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SchWerner Zeitung

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u.Jllnstrirtem Familienfreund" vicrteljührl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg

Samstag, den 10. Juni

Warum rüst t Frankreich? Warum sucht es Bündnisse?

Wir haben nach 1870 Elsaß-Lothringen in Deutschland einverleibt. Die deutschen Fürsten und ganz Deutschland haben dies einstimmig nicht allein als eine Sühne für den Krieg, sondern auch als eine Folge der jahrhunderte­langen Geschichte der Grenzhandel, die diese ursprünglich deutschen Lande uns genommen hatten, angesehen. Aber, wenn auch jetzt die Neigung der Franzosen, den Frankfurter Frieden nicht als definitiv anzusehen, sich in der Hauptsache an die WorteElsaß-Lothringen" knüpft, so werden wir Alle doch nicht verkennen können, daß auch, wenn wir Elsaß-Lothringen nicht genommen hätten, der französische Revanchegedanke derselbe sein würde.

Unsere westlichen Nachbarn haben das Talent, Dinge geschmackvoll cinzukleiden; ihr Revanchegedanke hat oft Ausdruck gefunden in dem Bilde der beiden Töchter, die von der Mutter gerissen sind, ein sehr hübsches Bild; aber an Revanche würde man in Frankreich auch dann denken, wenn die Töchter der Mutter erhalten geblieben wären. Unausgesetzt hat die französische Nation und das gereicht ihr nach meiner Ueber­zeugung zur Ehre seit dem Kriege 1870 kein Opfer gescheut, um ihre Rüstung zu vervollständigen. Ich kann aber als ein Faktum, das Sie wahrscheinlich Alle zugeben werden, anführen, daß in der Weise, in der die französische Rüstung sich ihrer Vollendung näherte, auch das französische Selbstbewußtsein stieg; mit dem steigenden Selbstbewußtsein kam der Gedanke: find wir jetzt wohl wieder bündnißfähig? und mit der Be­jahung dieses Gedankens der Wunsch, ein Bündniß zu schließen. Daß, wenn Frankreich heut zu Tage ein Bündniß schließt, der Gedanke, der es dabei leitet, nur der sein kann, eine Revision der europäischen Karte vorzunehmen, ist zweifellos. Daß also ein solches Bündniß, das Frankreich schlösse, nicht wie die Bünd­nisse, die wir geschloffen haben, einen defensiven Charakter tragen würde, ist ebenso zweifellos.

Die Volksstimmuug in Rußland; die Rüstungen dort zielen nicht nach Süden, sondern nach Westen.

Es ist in den weitesten Kreisen der russichen Nation eine Verstimmung verbreitet, eine Verstimmung, die sich gegen uns richtet, deren innere Gründe schwer abzusehen sind. Sie datirt in ihren Anfängen wohl zurück auf den Krimkrieg; sie ist dann vermehrt mürben durch den Haß, den man in Rußland gegen die in Rußland lebenden Deutschen hatte, einen Haß, der sich dann über die Grenzen fortpflanzte und der auch stieg mit unseren Waffenerfolgen und leider auch mit den diplomatischen Erfolgen, die der frühere Reichskanzler im Interesse Rußlands davon getragen hat. Wir müssen mit dieser Verstimmung rechnen, wie mit einer elementaren Kraft, sie wirkt mit der Sicherheit eines Naturgesetzes. Und wenn wir auch die Hoffnung nicht aufgeben können, daß sie einmal rückläufig werden wird, so ist bis jetzt doch davon keine Spur vorhanden. Die russische Politik ist gewohnt, mit großen Zeiträumen zu rechnen. Auch die russische Militärverwaltung rechnet mit längeren Zeiträumen, als andere, und sie geht periodisch, aber sicher und zielbewußt in ihren Rüstungen weiter. Sie ist noch nicht am Ende; sie ist jetzt auf ein Prozent der Bevölkerung angenommen mit ihrem Friedens- präscnzstande, ich halte es für wahrscheinlich, daß das noch weiter gehen wird; sie ist organisatorisch nicht am Ende, sie ist technisch nicht am Ende, sie ist im Begriff, «u neues Gewehr einzuführen. Aber das, was sie bis jetzt gemacht hat, reicht schon hin, um unsere ernste Aufmerksamkeit zu verdienen. Nicht daß das, was ge­schehen ist, darauf schließen ließe, daß wir in naher Zeit vor einem Kriege mit Rußland stünden; aber es läßt darauf schließen, daß Rußland glaubt, sein nächster Krieg werde nicht nach Süden, sondern werde nach Westen geführt werden.

An die Lauen und Schwankenden.

Es gibt eine Masse gutgesinnter Patrioten, die in der Noth und Gefahr nicht einen Augenblick zögern würden, Gut und Blut für das Vaterland hinzugeben. Aber diese Noth und Gefahr ist für sie erst dann vor­handen, wenn der Krieg ausbricht und die Kanonen das letzte Wort haben. Vorder sind sie für die Interessen des Vaterlandes kühl bis ans Herz hinan, sie schützen <

Berufsthätigkeit, Familiensorgcu, vielleicht auch wie das gegenwärtig geschieht Mangel an Verständniß der in Rede stehenden militärisch technischen Fragen, und was dergleichen mehr ist, vor, um ihren Mangel an Interesse, ihre Gleichgültigkeit, ihre Unthäligkeit zu begründen, und schließlich bleiben sie auch am Wahltage von der Wahlurne fern.

Wenn doch diese Lauen und Gleichgültigen bedenken wollten, daß gerade in ihre r Hand die Entscheidung liegt! Wahrlich, die Zeiten sind ernst genug, um es zu rechtfertigen, daß sie ihre Lauheit und Gleichgültigkeit ablegen. Denn mit ihrem Verhalten arbeiten sie den geschworenen Gegnern von Staat und Gesellschaft und | den Leuten, denen die Partei über dem Vaterland steht, in die Hände, und wenn diese dann dem Vaterlande die Waffen vorenthalten, die es zu seinem Schutz, zu seiner Vertheidigung, zu einem erfolgreichen Kriege be­darf, dann ist der Friede bedroht, das Vaterland ge­fährdet. Wollen diese Lauen und Gleichgültigen durch ihr Verhalten erst derjenige Gefahr heraufbeschwören, die sie aus ihrer Unthäligkeit herausbringen würde? Wollen sie erst opferbereit sein, wenn es gilt, die höchsten und letzten Opfer zu bringen? Jetzt haben sie es in der Hand, mit dem Stimmzettel in der Hand, die letzten Gefahren abzuwehren und ihnen vorzubeugen, jetzt sind sie im Stande zu bewirken, daß ihnen jene letzten Opfer erspart werden; sie brauchen nur sammt und sonders sich aufzurafscn und an die Wahlurne zu treten, um von ihrer Vaterlandsliebe Zeugniß abzulegen.

Wer das nicht thut, macht sich der größten Pflicht­verletzung schuldig. Das Vaterland rechnet bei den Wahlen nicht nur auf die Leute, die sich für Politik intcressireu, es rechnet nicht nur auf gewisse Parteien, sondern auf alle seine Söhne. Wer sich der Pflicht des Wählens nicht unterzieht, begeht eine Handlung, die in ihrer Wirkung nicht besser ist als eine Abstimmung zu Gunsten der Gegner. Denn nur diese sind es, die von der Lauheit und Unthätigkeit Nutzen ziehen. Staat und Gesellschaft sind bedroht, das Vaterland ist gefährdet, wenn die Lauen und Gleichgültigen den Leuten, welche zur Unfriedenheit hetzen und engherzige Parteiziele verfolgen, freies Feld lassen. Sollten da nicht die Lauen und Gleichgültigen ihrem Herzen einen Stoß geben und sich bereit finden lassen, den Ansturm auf die Lebensinteressen des Vaterlandes, dem sie im Herzen zugethan sind, siegreich abzuschlagen?

Aber es gibt wohl auch Leute, welche noch nicht mit sich Eins sind, nach welcher Seite sie sich schlagen sollen. In unverantwortlicher Weise sucht man sie durch Rechenkünststücke zu blenden und ihnen vorzureden, welche Lasten und Steuern ihnen von der Militär­reform erwachsen werden; ja es werden Rechnungen ausgemacht, die Einem Haarklein beweisen sollen, daß man schon viel zu viel Steuern bezahlt und daß wir schon viel zu viel Soldaten haben. Möchte nicht Jeder gern billiger und besser leben, wäre es nicht schöner, wenn wir gar keine Kriege mehr hätten und anch keine Soldaten mehr brauchten? Freilich! Aber wer sich dadurch gegen die Militärvorlage einnehmen läßt, Über­sicht, daß er dadurch an den Nahrungs- und Lebens­mittelpreisen nichts ändert, die Steuern nicht geringer macht und daß er dadurch auch nicht den schönen Traum des ewigen Friedens seiner Verwirklichung näher führt. Das Gegentheil ist der Fall! Ist Frankreich erst überzeugt, daß es der deutschen Nation zu theuer ist, ihre Einheit und das Reich zu erhalten und zu ver­theidigen, dann ist uns der Krieg gewiß, alle Geschäfte werden stocken, Handel und Wandel werden unter­brochen, die Befriedigung der Bedürfnisse des Lebens aber wird immer theurer und in einem unglücklichen Kriege wird der Sieger gewiß nicht so gewissenhaft sein wie unsere Regierung, zu fragen: was kann das deutsche Volk, was kann der einzelne Steuerzahler tragen? Dann erst wird man Ursache haben über die Leistungs­unfähigkeit des Volks und die unerschwinglich hohen Lasten zu klagen. Wer das jetzt thut und auf Grund dessen dem Vaterlande die Vervollständigung der Rüstung, die es fordert und deren es bedarf, verweigert, der be­findet sich über das, was er und das Volk tragen können, nicht nur in einem großen Irrthum, sondern der beschwört auch die Zustände herauf, welche in Wahrheit unerträglich sein werden.

Aber muß man denn Alles nur nach Ziffern und

Zahlen bemessen? Füllt denn nicht auch die Ehre, das Bewußtsein, das Glück, Bürger eines einigen großen Vaterlands zu sein, in die Wagschalc, gibt es denn nicht auch eine Ehrenpflicht, für das Vaterland Alles cinzusetzen, was zu seiner Erhaltung und Vertheidigung erforderlich ist? Diese Ehrenpflicht gilt es jetzt bei den Wahlen zu erfüllen, Da darf, da kann Niemand schwanken, da darf Niemand lau und gleichgültig bleiben. Die Wähler haben es in der Hand, das Unglück, das über das Vaterland bei einer Verwerfung der Vorlage von außen hereinbrechen würde, abzuwehren. Der Eine muß den Anderen mit sich ziehen, Niemand darf sich der Wahl entziehen, Niemand zu Hause gelassen werden. Das Vaterland rufr!

t Zur Reichstagswahl am 15, Juni.

Am vorigen Dienstag und Mittwoch haben Wähler- versammlungen in Salmünster, Schlüchtern und Sterbfritz stattgefnndcn, woselbst sich Herr Amtsrath Thaler zu Weihershof als Wahlcandidat den Wählern vorgestellt hat. Die Versammlungen waren alle gut besucht und nahmen einen, dem Ernst der Lage und der Sache entsprechenden würdigen Verlauf. Da alle Gemeinden des Kreises und alle Stände in diesen Versammlungen vertreten waren, dürfte ein eingehender Bericht hierüber an dieser Stelle wohl überflüssig sein, doch kann ich nicht umhin, in wenigen Sätzen die Hauptsache hier zu wiederholen.

In einfachen schlichten Worten hat uns Herr Thaler vorgetragen, 'wie er sich zu den wichtigsten Fragen, welche im Reichstag zurEntsibeidnngkommen müssen, stellt.

Herr Thaler hat versprochen, die Interessen der Landwirthschast, des Handwerks, des Ge- werbestandes und des Arbeiters voll und ganz zu vertreten. Daß Herr Thaler, vermöge seiner sonstigen Ehrenstellungen als Mitglied des Kreis-Aus­schusses zu Fulda, als Mitglied des Communallandtags und Mitglied des Landes-Ausschusses, aber hauptsächlich als ein erfahrener praetischer Landwirth, der die Erwerbs­und Wirthschaftsverhältnisse aller Stände auf dem Lande nnd in den kleineren Städten genau kennt und zu be­urtheilen versteht, die Interessen des Wahlkreises in der richtigen Weise vertreten kann, ist außer Zweifel; datz er sie vertreten wird, davon sind wohl Alle über­zeugt, die den Herrn gesehen und gehört haben.

Ein Wahlkreis, der vorwiegend Landwirthschaft be­treibt, an deren Wohlstand und Gedeihen Handwerk und Gewerbebetrieb das innigste Interesse haben muß, kann sich wohl keinen besseren Vertreter wünschen.

Der von der Centrumspartei ausgestellte Gegen- canbitat ist Herr Fabrikant Müller, Großindustrieller und nebenbei Millionär. Daß in Folge dieser günstigen Factoren genannter Herr von einem ganz anderen Gesichtspunkt aus den Wahlkreis beurtheilt und ver­treten wird, liegt auf der Hand; derselbe wird gegen die Militärvorlage stimmen und im Uebrigen die Interessen der Großindustrie vertreten, weil er nur diese kennt.

Wähler des Kreises Schlüchtern! Wollt Ihr Euch in Euer eigenes Fleisch schneiden und weiter an Euerem eigenen Grabe graben helsen, dann bleibt zu Haus oder wählet Herrn Müller, wollt Ihr aber endlich einmal Eitere Interessen vertreten wissen, dann gehe am 15. Juni Mann sür Mann an die Wahl-Urne und wähle Herrn Thalei«.

Gruselich macht man Euch von gegnerischer Seite mit den Kosten der Militär-Vorlage, man sagt Euch Ihr müßt wieder die Zeche bezahlen". Ich will kein weiteres Wort über diese Militär-Vorlage verlieren; wer es mit seinem Gewissen verantworten kann, die Sicherheit für Haus und Hof, Weib und Kind preiszugeben, um einige Groschen im Jahre, die er vielleicht dazu beitragen muß, zu sparen, der stimme dagegen.

Unser Erbfeind, die Franzosen, werden es ihm gewiß danken. Sollte aber nun, was wir von Herzen wünschen, die Militär-Vorlage trotz Deiner gegnerischen Stimme bewilligt werden, dann Bauer, Handwerker, Gewerbetreibender, wird Herr Müller schon dafür sorgen, daß du wohl die Zeche bezahlen mußt, denn die Großindustrie, das Großkapital kann nichts entbehren.

Die Vertreter dieser Mächte thun ja auch ein Uebriges, sie zeichnen die Anleihen, welche das Reich