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M 50. Samstag, den 24. 3mit 1893.

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,wSchlüchterner Zeitung

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Schlächtern, im Juni 1893. Die Expedition.

Die Socialdemokraten

haben während des Wahlkampfes ihre Ziele vor den Wählern sorgfältig zu verhüllen gesucht, nur in den Großstädten, wo die Führer über fest gedrillteArbeiter- bataillone" verfügen, wurde die rothe Fahne deutlich aufgezogen. In den kleineren Städten und vollends aus dem platten Lande dagegen wurde in Reden und Flugblättern so gethan, als ob die Socialdemokratie lediglich eine friedliche, ordnungsliebende Reformpartei sei, die den Landmann, den Handwerker und Arbeiter vor neuen Steuern und vor Verkürzung seines Wahl­rechts bewahren wolle. Wie viele Wähler sich durch diese harmlose Maske haben täuschen lassen, wird sich genau erst in einigen Tagen übersetzen lassen.

Wo ein Socialdemokrat gewählt wird, da stimmt die Wählerschaft für den Krieg, ohne es zu wollen. Die socialdemokratische Partei ist die beste Bundes­genossin der französischen Ruhm- und Vergeltungssucht, ebenfalls weniger dem Willen als der Wirkung nach. In einer socialdemokratischen Versammlung in Südwest- deutschland ist unter dem Beifallsgebrüll der Genossen der landesverrätherische Ruf ausgestoßen worden:Lieber französisch als deutsch, wären doch die. Franzosen schon 1870 über uns gekommen!" Wenn wir auch den zielbewußten" Socialdemokraten die verführte Masse denkt zweifellos anders nicht nachsagen wollen, daß sie von einem solchen Grade von vaterlandsloser, deutsch- mib rechtsfeindlicher Gesinnung durchdrungen sei, so steht doch fest, daß die Führer Bebel, Liebknecht u. b w. die Zugehörigkeit Elsaß-Lothringens zum Reiche nicht als eine abgeschlossene Thatsache, sondern als eine offeneFrage" betrachten und daß sie wegen der brüderlichen Versicherungen der französischen Socialisten in dem Wahne leben, die Franzosen seien trotz ihrer unaufhörlichen Rüstungen, trotz ihrer bei jeder Gelegenheit verhüllt und »»verhüllt und ohne Unterschied der Partei hervortretenden Sucht nach dem alten Kriegs- rnhm gerade so friedlich gesinnt, als wir Deutschen.

Unsere Socialdemokraten spielen in diesem Punkte die Rolle des dummen deutschen Michels. Die fran­zösischen Socialisten denken gar nicht daran, sich mit ihnen gegen einen neuen deutsch-französischen Krieg zu verbrüdern, im Gegentheil, sie, die französischen Socialisten, unterscheiden sich im Patronsmus gar nicht von den übrigen Parteien in Frankreich, und hetzen gerade so wie diese bei jeder Gelegenheit gegen Deutschland und zum Kriege. Wie weit das geht, hat man kürzlich wieder bei der Hetze gegen ein deutsches Rennpferd erlebt. Socialdemokratische Blätter in Paris erflärten es ebenso wie Blätter anderer Parteien für eine Herausforderung, für eine Schmach, daß ein deutsches Pferd in einem Rennen bei Paris laufen sollte. Ein gewisser Pascha! Grousset ereiferte sich deshalb in dem kommunistischen Blatte Germinal wie der erste beste Revanchemann und dieser Paschal Grousset war 1871 Mitglied der Pariser Kommune, gehörte also zu den nächsten Gesinnungsgenossen Liebknechts und Bebels, die den Leuten vorreden, das französische Proletariat" sei ein friedliches Lamm und werde es nicht zu einem Angriff auf Deutschland kommen lassen.

Die französischenBrüder" sind eben erst Franzosen und dann Socialisten, die deutschen dagegen erst Revolutionäre und dann noch lange nicht gute Deutsche. Wer sie mit dem Stimmzettel unterstützt, gefährdet daher nicht nur den inneren, sondern vor Allem den äußeren Frieden.

Deutsches Reich. .

Berlin. Der Kaiser wird bis Ende dreier Woche m Kiel verbleiben und voraussichtlich erst am Sonntag Abend in Potsdam wieder eintreffen. Auch während seiner Anwesenheit in Kiel nimmt der Monarch die regelmäßigen Vorträge entgegen und erledigt die laufenden Regiernngsangelegenheiten. Wie verlautet, ist es nicht

unwahrscheinlich, daß die Kaiserin Ende dieser Woche sich ebenfalls nach Kiel begiebt, um dort mit dem Kaiser zusammenzutresfen.

Der Saaten stand in Preußen. Nach den An­gaben des königlichen statistischen Büreans über die Saaten in Preußen von Mitte Juni d. I. stellen sich folgende Durchschnittszahlen für die ganze Monarchie heraus. Der Stand wird in Berhältnißzahlen ans- gedrückt, von denen Nr. 1 die Aussicht auf eine sehr gute, Nr. 2 eine gute, Nr. 3 eine mittlere, Nr. 4 eine geringe und Nr. 5 eine sehr geringe Ernte bedeutet: Winterweizen 26/10, Sommerweizen 2^,iv, Winterroggen 28/io, Sommerroggen 32/io, Sommergerste 3, Hafer 3 */io, Erbsen 29,i0, Kartoffeln 2chi», Klee und Luzerne 37,io, Wiesen 4. Gegen den Stand im Mai zeigten sich wesentliche Verschlechterungen bei Gerste, Klee und Wiesen; sonst sind die Differenzen sehr gering. Eine Besserung der Aussichten wird für Winterroggen an­gegeben, welcher jetzt mit 28/io, gegen 32/io im Mai beziffert wird. Hcher soll sich nicht verändert haben. Aus den textlichen Bemerkungen, welche dem amtlichen Bericht hinzugefügt sind, geben wir Folgendes wieder: Die anhaltende, nach dem Westen sich steigernde Dürre gibt zu ernsthaften Besorgnissen wegen des Ernteausfalles Veranlassung. Zwar haben Strich- und Gewitterregen da, wo sie rechtzeitig eingetreten sind, theilweise den Stand der Feldfrüchte gebessert; selten jedoch war der Regen ergiebig genug, und haben ins­besondere die Kleefelder, die Weiden und Wiesen, der dringend nöthigen Feuchtigkeit entbehrend, schwer ge­litten. Unter diesen Umständen wird allenthalben über Futtermangel geklagt, der sich in vielen Kreisen, haupt­sächlich in den Regierungsbezirken Erfurt und Arnsberg, sowie in den Provinzen Hessen-Nassau und Rheinland zu ausgesprochener Futternoth gesteigert hat. Das vorhandene Grünfutter ist hier verbraucht; mehrfach wird der bereits abgeblühte Roggen theils zum Futter, theils, weil doch kein Körnerertrag zu erwarten, bereits jetzt geschnitten; in den südlichen Kreisen des Regierungs­bezirks Koblenz wird Laub aus dein Niederwald ver­füttert. Der Preis des Heues ist in einzelnen, besonders an Futternoth leidenden Erhebungsbezirken bereits auf 7 7a bis 8, selbst 9 bis 10 M. für 50 Kg. gestiegen. In vielen Gehöften, selbst ganzen Ortschaften der Regierungsbezirke Kassel und Aachen wird über Wasser­mangel geklagt. Die Berichte der Vertrauensmänner gehen im Einzelnen sehr auseinander und schwanken selbst in ein und demselben Erhebungsbezirke von den besten bis zu den schlechtesten Noten für dieselbe Frucht. Der Grund hiervon ist in den Bodenverhältnissen und darin zu suchen, daß häufig neben Ortschaften, die mehrfach Regen zu verzeichnen hatten, andere nur wenig entfernt davon vom Regen unberührt blieben.

21, Juni. Es wird berichtet, daß die Regierung Angesichts der socialdemokratischen Wahlerfolge bestrebt sein werde, die ländlichen Interessen auf gesetzgeberischem Wege zu fördern, um dem weiteren Vordringen der Socialdemokratie auf dem platten Lande erfolgreich ent- gegenzutreten.

Potsdam, 19. Juni. Im hiesigen Garnison- Proviant-Amt entstand in der vergangenen Nacht Feuer, durch welches dasselbe vollständig eingcäfdjpl wurde. Der Schaden ist ziemlich groß; es verbrannten ca. 600 Zeninxr Brod und eine Quantität Heu. Die Feuerwehr war bis 5 Uhr Morgens in Thätigkeit, alsdann wurde zur Hilfeleistung eine Compagnie Garde- Jäger nach der Brandstelle beordert.

Schueidemühl, 20. Juni. Heute früh um 3 Uhr ist ein dreistöckiges Wohngebäude eingestürzt. Menschen sind glücklicherweise nicht verletzt. Die Aufrüumungs- arbeiten können wegen der damit verbundenen Lebens­gefahr nicht vorgenommen werden. Die durch den Brunnenbau hervorgerufene Erdsenkung betrügt bereits ! mehr als ein Meter. Zerstört sind bis jetzt 23 Häuser;

80 Familien mußten ihre Wohnungen räumen. Pioniere sind zur Hilfeleistung eingetroffen. Heute früh gegen 4 Uhr stürzte das Straubelsche Haus in sich zusammen, und jeden Augenblick erwartet man den Einsturz von anderen Häusern in" der Großen und Kleinen Kirchen- straße. Der Handel stockt. Ohne Beihilfe des Staates wird sich die Stadt nur schwer erholen können.

Weruigerode, 18. Juni. Kraftleistung eines Wahl­vorstehers. Während der Reichstagswahl am vorigen Donnerstag ereignete sich hier etwas, das wohl in weiteren Kreisen bekannt zu werden verdient, da es zeigt, daß das Amt eines Wahlvorstehers kein so leichtes ist, als wohl allgemein angenommen wird. Das Wahllocal für den 1. Bezirk in unserer Stadt war das Stadtverordneten- Sitzungszimmcr im Rathhause. Als Wahlurne war die auch bei den Communalwahlen benutzte zur Verfügung gestellt. Doch war diese für eine große Zahl von Wahlzetteln (der Bezirk enthält 961 Wähler) zu klein. Es wurde deshalb aus dem nahe gelegenen Hotel Gothisches Haus" eine große Suppenterrine herbei- geschafft. Der Deckel dieser sehr ansehnlichen aus Steingut hergestellten Terrine wiegt aber 6 Pfund. 550 Wähler gaben nun im Laufe der Wahlhandlung ihre Stimme ab. Bei einem Jeden nahm der Wahl­vorsteher den Wahlzettel mit der rechten Hand in Em­pfang und hob mit der linken Hand den Terrinendeckcl etwa 4 cm hoch, um den Zettel in die Urne zu werfen. Er hatte also im Laufe des Tages mit der linken Hand ein Gewicht von 33 Centnern zu heben.

Aus Thüringen. Auch ein Zeichen der Zeit! Einzig dürfte folgender Fall dastehen: Vor Kurzem wurde in einem Ort auf dem Thüringerwald die Gemeindejagd verpachtet, für die seither schon ein ziemlich hoher Erlös erzielt worden war, während der reelle Werth mit dem dritten Theil des bisherigen Pachtpreises zu veranschlagen sein würde. Die vorigen in geordneten Verhältnissen lebenden Pächter wurden von einem neu­gebildeten Konsortium dabei derart in die Höhe getrieben, daß dieselben schließlich von einem weiteren Gebot ab­stehen mußten, weil einer von dem Kleeblatt äußerte, wir pachten die Jagd um jeden Preis, wir können es, unsere Verhältnisse erlauben uns das!" Wer sind nun die drei Notablen des Orts resp, die Pächter? Man höre und staune! 1. der Kellner aus dem Gasthof, 2. der Gemeindediener und Todtengräber und 3. der Barbier! Ob die Verhältnisse und die soziale Stellung dieser dreiHerren" wirklich derartig sind, daß sie sich dazu berufen fühlen dürfen, die Jagd um jedem Preis zu pachten, das zu beurteilen, wollen wir der Oeffent- lichkeit überlassen.

Dresden, 19. Juni. Die Dresdener Haide wurde gestern von einem ungeheuren Waldbrande heimgesucht. Die gesammte Dresdener Garnison war alarmirt. Das Unterdrücken des Feuers gelang wegen Wassermangels erst nach großen Mühen. Ein in der Nähe gelegenes Pulvermagazin war äußerst gefährdet,

Brcslau, 18. Juni. Eine schwere Ausschreitung hat sich gestern Abend nach 6 Uhr in der Matthiasstraße ereignet. Ein Wagenführer wollte sich denAnordnungen eines Schutzmannes nicht fügen, und es kam zwischen beiden zu einem Handgemenge, wobei der Fleischer- meister Eisebitt dem Schutzmann Hilfe leistete. Die Menge, welche sich angesammelt hatte, nahm Partei für den Wagenführer und während der Fleischermeister sich in ein Restaurant begab, begann man den Eisebittschen Laden zu stürmen. Die Tumultuanten waren inzwischen zu Tausenden angewachsen, die Polizei wurde mit Steinwürfen empfangen und Revolverschüsse wurden wiederholt abgefeuert. Nunmehr machte die Polizei von der Waffe Gebrauch, blieb aber der Menge gegenüber machtlos. Es mußte telephonisch Hilfe requirirt werden; erst als diese in großer Zahl eingetroffen und der Polizeipräsident Dr. Merks persöirlich das Kommando übernommen hatte, gelang es, den Haufen zu sprengen.