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Erscheint Miltivoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" n.Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Alk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg 3i 48. Samstag, den 17. Juni 1893.

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Die Noth der Landwirthschaft!

Wer die himmelschreiende Noth, in der sich in Mittel- und Süddeutschland in Folge der furchtbaren Trockenheit in diesem Jahr die gesammte Landwirthschaft, der eigentliche Nährstand unseres Volkes, befindet, ganz verstehen will, der lese die nachstehenden Marktberichte aus Schweinfurt und Frankfurt, die wir in gewöhn­lichen Zcitlüufcn unter Marktberichte mitzutheilen pflegen, heute aber an der Spitze des Blattes, damit sie jedermann sehe und lese, zum Abdruck bringen. Das Herz blutet einem, wenn man diese dürren Worte und Zahlen liest!

Schweinfurt, 14. Juni. Der heutige Rindviehmarkt war überaus stark, mit nahe an 4000 Stück betrieben; schon gestern Mittag waren in der Stadt keine Stallungen mehr zu haben. Für Norddeutschland wurden zwar massenhafte Aufkäufe gemacht, doch konnten sich nur für ganz schöne schwere Thiere die Preise halten, im klebrigen sanken in Folge der immer größer werden­den Futternoth die Preise so tief, wie noch niemals. Einjährige Stiere kosteten 4050, 1 '/s 2jährige Stiere 60120, schöne 3jährige Stiere 150220 Mk. das Stück. Kühe spottbillig, es wurden Stücke um 50, auch 30, ja selbst für 20 Mk. losgeschlagen. Hingegen waren schöne schwere Ochsen I. Qualität ge­sucht und wurden gut mit 10721148 Mk. (58 62 Karolin) das Paar bezahlt, während Mittelochsen, die seither 740890 Mk, (4048 Karol.) das Paar ge­kostet haben, mit 500700 Mk. (3038 Karol.) ab­gegeben werden mußten. Die äußerst niedrigen Preise selbst für schöne Stiere veranlaßten die norddeutschen Käufer, auch diese in großen Partien aufzukaufen und das war noch ein Glück, denn ohne den Aufkauf zur Ausfuhr wäre kaum ein Käufer zu finden gewesen, da in den umliegenden Gauen Alles verkaufen will und Niemand kaufen kann! Leider wird durch diesen noth­gedrungenen Massen-Verkauf (es wird fast kein Kalb mehr für Aufzucht zurückbehalten, alle werden selbst zu Spottpreisen weggegeben) der schöne Viehstand in hiesiger Gegend derart dezimiert, daß daraus für die nächsten Jahre die schlimmsten Folgen entstehen werden. Der Schweinemarkt war mit nahe an 2000 Stück bestellt. Auch auf diesem Markt gingen die Preise durchgängig zurück. Saugschweine kosteten 1426, Läufer 3060 Mk. das Paar, fette Schweine 4750 Pf. pro Pfd. Fleischgewicht. Nächster Viehmarkt 28. Juni. Auf dem ganz schwach befahrenen Getreidemarkt kosteten Weizen 1717,25, Roggen 15,50 Mk. pro 100 Kilo. Hafer stieg aus 19 Mk. pro 100 Kilo."

»Frankfurt, 12. Juni. So lange Frankfurt einen Viehmarkt hat, war noch nicht so viel Schlachtvieh vor und während des Marktes zugezogen worden, wie heute. Zwei während des Marktes angekommene Züge konnten nicht entladen werden und mußten weiter fahren. Die großen Hammel-, Kälber- und Schweinestallungen sowie der freie Marktplatz mußten dem Hornvieh nutzbar ge­macht werden. Bon Hornvieh standen allein 1595 Stück zum Verkauf, von Kleinvieh 1443 Stück. Daß bei solchem Ueberfahren des Marktes die Preise sanken, ist selbstverständlich."

Und leider, leider! steht es bei uns im südlichen Theil von Hessen und in der Rhön noch viel schlimmer aus, denn die fränkischen Gaue und Fluren sind im Ganzen weit fruchtbarer und ihre Bewohner im Durch­schnitt viel wohlhabender als die unserer Vogels- und Rhönberge. Mit einem Wort: kommt unter diesen Verhälxnissen nicht sehr bald Hülfe, und zwar energische, ausgiebige Hülfe von Seiten der Stantsregierungen, dann ^eht die Hälfte, dann geht der ärmere Theil unserer! Landwirthe sicherlich zu Grunde!

/ Deutsches Reich.

Berlin. Vor einiger Zeit ging die Nachricht dlliM die Blätter, daß die in Folge der Reichs- UMwahlen verschobenen Uebungen der Landwehr undI Reserve ganz aufgehoben seien. Nach eingezogenen JafRormationen kann diese Nachricht als unbegründet ^zeilchnet werden und findet auch bereits am 6. Juli eiln» Einberufung der Mannschaften der Landwehr 1. AuMebots zu einer Uebung statt.

w Getreidekauf. Unter dieser Ueberschrift bringt »Deutsche Reichsanzeiger folgende Notiz:In Emden ist eigne Verständigung zwischen Kaufleuten und Land- ^nlMen dahin angebahnt, daß an einem bestimmten

Tage der Woche Getrcidchündlcr und Produzenten behufs Abschlusses von Geschäften ohne Vermittelung von Kommissionären zusammenkommen. An diesen Tagen soll zu einer gewissen Stunde an Kommissionäre nicht verkauft werden dürfen." Es ist dies ein entschiedener Schritt zur Besserung. Das Streben, der Landwirthe muß es sein, sich zu Absatzgenossenschaften zusammen- znschließen und so den ihnen gebührenden Einfluß auf die Gestaltung des Getreidehandels und der Getreide- preise zu gewinnen. Dann wird es auch gelingen, die verderblichen Börsenauswüchse endgültig zu beschneiden.

Staatsbankerott in Griechenland. Für die deutschen Besitzer auswärtiger Staatspapiere kommen trübe Zeiten, auch Griechenland ist mit seinen Geld­mitteln zu Ende, kann keine Zinsen seiner Papiere mehr zahlen, von welchen Millionen in Deutschland verbreitet sind und bereitet sich zum Staatsbankerott vor. Aller­dings sucht man die Geschichte noch etwas zu umschleiern, aber die Thatsache, daß keine Zinsenzahlung vom 1. Juli d. I. ab mehr erfolgen soll, lehrt zur Genüge, wie die Dinge stehen. Die griechische Regierung will die Zinsen vom 1. Juli ab für 2'/«Jahre kapitalisiren d. h. die Inhaber griechischer Papiere sollen einen Schuldschein über die Zinsen vom 1. Juli 1893 bis 1. Januar 1896 erhalten, also kein baares Geld und von diesem Schuldschein sollen fünf Prozent Zinsen ge­zahlt werden, ein sehr schwacher Ersatz. Nach 2 */, Jahren soll die Zinszahlung in baar wieder ausgenommen werden, wenn etwas daraus wird. Das deutsche Publikum kann sich aber von Neuem bei den hoch- berühmten Finanzgrößen bedanken, welche ihnen diese und andere Papiere noch in den allerletzten Jahren angeschmiert haben. Hier ist wirklich eine riesengroße Lücke in unserer Gesetzgebung: Banken, die Millionen von fremden Papieren unter das Publikum bringen, und dabei Millionen verdienen, müßten auch gehalten sein, für die Erfüllung der Verpflichtungen Garantie zu übernehmen. Können sie das nicht, sollen sie lieber keine solchen Geschäfte machen.

Aus Nardschleswig, 9. Juni. Bekanntlich ver­mindert die unruhige Nordsee von Jahr zu Jahr stetig den Flächenraum der schleswigschen Nordseeinseln, der kleinen Halligen. Trotzdem geht nicht verloren; das schleswigsche Festland nimmt an Größe zu. Neuerdings ist, den Fl. N. zufolge, an unserer Westküste im Kreise Husum eine große Marschfläche in der Bildung be­griffen. Gewöhnlich wird angenommen, daß sich in hundert Jahren % Meter Marschland bildet. An der erwähnten Stelle ist dagegen die Zunahme eine viel größere. Das neu eingedeichte Land wird zur Korn- gewinnung benutzt und liefert hundert Jahre lang die reichsten Erträge, ohne jemals der Düngung zu bedürfen.

Aus Sachsen, 10. Juni. Ein gräßliches Ver­brechen hat der Bürstenmacher Albin Fuchs in Schön- heide im Vogtlande an seinen Kindern verübt. Der unmenschliche und dem Trunk ergebene Vater hat seinem achtjährigen Knaben den Hals abgeschnitten und sein nicht ganz zwei Jahre altes Mädchen erdrosselt. Sein drittes Kind, einen Knaben von 12 Jahren, wollte Fuchs in einen Teich werfen, wurde jedoch an der That durch Leute verhindert, die auf die Hülferufe des Kindes herbeieilten. Der Mörder ist verhaftet und hat seine That bekannt.

Bunzlau, l0. Juni. Ein Akt unglaublicher Rohheit ist dieser Tage in dem Dorfe Wenig-Rockwitz, hiesigen Kreises, verübt worden. Als Herr Gutsbesitzer Roth- mann daselbst nach kurzer Abwesenheit wieder in seine Behausung zurückkehrle, fand er eine seiner besten Zuchtkühe mit blutendem Maule im Stalle. Eine nähere Untersuchung führte zu dem erschreckenden Er­gebniß, daß dem armen Thiere die Zunge in einer Länge von h's Meter quer durchgeschnittcn war, so daß der losgetrennte Theil nur noch mit einem Haulfetzen an dem anderen Zungenstummcl hing. Das werthvolle Thier mußte, da eine Heilung der Verstümmlung absolut ausgeschlossen schien, bald getödtet werden. Man hat bereits Vermuthung auf den verrohten Thäter.

Aus der Provinz Sachsen, kl.Juni, schreibt man: Ist die Lehrerschaft schon neulich durch einige scharfe Aeußerungen des Oberbürgermeisters Arnold in Zeitz auf das Unangenehmste berührt worden, so noch mehr durch ein im hohen Grade unliebsames Vorkommniß,

welches sich dieser Tage in Quedlinburg abgespielt hat. Auch dort geht dasselbe vom Stadtoberhaupte aus- Anläßlich der Berathung einer Vorlage des Magistrats, betreffend Gehaltserhöhung der städtischen Beamten, that Oberbürgermeister Dr. Brecht in der öffentlichen Stadt­verordnetensitzung die Aeußerung, in Betreff der Vor­bildung würden au die städtischen Beamten ganz andere Anforderungen gestellt als , a n die gewöhnlichen Lehrer". Durch diese und noch andere Aeußerungen ähnlich herabwürdigender Art verletzt, erließ der Quedlin- burger Lehrcrvercin in den dortigen Blättern eine einen scharfen Angriff auf den Oberbürgermeister enthaltende öffentliche Erklärung. Hiergegen nahmen dann wieder Magistrat und Stadtverordnetenversammlung gemeinsam Stellung, und die Folge davon war, daß vier Mit­gliedern des Lehrervereins ihr Nebenamt als Lehrer an der städtischen Fortbildungsschule, welches Nebeneinnahmen von je 300 bis 600 Mark jährlich mit sich bringt, vom Magistrat gekündigt wurde. Weitere Maßregelungen sollen in Aussicht stehen. Die Sache erregt in unserer Provinz großes Aufsehen.

Erfurt. Bei der Rechnungslegung über die Fuhrwerksgenossenschaft der Provinz Sachsen erregte die Mittheilung berechtigtes Erstaunen, daß in einem Jahr 72,000 Mark für Verwaltungskosten, aber nur 600 Mk. für eine einzige Unfallentschändigung gezahlt worden seien. Das läßt allerdings tief blicken.

Staßsurt, 12. Juni. Ein lebensmüdes Ehepaar beschloß dieser Tage, gemeinsam durch Erhängen zu sterben. Auf dem Boden wurden die Stricke durch Schlingen angebracht und die Köpfe in die Schlingen ge­steckt; auf den Rufdrei" der schwächeren Hälfte sollte der Weg in das Jenseits gehen. Als das Kommando drei erfolgte, hatte der stärkere Theil nichts zu thun, als feinen Kopf aus der Schlinge zu befreien, was der beobachtenden Ehehälfte nicht entging und sie zur Nach­ahmung veranlaßte. Die Frau beschuldigte den Mann, daß er sie habe los sein wollen, und gab ihm zur Besserung eine Portionungebrannter Asche".

Ueber die Pulverexplosion, die, wie schon gemeldet, in Kirn stattgefunden hat, werden nachstehende Einzel­heiten berichtet. Der Knecht des Schieferbruchbesitzers Rech in Bundenbach bei Rhanen, Hehn, hatte den Auf­trag, fünf Fässer Pulver nach Kirn zu fahren, vorher aber die Anzeige erstatten. Letzteres unterließ er leicht» sinnigerweise. Die Fuhre erreichte Kirn ohne jeden Zwischenfall, doch mußte eines der Fässer beschädigt sein, denn Kinder bemerkten einen langen Pulverstreifen. In der Nahegasse ließ der Knecht den von der Arbeit kommenden Arbeiter Jost aus Sohren aufsitzen und fuhr über den Markt bis zum GasthausZum goldenen Lamm". Hier erfolgte gegen 7 Uhr Abends die Ex­plosion. Der Wagen wurde zertrümmert, der auf einem der Fässer sitzende Arbeiter Jost wurde durch die Luft über das Haus des Goldarbeiters König ge­schleudert und fiel als formlose Masse zu Boden. Zwei Mädchen von 7 und 19 Jahren wurden zu Boden geschmettert, und sind später gestorben. Der Fuhrknecht Hehn lag halbtodt auf dem Pflaster. Er starb nach Verlauf von wenigen Stunden. Weniger schwer verletzt wurden, aber immerhin bedenklich, 10 andere Personen. Zahlreiche Personen wurden durch den ungeheuren Luft­druck in ihren Häusern zu Boden geschleudert.

Vor hundert Jahren. Es wird von den Gegnern der Militärvorlage immer wieder behauptet, sie verursache unerschwingliche Kosten. Wenn dies nun auch von be­rufenster Seite wiederholt widerlegt worden ist, so muß doch immer wieder darauf hingewiesen werden, wie ver­schwindend diese Lasten sind gegen diejenigen, welche ein unglücklicher Krieg auferlegt. Da ist denn ein von der Köln. Ztg." veröffentlichtes Aktenstück von Interesse, das gegen Ende des vorigen Jahrhunderts ausgefertigt ist, und tabellarisch angiebt, was in einer kleinen Gemeinde von 2800 Seelen während des französischen Krieges von 1794 bis 1797an Kontributionen, ge­lieferte Requisition, Verlohren und Geplündert worden ist." Hiernach hat das Städtchen u. a. liefern müssen: An Contribution in Geld 65 000 Livre, Getreide und Stroh zum Betrage von 110 000 Livre, 585 Stück Kühe, das Stück zu 150 Livre, 100 Stück Schafe zu 20 Livre, Pferd und Karren für 27 000 Livre, schwere Dienstfuhren zum Preise von 27300 Livre, Ein­quartierung 8 500 Mann, 156 000 Tage ---- 156 000 Livre und sofort; durch Plünderung allein sind 133000