SchlilchtemerMung
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Mittwoch, den 24 Mai
Um was handelt es sich bei den Neichstagswahlc»?
(Schluß).
Wie war es nun am besten anzufangen, das deutsche Heer so stark zu machen, als wie es unbedingt nöthig erschien, um solche Gefahr abzuwenden, ohne dabei dem Volke zu große Lasten aufzuerlegen?
Nach dem Reichsgesetz soll jeder wehrfähige Deutsche auch wirklich dienen. Bisher war das nicht der Fall. Das ist aber offenbar eine Ungerechtigkeit. Auf diese Weise können jährlich 100 000 junge militärtaugliche Männer ihrem Verdienst nachgehen, während ihre Kameraden eingezogen werden.
Aber auch im Kriegsfalle bleiben viele Hunderttausende jüngerer kräftiger Männer zu Hause, während ältere Familienväter Haus und Hof, Weib und Kind, Geschäft und Verdienst aufgeben müssen, um die Gefahren des Krieges zu bestehen! Ferner muß jetzt ein Theil der Fußtruppen drei Jahre dienen, während ein großer Theil ihrer Kameraden schon nach dem zweiten Dienstjahre entlassen wird. Auch das ist eine Ungleichheit, die den Mann in seiner bürgerlichen Thätigkeit schädigt und ihn vielleicht mißmuthig macht. Wir sollen aber des Königs Rock mit Stolz und Freude, nicht mit Mißmuth tragen,
Die Regierungen hatten sich deshalb entschlossen, die zweijährige Dienstzeit bei den Fußtruppen (Feldartillcrie, Pioniere, Fußartillerie) einzuführen. Erstens, weil es dann möglich ist, so viel mehr Rekruten einzustellen und auszubilden, als wir gerade brauchen, um im Kriegsfalle wenigstens nicht hinter Frankreich zurückzustehen. Zweitens, weil auf diese Weise auch die Ungerechtigkeit beseitigt wird, daß etwa eine Million militärtauglicher Deutscher die Lasten des Krieges nicht zu tragen braucht. Drittens aber ist es dann im Kriegsfalle möglich, ungefähr eine halbe Million ältere, meistens verheirathete Leute im Lande zu lassen, die jetzt unweigerlich mit der Feldarmee ausrücken müßten.
Diese großen Vortheile kommen aber zukünftig dem ganzen Volke zu Gute, während jetzt oft der Zufall bestimmt, ob Jemand 24 Jahre hindurch Vaterlands- vertheidiger sein muß oder nicht.
Was die Steuerlast angeht, die dem Volke durch die Militär-Vorlage erwächst, so wissen die Regierungen sehr wohl, daß neue Steuern Niemandem angenehm sind. Auf den Kops der Bevölkerung macht sie nach dem letzten, aber von dem Reichstage ebenfalls verworfenen Vorschläge der Regierungen 1 Mark aus. In Deutschland werden aber alljährlich allein über zweitausend Millionen Mark für Getränke ausgegeben, das betrügt allein schon 40 Mark für den Kopf, da sollte man sich aber doch schämen, zu sagen, Deutschland wäre zu arm, diese Steuern zu tragen für unsere militärische Sicherheit. Diese Steuern sollen aber außerdem so vertheilt werden, daß sie noch lange nicht so drücken wie die Last der dreijährigen Dienstzeit. Würde man den Einzelnen fragen: Willst du zukünftig lieber einen halben Pfennig mehr für das Liter Bier bezahlen oder ein drittes Jahr dienen? so braucht man um die Antwort weiter nicht verlegen zu sein.
So liegt aber die Sache. Die Militär-Vorlage war so genau erwogen, daß sich an derselben in der Hauptsache nichts mehr abhandeln ließ. Wenn vorgeschlagen wurde, die zweijährige Dienstzeit für alle Fußsoldaten einzuführen, aber die Zahl der Soldaten im Frieden nicht zu vermehren, so würde die Ungerechtigkeit bestehen bleiben, daß viele Tausende militärtauglicher Leute nicht zu dienen brauchen. Es konnten dann aber auch nicht 54000 Mann im Jahre mehr ausgebildet werden, wie die Vorlage jetzt will, sondern nur höchstens 25000 Mann, das reicht aber noch lange nicht aus, um unser Heer so stark zu machen, daß wir in Ruhe einem Kriege entgegensehen können.
Denn ob im Kriegsfalle 700 000 deutsche Soldaten weniger vorhanden, sind, das will etwas sagen. Es wären aber 700000 Soldaten weniger vorhanden, wenn der Plan durchginge, anstatt der jetzt geforderten 54 000 Mann nur 25 000 im Jahre mehr einzustellen. Aber auch schon für den Frieden können die geforderten 54000 Mann nicht entbehrt werden.
Denn nicht nur mehr Soldaten, sondern auch gut ausgebildete Soldaten müssen wir haben, und deshalb können uns auch die Ersatzreservisten mit ihrer kurzen Dienstzeit nichts helfen. Auch soll für den Kriegsfall die schlechte Einrichtung beseitigt werden, daß sich die
Truppentheile beinahe auflösen, um die Landwehr- und Reserve-Bataillone aufstellen zu können. Bei den Franzosen ist das nicht nöthig — davon ist schon die Rede gewesen —, bei den Russen auch nicht, denn dort gibt es schon im Frieden 178 Reserve-Bataillone, die je 36 Offiziere und 500 Mann zählen. Man soll aber das Gute nehmen, wo man es findet. Diesmal findet es sich nicht bei uns, sondern bei unseren Nachbarn und es ist weiter keine Schande, das nachzumachen.
Wenn wir aber gut ausgebildete Truppen haben wollen und gleichzeitig genug Truppen, um im Kriege von Anfang an recht stark ansrücken zn können, dann brauchen wir nicht 25 000, sondern 54 000 Mann mehr im Jahre. Stellt man aber das Rechenexempel mit den 25000 Mann auf, so sparen wir dadurch allerdings Millionen im Frieden, das kann aber unter Umständen eine sehr übele Sparsamkeit werden. Reichen diese 25 000 Mann nicht aus, um uns den Sieg im Kriege zu sichern, so haben wir außer mit Gut und Blut nicht nur Millionen, sondern Tausende von Millionen zu zahlen. Das ist auch ein Rechenexempel.
Die Männer aber, die in Deutschland an der Spitze des Heeres stehen, sind der festen Ansicht, daß das Rechenexempel mit den 25 000 Mann falsch sei. Der Kaiser und die Regierungen haben die ursprüngliche Forderung von 60 000 Rekruten auf 54 000 Rekruten heruntergesetzt, um dem Reichstag und dem Volke zu zeigen, daß sie auch ihrerseits Alles thun wollen, um die Militärlasten zu beschränken. Der Reichstag hat aber auch das verworfen und deshalb mußte er aufgelöst werden. Kommt aber die Militär-Vorlage wiederum nicht zur Ausführung, so bleibt es natürlich vorläufig bei der dreijährigen Dienstzeit und dann kann sich das Volk bei denjenigen bedanken, die ihm den ’/a Pfennig für das Liter Bier erspart und dafür das dritte Dienstjahr gelassen haben.
Die Wahlen für den neuen Reichstag sind aber das ernsteste Ding, welches das deutsche Volk seit Errichtung des Deutschen Reiches beschäftigt hat, denn es handelt sich dabei nur um die Militär-Vorlage. Diese will uns ein so starkes Heer geben, daß dadurch der Friede garantirt bleibt. Sie will dem ewigen Streite um das, was wir für unsere Armee brauchen, ein Ende machen. Sie will die älteren Jahrgänge der Wehrleute schonen und will dem ganzen deutschen Volke die Sicherheit verschaffen, daß kein Sturm, mag er Herkommen, woher er will, uns etwas anhaben kann!
Dasjenige aber, was die Mehrheit des jetzt aufgelösten Reichstages bieten wollte, war unzureichend. Damit konnte die Militär-Verwaltung nichts anfangen. Die Armee würde dann schlechter geworden sein, während sie besser und stärker werden soll, um den Frieden zu sichern und, wenn es Gottes Wille sein sollte, im Kriege die Feinde vom Lande abzuhalten.
Daß aber die Ablehnung der Militär-Vorlage die Kriegsgefahr vermehrt, das hat der Jubel gezeigt, welcher in ganz Frankreich bei dem Fall der Vorlage losbrach.
Es ist deshalb auch nicht nur Pflicht und Schuldigkeit jedes guten Deutschen, nur Männer zu wühlen, welche für die Militär-Vorlage eintretcn, sondern es bedeutet dieses gleichzeitig auch die Erhaltung des Friedens.
Vor den schönen Reden derjenigen, welche Alles besser wissen wollen als unsere Generale, machen die Russen und Franzosen nicht Halt, sondern nur vor Soldaten und Kanonen.
Der Krieg wird nicht mit dem Munde sondern mit Säbel und Gewehr geführt. Deshalb soll sich der besonnene deutsche Mann, ganz einerlei, welcher Konfession und welcher Partei er angehört, durch das Geschwätz derer nicht irre machen lassen, welche Deutschland in eine falsche Sicherheit wiegen wollen, nur um Recht zu behalten mit ihrem eigensinnigen Widerstand gegen die Militär-Vorlage. Wer einen solchen Mann wählt, der ladet eine große Verantwortung auf sich, der gefährdet vielleicht den Frieden, und setzt damit Gut und Blut seines Volkes aufs Spiel! Das kann aber ein guter Deutscher nimmermehr wollen, und deshalb darf er auch nur demjenigen seine Stimme geben, der für die Militär-Vorlage eintritk. Sie bedeutet Ruhe und Frieden für Deutschland nach innen und gußen!
Deutsches Reich.
Berlin. Die Rede des Kaisers in Görlitz bestätigt abermals, welcher große Werth an Allerhöchster Stelle aus die Durchdringung der Militärvorlage gelegt wird, und man sollte beinahe glauben, daß angesichts dieser wiederholten, mit solcher Bestimmtheit abgegebenen Erklärungen diejenigen Stimmen verstummen müßten, die noch immer in mehr oder minder versteckter Weise darauf hindeuten, daß dem Kaiser an der Vorlage eigentlich viel weniger gelegen sei als dem Reichskanzler. Die Rede des Kaisers deckt sich mit den im Parlament bei den verschiedensten Anlässen gemachten Erklärungen des Reichskanzlers in solcher Weise, daß hierdurch, was übrigens kaum noch nöthig erscheint, ein vollwichtiger Beweis für die vollständige Uebereinstimmung zwischen Kaiser und Kanzler erbracht wird. Im übrigen hat die Rede des Kaisers für den Wahlkampf das Gute, daß abermals in recht schlagender Weise in den Vordergrund gerückt wird, daß es sich bei diesen Wahlen in erster Linie um die Militärvorlage handelt und daß vor dieser andere Fragen, wenn auch nicht unberücksichtigt bleiben, so doch in zweite Linie treten müssen. Besonders hervorzuheben ist folgende Stelle: „Was uns Deutsche privatim auch trennen und auf verschiedene Bahnen lenken möge, das sei für jetzt beiseite gesetzt, bis dieAnfgabe vollbracht ist."
* — Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht einen Ministerialerlaß an sämmtliche Regierungspräsidenten, worin betont wird, daß die Arbeitgeber, und nicht die Arbeitnehmer, für die rechtzeitige Beibringung der Marken in den Quittungskarten für Jnvaliditäts- und Altersversicherung verantwortlich sind, während der Zeit einer die Versicherungspflicht begründenden Beschäftigung. Die Versicherten sind nur dann verantwortlich, wenn sie der unter Strafandrohung auferlegten Meldepflicht nicht nachkommen.
— Die siebzehn „Patrioten" von der Berliner Börse, Bankiers und Bankdirektoren, die einen Aufruf zu Sammlungen zu Gunsten der Militärvorlage erlassen haben und es schon haben erleben müssen, daß in einer offizösen Mittheilung die Kenntniß von ihrem Vorgehen rund in Abrede gestellt worden ist, werden jetzt von der „Konservativen Korrespondenz" folgendermaßen angefahren: „Daß die Vertreter der Börse für liberale Kandidaten eintreten, ist gar nicht zu verwundern. Die Annahme der Militärvorlage ist dabei den Herren jedenfalls eine recht große Nebensache. Ihnen liegt daran, eine möglichst starke liberale Abgeordnetenzahl in den Reichstag zu bringen, um einerseits das drohende Unheil von der Börse abzuwenden und um andererseits für das Zustandekommen eines Handelsvertrages mit Rußland die nöthige Mehrheit zu schaffen. Hofft man in den Kreisen der Hochfinanz in diesem Falle auf Zulassung der russischen Papiere bei der Reichsbank und auf Genehmigung einer neuen russischen Anleihe. Umsonst pflegen Bankdirektoren nicht „Reptilienfonds" zu dotieren.
— Die Auflösung des Deutschen Bauern-BundeS ist in der außerordentlichen Generalversammlung vom 13. Mai d. I. beinahe einstimmig beschlossen worden, so daß zum 1. Juli die gesammten Mitglieder des Bauern-Bundes in den Bund der Landwirthe eintreten. Nach den Statuten des Bauern-Bundes muß aber der Beschluß zur Auflösung durch eine zweite Generalversammlung bestätigt werden. Dieselbe ist für den 17. Juni nach Berlin einberufen worden.
Aus Süddeutschland, 17. Mai. Der Futtermangel macht sich allenthalben empfindlich bemerkbar. Viele Bauern müssen ihr Vieh verkaufen, weil sie nicht in der Lage sind, die hohen Preise für Futtermittel an- zulegeu. In Hechingen verendeten einem Landwirth zwei Stück Vieh am Hungertyphus. Die Landwirthe klagen viel über mangelhaftes Entgegenkommen der Forstverwaltungen in Bezug auf Waldgras, Streuzettel rc.
In Hamburg ist vor Kurzem, wie gemeldet, ein schon längere Zeit betriebener Betrug gegen den Eisen- bahnfiscus aufgedeckt worden. Bisher sind zwölf Eisenbahnschaffner und 38 rheinländische Viehhändler wegen dieser Affaire verhaftet worden; letztere fuhren auf Rundreisebillets hin und her, die von den mit ihnen im Einverständniß stehenden Schaffnern niemals coupirt wurden. Um diesem Betrüge auf die Spur zu kommen, verkleideten sich einige Geheimpolizisten als Viehhändler und setzten sich auf der Eisenbahn zu den