handeln um Rückkehr zur vollen dreijährigen Dienstzeit ober um Einführung der zweijährigen Dienstzeit. An sich ist vom rein militärischen Standpunkt aus die dreijährige Dienstzeit vorzuziehen. Wollten wir aber zur Erreichung des Hauptzweckes volle Ausnutzung der nationalen Wehrkraft alle tauglichen Leute drei Jahre einstellen, so müßten viel mehr als 492 000 Gemeine jährlich unterhalten und neue Verbünde in entsprechendem Um fange geschaffen werden, b. h. die Kosten würden in ganz außerordentlichem Maße anschwellen. Erweist sich dagegen die zweijährige Dienstzeit unter besonderen Ein­richtungen für sie als durchführbar, so wird das jähr­liche Rekruteukontingent nicht nur um so viel Köpfe, als nöthig sind, um 72 037 Gemeine dauernd mehr bei der Fahne zu halten, sondern auch um den Ersatz für den dann wegfallenden dritten Jahrgang erhöht werden, d. h. die Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht verbilligt sich.

Zur Unterhaltung der geforderten Präsenzstärke müssen bei zweijähriger Dienstzeit der Fußtruppen 235 000 Rekruten (ohne Nachersatz, 248W0 mit Nach- ersatz) jährlich ausgehoben werden, b. i. 60000 mehr als bisher. Das bedeutet bei 24 Jahrgängen und unter Abrechnung von 25 Prozent für Abgänge eine Er­höhung der Kriegsstärke um 1080 000 Streiter.

Deutsches Reich.

Potsdam, 3. Mai. Das Kaiferpaar ist Abends 10 Uhr 45 Minuten auf der Wildparkstation eingetroffen und wurde vom Prinzen Leopold, sowie dem Polizei­präsidenten Balau empfangen. Der Kaiser fuhr nach der Ankunft im Neuen Palais gleich mittels Sonder-

Ausland.

, Chicags, 2. Mai. Bei der gestern erfolgten Er öffnung der Weltausstellung bot unter unbeschreiblichem Jubel der Präsident Cleveland den Vertretern aller auswärtigen Nationen den Willkommengruß. Vor den Augen der Völker ber' alten Welt seien durch die junge Nation große Werke vollbracht. Das jetzt unternommene Werk sei der Erleuchtung des Menschengeschlechts ge­weiht. Im Sinne der erhabensten Brüderlichkeit aller Nationen möge an der wahren Bedeutung der heutigen Feier festgehalten werden. Durch den Druck auf einen Knopf funktionirten auf elektrischem Wege sämmtliche Maschinen und Springbrunnen. Die Artillerie gab Salven ab und unter Glockengeläute stimmten die Fest-