Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. —Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg
M 52. Samstag, den 1. Juli 1893.
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iMolhitlAMI ""l die „Schlüchteiner Zeitung" werden noch fortwährend von allen -—!==^“ ---------------Postanstalten undLaudbrufträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin, 28. Juni. Die Abreise der kaiserlichen Majestäten nach dem Norden wird wahrscheinlich am 8. Juli erfolgen, die der kaiserlichen Kinder nach Wilhelms- Höhe bei Kassel am 9. und 10. Juli. Der Abschluß der Sommerreise der Majestäten in der ersten Dekade des August wird in England in Cowes bei Osborne sein.
— Doppelwahlen zum Reichstage sind bisher vier erfolgt: Bebel (Soz.) ist in Hamburg I und Straßburg gewählt, Zimmerman (Anlis.) in Dresden (Altstadt) und Alsfeld, Werner (Antisemit) in Rütteln und Hersfeld und Ahlwardt (Antisemit) in Arnswalde und Neustettin. Bebel hat die Wahl in Hamburg, Ahlwardt in Arnswalde angenommen. Insgesammt sind an Stimmen bei den Reichstagswahlen am 15. Juni nach offiziösen Angaben im „Hamb. Korr." rund 7400000 Stimmen abgegeben worden, statt 7228000 im Jahre 1890. Es sind also mehr abgegeben worden 172000 Stimmen. Nach derselben Quelle sind für Konservative, Mittelparteien, freisinnige Vereinigung, katholische Kandidaten (für den Antrag Huene), Polen, Antisemiten und Wilde zusammen ungefähr 3600000 Stimmen abgegeben worden. Danach würden also 3800000 Stimmen, oder eine Mehrheit von 200000 gegen die Militärvorlage und den Antrag Huene abgegeben worden sein. Interessant ist, was diese Statistik mittheilt über Gewinn und Verlust der einzelnen Parteien. Danach Habengewonnen die Sozialdemokraten 290 000 Stimmen, die Antisemiten 240 000 Stimmen, die Deutschkonser- dativen 90000 Stimmen. Dagegen haben verloren die NationalliberalewK10000, die Freikonservativen 16 0 000 Stimmen. Der Gewinn der Konservativen und Antisemiten übersteigt mithin um 20 000 den der Nationalliberalen und Freikonservativen.
* — Dem Reichstage soll, nach der Krz.-Ztg., eine Vorlage zugehen, betreffend das Ausfuhrverbot von Futtermitteln aus dem deutschen Reiche. Allem Anschein nach ist in den Nachbarländern, namentlich im Westen, die Futternoth infolge Wassermangels eine noch größere als in Deutschland, und man sucht dort nach Mitteln, um der Noth abzuhelsen. Das Nächstliegende würde wohl sein, daß Ankäufe bei uns gemacht würden. Dem soll rechtzeitig entgegengetreten werden, und das läßt sich nur durch ein Ausfuhrverbot erreichen.
— Die Heimsuchung weiter Gebiete des Reiches durch die andauernde Trockenheit dieses Sommers und die damit zusammenhängende Futternoth beschäftigt die Reichsregierung und die Regierung der Einzelstaaten. Im Reichstag werden bezügliche Maßregeln, Tarif- erlasse und andere Erleichterungen, die durch die Zuständigkeit der Reichsorgane zu gewähren sind, sofort in Anregung kommen. Dem preußischen Landtag werden besondere Nothstandsvorlagen unterbreitet werden; die Begründung derselben werden Berichte bilden, die sich auf persönliche Wahrnehmungen der in die besonders heimgesuchten Provinzen gesendeten Beamten. der Ministerien des Innern und der Landwirthschaft stützen sollen. Solche Berichte sind bereits eingegangen, zum Theil werden sie noch in den nächsten Tagen erwartet.
— „Wir sind geschlagen," sagt Professor Virchow in einer Versammlung der freisinnigen Volkspartei in Berlin. „Wir werden künftig den Kampf weniger mit dem Militärstaat als mit dem Zukunftsstaat zu führen haben, und diesen auf anderer Basis wie bisher, denn es handelt sich um die Grundlagen der gesellschaftlichen Ordnung." Dazu bemerkt die „Wiener Presse" treffend: „Virchow's Geständniß wäre werthvoll, wenn es nicht so sehr verspätet abgelegt worden wäre."
Aus Breslau, 21. Juni, wird geschrieben: Die groben Ausschreitungen auf der Matthiasstraße haben weit über Breslau hinaus Aufsehen erregt. Haben doch nicht weniger als 70 Polizeibeamte und außerdem eine Abtheilung Militär von der Waffe Gebrauch machen müssen, um den Janhagel, der jede Aufforderung, sich zu zerstreuen, mit ohrenbetäubendem Pfeifen und Johlen beantwortete, endlich von der Stelle zu bringen. Flaschen und Steine wurden auf die Beamten und Soldaten geschleudert. Ein Polizist wurde im Gesicht, ein anderer am Hinterkopf, ?in dritter am Unterleib
verletzt. Das Gesindel, etwa 600 Personen, zumeist halbwüchsige Burschen, gebürdete sich wie rasend. Einige zeigten sogar Revolver. Einem Polizcibeamtcn wurde die Säbelscheide durch eine Revolverkugel zerschmettert. Auch zahlreiche Bewohner der Matthiasstraße schleuderten aus den Häusern Flaschen und Holzstücke gegen die be= wassnete Macht. Kein Wunder, daß die Beamten mit der Schärfe vorgingen, welche die Nothwendigkeit, dem Gesetze Achtung zu verschaffen, gebot. Der Kampf, während dessen die scharfe Klinge und die Gewehrkolben gebraucht werden mußten, dauerte am Sonnabend gegen eine Stunde und am Montag bei der erneuten Zusammen-
rottung war's nicht viel kürzer. Wenn die Zahl der.Eine schon ziemlich bejahrte Frau aus Uttrichshausen SRwrX»w& A»f sa,- ^»it» Sos m»n-s^ k.», war von dem Schöffengericht Schwarzenfels wegen
Verletzten auf der Seite des Pöbels nicht genau fest-
zusteltcn ist, so liegt das darin, daß jene Leute nachträglich zum Bewußtsein der Strafwürdigkcit ihres Vorgehens gekommen sind und jetzt fürchten, der Justiz ebenso überantwortet zu werden, wie jene 38 Personen, die am Sonnabend festgenommen wurden und eine Anklage wegen Landfriedensbrnch zu gewärtigen haben.
Altona. 27. Juni. Die Regierung in Schleswig hat angeordnet, daß sämmtliche Gesundheitskommissionen Schleswig-Holsteins ihre Thätigkeit, betreffend Maßregeln zur Verhütung der Cholera, sofort wieder auf- zunehmen haben.
Darmstadt, 27. Juni. Dem heute wegen der Noth der Landwirthschaft zusammengetretenen außerordentlichen Landtag gingen zwei Regierungsvorlagen zu, deren eine die Bewilligung von drei Millionen Mark zur Beschaffung von Vorräthen und deren zweite die Abänderung des Gesetzes über Waldstreu in Gemeindewaltungen forderte.
Schweinfurt. Der letzte Viehmarkt am Mittwoch
Schweiufurl. Der letzte Viehmarkt am Mittwoch zimmer noch 6 junge Leute angetroffen, die nicht dem war im Gegensatz zu dem vorigen sehr müßig mit Vieh ! Verein angehörten. Der Wirth wurde hierauf zur Anzeige betrieben. Dafür aber waren sehr viele Händler aus gebracht und mit 6 M. in Strafe genommen. Di? Norddeuischland, Schlesien, einer sogar von der russischen ' eingelegte Berufung wurde als unbegründet verworfen.
Norddeuischland, Schlesien, einer sogar von der russischen Grenze, gekommen, um die Gelegenheit, billig Franken-
vich kaufen zu können, zu benutzen. Infolge des schwachen Auftriebs erzielte das gehandelte Vieh einen für die jetzigen Zeitverhältnisse hohen Preis; doch wurde Alles abgesetzt. Etwa 50 der Händler mußten leer abziehen, da nichts mehr zu haben war.
„Armenhochzeiten." Laut einer Bekanntmachung der Ortsgeistlichkeit von Neuwedell, Kreis Friedeberg
N.-M., hat Trauungen, unentgeltlich der Kirche, untersagen.
der Kirchenrath beschlossen, in Zukunft bei t te infolge der Ablösung der Stolgebühren zu erfolgen haben, jedwede Ausschmückung Benutzung der Teppiche, Lichter rc. zn Selbst die Orgel soll bei derartigen Feierlich
ketten unbenutzt bleiben, der Organist wird nicht zugezogen. Zur Begründung dieser Maßnahme ist an-- geführt, es seien Trauungen dieser Art „Armenhochzeiten". Die Mitglieder der Kirchengemeinde zahlen jetzt durch Kirchensteuern das zur Ablösung der Stolgebühren erforderliche Kapital, und es wäre somit unnöthig, durch Wiedereinführung der sogenannten Observanz den Bürgern neue Kosten aufzulegen.
Köln, 27. Juni. Wie die „K. Z." meldet, hat der Verband der deutschen Walzwerke beschlossen, fortan Schweißeisen zu 105 M. und Flußeisen zu 95 M. auf der Frachtgrundlage Dortmund zu verkaufen, um dem Wettbewerbe der außenstehenden Werke zu begegnen.
Ausland.
Die Russen schreiten in der Kultur merklich weiter. So hat der dortige Reichsrath dem, worauf wir Deutsche noch warten, schon seine Zustimmung ertheilt, nämlich einem Börsengesetzentwurf, nach welchem
sogen. Dijfetenzgezchäfte verboten |eiu sollen und die |.v .... ^..i.». ^..yv ...ly..^.. ^«.im, inm ym mu^i Börse überhaupt scharf kontrollirt wird. | zum Wiederverkauf, sondern zurVerwendung in der Wirth
Griechenland ist bankerott. Es wird wahrscheinlich. schaft bestimmt gewesen. Das Reichsversicherungsamt- " - erkannte am 27. Juni, unter Verwerfung beider Rekurse,
auf Bestätigung der Vorentscheidung.
seine sämmttichen auswärtigen Verpflichtungen für un
erfüllbar erklären.
Lokalcs und Provinztealles.
* Schlüchtern, 30. Juni.
* — Um die endliche Entscheidung in der bekannten Wasserfrage herbeizuführen, fand am 21. d. Mts. eine gemeinschaftliche Sitzung des Stadtraths und Ausschusses statt, welcher Herr Geheimer Regierungs Rath Roth beiwohnte. Bekanntlich will der Stadtrath, daß für ein bestimmtes Quantum Wasser (1000 Liter) 15—20 Pfennig zu zahlen sei, dagegen der Ausschuß glaubt und auch mit Recht, daß 10 Pfg. für dieses Quantum >
zur Deckung der Auslagen des Wasserwerks hinreichen. Herr Geh. Reg.-Rath Roth ist ganz entschieden den Ansichten des Ausschusses beigetreten, und hofft man jetzt, daß der Stadtrath diese Streitfrage aufgeben und sich den Beschlüssen des Ausschusses fügen wird, um so mehr, da der größte Theil der hiesigen Bürger sich den Ansichten des Stadtraths auch nicht anschließen kann.
* — Auf die nächsten Mittwoch Nachmittag dahier stattfindende General-Versammlung des landwirthschaftlichen Kreis-Vereins machen wir auch an dieser Stelle aufmerksam. (Siehe Juscratentheil)
* — Aus der Strafkammersitzung vom 26. Juni.
Betrugsversuchs zu 2 Tagen Gefängniß verurtheilt worden. Die Frau soll durch die positiv falsche Angabe, sie habe sich einen Extrawagen gemiethet, um nach Schwarzenfels zu fahren, versucht haben, den dortigen Gerichtssekretür gelegentlich einer Verhandlung, in der sie als Zeugin fungirte, zur Anweisung von ungerechtfertigten Zeugengebühren zu veranlassen. Auf eingelegte Berufung wurde die Angeklagte freigesprochen, da ein bestimmter Beweis für eine positiv falsche Angabe nicht erbracht sei, sie auch einen bestimmten Betrag nicht gefordert hatte. — Zur Abhaltung eines Tanzkränzchens hatte der Gesangverein „Concordia" in Ulmbach in Gemeinschaft mit seinem Vereinswirth um Verlängerung der Feierabendstunde nachgesucht. Dem Gesuch wurde auch insoweit entsprochen, als die Feierabendstunde aus 11 Uhr festgesetzt und dem Verein gestattet wurde, noch bis 2 Uhr zusammen zu bleiben, jedoch nur für Mitglieder. Gegen halb 1 Uhr wurden in einem Neben-
* — Ans dem Reichsversicherungsamt. Der Landwirth Spähn, welcher seit seiner Jugend an der rechten Seite gelähmt ist und deshalb an Krücken geht, hielt sich im Sommer 1891 bei seiner verheiratheten Schwester in Alten- gronan auf. Sein Schwager hat dort eineLandwirthschaft, während seine Frau daneben zugleich einen kleinen Handel mit Töpferwaaren betreibt. Eines Tages fuhr Sp. mit seiner Schwester nach Schwarzenfels, nach seiner Angabe, um Oelsaat zum Schlagen dorthin zu bringen und auf dem Rückwege gleich einiges Geschirr, das die Schwester ein» zukaufen beabsichtigte, mitzunehmen. Unterwegs ging das Pferd durch, Sp. fiel vom Wagen und trug Verletzungen davon, die seine Erwerbsfähigkeit noch weiter erheblich minderten. Mit seinem Antrag auf Gewährung einer Rente wurde er von der Hessen-Nassauischen landwirthschaftlichen Bcrufsgcuossenschaft abgewiesen, weil ein Betriebsunfall nicht vorliege. Auf seine Berufung verurtheilte dagegen das Schiedsgericht zu Schlüchtern nach Vernehmung von Zeugen und Sachverständigen die B.-G. znr Zahlung einer Rente von 60%. Dasselbe nahm an, daß der Unfall im landwirthschaftlichen Betriebe des Schwagers sich ereignet habe, und ferner, daß die Erwerbsfähigkeit des Klägers vor dem Unfall um 60%, nach dem Unfall dagegen um 80% geschmälert gewesen sei, die durch den Unfall herbei- geführte Verminderung also 20% betrage. — Gegen dieses Urtheil legten beide Theile Rekurs ein. Kläger verlangte Erhöhung der Rente, die B.-G. dagegen bcstritt das Vor- licgen eines Betriebsunfalls. Sie behauptete, Hauptzweck der Fahrt sei der Einkauf von Töpfergeschirr gewesen, dieselbe sei also gar nicht im Interesse der Landwirthschaft, sondern im Interesse des Topfhandels unternommen.
Darauf entgegnete Kläger, die Töpfe und Schüsseln, welche sie an jenem Tage eingeholt hätten, seien gar nicht
— Ein Papierring wird verschiedenen diesbezüglichen Nachrichten zufolge in Aussicht gestellt. Die großen Papierfabriken arbeiten mit Hochdruck auf das Zustandekommen eines Papierrings hin und haben auch schon eine Einigung erzielt. Die Dresdener Bank zahlt den kleineren Fabriken die etwa benöthigtcn Vorschüsse. Die Fabriken hoffen durch den Ring eine Stetigkeit des Preises zu schaffen, was man aber wohl als eine Preissteigerung wird bezeichnen müssen. Zeitungspapler wird jetzt vom Händler mit 25 Pfg. pro kg. abgegeben, nach dem Zustandekommen des Ringes dürfte es 50 Pfg.