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Samstag, den 3. Juni
An die Wähler im Kreise Schlächtern.
Bei den früheren Reichstagswahlen haben wir fast regelmäßig Gewehr bei Fuß gestanden, weil die Kreise Fulda und Gersfeld mit ihrer überwiegenden katholischen Bevölkerung, zumal in den Zeiten des unseligen'Kulturkampfes, doch immer den Ausschlag gegen uns gaben. Bei der diesjährigen Reichstagswahl liegen die Verhältnisse aber ganz anders! Der von der Centrums- partei ausgestellte Fabrikant Richard Müller in Fulda besitzt bei der doch allein maßgebenden Landbevölkerung auch in den Kreisen Fulda und Gcrs- feld naturgemäß keine Sympathien. §err Müller, ein persönlich hochachtbarer Mann, ist Großindustrieller und Großkapitalist und dabei — entschiedener Freihändler. Man fragt sich deshalb ganz allgemein, warum denn die Vertretung des Bauern- und Mittelstandes, der doch in unserem Gesammtwahlkreise fast allein in Frage kommt, gerade ein solcher Alaun übernehmen solle? Die reichen Leute haben immer mehr als ausreichende Vertretung im Reichstag gehabt! Der von den regierungsfreundlichen Parteien des ganzen Wahlkreises aufgestellte Gegenkandidat, Herr Landwirth und Amtsrath Thaler in Weihershof bei Hofbieber im Kreise Fulda hat daher, wenn wir im Kreise Schlüchtcrn unsere volle Schuldigkeit thun, große Aussicht, gewählt zu werden. Daß ja Herr Fabrikant Müller bei uns nur wenige Stimmen erhalten wird, ist wohl selbstverständlich, aber es kommt darauf an, daß am 15. Juni auch jeder von unseren Gesinnungsgenossen wirklich an die Wahlurne tritt und seine Stimme für Herrn Thaler abgibt. Wir erlauben uns deshalb mit der Bitte hervorzutreten, daß in jeder Gemeinde, sei sie auch noch so klein, sich zu Gunsten des Herrn Thaler ein Wahlkomitee bilden möge, welches hauptsächlich dafür zu sorgen hätte, daß am LLahltage keiner von unseren Freunden mit seinem Stimmzettel fehlt. Nur bei der regsten und bis zum letzten Augenblick fortgesetzten Agitation können wir siegen!
Beschämend.
„Unsere militärischen Einrichtungen sind so vollständig und so vollkommen, als sie nur sein können. Unser Parlament hat niemals mit der Regierung um die Mittel und Hilfsquellen gemarktet und gefeilscht, welche diese als für die Landesvertheidigung nothwendig erachtet hat. Und bei uns würde kein ultramontan er Abgeordneter es wagen, die Existenz seiner Partei über die Existenz Frankreichs als große Nation zu stellen." Also wörtlich zu lesen in der Pariser „Estafette" vom 8. Mai! Das mag sich Herr Lieber hinter den Spiegel stecken, der in Aschaffenburg den Fortbestand des Centrums für wichtiger erklärt hatte als eine wohlbegründete Militärvorlage. Und in einem von den französischen Bauern massenhaft gelesenen Blatte, der „Gaz. du Village" (Dorfzeitung), sagt der französische Unterstaatssekretär Delcassü: „Unsere Hilfsquellen erlauben uns, jede Ausgabe für das Kriegswesen zu leisten, wie es noch kein Volk zu keiner Zeit gethan hat. Und der französische Patriotismus wird kein Opfer verweigern, wird niemals gegen die Forderungen der Regierung der Republik für die Verstärkungen unserer Heeresmacht stimmen, namentlich wenn es sich darum handelt, Deutschland die Spitze zu bieten." Und damit der beschämende Gegensatz noch empfindlicher werde, muß daran erinnert werden, daß die Franzosen sich so verhalten, obgleich sie von uns nichts zu befürchten haben, wenn sie ruhig bleiben, während wir von ihnen alles zu befürchten haben, sogar den Untergang. Das sogen, so bemerkt hierzu ein süddeutsches Blatt, der „Schwäb. Merkur", die Franzosen bei einem Budget von 3314 Millionen, einem Defizit, das für 1894 auf 300 Millionen geschätzt wird, bei einer Schuldenlast von 33 Milliarden, trotz der auch von dem großen Volkswirth Leroy Beaulicu vorhergesagten Nothwendigkeit, demnächst eine Milliarde neuer Schulden zu machen, trotzdem in Frankreich gegenwärtig Verhältnisse herrschen, welche z. B. den Univers vom 15. Mai zur Anstellung einer Untersuchung über die «Verarmung Frankreichs" veranlaßt haben. Und wir, denen es im nächsten Krieg an den Kragen gehen soll, wir markten wie die Filze!"
Deutsches Reich.
Berlin, 1. Juni. Der Kaiser hatte sich am Mittwoch von Prökelwitz nach Danzig begeben, um dort dem Slapellauf der neuen Kreuzerkorvette beizuwohnen. Der Kaiser nahm alsdann noch verschiedene Besichtig
ungen vor und fuhr hierauf nach Berlin, wo die Ankunft Donnerstag Vormittag erfolgte. Nachmittags empfing der Kaiser den Besuch des Prinzen Viktor von ^Italien, Grafen von Turin; außerdem treffen zur Theilnahme an der Freitag ftattfinbenben großen Frühjahrsparade in der Rcichshauptstadt ein : der Prinz Leopold von Bayern, der Herzog Albrecht von Württemberg, der Prinz Friedrich August von Sachsen und der Prinz und die Prinzessin Albrecht von Preußen.
— Graf Franz Matuschka, der seitherige Centrums- Abgeordnete für den 10. Oppcler Wahlkreis, der s. Z. für den Antrag ^uene gestimmt hat, veröffentlicht in der „Kreuz-Ztg." folgende Erklärung: In Nr. 240 der „Kreuz-Ztg." heißt es am Schluß des Artikels „Der Bruch im Centrum": „Alles kommt jetzt darauf an, daß alle gläubigen Katholiken, welche ihrer Ueberzeugung nach zu Freiherrn von Schorlemer-Alst stehen, das auch offen bekennen'. Dies entspricht vollkommen meiner Ansicht, und ich darf Euer Hochwohlgeboren bitten, die Erklärung in die „Kreuz-Ztg." aufnehmen zu wollen, daß ich, einer der zwölf Centrumsmäuner, welche am 6. Mai für den Antrag Huene stimmten, voll und ganz den Standpunkt von Schorlemer's theilte und nach wie vor die Existenz und Sicherheit des Vaterlandes für unermeßlich wichtiger halte, als den Fortbestand und die Interessen irgend einer politischen Partei. Parteien kommen und gehen, das Vaterland aber bleibt und der Thron der Hohenzollern ist der rocher de bronze, auf dem wir uns zu sammeln haben und der uns Einigkeit und Kraft verbürgt. Ich beklage es tief, daß in der Centrumspartei dieser kleinliche, partikularisttsche, engherzige Parteistandpunkt über die große, weitausschauende patriotische Auffassung vorläufig obgesiegt hat, daß die „Germania", die „Zeitung für das Deutsche Volk", die Stirn hat, in ihrem Leitartikel vom 7. Mai die Verwerfung des Antrags Huene „eine befreiende That nicht nur für Deutschland, sondern für das gesammte Mittel-Europa (auch für Frankreich?) zu nennen und an den bchcrzigenswerthen und tief- bewegenden Kaiserlichen Worten auf dem Tempelhofer Feld eine höchst ungebührliche und ungezogene Kritik (Ist von anderen Blättern derselben Richtung mit Behagen nachgedruckt worden! Die Red.) zu üben, und daß der endlich erschienene Wahlaufruf des becimirten früheren Centrumsvorstandes in kurzsichtiger Verblendung die Lage Deutschlands besser zu beurtheilen glaubt, als der Kaiser und seine hohen Verbündeten. Die Schwenkung des Centrums zu einer demokratisch- oppositionellen Partei mag mitmachen, wer will; für mich als grundkonservativen Mann ist ein ferneres Verbleiben in dieser Fraktion ausgeschlossen! Möchte auch das katholische Volk sich dreimal besinnen, bevor es sich rückhaltslos einer Führung preisgibt, die unter vielen schönen Phrasen schließlich doch nur die Geltend- machung der eigenen Person und kleinlicher Herrschaftsgelüste bezweckt und die Sache, der sie zu dienen vorgibt mitfammt dem Vaterlaude zu Grunde richtet! — Es war mir Bedürfniß, Euer Hochwohlgeboren einmal mein Herz auszuschütten, und bitte ich, von diesen Erklärungen nach Ermessen in der „Kreuz-Ztg." Gebrauch machen zu wollen. Mit dem Ausdruck meiner vorzüglichsten Hochachtung bin ich Euer Hochwohlgeboren sehr ergebenster Dr. Franz Graf Matuschka, Freiherr von Toppolczan und Spaetgen. Langenschwalbach, 27. Mai.
— Auf dem Umwege über London erfährt man, der Papst habe die katholischen Blätter in Rom au- weisen lassen, nichts gegen die deutsche Militärvorlage die deutsche Regierung zu schreiben.
Chcmnitz, 29. Mai. Ein unerhörter Fall von Selbstmord ist hier vorgekommen. In einer Gießerei sprang ein 40jähriger Mann vom Gußboden aus in die geschmolzenen Eisenmassen des Schmelzofens, die eine Hitze von etwa 1600 Grad hatten. Der Leichnam war in wenigen Augenblicken so vollständig von der Gluth verzehrt, daß nichts übrig blieb.
Bamberg. Das Defizit bei dem Konkurs der Firma Heßlein in Bamberg ist sicherem Vernehmen nach weitaus schlimmer, als man anfänglich befürchtet hatte. Ein der Münchener »Allgemeinen Zeitung" zu
gekommenes Privattelegramm gibt nämlich das Defizit auf 4 5 Millionen Mark an. Weiter wird berichtet, daß die Recherchen des Konkursgerichtes sowohl als die im Gang befindliche Kriminaluntersuchung durch den Tod des einen Theilhabers und durch den körperlichen Zustand des Nathan Heßlein, welcher noch nicht vernommen werden kann, sehr erschwert ist. In der Auswahl ihrer Dcpotopfcr waren die Defraudanten nicht wählerisch, und es ist auch der anfänglich herrschende gute Glaube, daß sie wenigstens den minder bemittelten Einlegern das Gut unangetastet gelassen hätten, enttäuscht worden. Nur einzelne gute Freunde und Bekannte blieben verschont; sonst fehlen die Depots aber ohne Unterschied von Reich und Minderbemittelt. Ein bayerischer Reichsrath fand von seinen 210,000 Mk. nur noch etliche Hundert Mk., eine Anzahl Beamten- wittwcn ist um ihr ganzes Vermögen gebracht. Die für eine protestantische Kirchengemeinde zur Anschaffung einer neuen Orgel zusammengeschossenen Beträge, als Depot hinterlegt, sind fort, ebenso ein für ein im Werden begriffenes Dienstbotcninstitut hinterlegtes Vermögen. Besonders stark in Mitleidenschaft gezogen ist die israelitische Handelswelt.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 2. Juni.
* — Nach den trockenen, heißen Tagen ist ein großer Umschlag der Witterung erfolgt. Heute früh fanden sich im Felde sämmtliche vorher im schönsten Flor stehenden Bohnen-, Gurken-, Gemüse- und Kartoffelpflanzen erfroren!
* — Zur Rei chstagswahl. Zu der auf den 31. Mai nach Fulda einberufenen Versammlung im Hotel Wolfs waren etwa 60 Vertrauensmänner, verschiedenen Parteien ungehörig, aus den Kreisen Fulda, Schlüchtern und Gersfeld erschienen. Herr Amtsrath Thaler von Weihershof legte in kurzen klaren Worten sein Programm dar, das im Wesentlichen folgendes enthält: Herr Thaler hält im vollen Vertrauen auf die Reichsregierung die Bewilligung der Militärvorlage für nothwendig, einmal um die Sicherheit des Reiches gegen feindliche Angriffe zu stärken, dann aber auch, um dem Volke die Vortheile der durch dieselbe gewährleisteten zweijährigen Dien st zeit zu verschaffen. Herr Thaler erklärte ferner, daß er für die zur Zeit schwer geprüfte Landwirthschaft mit aller Energie eintreten und auch dahin wirken werde, daß die der Landwirthschaft durch das Unfall- und Alters- und Jnvalidenvcrsicherungsgesetz aufgezwungenen Lasten beseitigt ober zum mindesten wesentlich vermindert werden. Herr Thaler betonte ferner, daß er für die Interessen des kleinen Gewerbetreibenden und für den Handwerkerstand, dessen Gedeihen auf dem Lande im engen Zusammenhang mit der Landwirthschaft stehe, in jeder Weise eintreten werde. Die Worte des Herrn Amtsrath Thaler wurden von der Versammlung mit großem Beifall ausgenommen und einstimmig beschlossen, die Candidatur desselben in jeder Weise zu unterstützen. Darauf wurde ein diesbezüglicher Aufruf an die Wühler von der Versammlung berathen und derselbe nach eingehender Besprechung endgültig festgestellt. (Derselbe liegt der heutigen Nummer bei.) Mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf den Kaiser schloß die Versammlung.
* — Nächsten Dienstag findet eine Wählerversamm- lung in Salmünster, am Abend desselben Tages eine hier in Schlüchtcrn, und am Mittwoch eine in Sterbfritz statt, (siehe Inserat.)
* — Das Königliche BezirkS-Kommando Fulda ersucht uns, folgende Bekanntmachung zu verbreiten: „Diejenigen Invaliden vom Feldwebel abwärts, welche im Kreise Schlüchtern wohnhaft, auf Grund des Militär- Pensions-Gesetzes vom 27. Juni 1871 anerkannt sind und den folgenden Bestimmungen: 1) die Kriegszulage gemäß § 71 des Gesetzes vom 27. Juni 1871 beziehen; oder 2) die Zulage für Nichtbenutzung des Zivil- vcrsorgungsscheins gemäß § 76 des Gesetzes vom 27. Juni 1871 bezw. § 12 des Gesetzes vom 4. April 1874 beziehen, am Kriege 1870/71, oder an einem Kriege vor 1870/71 Theil genommen haben, oder seit diesem Kriege durch eine militärische Aktion oder durch Seereisen invalide geworden sind (Marine) und sich nickt im Genusse einer Vcrstümmelungszulage gemäß § 72 des Gesetzes vom 27. Juni 1871 befinden, oder